Alltag

Kinder | 17.07.2010 16:25 | Kate Kellaway

Liebe, nicht Glück

Machen Kinder ihre Eltern wirklich zu glücklicheren Menschen? Und was ist mit Kinderlosen? Warum es ein Fehler ist, sein Glück von dem seiner Kinder abhängig zu machen

„Ich war nie so glücklich wie nach der Geburt meines ersten Kindes und dies zum Teil deshalb, weil mein Leben sich nicht mehr nur um mich drehte.“ So erklärte mir eine meiner Freundinnen die Euphorie nach der Geburt ihrer Tochter. Die meisten Mütter würden wohl zustimmen, dass ein Kind zu bekommen, einen Höhepunkt im Leben darstellt. Auch Männer erzählen sich gegenseitig, dass Kinder ihr Leben zum Guten verändert hätten. Ein Vater sagte mir, er glaube, dass es in unserer areligiösen Gesellschaft Kinder seien, die dem Leben einen Sinn verleihen.

Aber machen Kinder, nachdem die anfängliche Aufregung erst einmal verflogen ist, ihre Eltern wirklich glücklicher? Ein hervorragend argumentierender Artikel im Magazin New York vertritt die Ansicht, Kinder machten uns überhaupt nicht glücklicher. Die Autorin Jennifer Senior äußert sogar die Ansicht, es sei häufiger so, dass Kinder ihre Eltern unglücklich machen. Und je mehr Kinder man habe, desto größer sei die Wahrscheinlichkeit, unglücklich zu sein. Eltern sind nicht glücklicher als ihre kinderlosen Altersgenossen. „Aus der Perspektive der Gattung ist vollkommen klar, warum Menschen Kinder bekommen. Aus der Perspektive des Individuums ist es allerdings rätselhafter als man meinen könnte.“ Und sie verfügt über eine Menge eindeutiger Forschungsergebnisse, um ihre Ansicht zu untermauern.

Der mit dem Nobelpreis ausgezeichnete Verhaltensökonom Daniel Kahneman fand heraus, dass texanische Mütter (sind sie eine spezielle Kategorie?) erst an 16. Stelle die Kinderbetreuung nannten, als sie nach Dingen gefragt wurden, die ihnen im Alltag Genuss bereiten. Kinderbetreuung kam etwa nach Schlafen, Einkaufen, Telefonieren. Darüber hinaus sind sich alle Forscher darin einig, dass Kinder sich negativ auf eine Ehe auswirken, weil die Ehepartner mehr Zeit mit den Kinder und weniger miteinander verbringen. Eine schottische Studie, die den Freuden der Elternschaft Tribut zollt, ließ zwar für kurze Zeit Hoffnung aufkeimen. Dann wurde aber klar, dass der arme Forscher einen Kodierungsfehler in seinen Daten hatte.

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Keine Frage des Glücks der Eltern

Als ich den Text las und seinen Tabubruch genoss – denn schließlich darf man nicht laut sagen, dass Kinder einen unglücklich machen –, drängte sich mir die Frage auf, warum wir überhaupt erwarten sollten, dass unsere Kinder uns glücklich machen. „Erwartung“ und „Glück“ sind Worte, die nicht zusammenpassen – es ist ein Fehler, sich von irgendeiner Sache „Glück“ zu versprechen. Und nicht nur das: Kinder zu haben ist überhaupt keine Frage des persönlichen Glücks der Eltern. Bekommen wir wirklich nur aus den egoistischsten Gründen Kinder – damit es uns besser geht?

Ich begann zu begreifen, dass ein viel interessanteres und beunruhigenderes Thema hinter dieser Frage verborgen liegt: Wie nämlich unsere Glückserwartung auf heimtückische Weise Einfluss auf unsere Kinder und die Art und Weise ausübt, wie wir sie erziehen. Denn unser Glück ist untrennbar mit dem Glück unserer Kinder verbunden, oder wie eine andere Freundin ihre trübselige Philosophie oft in Worte fasst: „Als Mutter kann man immer nur so glücklich sein wie sein am wenigsten glückliches Kind.“

Als mein erster Sohn zur Welt kam, konnte ich ihn nicht schreien hören. Ich konnte mich nicht entspannen und nicht akzeptieren, dass wir alle weinend auf die Welt kommen – we came crying hither, wie Shakespeare es kühl formulierte. Ich wollte, dass mein Sohn glücklich ist. Und noch unrealistischer: Ich wollte, dass er immer glücklich ist.

