Alltag

Ländle | 25.03.2011 11:10 | Der Freitag

A-Z Baden-Württemberg

Am Sonntag wird in Baden-Württemberg gewählt. Grund genug, sich einmal abseits von Stuttgart 21 dem Südwesten der Republik zu widmen – von A wie Affe bis Z wie Zäpfle

Affe In Burladingen wird nur hinter vorgehaltener Hand über den „König“ gelästert. Weil er mit seiner Frau, einer Baronesse, in einer Villa mit Pool und schottischem Butler residiert. Oder weil er sich im Ort einen Privatfriedhof baut. Der Textilunternehmer Wolfgang Grupp ist aber zu wichtig für das 13.000-Seelen-Städtchen auf der Schwäbischen Alb, um offen über ihn zu lästern. Allein in Burladingen arbeiten 700 Menschen bei Trigema. Grupp lässt seine T-Shirts nur in Deutschland produzieren und haftet mit seinem Privatvermögen für die Firma. Damit ist er auch Sinnbild des eigenwillgen schwäbischen Unternehmers, der nicht viel vom Shareholder Value hält. Grupp ist Patriarch und Patriot – und posaunt das in jedes Mikro, das ihm von den Medien hingehalten wird. Bekannt wurde Trigema aber nicht nur durch Talkshow-Auftritte des Chefs, sondern auch durch die legendäre Werbung mit einem sprechenden Affen, der jahrelang immer kurz vor der Tagesschau die Vorzüge heimischer Produktion pries. Mark StöhrFlagge.jpg

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Apfelgrenze Schelle Se an sellere Schell, selle Schell schellt net, lautet ein beliebter Zungenbrecher, mit dem, wer ihn schnell und richtig spricht, beeindruckt. Das wird aber auch in Baden-Württemberg nicht jeder verstehen, denn das Land war nicht nur historisch ein buntscheckiger Fleckerlteppich (➝ Gründung), auch mundartlich ist man weit voneinander entfernt. Während in Südbaden das Alemannische dominiert, läuft die Zunge im Karlsruher Raum schon ins Fränkische; und in Heidelberg verläuft die „Apfelgrenze“: Im Süden der Stadt ist noch von breit gesprochenen „Äpfeln“ die Rede, im Norden sind es schon „Äppel“. Ulrike BaureithelFlagge_2.jpg

Badischer Liberalismus Eine Fehlannahme – trotz 57 Jahren CDU-Regierung – ist die Vorstellung, Baden-Württemberg sei ein tiefschwarzes Land. Das mag für Dörfer der schwäbischen Provinz gelten, in denen das pietistische Erbe weiterlebt. Aber das gilt nicht für den badischen Teil. Die Rheinebene, das milde Klima, die Nähe zu Frankreich – hier dachte man schon 1848 (➝ Gründung) liberaler als im Rest von Deutschland. Hier vertrat Ralf Dahrendorf Liberalismus, der mehr ist als die Forderung nach Steuersenkungen, als er 1968 mit Rudi Dutschke, auf einem Autodach sitzend, auf dem Freiburger Messplatz diskutierte.

Was die Schwaben mit ihrer Arbeitswut und ihrem Sauberkeitsfimmel dabei nie verstehen werden – dieser badische Liberalismus ist mehr als eine politische Überzeugung. Er ist eine Lebenshaltung, die in einem grundlegenden Entspanntsein wurzelt, das man auf der schwäbischen Alb so nie hinkriegen wird. Jan PfaffFlagge_2.jpg

Dagebliebene Von der Enge Freiburgs, die mich meine ganze Jugend lang gequält hatte, flüchtete ich nach Köln. Bei meinen Heimatbesuchen konnte ich es nicht lassen, den Freunden zu erzählen, dass in der Großstadt alles besser sei. Und klang nicht alles badisch Ausgesprochene wie ein Vorwurf an mich, die Weggeherin?

