Alltag

Netzgeschichten | 23.02.2011 14:15 | Jens Berger

Debatte 2.0

Manipulation der öffentlichen Meinung durch den Staat? Der Kampf um die Stammtischhoheit könnte schon bald mit einer neuen Software geführt werden

Viele Beobachter sehen im Internet eine moderne Version des Stammtischs. In Blogs, Foren und Kommentarbereichen tauschen sich Leser und Autoren aus und bilden sich dort auch oft interaktiv ihre Meinung. Vor allem bei abstrakten und komplexen Themen kann die Hoheit über den virtuellen Stammtisch meinungsbildend sein. Wen mag es da verwundern, dass PR-Agenturen an einer Meinungsmanipulation im Web 2.0 interessiert sind?

Eine einzelne Person kann jedoch nur schwer die Mehrheitsmeinung drehen. PR-Profis müssten somit eine Softwarelösung haben, mit der sie zentral ein Heer von virtuellen Identitäten, mit glaubwürdigem Hintergrund in den sozialen Netzwerken, technisch sauber steuern könnten. Bei komplexeren Themen könnte man dann mit dieser kleinen Armee virtueller Diskussionsteilnehmer eine Meinungshoheit simulieren, die es so nicht gibt – und so neutrale oder uninformierte Leser auf seine Seite ziehen.

Eine solche High-Tech-Lösung ist offenbar in Arbeit, wie der US-Blog Daily Kos kürzlich berichtete. Den Autoren von Daily Kos sind E-Mails und Dokumente zugespielt worden, die aus einem Hackerangriff auf den CEO des IT-Sicherheitsdienstleisters HB Gary Federal stammen. In den geleakten Dokumenten geht es um die Feinheiten einer „Persona-Management-Lösung“, die es erlaubt, eine technisch ausgefeilte Verwaltung von virtuellen Persönlichkeiten zu betreiben, die einzig und allein der Meinungsmanipulation in sozialen Netzwerken dient.

Wer möchte hier wen manipulieren?

Besonders pikant an diesem Leak ist, dass HB Gary Federal und der vermeintliche Kunde Mantech hochspezialisierte Unternehmen sind, die nahezu ausschließlich direkt oder indirekt für das US-Militär, die Geheimdienste und verschiedene Ministerien arbeiten. Wenn man eins und eins zusammenzählt, geht es bei diesem Projekt also nicht um die Manipulation von Nutzerbewertungen für Unternehmen, sondern um die Manipulation der öffentlichen Meinung durch den Staat. Der Einsatz einer solchen Software ist rechtlich umstritten und wäre moralisch eine Bankrotterklärung. Was soll man von einem Staat halten, der seine Bürger mit solchen Methoden manipuliert?

Dennoch wird dem „Persona-Management“ zweifelsohne die Zukunft gehören. Schließlich ist das Netz den Mächtigen schon lange ein Dorn im Auge – da unterscheiden sich Iran, Deutschland und die USA nicht großartig. Der Angriff auf die Meinungs­freiheit im Netz läuft, und die Möglichkeiten, sich gegen eine solche Manipulation 2.0 zu schützen, sind noch nicht in Sicht.

 
Senden Bookmarken Drucken
Artikelaktionen
Kommentare
mcmac schrieb am 24.02.2011 um 16:50
Eine (betriebswirtschaftlich) folgerichtige Entwicklung aus Sicht derjenigen, denen das Netz als Ort einer chaotisch-demokratischen Meinungsbildung ein Dorn im Auge ist. Bezahlte Astroturfer sind eben zu teuer.

Möglicherweise kann man diese "Neuerungen" aber weitestgehend unterlaufen, indem man verstärkt auf Open Source setzt (mit öffentlichen Sicherheitszertifikaten und der -schon betriebssystembedingt- höheren Sicherheit). Allerdings ist es sehr schwierig, das publik zu machen. Schon allein, weil die bunte Windows-und Applewelt mit Facebook & Co. so schön bequem zu sein scheint...

...gar nicht auszudenken, was oben Beschriebenes für weitreichende Folgen hätte, wenn sich das sogenannte Cloud-Computing demnächst auch durchsetzt - Geheimdienstsoftware statt teurer manpower-Dienste?..


Meistkommentiert
7 Tage
Monat
Bisher
David Graeber Schulden. Die ersten 5000 Jahre Klett-Cotta 2012

536 Seiten. Gebunden.

26,95
 
Seit der Erfindung des Kredits treibt das Versprechen auf Rückzahlung Menschen in die Sklaverei. Die Geschichte der Menschheit erzählt David Graeber als eine Geschichte der Schulden: eines moralischen Prinzips, das nur die Macht der Herrschenden stützt. Damit durchbricht er die Logik des Kapitalismus und befreit unser Denken vom Primat der Ökonomie >> mehr
Arte-Kooperation

portlet_ArabienArte.png

portlet-gaertnerbuch.png

Probe-Abo

probeabo260x120.jpg

Aktuelle Ausgabe bestellen
Der gefährlichste Mann Europas?

Ausgabe 21/2012
24.05.2012

keine Versandkosten
kein Aufpreis

Einzelpreis: 3.60 €

>> bestellen
der Freitag Kollektion

Freitag-Kollektion_Gaertner.jpg

Arte

portlet_arte+zeile.pngportlet_arte+zeile.png

Freitag-Buchshop.png

Blog-Tipps

Boing Boing
Ein Verzeichnis wundervoller Dinge

Wired News
Technologie-Trends von heute und morgen

Jezebel
Das US-Frauennetzwerk

maedchenmannschaft. net
Das Blog der Alphamädchen

flannel apparel
girlism. großkariert.

nutriculinary.com
Große Küche von Herrn Paulsen

Frau Freitag
Na, wie war's in der Schule

 
 
 
 
© der Freitag Mediengesellschaft mbH & Co. KG