Alltag

Eventkritik | 29.03.2010 18:30 | Anna-Lena Krampe

Immer dem Duft nach!

Bei Deutschlands erster Döner-Messe in Berlin präsentieren die Aussteller High-Tech und Minzpastillen. Nur echte Döner sucht man dort vergeblich

Zwei Kameramänner filmen Passanten vor dem Ernst-Reuter-Haus in Berlin, einem großen Gebäude, dessen Fassade an ein Schloss gemahnt. „Geh mal langsam durchs Bild aufs Haus zu“, sagt der Kameramann zu seinem Assistenten. SAT.1 ist da und der Stern, Focus und die Berliner Tageszeitungen – sie alle interessieren sich für Döner. Die DÖGA, die erste Dönermesse Deutschlands, hat bereits im Vorfeld viel Medienaufmerksamkeit bekommen. Döner ist Kult. Und nun haben die Fleischfetzen im Fladenbrot ihre eigene Messe: Es ist DÖGA-Tag im Ernst-Reuter-Haus.

Draußen weht ein kühler Wind, doch als sich die Flügeltüren automatisch öffnen, wird es sofort gefühlte 15 Grad wärmer. Mit geschlossenen Augen erinnert der Geruch von warmem Fleisch und Gewürzen, der aus dem ersten Stock heranweht, zunächst an die Dönerbude um die Ecke. Ein Lidschlag holt dann die Realität zurück.

Dem Duft folgend, geht es die Treppe hoch. Zu dem Geruch gesellt sich ein Stimmengewirr. Die überwiegende Mehrheit der Ausstellungsbesucher unterhält sich auf Türkisch. Gut gelaunte Männer, die meisten in schwarzen Anzügen mit weißen Hemden und Krawatten in gedeckten Farben, die Haare zurückgegelt. Der Duft des gebratenen Fleisches wird immer wieder von dezenten Männerparfum-Wolken unterbrochen. Wangenkuss rechts, Wangenkuss links, ein kräftiger Händedruck und ein freundliches Lächeln.

Man kennt sich in der Branche und kommt schnell ins Gespräch. Die DÖGA richtet sich nicht an den Döner-Fan von der Straße, sondern an Geschäftsleute. Hier sollen Abschlüsse zwischen Groß- und Zwischenhändlern, Folienherstellern und Spießproduzenten angebahnt werden.

Ein Roboter ist der Star

Worüber am meisten gesprochen wird, lässt sich auch ohne Kenntnis der türkischen Sprache schnell erahnen, denn gleich am Eingang steht das in Videos mit türkischer Pop-Musik angepriesene Hauptausstellungsstück, der Star der Messe, der „Döner-Roboter“ oder auch „Döner-Robotu“, wie auf den Informationsbroschüren der herstellenden Firma zu lesen ist.

„Schnelles, sauberes und präzises Schneiden bei jeder Döner-Portion“, wirbt die Broschüre auf Türkisch, Deutsch und Englisch. „Während des Schneidevorgangs keine menschlichen negativen Einflüsse (Husten, Niesen, Schweiß, Atem etc.)“ liest man da, und: „Auch jeder, der keine Erfahrung von Döner-Schneiden hat, dies vollbringen kann“.

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Wie ein großer Apfelschäler

Die Zukunft des Döners erinnert ein wenig an einen überdimensionalen Apfelschäler mit Fernbedienung, digitalem Abstandsmesser und scharfen Klingen, die das Fleisch nach und nach abschneiden. Der sich drehende Spieß ist umringt von strahlenden Geschäftsmännern, für die Fotografen ist es fast unmöglich, den Roboter allein aufs Bild zu bekommen. Immerzu werden Probier-Portionen ausgeteilt, die Besucher lassen es sich schmecken.

In der zweiten Halle geht es etwas Unspektakulärer zu. Hier präsentieren Hersteller ihre Döner-Grille, Gewürzlieferanten stellen aus und eine Firma, die sich auf Frischhaltefolie spezialisiert hat. Zwischendrin bietet die AOK Kugelschreiber und eine kostenlose Beratung an. Mercedes-Benz wirbt für seine neuesten Modelle mit Luftballons und Minzpastillen. Mercedes auf der Döner-Messe – auch wenn es ein türkisches Klischee ist, kann man damit doch Geschäfte machen. Die Mercedes-Minzpastillen beseitigen auch den Rest des Döner-Probierhäppchens auf der Zunge.

