Alltag

Strukturwandel | 02.03.2010 17:45 | Susanne Lang

Ein ostdeutsches Labor

Die Stadt Wittenberge war drei Jahre lang Gegenstand eines soziologischen Forschungsprojektes: Wie hat sich die Gesellschaftsstruktur von der Wende bis heute verändert?

Beim Neujahrsempfang im "Regionalen Wachstumskern" feierte man 230 neue Arbeitsplätze und mehr als 660 gesicherte. Am 23. Januar wurde die Städtepartnerschaft mit Châlons-en-Champagne (Frankreich) besiegelt. Für Mitte März ist eine Einwohnerversammlung verschiedener Stadtteile angesetzt, bei der es unter anderem um die Bereitsstellung von DSL-Anschlüssen sowie die neue Friedhofssatzung gehen soll. Willkommen im deutschen Kleinstadtleben! Willkommen in Wittenberge in der Prignitz. In Brandenburg. Im Osten Deutschlands.

So manchem Leidgenossen aus anderen kleinstädischen Regionen Deutschlands mag bei diesen Nachrichten aus Wittenberge, die im Internetauftritt unter der Rubrik "Aktuelles" nachzulesen sind, das blanke Entsetzen ergreifen – für Soziologen müssten sie aber doch ein erfreulicher Beweis dafür sein, wie weit und erfolgreich die deutsch-deutsche Sozialisation fortgeschritten ist. Alltag in Deutschland. Der Soziologe Heinz Bude und sein Team von 28 weiteren Forschern sind im Laufe der vergangenen drei Jahre bei ihrem Forschungsprojekt (finanziert vom Bundesministerium für Forschung und Bildung) jedoch zu einem anderen Schluss gekommen. Hinter diesen Nachrichten, hinter einer glatter polierten Oberfläche, bot das Leben den Menschen in Wittenberge über Jahre hinweg das, was die Forscher "soziales Drama" nennen.

Nach der großen Erwartungshaltung unmittelbar nach dem Mauerfall auf eine bessere Zukunft, die vor allem das ehemals modernste Nähmaschinenwerk der Welt garantieren sollte, folgte die Wendezeit und mit ihr eine Phase des Wartens. Eben auf jene bessere Zukunft. Auf einen Investor aus dem Westen, der mit seinem Geld die Selbstheilungskraft der Region weckte. Und jetzt? Jetzt sind die Wittenberger angekommen. In der Gegenwart. In der Akzeptanz der Realität. Die Wittenberger, so Bude, hätten nicht zuletzt im Ergebnis der Forschungsarbeit sich die Wahrheit zugemutet und damit den beinahe therapeutischen Grundstein zu einem Neuanfang gelegt. "Wittenberge ist die Stadt des Existentialismus in Deutschland", wie es Bude bei der Präsentation des Projekts in Zusammenarbeit mit dem Zeit-Magazin auf den Punkt brachte. "Die Stadt muss sich nun auf das konzentrieren, was sie ist". Also nicht auf das, was sie sein möchte, könnte, müsste. Nur dann könne es gelingen, die anhaltende Abwanderung der Jugendlichen aus der Region zu stoppen, die mittlerweile sogar wieder Chancen auf gute Ausbildungsplätze biete, im Ingenieursbereich etwa.

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Was aber lässt sich aus dieser Diagnose nun an grundlegenden Erkenntnissen ziehen – vielleicht sogar über ganz Ostdeutschland?

1. Wittenberge ist weniger repräsentiv für ein "Ostdeutschland", das laut Bude nicht mehr existiert. Die Konstruktion eines "sozialistischen Wir"-Gefühls über die Differenz Ost und West, wie sie nach der Wende tragend war, sei nicht mehr wesentlich. Vielmehr steht Wittenberge exemplarisch für einen Ort der Deindustrialisierung, die überall in Europa stattfindet – in Westdeutschland (wie die Vergleichsgröße der Studie, Pirmasens) oder in Portugal, Italien und Rumänien (wie die Stadt Victoria, die Bude ebenfalls als Vergleichsgröße heranzieht). Kennzeichnend für diese Orte ist der Verlust des Lebensmittelpunktes, einer zentralen Wertschöpfungsquelle. Im Unterschied zu den USA etwa, zieht sich in Deutschland der Sozialstaat hier jedoch nicht zurück. Im Gegenteil. Er geht auf diese Regionen zu.

