Alltag

Eingeschenkt | 06.03.2011 10:00 | Eckhard Supp

Wanderer zwischen den Welten

Wenn sich ein deutscher Weinmacher in England und Neuseeland Meriten verdient, wie schmecken dann seine deutschen Weine? Großartig, jedenfalls wenn der Mann Johner heißt

Ein wenig Verrücktheit – kreative Verrücktheit natürlich – darf man Karl-Heinz Johner wohl ungestraft unterstellen. Wie sonst wäre der Weinmacher nach dem Studium an der renommierten Weinbauschule im Rheingauer Geisenheim dazu gekommen, sich erst einmal 15 Jahre in verschiedenen englischen Gütern zu verdingen? Richtig, Weingütern in England! Und wie sonst hätte es ihn später, nachdem er im heimatlichen Baden seinen eigenen Betrieb aufgebaut hatte, nach Neuseeland gezogen, um dort ebenfalls Wein zu erzeugen? Nur der Wunsch, den deutschen Winter in südlicher Wärme zu verbringen, kann es ja wohl nicht gewesen sein.

Verrückt genug, um sich auch in Deutschland als Enfant terrible zu profilieren, war Johner übrigens auch. Denn auf den Ausbau seiner Weine im neuen Holz von Barriquefässern wollte er nicht verzichten – selbst um den Preis, dass seine Weine jahrelang keine Chance bei den amtlichen Qualitätsprüfungen hatten – die Holzaromen galten als „untypisch“ –, und er sie als Tafelweine verkaufen musste. Nun, inzwischen sind aus den Tafelweinen vom Kaiserstuhl auch offiziell Qualitätsweine geworden, und über Johner lächelt heute niemand mehr. Zu Recht, denn sein roter Spätburgunder nimmt es sogar mit vielen der teuren und noch teureren Gewächse aus dem gar nicht so fernen Burgund auf.

Ganz wie dieser „SJ“ mit seiner schönen, sehr dichten Farbe und dem anregenden Duft nach Johannis- und Himbeeren. Dieselben komplexen Aromen prägen auch den Eindruck am Gaumen, wo der dichte und saftige Wein noch feine, leicht sandige Tannine zeigt, die ihm gutes Alterungs- und Reifepotenzial attestieren.

Spätburgunder SJ 2005, Weingut Johner, Vogtsburg-Bischoffingen (Baden / Deutschland) Preis: ca. 45,- EUR

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