Nach fast zwanzig Jahren fuhr ich kürzlich erstmals mit einem Gefühl der Milde in die Heimat. Ich atmete die klare Luft, genoss den Anblick des Schwarzwalds, das langsamere Tempo der kleineren Stadt. Ich traf mich mit alten Freunden und sah, wie glücklich sie mit ihre Leben waren, wie ihnen die Beständigkeit über Jahre hinweg Sicherheit gegeben hatte. Erst seit ich nicht mehr von einem Ort zum nächsten vor mir selbst flüchte, verstehe ich, dass ebendies, was mich an Freiburg immer so störte, auch sein größter Vorteil ist. Maike HankFlagge_2.jpg

Gelbfüßler Die Schwaben haben nichts gegen Badenser. Nur glauben die das nie. Na ja, vielleicht können sie es auch nicht so leicht verstehen. Dafür muss man ein wenig clever sein. Und so sagen die Schwaben es immer wieder: Ihr seid Gelbfüßler! – Was bei Freiburgern und Grafenhausenern (➝ Zäpfle) als Beschimpfung ankommt, ist in Wahrheit ein Kosename. Er bedeutet: Ihr gehört zu uns. Bis ins 19. Jahrhundert hinein wurden Schwaben so geneckt – angeblich, weil sie ihrer Armut wegen barfuß liefen und ihre Füße sich so gelblich-braun färbten. Doch dann vergrößerte Napoleon Baden, verpasste der Armee dort gelbe Gamaschen und den Ortsansässigen das Gefühl einer eigenen Identität. So wurde „Gelbfüßler“ zum Lockruf jener Schwaben, die sich wünschen, dass sich ihre Landsleute am Rhein, im Schwarzwald und im Redaktionsbüro nebenan als das erkennen, was sie sind: kleine Geschwister. Steffen KraftFlagge.jpg

Gründung Die herbste Beleidigung, die einem Badener im deutschen „Ausland“ widerfahren kann, ist es, für einen Schwaben gehalten zu werden. Was häufig vorkommt. Denn dass die Grenze zwischen „Badischen“ und „Unsym-Badischen“ mitten durchs Ländle geht, ist auch über 50 Jahre nach der nicht ganz so freiwilligen Eheschließung von Baden und Württemberg eine in der Mentalität der beiden „Völker“ verankerte Tatsache. „Über Baden lacht die Sonne, über Schwaben die ganze Welt“, ist einer jener Witze, mit denen sich die einen gegenüber den anderen abgrenzen (➝ Gelbfüßler).

Dass das liberale Baden (➝ Badischer Liberalismus), das 1849 die Revolution noch zu einem glücklichen Ende bringen wollte, den Verrat übel nahm, als der König von Württemberg den preußischen Kartätschenprinzen durch sein Gebiet marschieren ließ und den Aufständischen damit den Dolchstoß versetzte, ist das eine. Andererseits waren auch immer reichlich Minderwertigkeitsgefühle im Spiel, denn die Badener fürchteten die Dominanz des größeren Landesteils. „Wir wollen keine Schwabenstreiche“, hieß es auf einem Plakat zur Volksabstimmung 1950. Für jede Beamtenstelle in Baden, fürchtete man, sei im neuen Südweststaat bereits ein schwäbisches Knäblein geboren. Das letzte Votum gegen die Zwangsvereinigung fand 1970 statt, aber da war die Zeit schon über die „gesamtbadische Lösung“ gegangen. Ganz verschwunden ist der Neid bis heute nicht – auch wenn gegen den Länderfinanzausgleich Badener und Württemberger Seit’ an Seit’ streiten: Zwischen allen Unterschieden gibt’s im Süden halt auch große Gemeinsamkeiten. Ulrike BaureithelFlagge_2.jpg