2. Als Folge dieses Strukturwandels ist die kleinstädtische Gesellschaft in Wittenberge geprägt von Fragmentierung. Während in ähnlich strukturarmen Städten wie Pirmasens immer noch ein gegliederter Kosmos die Gesellschaft strukturiere (nach Bezirken, Stadtteilen, Vororten), der von Ungleichheiten geprägt ist, existiert in Wittenberge eine Kultur der inneren Vergleichgültigung. Eine sich selbst tragende Zivilgesellschaft, die sich um verschiedene Gesellschaftsmitglieder sorgt, habe Bude kaum vorgefunden. Diese Art der Sorge sei in der Vergangenheit immer industriell konnotiert gewesen. Ebenso wenig stießen Begriffe wie "bürgerliches Engagement" auf große Akzenptanz, so Bude.

3. Gesellschaftliche Teilhabe wird in Wittenberge vielen nicht mehr über Arbeit gewährleistet. Zwar lebten durchaus "fitte und leistungsbereite" Arbeitskräfte dort, die meisten pendelten jedoch nach Hamburg oder Berlin. Für all die anderen hat das sogenannte "Discounting" die Teilhabe ersetzt. Im Gegensatz zum "Shopping", das Konsum als Freizeit-Erlebnis zelebriert, dient das Discounting der Strukturierung des Tages: Preise vergleichen, Schnäppchen jagen, überall das Günstigte Angebot finden und kaufen, sich als schlauer Konsument beweisen. Viele Doscounter seien auf diese Art zu sozialen Treffpunkten geworden, so Bude.

Wittenberge, so das Resümme der Soziologen, ist ein postmaterielles Laboratorium. Aber keine Modellregion für andere vom Strukturwandel betroffene Städte. Wie sehr die Stadt immer noch am Anfang der sich-findenden Jetzt-Phase steht, macht dabei einer der 25 Punkte deutlich, mit denen die Forscher Ihre Projektergebnisse in der kommenden Ausgabe des Zeit-Magazins zusammengefasst haben: "Wenn die Sozialforscher in ihren Interviews nach den meistgenannten Wörtern suchen, sind das immer 'damals' und 'früher'." 

 
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Kommentare
Zachor! schrieb am 02.03.2010 um 18:23
"Wittenberge, so das Resümme der Soziologen, ist ein postmaterielles Laboratorium"
Der Satz wie der Artikel überhaupt vermittelt gar nichts von der Tristesse, der Aussichtslosigkeit der Stadt. Der Ausdruck "postmaterielles Laboratorium" suggeriert gar eine avantgardistisch-neoökologische Gesellschaft, die sich freiwillig und antikapitalistisch von den Zwängen einer kapitalistischen Gesellschaftsordnung losgesagt hat. Stattdessen gilt genau das Gegenteil, nämlich die Versteifung darauf, bei Lidl 2 Cents zu sparen um so über die Runden zu kommen. Die seit Jahrzehnten nicht renovierten Plattenbauten und Häuser mit eingeschlagenen Fenstern, das aus Plattenbauten bestehende Zentrum mit den paar Geschäften hängten wie ein Damoklesschwert über der Stadt bei einem Besuch 2007. Der Gedanke, je dort wohnen zu müssen, verfolgt seitdem wie ein Alptraum. Die Stadt ist ein ostdeutscher Alptraum.
Albi schrieb am 03.03.2010 um 03:29
Ich fand der Artikel hat die Tristesse Wittenberge durchaus veranschaulicht, auf eine triste Art eben.
free world schrieb am 02.03.2010 um 20:09
Vielleicht wurde in Ostdeutschland in den 90ern schon vorweggenommen was jetzt in anderen europäische Regionen passiert: Rückzug des Staates aus den Sozialsystemen, Deindustrialisierung im Hauruck-Verfahren, Dienstleistungsgesellschaft mit einhergehenden Aufbau eines Niedriglohnsektors und zunehmende Privatisierung der öffentlichen Hand.
SiebzehnterJuni schrieb am 03.03.2010 um 07:18
Schon wieder eines der unzähligen Gutachten aus Westdeutschland, mit denen nach der Wende die ostdeutschen Städte regelrecht zugeknallt wurden. Es kotzt mich an. Ich habe in 20 brandenburger Städten das ganze Zeugs gelesen. Das wäre ein weiteres Gutachten wert: welchen Einfluss hatten und haben westdeutsche GutachterInnen auf die Entwicklung und den augenblicklichen Zustand Ostdeutschlands. Unsäglich!! Später ein paar Beispiele dazu!

