Alltag

Imagekritik | 20.05.2010 16:30 | Christine Käppeler

Das Frollein muß endlich in Rente

Der Herr Ober sucht sein weibliches Pendant, seit das Frollein ausgedient hat. Die Deutsche Knigge-Gesellschaft bittet um zeitgemäße Vorschläge

Ein kurzer Blick in die Dramengeschichte lehrt: Von Goethes Gretchen bis hin zu Strindbergs Fröken Julie ist das Fräulein keine selbstbestimmte Kreatur. Es kann sich wohl die Anrede verbitten oder gegen die Rolle rebellieren, am Ende wird es doch zum Kollateralschaden eigennützigen männlichen Handelns. Kein Wunder also, dass der Begriff seit den Siebzigern sukzessive abgeschafft wurde: Aus dem Mädchen wird seit Anfang der Neunziger nahtlos eine Frau. Die Deutsche Knigge-Gesellschaft will jetzt die letzte Verwendungsform, die sich ins 21. Jahrhundert gerettet hat, abservieren und sucht zu „Herr Ober!“ ein weibliches Pendant.

850 Vorschläge sind bislang eingegangen, die zehn besten werden am 31. Mai zur Abstimmung veröffentlicht. Obligatorische Fehltritte wie „Saftschubse“ und „Kaffeeschleuder“ wurden dezent aussortiert, zu den Favoriten zählen das dem Esperanto entnommene „Servicia“ und Abkürzungen wie „Refafra“ für Restaurantfachfrau.

Klingt nicht überzeugend? Vielleicht aus einem einfachen Grund: Denn das eigentlich Perverse ist doch nicht nur die Anrede, sondern die Situation, in der man sie benutzt. Verhalten sich alle der Etikette gemäß, dann hat die Servierfachkraft ihre Gäste im Blick und ein einfaches Handzeichen reicht aus. Umgekehrt übt ein höflicher Gast sich in Geduld. Sollte es ihm um eine persönlichere Form der Kontaktaufnahme gehen: Da war Hinterherrufen noch nie die beste Idee. Streichen Sie das ­„Frollein“ also bitte umgehend aus dem Wortschatz – und zwar ersatzlos.

 
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Artikelaktionen
Kommentare
Peter Bayer schrieb am 21.05.2010 um 21:51
In meinem bisherigen Gästeleben fand ich mich noch nie genötigt den Herrn Ober oder das Frollein zu rufen. Wie schon im Beitrag erwähnt, reichen in der Regel ein Blick oder ein diskretes Handzeichen.
Das eigentliche Problem scheint mir allerdings in einer nicht
im Artikel erwähnten Ecke angesiedelt zu sein: nämlich bei der althergebrachten Sitte bedienendes Personal nicht als Menschen wahrzunehmen. Als Strategie zur Änderung dieser Situation schlage ich ein zweigleisiges Verfahren vor.
Gleis 1: Jeder arbeite an sich selbst.
Gleis 2: Wie in vielen anderen Dienstleistungsberufen werden auch bei den Beschäftigten in der Gastronomie flächendeckend Namensschilder eingeführt. Zusätzlich steht auf jedem Tisch neben der Kerze und dem Blümchen ein kleines Schild: "Hier bedient Sie heute Abend Frau Holle".
Guten Appetit.
Damian Bold schrieb am 21.05.2010 um 23:07
Ich würde nach der Mehrheit gehen und das Frollein "Hallo" schimpfen.
chrislow schrieb am 22.05.2010 um 10:53
„Servicia“ klingt doch gut - wenn man also unbedingt ein Ersatz braucht.

Einfachst hergeleitet wäre dann auch "Oberin". Aber hier müsste man zwangsläufig an noch ganz andere Räumlichkeiten denken.

Wegen mir täte es aber keinen Begriff nötig, denn ich habe nicht vor in einem gediegenen Restaurant oder Cafè nach Bedienung zu schreien.

Ich steh auch mal auf und gehe ins Zentrum des Geschehens - so es eilig ist.
Im zwangslosem Szene-Laden hilft der Begriff auch nicht (immer) - ist es doch meisst zu laut, als dass man jemanden direkt ausmachen könnte. Und eben genau die Namensschilder gibt es doch schon fast überall, sodass man sich beinahe darauf verlassen könnte.


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