Jogi Löw ist bis heute Rekordtorschütze des SC Freiburg, bei dem er in den achtziger Jahren kickte. Zwei Jahrzehnte später brachte er der deutschen Kickerelite Systemfußball bei und etablierte sie auf Weltniveau. Nebenbei machte er Nivea für Männer und badischen Akzent hoffähig. Seinen Vertrag als Bundestrainer hat der bekennende Freiburger (➝ Dagebliebene) nun bis 2014 verlängert. Mark StöhrFlagge.jpg

Kreuzberg Berlin ist nicht nur Fluchtpunkt für nichtdeutsche Migranten: Unter den inländischen sind Baden-Württemberger in der Mehrheit. Der Zuzug begann in den siebziger Jahren, ausschlaggebend dafür waren die geistige Enge in der Heimat (➝ Dagebliebene) und die Flucht vor der Wehrpflicht. Bis heute ist er nicht abgebrochen. Schätzungen gehen von bis zu 200.000 Hauptstädtern aus, die ihre Wurzeln im Südwesten haben. Traditionelle Hochburg ist Kreuzberg, von dort wurden Schöneberg, Mitte, Prenzlauer Berg und Friedrichshain besiedelt. Überfremdung ist deswegen ein Thema: 2008 überrollte eine Welle von Schwabenhass Berlin. Inzwischen ist es umgekehrt: Die Berliner machen gegen die „Touristifizierung“ ihrer Stadt mobil. An vorderster Front: Spätzle-Berliner. Jörn KabischFlagge_3.jpg

Markenländle Vor über zehn Jahren bekam das Land Sachsen von einer Hamburger Werbeagentur einen Slogan angeboten. Die Sachsen lehnten ab. Einige Zeit später klebte derselbe Spruch auf den Imageplakaten von Baden-Württemberg: "Wir können alles. Außer Hochdeutsch." Er wurde rasch zum Hit und entpuppte sich als cleverer Schachzug der Süddeutschen, ihrer Außenwirkung als unlockere Wirtschaftsstreber einen selbstironischen Dreh zu geben. An der Sache änderte das gleichwohl nichts. Zwischen Meersburg und Mannheim wird weiterhin nicht geschwafelt, sondern „g’schafft“. Nirgendwo sonst in Deutschland werden so viele Patente angemeldet, nirgendwo sonst tummeln sich so viele Marken von Rang. Von BASF, Boss, Bosch und Daimler über Hohner, Maggi, Märklin, Ritter Sport und SAP bis zu Stihl, Steiff und Uhu. Das bereitet manch anderem Bundesland erhebliche Kopfschmerzen. Zum Glück gibt’s ja Aspirin. Übrigens eine Erfindung von Felix Hoffmann, einem Schwaben. Mark StöhrFlagge.jpg

Ssssch Sie wollten mir was Gutes tun, meine Kollegen von der Badischen Zeitung, und führten mich aus. Es war im Oktober 1998, ich hatte gerade als Praktikantin angefangen. Die Redakteure präsentierten mir das „beschte Wirtschhaus von Freiburg“. Natürlisssch. Es lag hoch in den Hügeln des Schwarzwalds, ein herrlicher Blick. Sie bestellten, seltsam pathetisch, „Viertele“ und „Schäufele“. Haha, und nein, ich wusste nicht, was mich da erwartete. Noch nie war ich länger im Westen gewesen, in Süddeutschland schon gar nicht. „Na dann, proscht!“, rief ein Kollege und nahm einen Schluck Weißwein. Dann verfinsterte sich sein Blick. „Wie isch dasch denn nun so“, wollte er wissen. Dasch? „So heimatlosch“. Was sollte ich sagen. Er wartete meine Antwort nicht ab und erzählte, wie „das“ für ihn so war, vor neun Jahren, am Brandenburger Tor. Der Wirt lauschte ein wenig. „Wasch, die Wende? Kenn isch ausch’m Fernsehen“, sagte er beiläufig und fragte mich, ob ich etwa aus Ost-Berlin komme. Als ich bejahte, strahlte er und drückte mir die Hand: „Grüsch Gott, Sie sind der erschte Oschi, den ich kenne!“ Maxi LeinkaufFlagge_3.jpg