Ein nicht realisierbarer Traum

Die Wünsche einer jungen Mutter stehen in Konflikt mit den Wünschen ihres Nachwuchses. Die Mutter wird von einem nicht-realisierbaren Traum beherrscht. Sie möchte, dass er immer schön sauber und ruhig ist. Das Baby jedoch hat anderes im Sinn. Die Frage, die sich hier stellt, ist die, wer von wem abhängig ist: Macht die Mutter das Baby glücklich oder anders herum? Oder ist es überhaupt möglich, jemanden glücklich „zu machen“?

Oft habe ich Eltern darüber reden hören, dass ihre Kinder unglücklich sind, als handele es sich hierbei um einen Charakterfehler und die Kinder seien nur dann vollkommen, wenn sie glücklich sind. Eltern haben schreckliche Angst vor dem Unglück. Ich weiß, dass ich mit der verrückten Hoffnung nicht allein bin, dass meine Kinder auf ewig zufrieden sein werden. Das ist dumm, denn schließlich bedeutet Leben Veränderung und damit manchmal eben auch, unglücklich zu sein.

Warum also hängen wir so hartnäckig dem Wunsch von der glücklichen Familie nach? Und warum geben wir dieses Bedürfnis weiter? Als einer meiner Zwillinge vier war, saß ich eines Tages total kaputt auf dem Sofa. Er kam zu mir und sagte mit besorgter Stimme: „Du bist ein wenig müde“, um dann mit dem beruhigendsten Tonfall, zu dem er fähig war – sicher auch ein Stück weit, um sich selbst zu beruhigen – hinzuzufügen: „Aber sehr glücklich.“ Ich musste lachen.

In der vergangenen Woche war ich bei einer Reihe von Schulaufführungen und sah eine ganz hervorragende Inszenierung von Herr der Fliegen – die Klasse hatte den mutigen Schritt gewagt und ein Musical daraus gemacht. William Goldings Roman ist das brutalste Korrektiv jeder Sentimentalität über Kinder, denn es beschreibt die Gewalt, zu der sie imstande sind. Diese Botschaft kam auch in Form der Lieder gut rüber: Kinder selbst sind keine guten Fürsorger. Während ich mir das Stück ansah, wurde mir klar, dass Eltern schlicht für das Überleben ihrer Kinder notwendig sind. Mit Glück hat das nichts zu tun.

Im Familienalbum lächeln fast alle Gesichter

Für die Eltern im Publikum, die sich vorbeugten, um ihre Kinder zu fotografieren, war das Glück allerdings zugegen und sie waren begierig darauf, es so oft wie möglich festzuhalten. Sie konzentrierten sich weniger auf das Stück als vielmehr auf die winzigen Rollen, die ihre Kinder darin spielten. Das alles kann einem ein wenig klaustrophob und egoistisch erscheinen. Doch der Alltag von Eltern ist oft mühselig genug und eine Schulaufführung stellt da eine luxuriöse Ausnahme dar. Gleichzeitig bietet sie die Möglichkeit, ein ideales Archiv anzulegen. Wenn ich mir meine Familienalben ansehe, so gibt es darin kaum ein Gesicht, das nicht lächelt und kaum Tage, an denen nicht die Sonne scheint: Wir scheinen ein permanent glückliches Leben zu führen.

Ich wünsche mir, das wäre die wahre Geschichte und als Mutter ist es auch einfacher, das Glück retrospektiv zu empfinden: Wenn man aus dem Urlaub zurück ist, nach einer Geburtstagfeier, wenn der Lärm aufgehört hat und die Kinder gewaschen im Bett liegen. Bilder haben den Vorteil, dass auf ihnen kein Lärm zu hören ist.