Ölmühle Wittenberge 1995

Photobucket
SiebzehnterJuni schrieb am 03.03.2010 um 07:26
Photobucket

Ölmühle Wittenberge 1 Woche vor der Wende 1989
SiebzehnterJuni schrieb am 03.03.2010 um 07:57
Kurzinfo zu Wittenberge:

4 Grundschulen
5 Kita's
4 Turnhallen
1 Realschule
1 Gesamtschule (inkl. Gymnasium)
1 Rathaus
5 Horte zu den jeweiligen Schulen
Susanne Lang schrieb am 03.03.2010 um 09:38
Lieber SiebzehnterJuni
ein sehr interessanter Punkt, danke, dass Sie ihn hier aufgreifen. Denn ziemlich genauso haben nach Auskunft des Forschungsteams bei der Vorstellung des Projektes gestern auch die Wittenberger reagiert: Sie wollten niemanden, der einen Blick auf sie wirft, schon gar nicht aus Westdeutschland. Interessanter Weise war völlig unwichtig, dass auch Forscher aus dem Osten dabei waren. Jedenfalls: Die Ablehnung kippte erst so nach zwei Jahren, erzählte Bude, genau dann, als die Wittenberger nicht mehr so sehr zurück geblickt haben, sondern den Jetzt-Zustand akzeptiert haben.
Was ich persönlich interessant fand (aber nicht zwingend sympathischer): Die lieben Kollegen aus dem westdeutschen Pirmasens fanden die Forschungen super, im Wissen, dass das nur nutzen kann, also Aufmerksamkeit bringt. Außerdem: Pirmasens ist Meister darin, europäische Fördergelder zu aquirieren. Dort aber ging die Deindustrialisierung ja auch nicht quasi von heute auf morgen, sondern im Laufe von 30 Jahren...
SiebzehnterJuni schrieb am 03.03.2010 um 10:23
eine kleine Geschichte aus dem Jahr 1995:

Fahrt nach Wittenberge.Der Bürgermeister will mir zeigen, wie sich die Situation um die alte Ölmühle an der Elbe entwickelt hat. Habe extra einen Anzug angezogen – frisch aus der Reinigung – und die Schuhe poliert. Da aber jedes saubere Kleidungsstück bei mir in wenigen Sekunden wieder hin ist, fahre ich bis Wittenberge mit alten Turnschuhen, die polierten Dinger auf dem Rücksitz. 500m vor dem altehrwürdigen Rathaus zu Wittenberge wechsele ich auf einer Bank die Schuhe. Plötzlich tippt mir jemand von hinten auf die Schulter. “ Lassen Sie die Turnschuhe an, Sie müssten schon längst wissen, dass dieses ganze „Polierte“ bei uns keine Rolle spielt..“ sagte der Bürgermeister und lachte schallend. Im Rathaus erhalte ich eine Schwarz-Weiß-Fotografie der Ölmühle, die bis wenige Tage vor der Wende voll in Betrieb war. Sie wurde wenige Tage nach der Wende einem Hamburger Unternehmen für 1 € übertragen. Kurz bevor dieses Unternehmen das gesamte Gebäude abreißen wollte, wurde es in letzter Sekunde zum nationalen Denkmal erklärt und für verschiedenste Nutzung der Nachwelt erhalten...."

