Alltag

Photoshop | 05.05.2010 14:06 | Gina Bucher

Trüber Himmel ist heute rar

Seit 20 Jahren schönt ein Bildbearbeitungsprogramm unseren Alltag. Während die öffentlichen Bilder immer standardisierter werden, wird im Privaten gern experimentiert

Thomas Knoll konnte ja vor 20 Jahren nicht ahnen, was er mit seiner Erfindung anrichteten würde. Ende der achtziger Jahre begann er, laut Legende natürlich beiläufig zu seiner Doktorarbeit, das heute weltweit bekannteste Bildbearbeitungsprogramm zu schreiben. Durch die Vermittlung seines Bruders John Knoll schloß er mit Adobe einen Vertrag, der die Welt respektive deren Abbild wahrhaftig verändern sollte.

Im Februar 1990 veröffentlichte Adobe die erste Version von Photoshop S1.0 – auf drei Disketten und zunächst nur für den Mac. Seither vergöttern die einen das Programm, während es andere als Werkzeug der Manipulation beklagen. Im Sprachgebrauch ist es nicht ganz so erfolgreich angekommen wie in den USA etwa der Begriff „xeroxen“ fürs Fotokopieren. Im Englischen wie im Deutschen empfiehlt man zwar gern zu „photoshoppen“, was Geschmack oder Auge nicht ganz genehm ist, doch Adobe lehnt das Verb gemäß einer internen Richtlinie von 2004 ab.

Das Programm, das im Mai in seiner zwölften Version veröffentlicht wird, ist das goldene Kalb im Stall des kalifornischen Softwarehauses – selbst wenn viele Raubkopien kursieren: Jeder, der kreativ etwas auf sich hält, hat das Programm in seiner Task-Leiste platziert. Die professionell Kreativen, weil es sich nach 20 Jahren als Standard durchgesetzt hat, und die Laien genauso, weil damit für jedermann Manipulationen zum Kinderspiel werden.

Einem der Entwickler von Photoshop, dem Inder Seetharaman Narayanan, wurde in der Euphorie gar die Ehre eines Fanclubs zuteil. Bei jedem Start des Programms fällt sein enigmatischer Name in den Credits am meisten auf. Auf die ins Netz gestellte Frage "Wer ist Seetharaman Narayanan?" eines Neugierigen meldeten sich daher zahlreiche Wissbegierige. Seither ist Seetha ein Symbol für die Photoshop-Faszination; es gibt gar Fans, die T-Shirts mit seinem Namen drucken. In einem Interview auf dem Blog Ironic Sans wunderte sich Seetha 2006 erstaunt über die viele Freizeit, die ihm seine Fans offensichtlich opfern.

Die Schönwettergarantie

In den 20 Jahren haben sich die Bilder unseres Alltags verändert. Nicht nur jene, die sich auf öffentlichen Oberflächen, auf Plakaten, in Magazinen, im Netz, ja gar auf Autos und Bussen zeigen, genauso auch die privaten, mit denen Familienalben, Fun-Mails und selbstgebastelte Einladungskarten unsere Lebensgeschichten erzählen. Das kommerziell erfolgreichste Bildbearbeitungsprogramm hat für Magazine wie Werbung die Models während den Neunzigern verschlankt, Landschaften weich gezeichnet, zaubergleiche Traumwelten erschaffen und in den Nullerjahren ganze Produktpaletten grün gewaschen.

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Nicht erst seit den Möglichkeiten der digitalen Bearbeitung wird das fotografische Abbild der Welt gern und leidenschaftlich, in guter wie in böser Absicht, manipuliert. Bereits seit den Anfängen der analogen ­Fotografie wurde „nachgebessert“ beziehungsweise retuschiert, wie die Praxis – angelehnt an das französische Original – besser klingt. Es wurden Schwarz­weiß-Fotografien eingefärbt, man ließ gestohlene Uhren von Soldaten in Siegerpose verschwinden oder retuschierte mit einem Skalpell störende Details weg. Jean-Paul Goude half für Grace Jones’ ikonografisches Albumcover Island Life (1989) etwa nicht mit digitalen Effekten nach, sondern fotografierte die Sängerin in verschiedenen Positionen, um sie anschließend als Collage in einer anatomisch unmöglichen Position zusammenzusetzen. Damit schuf er eine glaubwürdige Illusion, die man heute wohl genauso, doch digital machen würde. Auch wenn die Technologie eine neue ist, so ist doch die Wirkung dieselbe geblieben. Nur viel einfacher ist es heute.