Den neuen Forschungsergebnissen, die nahe legen, dass Menschen ohne Kinder genauso glücklich oder unglücklich sind wie Eltern, sollte man hinzufügen, dass es oft die Kinderlosen sind, die am kreativsten und großzügigsten mit den Kindern anderer umgehen. Als Mutter oder Vater geht einem schnell die Puste aus, wenn es darum geht, die Kinder zu unterhalten. Vielleicht können wir uns auf das Glück als Großeltern freuen, weil deren Beziehung zu ihren Enkelkindern leichter und zeitlich befristet ist.

Wie dem auch sei: Wir sollten versuchen, uns von unserem Glücksdruck zu entlasten. Das Glück kommt nicht, wenn man es ruft. Die glücklichsten Augenblicke, die ich mit meinen Kindern erlebt habe, waren nicht selten die, die wir am wenigsten geplant haben. Aber schließlich geht es bei der Erziehung von Kindern nicht um Glück, sondern um Liebe – und das sind zwei verschiedene Paar Schuhe.

Übersetzung: Holger Hutt
 
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Artikelaktionen
Kommentare
Nelly schrieb am 18.07.2010 um 18:21
Interessanter Artikel. Leider wird überhaupt nicht zwischen aktuellem "Glück" im Sinne von Wohlbefinden und allgemeiner Lebenszufriedenheit differenziert. Ich erinnere mich an eine Untersuchung über Glück und Zufriedenheit bei verheirateten und unverheirateten Frauen. Die unverheirateten fühlten sich häufig besser, weil sie oft machen konnten, was ihnen selbst Spaß bereitet, aber die verheirateten waren mit ihrem Leben im ganzen zufriedener. Das gleiche käme wahrscheinlich bei einem Vergleich von Eltern und Kinderlosen heraus.

Es ist nun einmal nicht für alle Menschen das erste Lebensziel, sich unentwegt glücklich zu fühlen und ständig "Spaß" zu haben. Menschen möchten ihr Potential erfüllen und haben ein Bedürfnis nach Transzendenz. Mit beidem haben es Kinderlose schwer.
Abgesehen vom Schmerz, den Kinderlosigkeit vielen bereitet.
HRO-Frank schrieb am 19.07.2010 um 08:05
Sie können darüber sinnieren so lange sie wollen: Eigene Kinder machen glücklich. Das ist eine Wahrheit, der aller Intellektualität, allen Glücksuntersuchungen und Statistiken widersteht. Für alle, die lieben können, beginnt es ganz heftig mit der Geburt und lässt niemals nach. Ganz animalisch. Nicht im Kopf, sondern im Rückenmark. Mit aller Angst: Wenn mein Kind stirbt - das überleb ich nicht! Ich habe keine Ahnung, ob unsere Kinder die Welt besser machen. Aber wenn doch? Jandl hat‘s wieder mal auf den Punkt gebracht: „So lange es Kinder gibt, wird es Kinder geben.“
Citriatus schrieb am 20.07.2010 um 08:26
Wenn man bis zu dem Artikel im Magazin New York zurückgeht, stellt man fest, daß die Kinder gar nicht schuld sind am Unglück der Eltern:
“One hates to invoke Scandinavia in stories about child-rearing, but it can’t be an accident that the one superbly designed study that said, unambiguously, that having kids makes you happier was done with Danish subjects. The researcher, Hans-Peter Kohler, a sociology professor at the University of Pennsylvania, says he originally studied this question because he was intrigued by the declining fertility rates in Europe. One of the things he noticed is that countries with stronger welfare systems produce more children—and happier parents.“

Die Geburtenrate und das Glück der Eltern hängen von einem starken Sozialstaat ab. (Man gebe diese Studie bitte Kristina Schöder). Insofern ist der Artikel aus dem Guardian sinnlos und auch bedauerlich, da er am Thema vorbeigeht.
Deaktivierter Nutzer schrieb am 20.07.2010 um 10:09
Körperlicher Kindesmißbrauch wird hierzulande juristisch normalerweise verfolgt. Bei emotionalem Kindesmißbrauch müßte dies eigentlich auch geschehen. Ein Kind, daß die Eltern glücklich machen oder sonstwie deren Probleme klären soll, ist gnadenlos überfordert. Mit den Folgen haben dann u.a. später die Therapeuten zu tun.