Schwäb’sche Gründlichkeit Wann treibt man sich schon zwischen Freiburg und Stuttgart herum? Selten genug, sodass das Unbehagen Zeit brauchte, um zu wachsen. „Ja, so etwas funktioniert nur in Baden-Württemberg“, ordnete die Einheimische das Phänomen „Kehrwoche“ ein, die rituelle Treppenhausreinigung. Moment – schwang in der gespielten Verzweiflung übers zwanghafte Brauchtum nicht auch Stolz mit? „Ja, die schwäbische Gründlichkeit“, der „Fleiß im Ländle“ – so reden Baden-Württemberger tatsächlich über sich. Auch Linke sind geniert patriotisch, ihre Liebe zur Leistung wird nur durch den dünnen Firnis der Ironie kaschiert. Man glaubt offenbar, das Monopol auf Sekundärtugenden zu haben. Der Rest der Republik? Ein einziges Faultier. Es muss daran liegen, dass der Baden-Württemberger selten herauskommt aus seinem Ländle. Noch seltener, als andere sich dorthin verirren. Ulrike WinkelmannFlagge_3.jpg

Seitenbacher Müsli Wer denkt beim Frühstück schon gern an die Verdauungsprobleme anderer Leute? Noch dazu die irgendeines Kerls, schwäbisch ausgesprochen natürlich ein „Kerle“. Der Kerle hat nicht nur einen trägen Darm, sondern offensichtlich auch ein träges Hirn, weshalb ihm penetrant eingebläut werden muss, was dagegen hilft: „Saidabacher Müsli, woisch, des isch hald des Müsli von dem Saidabacher“.

Ein Bekannter hat mal gesagt, er stelle sich die Hölle wie eine Kinderriegel-Werbung in Endlosschleife vor. Hört man die Radio-Werbung von Seitenbacher, hat man Grund zur Annahme, dass Baden-Württemberg die Hölle auf Erden sein muss. Was dem Fernsehen der ➝ Affe von Trigema, ist dem Radio der Kerle von Seitenbacher: Ein Abschaltgarant, der insinuiert, dass man in Baden-Württemberg nicht nur kein Hochdeutsch kann, sondern auch keine Werbung – es sei denn, eine Hamburger Agentur macht den Job (➝ Markenländle). Christine KäppelerFlagge.jpg

Zäpfle Für jeden Badener, der Bier mag, kommt eigentlich nur eines in Frage: Tannenzäpfle (Rothaus-Pils in der 0,33-Liter-Flasche; die 0,5-Liter-Flaschen werden mit anderem Druck abgefüllt, was einen leicht anderen Geschmack zur Folge hat). In Grafenhausen im Schwarzwald füllt die „Badische Staatsbrauerei Rothaus“ dieses Bier ab, 1791 gegründet, geleitet von Wolfgang Schäubles Bruder Thomas, einer der seltenen Landesbetriebe, die tatsächlich Gewinne erzielen.

Das Etikett ziert eine Blondine in Schwarzwälder Tracht, die Zäpfle-Trinker nennen sie liebevoll Bier-git (Allemannisch: git=gibt). Die goldene Alu-Manschette am Flaschenhals soll an die badische Sonne erinnern, die hier bekanntlich öfter scheint als im Rest Deutschlands. Das biedere Etiketten-Design aus dem Jahre 1956 passt dabei wunderbar in die Retro- und Landlust-Welle, die in den vergangenen Jahren durch deutsche Großstädte schwappte. Das und die Heimatgefühle zahlloser Exil-Badener haben dafür gesorgt, dass man das Bier der kleinen Regionalbrauerei mittlerweile auch in Berlin und Hamburg in vielen Spätis kriegt. Mirijam ZastrowFlagge_2.jpg

Flagge_2.jpgAutor badischer Herkunft

Flagge.jpgAutor württembergischer Herkunft

Flagge_3.jpgRest von Deutschland

 
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Artikelaktionen
Kommentare
mcmac schrieb am 25.03.2011 um 12:00
S'isch supo!