Die ehemaligen Produktionsstätten der "Veritas" (Nähmaschinen) lagen wenige Meter von diesem Bauwerk entfernt.
Susanne Lang schrieb am 03.03.2010 um 10:37
Jetzt machen Sie mich aber neugierig, darf ich fragen, in welcher Absicht Sie sich die Mühle angesehen haben? Also, aus beruflichen Gründen? Und aus welcher Gegend kommen Sie, auch Brandenburg? Scheinen Sich sehr gut auszukennen... :)
goedzak schrieb am 03.03.2010 um 10:51
Bei Veritas war ich noch 1990 im Herbst, um ein paar DDR-Design-Modelle für eine Ausstellung in Frankfurt (Main) beim Werkbund zu holen. Kurz danach war Schluss. Vielleicht hat der sehr engagierte damalige Leiter der damals noch existenten 'Sammlung industrielle Gestaltung', Hein Köster, was retten können. Aber das meiste wird auf dem Misthaufen der Geschichte gelandet sein.
SiebzehnterJuni schrieb am 04.03.2010 um 06:28
Hallo Susanne,
habe gestern mit einer Kollegin aus der Wittstocker Verwaltung telefoniert (Wittstoch ca. 50km von Wittenberge entfernt, etwa gleiche Einwohnerzahl). Man hat dort die Abwanderungsgründe analysiert. Hauptgrund: 3 x so hohe Energiekosten wie in Westdeutschland! Warum? Hamburger Konzern betreibt Fernwärmelieferung an Wittstock. Anfang 2009 hat Wittstock wieder die Eigenversorgung mit Wärme übernommen.2/ billiger!!! Man glaubt, jetzt schon zu erkennen, die Abwanderung gestoppt zu haben.

Desweiteren wurde dort nach der Wende eine extrem positive wirtschaftliche Entwicklung von westdeutschen Büros hochgerechnet und darauf aufbauend z.b. Kläranlagen gebaut. Diese sich als absolut überdimensioniert erweisenden Anlagen bestimmen noch heute die Wasser/Abwasser-Preise, die ca. 3 x so hoch wie durchschnittlich westdeutsche Preise sind.
Betrachtet man dann noch die Nähe zu Hamburg, zu Westdeutschland, so können es sich viele einfach nicht erlauben im Osten zu wohnen!!

Wittstock hatte wie Wittenberge auch ein großes Kombinat ( VEB OberTrickotagenwerk = größter Textilbetrieb der DDR), das auch total zusammenbrach.