Vor der Kantine bietet eine blonde Frau als Pappaufsteller dem Betrachter einen Döner an. „Vital und lecker“, wirbt die Sprechblase dazu. Außer der Pappkameradin und ein paar Journalistinnen sind im Saal nur wenige Frauen zu sehen.

Eine Döner-Messe ohne Döner

Die Kantine des Ernst-Reuter-Hauses bietet aber ausschließlich kulinarische Alternativen zum Döner. Es gibt Hähnchenschenkel, Rinderhacksteak, dazu Pommes und Salat. Bis auf das Roboter-geschnittene Probierfleisch sucht man Döner auf der DÖGA vergeblich. Eine Dönermesse ohne Döner? Kein Zufall, sondern Konzept. Man will sich erstmal als Geschäftsmesse etablieren. Im nächsten Jahr soll das dann anders werden. Dann soll es auch Döner-Seminare und Workshops für Endverbraucher geben.

Neben vielen Journalisten hat Tarkan Tașyumruk, Vorsitzender des Vereins türkischer Dönerhersteller in Europa, an einem Tisch Platz genommen. Tașyumruk ist ein schlanker Mann mit zurückgegelten Haaren und schwarzem Anzug. Er strahlt in die Kameras und gibt bereitwillig Auskunft über Geschichte und Tradition des Döners. In den 70er Jahren seien die meisten Deutschen noch skeptisch gegenüber dem Fastfood der türkischen Gastarbeiter gewesen, sagt er. In den 80er Jahren sei der Döner auch bei den Deutschen immer beliebter geworden, bis er seinen heutigen Kult-Status erreichte. Mittlerweile gibt es Döner als Kuscheltiere und Schlüsselanhänger.

Der Döner soll ein Gütesiegel bekommen

Tașyumruk nennt ihn ein „wertvolles Produkt für die türkische Gemeinschaft“, und erklärt ihn zum „Fast-Food-Produkt Nummer eins“. Die Döner-Produktion solle künftig gläsern werden, mit Gammelfleisch will man nichts zu tun haben. Ein neues Gütesiegel für die Dönergastronomie solle ermöglichen, dass allerhöchste Standards in „Ambiente, Hygiene und Geschmack“ garantiert werden können. Man will professioneller werden.
Tașyumruk lächelt ein Dauerlächeln. Er ist zufrieden mit dem Verlauf der Döner-Messe. „Heute bin ich gut drauf“, sagt er.

Auch beim Verlassen des Gebäudes bleibt der Döner-Geruch in der Nase hängen. Die Probierschale mit „perfekt geschnittenem Fleisch“ vom Roboter hat Hunger auf einen richtigen Döner gemacht. Vor dem Gebäude findet ein Berliner Trödelmarkt statt. Hier gibt es in einem kleinen Anhänger mit bunter Bemalung endlich mehr als Probierhäppchen. Würziges Fleisch im Fladenbrot. Vom Verkäufer noch von Hand geschnitten, dafür aber mit Salat, Knoblauch und „viel scharf“. 

 
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Artikelaktionen
Kommentare
Alien59 schrieb am 30.03.2010 um 06:41
Netter Artikel - aber mir ist er zu aromahaltig. Genauer gesagt, viel schöne Formulierung, etwas wenig informativer Inhalt.
Dank der links, die netterweise gesetzt wurden, habe ich mir dann die Informationen holen können, die sich auf Zahlen und Wirtschaft beziehen, und die ich gerne im Artikel gefunden hätte.

Ich hatte selbst kürzlich darüber geschrieben, dass der deutsche Markt die Einwanderer von Anfang an nicht als Kunden wahrnahm. Auch wenn sich das langsam ändert, ist auch an dieser Messe zu sehen, dass selbst ein Marktsegment mit einem ansehnlichen Umsatz von deutschen Produzenten völlig übersehen wurde. Macht nichts, die türkischen Geschäftsleute freuts.

Laut der Homepage der Messe war auch die Pressearbeit erfolgreich, nicht nur in türkischen Zeitungen.
Schade, dass ich hier im Freitag das ganze eher als kulturelle Betrachtung wiederfinde.


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