Ohne das Netz können Jugendliche heute nicht mehr leben, heißt es. Das Internet erspart ihnen viel Mühe und hilft, die Zumutungen der Realität abzufedern. Hat man keine Lust zu einem persönlichen Treffen, verabredet man sich im Chat-Room. Will man fürs Schulreferat nicht in die Bibliothek, findet man fast alles bei Google. Möchte man den neuen Hit der Lieblingssängerin sofort haben, wird er „irgendwo gesaugt“. Doch ist es wirklich so, dass Jugendliche alles mit ein paar Klicks bewältigen, nur in der virtuellen Welt leben und dadurch den Durchblick in der realen verlieren?
Ich habe mich in meinem Umfeld mal umgesehen und drei verschiedene Typen von Jugendlichen entdeckt. Sie unterscheiden sich in ihrer Internetnutzung und ihrem Denken über die virtuelle Welt. Ich nenne diese drei Charaktere mal Tobi, Saskia und Kai. Sie sind alle so alt wie ich, 16 Jahre – oder sie werden es bald.
Für Tobi beginnt der Tag erst richtig gegen 15 Uhr. Die sieben Stunden Schule vorher bestehen für ihn aus: Hinsetzen, in der Schulstunde vor sich hindämmern, markigen Sprüchen auf dem Pausenhof und Mittagessen. Wenn er nach Hause kommt, schmeißt er die Tasche in die Ecke, verwirft den Gedanken an Hausaufgaben mit einem einfachen Später, geht in sein Zimmer und schaltet den PC an. Den Rest des Tages wird er chatten, sich durch Profile klicken, auf Mails warten, Musik runterladen, Fotos hochladen, Fotos kommentieren, Videos angucken und sie seinem besten Kumpel schicken. Was soll aus dieser Generation bloß werden, wenn alle so drauf sind?, fragen Erwachsene da besorgt. Einfache Antwort: Es gibt ja noch Saskia und Kai.
Saskia hat nur begrenztes Wissen über das Internet. Ihre meiste Zeit geht für die Schule drauf. Sie rechnet, liest, schreibt – alles für gute Noten. Während ihre Freundinnen shoppen gehen oder im Café sitzen, hockt sie die meiste Zeit zu Hause. Sie will ihr Abitur möglichst gut machen und dann auf die Uni gehen, um später einen angesehenen Job zu ergattern. Sie versteht die virtuelle Welt nicht. Und irgendwie will sie da auch nicht dazugehören.
Der Gleichgewichtssinn
Kai dagegen weiß, wie das Netz tickt. Er gehört zur großen Mehrheit der Jugendlichen, die das Gleichgewicht zwischen Tobi und Saskia sucht. Zu diesen würde ich mich auch selbst zählen. Kai kennt das Internet ziemlich gut. Er braucht es auch wegen der Schule, manche Hausaufgaben sehen sogar eine Google-Recherche zwingend vor.
Kais Umgang mit dem Netz ersetzt aber nicht seine anderen Interessen, er ergänzt sie. Kai liest gern mal ein Buch. Er trifft sich mit seinen Kumpels, um Playstation zu zocken oder „Scheiße zu bauen“. Er sitzt aber auch gern mal einen Tag nur vor dem PC. Hört sich wie Tobi Musik an, kommentiert Bilder der letzten Party und chattet.
Erwachsene beschreiben das Internet oft als Versuchung. Kinder sollten dann aber früh lernen, mit dieser Versuchung umzugehen, finde ich. Kais Mutter hat ihm anfangs Grenzen gesetzt. Früher durfte er nur zwei Stunden am Tag ins Netz. Dadurch sind seine anderen Interessen nicht zu kurz gekommen. Tobis Eltern war es egal, wie lange ihr Sohn online ist; Saskias Vater meint, das Internet schade seiner Tochter. Er sieht nicht, dass er ihr auch Chancen verbaut.
Für Jugendliche ist es wichtig, immer auf dem Laufenden zu sein, sich möglichst viel Wissen über Freunde und den Rest der Welt anzueignen und das Interesse der Mitschüler zu wecken. Wer es nicht tut, verliert schnell die Beachtung der Gleichaltrigen. Das Gefühl, für sein Umfeld nicht interessant genug zu sein, um Aufmerksamkeit zu finden, kann ziemlich deprimierend sein.
Selbstinszenierung ist Arbeit
MySpace, Facebook, SchülerVZ, Jappy sind nur einige der Portale, auf denen sich täglich tausende Teenager austauschen. Nicknames, Smileys, Pics bestimmen den Alltag. Also: Namen, Gefühle und Bilder. Das eigene Profil einzurichten und zu pflegen, kann richtig Arbeit sein und kostet viel Zeit. Selbstinszenierung ist bei Jugendlichen heute zweifellos wichtiger als früher bei ihren Eltern.