Zusammenfassend: neben aller Soziologie/Psychologie bestimmen auch handfeste Preise von Wärme und Wasser die Stimmung in einer Stadt!! Und das hat eben sehr viel mit westdeutscher Gutachtertätigkeit und Beratung nach der Wende zu tun!!
Susanne Lang schrieb am 04.03.2010 um 10:33
So habe ich das noch nicht gesehen, klingt aber sehr plausibel! Wahrscheinlich gilt das aber vor allem für Regionen, die an ehemals Westdeutschland angrenzen, oder?
SiebzehnterJuni schrieb am 04.03.2010 um 11:14
Nein Susanne, das gilt z.b. auch für Lauchhammer (hier hat die Ruhrkohle die Fernwärme in der Hand), für Oranienburg (Hamburg..) etc. Ich habe selbst dort als Dortmunder auf Seiten der Kommunen einem Dortmunder Kollegen von der Ruhrkohle gegenüber gesessen, um die unsäglichen Fernwärmeverträge in erträgliche Dimensionen herunter zu handeln!!
Fritz Teich schrieb am 07.03.2010 um 09:14
Energiekosten sind sicher kein Grund fuer die Abwanderung und die ueberdimensionierten Klaeranlagen sind allenfalls ein Grund fuer Morddrohungen gegen Verwaltungsrichter. Wer in Cottbus das Abi macht und nicht Architektur oder Kultur und Technik oder irgendein Umweltstudium betreibt MUSS weg. Wer irgendeinen Job will auch. Sie lieben alle Cottbus sehr, aber nur Sylvester in der Fango-Bar.
hadie schrieb am 03.03.2010 um 07:43
Wenn "Laboratorium" gefährliche Experimente an lebenden Menschen bedeuten soll, hat der Zeitgeist-Soziologe wohl Recht: Frühjahr ist in ostdeutschen Klein- und Mittelstädten die Zeit der Ruineneinstürze. In Halle/S. ist gestern wieder ein Haus auf die Straße gestürzt: www.halleforum.de/Halle-Nachrichten/Einsturzgefahr-Haeuser-broeckeln-nach-dem-Winter/25366

Das gesellschaftliche Sein bestimmt das Bewußtsein, schrieb wer?
SiebzehnterJuni schrieb am 03.03.2010 um 08:02
die große Frage: wem gehören die meisten dieser Häuser? Und da sind wir ruck zuck wieder beim OstWest-Problem und der Eigentumsfrage. Wie können Kommunen in Ostdeutschland rechtlich einwandfrei dieses Problem der Häuser lösen, die Westdeutschen gehören, die sich aber einen Dreck darum scheren, die aber auch nicht verkaufen?
Alien59 schrieb am 03.03.2010 um 08:13
Mit ein bisschen verwaltungsrechtlicher Energie. Es gibt da durchaus passende Maßnahmen - man muss sie nur ergreifen. Das geht los bei Sanierungs- oder Abrissgeboten, bis hin zur Ersatzvornahme mit Kostentragung durch den Eigentümer.
goedzak schrieb am 03.03.2010 um 08:24
"Sanierungs- oder Abrissgeboten, bis hin zur Ersatzvornahme mit Kostentragung durch den Eigentümer." - Wie das in praxi aussieht, davon steht auch was im von hadie verlinkten Artikel.
SiebzehnterJuni schrieb am 03.03.2010 um 08:35
ja, "verwaltungsrechtliche Energie". Aber die ist in Größenordnungen vorhanden!Okay!! Aber in der täglichen Praxis, im kommunalen Alltag sieht das alles oft anders aus.
Die Stadt Wismar hat z.b. nahezu 10 Jahre gebraucht, um im innersten Stadtkreis ein absolut kaputtes Haus ( es sah wirklich grausam aus inmitten der renovierten Stat) samt Grundstück in Stadteigentum zu überführen.

Selbst, wenn juristisch alles klar ist, ist noch längst nicht alles geregelt und gelöst. Prozesse, Prozesse etc.

In Potsdam, Gutenbergstraße, musste die Stadt 20 Jahre nach der Wende ein traumhaftes Haus in die Landesstiftung überführen, um es retten zu können!! (Heute "Der Butt")
goedzak schrieb am 03.03.2010 um 08:36
Mancher Eigentümer einer denkmalswürdigen Immobilie stellt Abrissanträge, weil ein Neubau oder Verkauf des Grundstücks ohne alte Hütte drauf lukrativer wäre. Natürlich werden solche Anträge abgelehnt. Der Eigentümer nimmt pro forma einige Sicherungsmaßnahmen vor und wartet ab. Ein altes, leerstehendes Haus hält noch Jahre durch, aber eines Tages, nach einer Frostperiode z.B., stürzt ein Teil ein, die Stadtverwaltung verfügt Abriss auf Kosten des Eigentümers, der Arme.