Ha'ick wida watt Neuet dassujelernt uba meene Wahl(sic!)-Haimat.

Vielen Dank an die Sieben Schwaben vom Hegelplatz.

(Eine Frage: Sind Badener nicht eigentlich stocksauer, wenn man sie als Badensener bezeichnet?..)
Ehemaliger Nutzer schrieb am 25.03.2011 um 12:30
@mcmac

Eher so: Han I wierda ebbes Neies dozua glernt üba mai neie Wohlheimet.

Das wäre dann etwa östl. Nordschwarzwald. Ich bin zwar dort geboren, habe das aber nie wirklich so ausgeprägt gesprochen, aber oft gehört.
Steffen Kraft schrieb am 25.03.2011 um 12:52
@mcmac: Recht haben Sie! Oder eher: Recht hosch, Cleverle!
Jan Pfaff schrieb am 25.03.2011 um 13:18
@mcmac: Isch natürlich eine Frechheit, dass dieses A-Z von den Sieben Schwaben (!) vom Hegelplatz geschrieben worden sei. Die Mehrzahl der Autoren kommt aus Baden! Um Klarheit zu schaffen, haben wir die Herkunft der Autoren, wie in der Zeitung auch, nun mit kleinen Flaggen markiert.

Den "Badenser" habe ich dem schwäbischen Kollegen im Rahmen der Meinungsfreiheit gerade noch so durchgehen lassen ➝ Badischer Liberalismus
Ehemaliger Nutzer schrieb am 25.03.2011 um 13:24
"haben wir die Herkunft der Autoren [...] nun mit kleinen Flaggen markiert"

Wie liebreizend. ^^
Steffen Kraft schrieb am 25.03.2011 um 14:03
Jetzt hat er sich verraten, der Kollege vom Büro nebenan! Der würde sich so ei' A-Z nie traue', wenn er darüber net die Diskurshegemonie behalte' könnt.
mcmac schrieb am 26.03.2011 um 04:15
Kan' i' des no' saget od'r net?..

„Imma ma' schön locka bleim' von 'sie'm büs szehn inn Schpree-Athen' -det iss nu' ma' Oia Schicksal an den Hejelplats. (Ooch aba nüsch det Schleschteste, oda?)

-Nee, jut iss aba ooch, det Keule jesacht hatt, det det 'Dash' keen 'Dasch' iss', sondan n' Riesenschtück Wäsche, unn' dass det 'Dasch' keen 'Das' iss, wail Maike weeß, det Fraibuirg Maxi nie den Koof abschneidet, fürwatt man 'nn Balin Lainen früha hätte koofen können... Faschtehste?

Naja, macht ja nüscht.
Aba 't hülft.
Manschmal.

Icke bün schtolzs daruff, eene schwäbüsche Boulette jeworden zsu sein.
Die Zseiten und die Szeiten ändern süsch, oda?

Aba den Müggellsee famisse ick seha... (manschmahl)

Schüssikowski ers' ma'.“

Noa, i' soag's bessa net...
Ehemaliger Nutzer schrieb am 25.03.2011 um 12:35
Steffen Kraft schrieb am 25.03.2011 um 12:53
A nedde Sach!
Maike Hank schrieb am 25.03.2011 um 13:31
Jetzt muss ich aber trotz längst aus meinem aktiven Sprachgebraucht getilgten Schhhhhh eine Lanze dafür brechen: So wie von Kollegin Leinkauf lautmalerisch dargestellt verhält es sich nämlich gar nicht mit ebendiesem Schhhh, das von Außenstehenden offenbar niemals korrekt nachgemacht werden kann. (Ich blicke auf eine fast 20-jährige Vergangenheit fern der Heimat zurück, in der Menschen aus vielen Städten den badischen Dialekt zu imitieren versuchten).