Während sich jedoch die Bildbearbeitung für Werbung und Nachrichten immer mehr durch global gültige Schönheitsideale standardisiert und sich an glatter Haut à la Titelseite von TV Spielfilm und genormten Körpermaßen orientiert, entfaltet Photoshop im Hobbybereich sein volles Potenzial. Denn hier werden die Werkzeuge, Filter und Effekte noch wirklich, weil spielerisch und enthusiastisch genutzt. Unsere Lebenserzählungen sind seither variantenreicher geworden. Weil wir alle auf technisch gut ausgerüstete Verwandte und digital faszinierte Freunde zählen können. Seither ist mit stabiler Schönwetterlage auf den Urlaubfotos die Klimaerwärmung förmlich spürbar geworden. Der trübe Himmel ist rar geworden.

Vergangenheitsbewältigung

Was einst den Profis vorbehalten war, kann nun fast jeder mit einem Stapel Digitalfotos, einem Scanner und dem entsprechenden Programm selbst ausprobieren. Das kostet einzig Zeit, wenn auch davon viel. Tutorials und selbst ernannte Experten erklären den Amateuren, wie man das private Familienalbum mit virtuosen Effekten pimpen kann. Die Palette für die nachträgliche Kosmetik reicht vom relativ banalen Werkzeug gegen rote Augen über den Sepia-Effekt bis hin zu anspruchsvolleren Ent- und Verzerrmöglichkeiten. Die korrigierten und mit Witz aufgepeppten Resultate werden ins Web gestellt, in Alben ­geklebt, kursieren als Geburtstags- und Hochzeitseinladungen und „erinnern“ an die schönen Seiten des Lebens. Nicht nur die Zeugen der unfrisierten Momente, Doppelkinne und roten Augen werden verbannt, Ex-Freunde und unbeliebte Kollegen schlicht entfernt – Vergangenheitsbewältigung per Mausclick.

Dem bearbeiteten Schönheitswahn sagten übrigens unterdessen Politikerinnen den Kampf an: Ein Mitglied der britischen Liberalen, Jo Swinson, verlangte, dass bearbeitete Pressefotos künftig per Gesetz deklariert würden, weil sie das Frauenbild verfälschten. Und die Französin Válerie Boyer, Mitglied der Konservativen, legte im letzten Herbst einen Gesetzesentwurf vor, der den Gebrauch von Bildbearbeitungsprogrammen wie Photoshop kontrollieren will. Doch, wie soll die Öffentlichkeit vor etwas geschützt werden, wovor selbst im Privaten nicht mehr Halt gemacht wird? Die Welt, so wie sie ist, genügte noch nie.

 
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Artikelaktionen
Kommentare
mcmac schrieb am 05.05.2010 um 17:45
„Das kostet einzig Zeit, wenn auch davon viel.“ ...Das stimmt nicht ganz, denn wenn man für die Bezahlsoftware bezahlt, dann kostet der legale Erwerb von Photoshop derzeit etwa 70 und 950 Euronen, je nach Version.
Aber zum Glück gibt es ja auch noch GIMP (www.gimp.org/), legal und tatsächlich kostenlos, dass, fährt man es gar unter Linux, manches kann, was selbst Photoshop nicht kann... „Die Welt, so wie sie ist, genügte noch nie.“ ...Stimmt.
S.Heinel schrieb am 05.05.2010 um 19:56
"Die Welt, so wie sie ist, genügte noch nie."

An diesem Satz möchte ich meine Kritik aufhängen, denn ich bin der Meinung, dass die Welt, so wie sie ist, tatsächlich genügt und es keiner Nachbearbeitung in Photoshop bedarf.