In den 80er Jahren sind in DDR-Städten sehr viele Baudenkmäler und brauchbare alte Immobilien wegen jahrelanger Vernachlässigung und Ressourcenmangels verlustig gegangen. Sehr viele, ein Jammer. Hat mal jemand gezählt, wie viele solche Bauten in den letzten 20 Jahren draufgegangen sind?
Verschiedene Ursachen, ein ähnliches Ergebnis...
Rahab schrieb am 03.03.2010 um 08:44
enteignen!
Susanne Lang schrieb am 03.03.2010 um 09:43
Um noch einmal auf das Forschungsprojekt zurückzukommen: Dazu passt vielleicht ein Ergebnis:
"Ein Unternehmer vermarktet leere, verfallene Stadtteile als Nachkriegskulisse an die Filmindustrie. In Wittenberge wurden seit der Wende mindestens 14 Filme gedreht. Dabei spielen Dekor und Kosten eine große Rolle."
"Yella" war einer der Filme - und ich kann verstehen, dass man da mittlerweile auf diese Art von Kurzzeitbesucher in Wittenberge keine so große Lust mehr hat...

Eine Frage zu den Häusern: Vielleicht ja nicht enteignen, aber was wäre eine Lösung? Vielleicht ja doch so etwas wie bürgerliches Engagement, einzelne oder mehrere, die sich der Häuser annehmen und sie wieder restraurieren? Bei Denkmalgeschützen Gebäuden gibt es da ja auch Förderung, soweit ich weiß...
hadie schrieb am 03.03.2010 um 10:03
Das Enteignen wird mit unseren "Lampenputzern" nicht so einfach zu machen sein, aber man könnte das Prinzip Rückgabe vor Entschädigung bei erkennbarem Missbrauch aussetzen. Und dann die Häuser an innovative Projekte geben, wie z.B. die Leipziger www.selbstnutzer.de/
jayne schrieb am 03.03.2010 um 11:05
die unterstützung des projekts "wächterhaus", das sich sowohl in leipzig als auch in anderen städten engagiert, um leerstehende gebäude durch temporäre nutzung vor verfall und abriß zu schützen, wäre eine weitere alternative ...
Susanne Lang schrieb am 03.03.2010 um 11:08
Danke für die Links - frage mich gerade, ob es so ähnliche Dinge auch für ländliche Regionen gibt? oder eben Kleinstädte. War neulich kurz in Neuruppin, das ja auch sehr unter der Abwanderung zu leiden hat und im Vergleich zu Leipzig so gar keine Großstadt ist - vielleicht komme ich daher drauf...
Magda schrieb am 03.03.2010 um 11:17
Danke für die Links. Ich kriege mich mal wieder gar nicht ein, weil bei den konkreten Wächterhäusern auch wieder welche sind, die ich kenne.
Zum Beispiel in der Schadowstraße. www.haushalten.org/de/hausprojekte_leipzig.asp?pic=5

Das war bei mir um die Ecke von der Josephstraße, wo ich als Kind gewohnt habe. Da haben wir immer gespielt.
Ist ja immer alles verrückt.

Oh je - ein bisschen off topic.
Fritz Teich schrieb am 07.03.2010 um 09:23
<<
Problem der Häuser lösen, die Westdeutschen gehören, die sich aber einen Dreck darum scheren, die aber auch nicht verkaufen?
>>

Ist eher grober Quatsch. Im Zweifel gehoeren die Haeuser dem Bund und koennen fuer ein paar Mark ersteigert werden. Tut aber keiner. Sehr viel groesseres Problem sind die von kommunalen Wohnungsbaugesellschaften angeordneten Leerstaende, um den Wohnungsmarkt zu stabilisieren. Das schulden sie den paar lokalen Minitycoons, denen sie ein paar Haeuser verkauft, und den lokalen Sparkassen, die dies finanziert haben.
SiebzehnterJuni schrieb am 07.03.2010 um 09:33
@Fritz Teich
"...<<
Problem der Häuser lösen, die Westdeutschen gehören, die sich aber einen Dreck darum scheren, die aber auch nicht verkaufen?
>> Ist eher grober Quatsch ..."