Es gehörte zu den Kindermenschenrechten an allererster Stelle, BEDINGUNGSLOS willkommen zu sein.

"Fast jede zweite Schwangerschaft in der Bundesrepublik ist unerwünscht; noch nach der Geburt eines anfangs ungewollten Kindes gesteht jede dritte Frau große Haßgefühle gegen das Neugeborene ein." aus:
www.spiegel.de/spiegel/print/d-13501223.html

Goethe im Faust:
"Vom Rechte, das mit uns geboren ist,
Von dem ist, leider! nie die Frage."
f.j.neffe schrieb am 21.07.2010 um 15:55
ErZIEHen gehört zur Wortfamilie ZIEHEN und nicht zu DRÜCKEN; wenn wir mit DRUCK erZIEHen, dann ist es ErDRÜCKung. In der neuen Ich-kann-Schule lasse ich mir was einfallen, was ZIEHT. Wenn Kinder - aufgrund genügend schlechter Erfahrungen - glauben, dass sie NICHT können, dann glaube ich an ihre TALENTE. Wenn alle sagen, dass Toni Legastheniker ist und nie im Leben richtig schreiben kann, dann stelle ich mich auf die Seite von Tonis Schreibtalent und sage: "Für den Anfang ist das ok, ich traue Dir mehr zu."
Nicht nur die Hungrigen um mich herum brauchen was zu essen, auch die Hungrigen in mir drin und in allen drin. Wir haben aber nur gelernt, den Körper zu fütterrn; die Kräfte von Geist und Seele lassen wir verhungern. Ich gewinne EINFLUSS, wenn ich ihnen Stärkung gebe, und ich erlebe GLÜCK, wenn sie sich entfalten und wachsen. Wir könnten lernen, souverän mit den Kräften von uns und anderen umzugehen; das sind auch Kinder. Ich grüße freundlich.
Franz Josef Neffe
Regenwärmer schrieb am 23.07.2010 um 00:42
Das ist ja wohl der dümmste Artikel, den ich je gelesen hab auf diesem Portal.
Glück ist wirklich etwas, was sich verdoppelt und verdreifacht, wenn man Kinder hat. Ich habe vier. Der Älteste wird 36, die Jüngste 25.
Es ist einfach das glückliche Leben, unabhängig von Haben ist Sein wunderbar!!
ARTiBerlin schrieb am 26.07.2010 um 13:36
Oh come on. Ist es nicht einfach zu sagen, Kinder sind der Ehe hinderlich? Alles bringt Vor-und Nachteile mit sich. Wenn man ein Kind von Herzen will, dass ist man auch glücklich und überwindet auch schlechte Zeiten mit dem nötigen Optimismus.
Das Problem liegt vielleicht einfach daran, dass Kinder heutzutage oft einfach nur "passieren". Dann ist klar, dass viele Paare unglücklich sind. Aber sollten diese in jener Studie zählen?

www.artiberlin.de
Fiete schrieb am 30.08.2010 um 21:15
Seltsamer Artikel. Kann es sein, daß die Autorin sich darin über ihre persönlichen Probleme klar zu werden versucht? Möglw. erfolglos?

Am bestem gefällt mir noch der Kommentar von "deaktivierter Nutzer".
Der ist wenigstens einigermaßen realistisch.

Aus persönlicher Erfahrung kann ich nur sagen. Das Glück der Kinder. selbst wenn es "nur" ein ganz profanes Alltagsglück ist, macht Eltern glücklich. Die meisten mir bekannten zumindest.
Und das ist auch gut so!!

Gruß.......Fiete


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