Alltag

Werbekritik | 17.02.2010 13:00 | Axel Henrici

Von Null auf Öko in 4,2 Sekunden

Ein Günter-Schabowski-Double verkündet "eine neue Preisregelung" bei Dacia, und Audi beglückt Amerika mit einer Ökopolizei: Wie zwei Autobauer politische Diskurse parodieren

Der Autobauer Dacia ist seit kurzem offizieller Trikotsponsor des FC St. Pauli, der in der 2. Fußball-Bundesliga spielt. Wie die Hamburger Fußballpiraten wollen auch die rumänischen Billigheimer demnächst in der ersten Liga mitmischen und die Großen ärgern.

Hier enden allerdings die Analogien, denn Dacia gehört zu Renault und spielt den Underdog nur deshalb, weil es zur Diversifizierungs-Strategie des Mutterkonzerns passt. Nun hat die Marke, die für ostdeutsche Ohren so anheimelnd nach Wochenendhaus klingt, selbst ihr grau-sozialistisches Image aufs Korn genommen.

In einer Parodie auf die berühmte Pressekonferenz, die zum Fall der Berliner Mauer führte, erklärt der vermeintliche Dacia-Vorstand Michael Baderschneider (ein auf Schabowski getrimmter Schauspieler gleichen Namens), für die Modelle Sandero und Logan MCV sei „eine neue Preisregelung getroffen worden“. Auf die Nachfrage eines „Journalisten“, ab wann diese Regelung denn gelte, reagiert der Automann mit dem legendären Schabbi-Schocker: „Das tritt nach meiner Kenntnis … ist das sofort, unverzüglich“. Der Vorstand habe die Preissenkungen „einstimmig“ beschlossen, heißt es dazu in bester sozialistischer Diktion auf der Dacia-Homepage.

Der augenzwinkernde Flirt mit dem Sozialismus verdeckt aber nur, dass hier in bester kapitalistischer Manier Lock-Marketing betrieben wird. Denn wer ein bisschen Komfort will, muss künftig im Vergleich zur Basisversion ordentlich drauflegen.

Eine ganz andere Klientel hat hingegen Audi im Auge. Die Ingolstädter visieren mit ihrem A3 TDI clean diesel den durch Al Gore und Leo DiCaprio eben erst ökologisch sensibilisierten amerikanischen Mittelstand an. Dass Konkurrent Toyota gerade schlechte Presse hat, ließ den Zeitpunkt ideal erscheinen, um mit einem Werbespot zur teuersten Sendezeit – in der Pause des Superbowl, dem Finale um die Meisterschaft im American Football – den Öko-Nischen-Marktführer Prius anzugreifen.

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Der Clip zeigt, was viele befürchten und sich manche heimlich herbeiwünschen: eine unermüdliche Öko-Polizei, die mit Sondereinsatzkommandostärke jedwede umweltfeindlichen Verstöße ahndet. In dieser Welt ist nicht nur die Glühbirne das falsche Leuchtmittel – sogar wer mit EC-Karte bezahlt, ist dran und wird als „Plastic Boy“ abgeführt. Gerade letzteres Beispiel war in seiner Überzogenheit als deutliches Ironiesignal gedacht. Leider ging der Schuss etwas nach hinten los: Manche interpretierten den Spot als Aufforderung zum Ökofaschismus. Andere, die die Humorabsicht durchaus verstanden, wollten sich von einem deutschen Autobauer einfach keine Polizeistaatsszenarien bieten lassen, auch keine augenzwinkernden. Und dann konnte man das Ganze ja auch einfach an seinem Anspruch messen: War das nicht dieselbe Firma, die noch kurz vorher mit dem 500 PS starken V12 TDI R8 geprotzt hatte? Und die machten jetzt einen auf Öko?

Wer sich an aktuelle politische Diskurse hängt, sollte zumindest verstanden haben, wie diese funktionieren, selbst wenn er sie nur parodieren will. Von einem Komiker kauft keiner ein Auto. Beim Auto hört der Spaß auf.

 
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Artikelaktionen
Kommentare
ich schrieb am 18.02.2010 um 18:15
Also wenn ich's richtig gesehen habe, dann war am Ende des Audi-Spots ein Coffee-To-Go-Kunde zu sehen, den sich der Grün-Polizist gleich vorknöpfen wollte. Da musste dem Herrn Henrici ja das Herz aufgehen!

Das Schabowski-Double war aber wirklich nicht so dolle. Beim Satz »Von einem Komiker kauft keiner ein Auto.« hätte man sicher noch etwas in die Tiefe gehen können.
Axel Henrici schrieb am 19.02.2010 um 09:48
Hätte man. Wenn noch Platz gewesen wäre: Der Text stammt aus der aktuellen Zeitung und da war dann irgendwie Schluss...

Den Kaffeetrinker habe ich gar nicht gesehen. Wenn ich mich recht erinnere, habe ich in meinem Blog aber nirgendwo Sympathie für Polizeimaßnahmen erkennen lassen, oder?


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