Alltag

Schule | 07.03.2010 16:35 | Irene Habich

Das Spiel des Lebens

Casino real: Eine Leipziger Theatergruppe zeigt, wie ungerecht es im deutschen Schulsystem zugeht.

Auf los geht’s los, aber vorher werden die Karten gezogen. Zwei Schauspieler greifen in eine Lostrommel und ziehen die eigene Biografie. „Mein Großvater war Bergarbeiter im Ruhrgebiet, mein Vater war Metzger und DJ“, verliest ein Darsteller seine Karte. „Meine Eltern waren die ersten Akademiker in der Familie“ steht auf dem Los seiner Spiel-Partnerin. Dann stehen ihre unterschiedlichen Startpositionen im Spiel des Lebens fest. Mit dem Stück „Casino real“ bringt die freie Theatergruppe Werk1 aus Leipzig Leben und Schule als Planspiel auf die Bühne. Die Schauspieler müssen sich durch verschiedene Level der Schule zocken und dabei wird kritisch beleuchtet, wie man dort punktet: Statt Persönlichkeit zählt Leistung, Anpassung und etwas, für das man gar nichts kann: die eigene Herkunft. Zur Vorbereitung hat die Theatergruppe alle drei Schulformen besucht um Lebenswelten, Einstellungen und Träume der Schüler zu verstehen. Eine der drei Gymnasialklassen, die an diesem Tag in der Vorpremiere im Lofft 21 sitzt, hat im Vorfeld mit den Theaterleuten zusammen gearbeitet.

Schule ist wie Tetris

Als Spielbrettersatz haben die Schauspieler silberne Hula-Hoop-Reifen auf den Boden geschmissen. Sie würfeln und hüpfen in ihrer Rolle als Schüler durch die Kreise, die wie Ereignisfelder funktionieren. So wird Eva Klassensprecherin, sie singt außerdem so schön: Noch einmal würfeln, die Empfehlung fürs Gymnasium hat das Mädchen in der Tasche. Thorsten hingegen ist sprachbegabt, aber der Junge lenkt andere im Unterricht ab, deshalb bleibt ihm die höchste Schulform verwehrt. Eine Schauspielerin fragt: „ Warum sind Mädchen besser in der Schule?“ Leises Murren im Raum. „Das liegt ja nicht daran, dass sie intelligenter sind oder so. Mädchen werden mehr zu Anpassung und Folgsamkeit erzogen und geben dem System, was es verlangt“, bemängelt sie. „Schule ist kein Casino wo jeder die gleichen Chancen hat. Eher wie Tetris, du drehst dich in die Form, in die du passen musst“, heißt es an anderer Stelle zum selben Thema.
In einem weiteren Level sammeln die Akteure Punkte. Sie dürfen Reifen aufnehmen oder müssen sie fallen lassen : Einen Reifen für Eva für das Abitur mit 18 , einen für die fünf Sprachen, die sie spricht. Thorsten hat hier erneut schlechte Karten mit seinem Realschulabschluss. Aber er holt auf, punktet damit, einen Bauwagenplatz besetzt und sein Abi nachgemacht zu haben.  Nicht alles ist mit einer vertanen Chance vorbei, soll das wohl zeigen. Am Ende landen beide auf der gleichen Schauspielschule. Die Darsteller von Thorsten und Eva haben ihre eigenen Biographien in das Spiel mit eingebracht.

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Alles kommt in die Waagschale

Wohl am deutlichsten bringt eine Runde Quartett zum Ausdruck worum es hier geht. Bei einem Schulbesuch haben die Theaterleute gemeinsam mit Jugendlichen die Spielkarten erstellt. Dafür haben sie Angaben über Hobbys und Fähigkeiten der Schüler gesammelt und daraus Steckbriefe gebastelt. Nun spielen Thorsten und Eva sie gegeneinander aus. Schon die Namen zählen: Die Karte von Horatio von Böhmen ist mehr wert als die von Dietmar Obieczky. In der Kategorie „bestandene Prüfungen“ zählt Jugend musiziert ( Horatio von Böhmen) höher als einfach nur der Führerschein. Der größte eigene Fehler, Krankheiten in der Familie, die Anzahl der bereisten Länder, die eigenen Ziele –  alles ist im Steckbrief aufgelistet und wird mit in die Waagschale des Lebens geworfen. Der Traum „Um die Welt segeln“ bringt mehr Punkte, als der Wunsch „Ins Big Brother Haus ziehen“.
Wie verschieden nicht nur der Start ins Leben, sondern auch der in jeden neuen Schultag sein kann, zeigt die Theatergruppe in einem kurzen Film. Darin spielen sie nach, wie sie junge Männer morgens vor der Schule besuchen . Kevin, 17 (bei der Nennung des Namens lachen die Gymnasiasten spöttisch) wohnt im zerfallenen Plattenbau, seine alleinerziehende Mutter ist schon bei der Arbeit und zum Frühstück raucht er ein paar Marlboro. Alexander, 17, liest über seinem Müsli eine Tageszeitung und hat sogar einen Vater, von dem er sich verabschieden kann. Dabei werden die Schüler alle von demselben dunkelhäutigen Darsteller gespielt. Einem Gymnasiasten ist scheinbar nicht weiter aufgefallen, dass es sich nur um einen Darsteller handelt. Im Publikumsgespräch will er wissen, „warum die Szenen nur dunkelhäutige Menschen zeigen.“ An dieser Stelle muss man sich zum ersten Mal fragen, wie viel von dem, was die Theatergruppe ausdrücken will, die Schüler überhaupt erreicht.