Jedenfalls in den 20 Brandenburger Städten, mit denen ich in vertraglicher Bindung stehe, gibt es immer noch genau diese genannten Fälle. Und mit der Versteigerung geht es auch nicht so einfach - leider nein.
hadie schrieb am 07.03.2010 um 23:03
Fritz Teich schrieb: "Problem der Häuser ... die Westdeutschen gehören, die sich aber einen Dreck darum scheren, die aber auch nicht verkaufen? >> Ist eher grober Quatsch ..."

Das können durchaus auch Ostdeutsche oder Ausländer sein, die zu handlungsunfähigen Erbengemeinschaften gehören oder schlicht auf Einsturz spekulieren. Jahrzehntelang wurde nur ideologisch über die Plattenbauten diskutiert. Für leerstehende Altbauten gibt es immer noch nur den Einsturz oder das "Wächterhaus" mit seinen rechtlosen Einwohnern auf Zeit.
archinaut schrieb am 03.03.2010 um 22:10
..."eine Kultur der inneren Vergleichgültigung" ist treffend gesagt, die Quellen der Identität sind verschüttet oder vertrocknet, besonders lähmend wirkt der ständige Vergleich mit " 'damals' und 'früher'." Die depressive Tristesse der verarmenden Provinznester ist ansteckend wie eine unheimliche Qranqheit......

www.freitag.de/community/blogs/archinaut/unheimliche-qranqheit
Harriet schrieb am 04.03.2010 um 16:57
"Die Konstruktion eines 'sozialistischen Wir'-Gefühls über die Differenz Ost und West, wie sie nach der Wende tragend war, sei nicht mehr wesentlich."

Oh doch. Das ist sie. Da muss man nur mal die Menschen auf der Straßen fragen. Die inneren Mauern sind längst noch nicht soweit abgebaut, wie sie es nach zwanzig Jahren sein müssten. Das ist auch ein Grund für die Abwanderung.
Susanne Lang schrieb am 04.03.2010 um 17:09
Worauf beziehen Sie die Annahme? Bzw. auf welcher Straße haben Sie die Beobachtung gemacht? Finde das sehr interessant, ob dieses "Wir" noch funktioniert bzw. in welchen Regionen event. ja mehr und in welchen weniger...
Harriet schrieb am 04.03.2010 um 17:24
Da kann man Studenten in der Kulturstadt Weimar fragen oder den Rentner in der sächsischen Provinz: Ob noch Mauerreste in den Köpfen vorhanden sind, lässt sich daraus schlussfolgern, wie sehr man sich mit der Geschichte, auch der eigenen, auseinandergesetzt hat. Interessanterweise gibt es da, soweit meine Erfahrung, kein Stadt-Land-Gefälle.
Aristipp schrieb am 05.03.2010 um 10:09
Ach Gottchen. Ja. Natürlich gibt es bei einem gewissen Prozentsatz der Bevölkerung dieses ostdeutsche Wir-Gefühl: im verschlafenen und selbstverliebten Weimar (habe ich mal ein paar Jahre gelebt und gearbeitet) mit seinem hohen Prozentsatz an Wessis (bin selber einer) ebenso, wie in der sächsischen Provinz. Keine Frage. Und es gibt diese Tendenzen bei vielen Älteren (Vereinigungsverlierern) ebenso, wie bei Jüngeren, die Ihr Scheitern auch lieber dem gesellschaftlichen Umfeld zuordnen, als ihrem eigenen Versagen; und ja, man findet, wenn man viel sucht, diese Tendenzen sogar in diesem weltoffenen, toleranten und freundlichen Leipzig.
Und?
Im Gegenzug finden wir ein westdeutsches Wir-Gefühl bei Älteren, die sich als Vereinigungsverlierer fühlen und bei Jüngeren, die auch lieber ihr Versagen der bösen Umwelt zuordnen.
Und?
Ein kleiner aber gar nicht marginaler Unterschied ist dabei allerdings, dass der Ossi über den Westen im Regelfall recht gut Bescheid weiß. Was der Wessi im Gegenzug so über sich so lieber nicht behaupten sollte.
Wir finden ansonsten - bei jung und alt - im Osten aber eben auch genau das Gegenteil: das Wissen nämlich, dass man neben gewissen landsmannschaftlichen Unterschieden oft eben auch recht gut miteinander kann. Und bei den Jüngeren, die sich auf der Erfolgsstraße sehen - und die nichts aber wirklich gar nichts mehr über die DDR wissen - überwiegt sowieso das Gefühl der Gemeinsamkeit.
Es auch gut so, denn es ist nicht nur für die Gesamtheit, es ist auch für den eigenen Seelenfrieden wesentlich sinnvoller, auf die Gemeinsamkeiten zu achten, nicht auf die Unterschiede. Wenn manch einer aber genau das braucht, um sich selber zu definieren-? Sei’s drum.
mcmac schrieb am 06.03.2010 um 03:34
Wenn sich Widersprüche dem Kostümzwang der faulen Gleichmacherei hartnäckig widersetzen, werden sie notfalls an die Wand gestellt. Später, nach dem Staatsbegräbnis, kann man sehen: Tot Geglaubte leben länger...