Vorraussetzung ist freilich, dass man sich vor der Aufnahme nicht mit dem Gedanken abgibt "Ach das richtet ja dann schon Photoshop irgendwie", sondern sich sagt "Nein, das richte ich hier vor Ort mit den Mitteln die mir zur Verfügung stehen ".

Am Beispiel des Eiffelturms lässt sich das sehr gut festmachen. Hab ich mehr als einen Tag in Paris gebucht, hab ich auch mehr als ein Mal die Gelegenheit den Turm in seiner Gänze zu fotografieren. Ich kann mir also mit dem Erlegen des Wahrzeichens Zeit lassen. Vielleicht habe ich ja Glück und in den 3 Tagen Wochenendtour gibt es noch den gewünschten Himmel. Was aber wenn nicht? Bleibt dann nur Photoshop?
Ganz sicher nicht.

Man könnte auf andere Lichtverhältnisse warten. Und es ist nicht so abwegig, dass man sich als Tourist die Champs-Élysées, den Arc de Triomphe und dann eben auch den Eiffelturm bei Nacht anschaut. Und nachts ist der bewölkte Himmel dann kein Problem mehr



Zudem spricht mich das Bild oben im Beitrag nicht an. Das ist der Eiffelturm, dokumentarisch festgehalten, wie man ihn in Paris in jeder Ecke auf einer Postkarte kaufen kann. Da heutzutage fast jedes Kind weiß wie der Eiffelturm aussieht reicht auch locker eine Detailaufnahme. Allein schon den Blickwinkel zu verändern und das Motiv zu beschneiden macht das Bild einzigartig.




Perfekte Bilder

Um den Bogen zum Anfang zu schlagen "Die Welt, so wie sie ist, genügte noch nie." stimmt nicht. Das Problem ist, dass wir die Welt (z.B. den Eiffelturm) schon nahezu perfekt gesehen haben. Und deshalb wollen wir so wunderbare Fotos schießen wie die Leute von photographercrossing zum Beispiel, erreichen das nie oder nur selten.

Aber das liegt sicher nicht daran, dass die Jungs besser mit Photoshop umgehen können, oder die bessere Ausrüstung haben (die sie mit absoluter Sicherheit haben (*)).
Es liegt an der Einstellung zur Fotografie und an der Auseinandersetzung mit dem Motiv. Nur dann kommt man weg vom langweiligen Postkartenmotiv und vom Knipsen und hin zu etwas, dass überlegter ist. Das kostet sicher etwas mehr Zeit, als das "Hinstehen-Knipsen-Weitergehen" und natürlich ist es fraglich ob man als Tourist, vielleicht sogar im Familienurlaub mit kleinen Kindern, diese Zeit hat. Die Entscheidung zu sagen:

"Ich mach in Paris ein tolles Foto vom Eiffelturm, so wie wir ihn gesehen haben und kann mich 40 Jahre später noch genau an die Stimmung und die Gefühle erinnern, die ich in der Situation damals hatte"

oder

"Ich knips mal eben den Eiffelturm und mach den Rest am PC zu Hause, dann sieht das Foto zwar aus wie jedes xbeliebige andere, aber ich hab meine Pflicht getan"

Ersteres sollte man immer versuchen, so jedenfalls meine Meinung. Weswegen sollte man sonst einen Moment festhalten wollen, wenn man ihn für 1€ in jeder Papeterie kaufen kann.

Als letztes noch einen Gedanken, den ich bei Fritz Pölking auf der "Spielwiese" gefunden habe:

"Knipsen lernen geht schnell,
Fotografieren lernen dauert etwas länger,
aber am schwierigsten ist Sehen lernen."


(*) Der Korrektheit wegen soll nicht unerwähnt bleiben, dass die Fotografen von photographercrossing, viel mit Filtersystemen arbeiten. Im Prinzip ist das auch eine Manipulation. Allerdings gelingt es wohl mit den besten Filtern nicht, aus einem diesig grauen Himmel einen strahlend blauen zu machen


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