Reinheitsgebot Gymnasium ?

Mit ihrem Konzept vom Spiel des Lebens, in dem sich jeder mit verschiedenen Werten selber ausstattet und mit einigen schon geboren wird, bezieht sich die Schauspieler auf die Habitus Theorie des Philosophen und Sozialwissenschaftlers Pierre Bourdieu. Sie zitieren ihn und rufen schließlich in seinem Namen zur sozialen Revolution auf, was die Schüler allerdings wenig zu beeindrucken scheint. Immer deutlicher wird das Stück mit der Kritik am System: „ 80 Prozent aller Chefs haben Chefs als Väter“ und der Ungerechtigkeit des Bildungssystems: „Die Debatte um die Gymnasien wird in einer Weise geführt, als ginge es hier um das Reinheitsgebot.“ Im Publikum wird es unruhig, die deutlichen Worte scheinen nicht allen Gymnasiasten zu gefallen.
Während des Publikumsgesprächs loben sie dennoch artig viele Aspekte des Stücks. Dem einen hat das gefallen, was über die Mädchen gesagt wurde, dem anderen der Tetris-Vergleich. Erst unter vier Augen äußern sich die Besucher ablehnend zur Kernaussage von „Casino Real“. Sehen sie sich als Gymnasiasten vom System bevorzugt? „Nein“, so ein Schüler, denn schließlich würden ja die Jugendlichen auf der Mittelschule ( der sächsischen Realschule) besonders gefördert. Ist es besser, wenn Gymnasiasten unter sich sind? Ja, denn es störe ja schon, wenn dann einer  zehnmal nachfrage, sagt ein junges Mädchen. Eine Trennung müsse sein, aber vielleicht nicht so streng, so immerhin der versöhnlichste Ton.

 
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Kommentare
chrislow schrieb am 08.03.2010 um 11:27
-Ist es besser, wenn Gymnasiasten unter sich sind? Ja, denn es störe ja schon, wenn dann einer zehnmal nachfrage, sagt ein junges Mädchen. Eine Trennung müsse sein, aber vielleicht nicht so streng, so immerhin der versöhnlichste Ton.-

-> kriege ich nun meine eigene Strasse? Und zwar nur weil ich bei 50 einfach von allen um mir herum genervt bin... und vielleicht neurosen entwickle!?

Elitezucht ist schön und gut oder auch nicht ... zum Glück haben wir ja schon einen Schumacher...
chrislow schrieb am 08.03.2010 um 11:29
Ach so, ... kommt bloss nach Berlin - die müssen das auh sehen hier...!
Nelly schrieb am 08.03.2010 um 14:28
"Statt Persönlichkeit zählt Leistung ..."

Soll das eine Kritik sein ? Um sich am Ende darüber zu beklagen, wie wichtig der Habitus sei ?

Ja, was denn nun ?
PicaPica schrieb am 08.03.2010 um 16:35
"Zur Vorbereitung hat die Theatergruppe alle drei Schulformen besucht um Lebenswelten, Einstellungen und Träume der Schüler zu verstehen. Eine der drei Gymnasialklassen, die an diesem Tag in der Vorpremiere im Lofft 21 sitzt, hat im Vorfeld mit den Theaterleuten zusammen gearbeitet."

Und was ist mit den Schülern der anderen Schulformen, die besucht wurden? Haben die auch mit den Schauspielern zusammengearbeitet?
Onkel Wanja schrieb am 09.03.2010 um 23:14
Wir haben keine drei Schulformen, sondern vier! Die Förderschule, quasi die Kläranlage unter den Schulformen, wird immer unterschlagen, vergessen!
Diejenigen, die in sie geschickt wurden und werden, sind nicht hörbar und nicht sichtbar, wer mag sich zu so einer Schulform schon bekennen? Da kann man sich auch gleich „Dummschüler“ auf die Stirn tätowieren lassen.....

Also, die Förderschulen, früher Sonderschulen, Hilfsschulen, sind eine eigene Schulform die unsichtbar bleiben soll, man schämt sich für ihre Existenz! Sie gibt es in dieser Form nur in Deutschland und Österreich und war ursprünglich eine Schulform für Arme und die Kinder der Fahrensleute.

Trotz überaus fähiger Lehrer, entlässt sie Jahr für Jahr ein Heer der Überflüssigen, die unser Klassenschulsystem produziert!

Wer in solch eine Schule musste, der hat schon von klein auf gelernt wo OBEN und wo UNTEN ist,

Unser Schulsystem in der Bundesrepublik Deutschland ist das Beste Beispiel für die DEUTSCHE MISERE IM FÖDERALEN GEWANDE!
chrislow schrieb am 08.03.2010 um 17:34
Man ist also scheinbar der Meinung, es lohne sich nicht mit den Schülern in der Hauptschule / Volksschule zu unterhalten.... Hier hat man doch Landläfig keine Hoffnung mehr!
Das ist natürlich wieder Angriffsfläche. Aber der Eindruck über die "nichtbetroffenen" (bevorzugten) Gymnasiasten kommt doch gut rüber...oder nicht?
chrislow schrieb am 08.03.2010 um 17:37
Ach so, ... habe ich mal wieder nicht genau genug gelesen. Waren ja doch alle drei Schulformen.
Aber eine Zusammenarbeit....!?
Nelly schrieb am 10.03.2010 um 19:00
Mal abgesehen von der wahsinnig guten Absicht, stelle ich mir dieses Theaterstück so was von wahnsinnig langweilig vor ...


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