Der Nickname wird so gewählt, dass er möglichst cool klingt. Die Smileys ersetzen die Mimik. Die Pics dokumentieren teils das eigene Leben, teils zeigen sie, wie man gerne wäre. Oft wird alles etwas spannender dargestellt, als es ist. Das Passwort zum Einloggen dient als Schlüssel in eine Welt abseits der realen. Je mehr Zeit man dort verbringt, desto mehr verschwimmt die Grenze zwischen realer und virtueller.
Irgendwann wird Tobi vielleicht feststellen, dass es cooler ist, mit seinem besten Kumpel abzuhängen als zu chatten. Merkt er das nicht, könnte er eines Tages ziemlich allein sein, während sein Kumpel mit Leuten wie Kai auf Partys einen drauf macht. Saskia muss das Internet nie toll finden, würde sie es aber richtig nutzen, könnte sie ihre Schularbeiten vielleicht schneller fertig bringen und hätte dann mal Zeit, sich mit Freundinnen zu treffen. Und wenn sie einen dieser prestigeträchtigen Jobs haben will, die sie anstrebt, sollte sie sich besser im Web auskennen.
In ist, wer drin ist. Das ist das Motto der heutigen Generationen. Totalverweigerung ist keine echte Alternative. Es ist also besser, sich der Versuchung zu nähern. Die Lehrer setzen sowieso voraus, dass ihre Schüler einen Netzzugang haben. Und zukünftige Arbeitgeber erwarten gute Internetkenntnisse. Man wird also nicht drumherum kommen, drin zu sein und zumindest ein wenig wie Kai zu werden. Man sollte sich einen Überblick im Internet verschaffen, aber die andere Seite nicht vergessen. Die Seite des echten Lebens, zu der es keinen HTML-Link gibt.
Karoline Hill, geboren 1993, geht in die 10. Klasse eines Berliner Gymnasiums. Sie verbringt täglich etwa eine Stunde im Netz
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Boah ist das ein dröges Gedöns. Es erinnert mich daran, was ich in Schule und heute in der Uni, überhaupt in dieser Gesellschaft zum Kotzen finde: den unseligen Kultus der Mitte. Der ganze Artikel ist durchzogen vom pseudo-raisonnierlich-ausgleichenden Kleinbürgerton: auf der einen Seite, aber auch auf der anderen Seite. Wird der Freitag ab jetzt nur noch Schulkinder für die Artikel engagieren? Es gehört ja im Journalismus, nicht nur im Staatsfernsehen, in Deutschland zum guten Ton, nicht klar Stellung zu beziehen und sogar ausgemachte Tatsachen in den Konjunktiv zu setzen. Anstatt den Kindern in der Schule beizubringen, dafür oder dagegen zu sein, bringt man ihnen bei, "sorgfältig das Pro und Kontra abzuwägen". So beginnt der gesellschaftliche Stillstand schon im Schülerkopf Fuß zu fassen.
"Sie will ihr Abitur möglichst gut machen und dann auf die Uni gehen, um später einen angesehenen Job zu ergattern." Meine Güte! Da sieht man einmal, wie der jungen Generation die Muffe saust! Man hat ihnen ordentlich eingetrichtert, was ihnen bevorsteht: selbst bei absurder Plackerei gibt es keine Garantie auf einen sicheren Arbeitsplatz, sondern dieser muß vielmehr "ergattert" werden. "ERGATTERN, clanculum adipisci, erwischen, erhaschen, eigentlich durchs gatter, gitter ersehen, erreichen, weil nach altdeutschem brauch dem, der ein haus nicht betreten durfte, über das gitter hinaus gereicht wurde etc" (Grimms Wörterbuch, germazope.uni-trier.de/Projects/DWB) Wie schön. Auch diesmal trifft die deutsche Sprache den Nagel auf den Kopf: der kapitalistische Oikos ist für viele inzwischen derart vergittert, daß es schon einige Verrenkung erfordert, hier noch einzutreten, wenn überhaupt. Übrigens ist hiermit gleich mitgesagt, daß man jemand auf der anderen Seite des Gitters kennen muß, denn sonst kann auch nichts "über das gitter hinaus gereicht" werden. und überhaupt, die ganze einstellung hierbei stinkt mir. die universität sollte ein hort der intellektuellen einkehr sein und kein akademisch aufgemachtes sprungbrett für karrieristen. |
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Ich habe mit Interesse den gelungenen Blogbeitrag mit dem Plädoyer für die “goldene Mitte” verfolgt. Auch unser Credo bei “Jappy” beinhaltet den Brückenschlag zwischen Virtualität und Realität, die als gleichberechtigte Seiten nebeneinander existieren. Daher freut es uns zu beobachten, wenn sich junge Leute für den Facettenreichtum und die Tiefschichtigkeit von Freundschaft stark machen. “Jappy” erleichtert Menschen, sei es über große oder kleine Distanzen, die Pflege von Freundschaft und Kommunikation. Doch erst durch reale Inhalte erwachen viele dieser zwischenmenschlichen Beziehungen zum Leben. Damit keiner der beiden Teile zu kurz kommt, muss daher folgerichtig ab und an auch mal der “On-Off-Schalter” betätigt werden.
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Ausgabe 36/10
09.09.2010
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Na, wie war's in der Schule