Und somit, werter aristipp,

Entschuldigung!
Was für ein neo-juveniles Einheitsparteibrei-Gebrabbel!
Natürlich braucht man den Unterschied um Gemeinsamkeiten erkennen („definieren“) zu können! Was denn sonst hat Ihre Betrachtung erst ermöglicht?

-Was Sokrates dazu wohl sagen würde... Sein Schüler Aristippos hat ihn glücklich überlebt: begütert, heiter, und gelassen.
Bedenkenswert.
Nun: darauf einen Becher Schierling! Nur Mut!
Harriet schrieb am 06.03.2010 um 18:39
Sehr wahr. Es lebe jeder, wie er will.
Harriet schrieb am 06.03.2010 um 18:40
Ich meinte den Kommentar von Aristipp.
Fritz Teich schrieb am 07.03.2010 um 09:35
Etwas Schuld hat auch der Antifaschismus der Linken des antifaschistischen Schutzwalls. Den Faschismus der Anna Seghers hat es seit 1945 in ganz Deutschland nicht mehr gegeben. Gestern abend zwei "Neonazis" ("Ultras") auf dem Parkplatz von Rewe kennengelernt, denen man sehr gut ein paar Sachen klarmachen konnte. Man muss es nur wollen. Die Linken wollen aber nur Schlaegereien. Originalton aus der Zelle, ein paar Tage vor dem grossen Linken-Parteitag in Cottbus: "Die Rechten wollen vor dem Parteitagsgebaeude einen Infostand aufmachen, schmeisst den doch mal um".
Fritz Teich schrieb am 07.03.2010 um 09:51
Und bei allem, was die eher Gebildeten denken, die in der SPD oder den Kirchen wo auch immer mitarbeiten: Viel interessanter ist, was die Masse denkt, wenn sie nicht denkt: Erster Eindruck in Cottbus war die riesige Popularitaet von Ideen a la Horst Mahler, gerade auch bei Leuten, die man spontan dem links-alternativen Milieu zugerechnet haette. Sowas gibts im Westen nicht. Man kriegt Emails allerkrudester Sorte von allen moeglichen Weltverbesserern und die findet man dann, jedenfalls in Teilen, auch im Bioladen ausgedruckt. Grob gesagt: es regiert der Schwachsinn und ich hab noch nie soviele Spoekenkieker erlebt wie dort. Wer ans Pendeln glaubt ist schon ein Intellektueller.


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