Kein Badener würde je "Oschi" sagen, es bliebe beim "Ossi". Auch aus dem "Dasch" würde allenfalls ein "Des", das "Heimatlosch" bliebe ein "Heimatlos", das "Wasch" ein "Was", das "Isch" ein "Ich" ("Isch" heißt es hingegen, wenn "Ist" gemeint ist).

Des isch echt'n Kreuz midde Fischköpf.
(Die fingen bei uns damals übrigens schon ab Frankfurt an : )
j-ap schrieb am 25.03.2011 um 16:41
Liebe Frau Hank,

als eingewanderter Nordbadener habe ich die Erfahrung gemacht, daß man das »schhhh« durch jahrelange Praxis tatsächlich irgendwann einmal näherungsweise hinbekommen kann.

Was nachzuahmen allerdings wirklich völlig unmöglich und von vornherein aussichtslos ist, das ist die dazugehörige Sprachmelodie, das »badische Singen«.

Ich habe das jedenfalls nie geschafft.

Grüß'
Josef Allensteyn-Puch
Maike Hank schrieb am 25.03.2011 um 17:02
Lieber Herr Allensteyn-Puch,

anfangs erscheint es auch fast ebenso unmöglich, das Singen abzulegen, so man einmal Hochdeutsch lernen möchte : )

Mittlerweile bin ich akustisch aber keiner Gegend mehr zuzuordnen. Badisch spreche ich manchmal, wenn ich in der Heimat bin und nur mit sehr wenigen Menschen. Ich denke aber dann meist: Wer spricht da mit meiner Stimme und was hat von mir Besitz ergriffen?

Einer unserer Programmierer kommt ebenfalls aus Freiburg. Eines Morgens kam er ins Community-Büro, begrüßte alle mit "Guten Morgen", drehte sich anschließend zu mir um und sagte: "Salli!", um mich zu ärgern. Ein geradezu traumatisches Erlebnis, hatte ich diese Begrüßung gänzlich aus meiner Erinnerung getilgt, da ohnehin nie Teil meines aktiven Wortschatzes, und schon gar nicht gehörte sie in meine Berlin-Welt.
Mittlerweile sprechen wir aber ganz bewusst manchmal Badisch, um Daniel und Jan zu verstören : ) Interessanterweise gerät es dann immer viel extremer als ich es eigentlich daheim je sprach.
Generell bin ich aber ein Fan von gemäßigtem Hochdeutsch.
j-ap schrieb am 25.03.2011 um 17:49
Gemäßigtes Standarddeutsch? Damit bin ich sehr einverstanden, Frau Hank.

Ich habe vor Jahren versucht, Sprachunterricht zu nehmen, um mir meinen — wie ich fand sehr hörbaren — bairischen Akzent abzugewöhnen.

Ich ging dann also zum Unterricht und sprach vor, woraufhin man mir dringend davon abriet, irgendetwas an meiner Aussprache zu ändern, da ich, wie man mich wissen ließ, zu denen gehöre, die geradezu klassisches Burghteaterdeutsch sprechen.

Und also habe ich mich damit abgefunden. Es gibt ja auch Schlimmeres als so zu reden wie mein Namensvetter Josef Meinrad. ;-)

Um aber mal themenbezogen zu lobhudeln: Ich schätze an Baden ganz besonders die hier allgemein praktizierte Fairneß, die selbstverständlich etwas mit dem historischen Liberalismus und mit dem »Lebenlassen« zu tun hat, von dem Achtermann unten schreibt, und die den gesellschaftlichen Verkehr doch ungemein erleichtert.

Dafür, liebe Badener, möchte ich euch an dieser Stelle einmal ganz ausdrücklich danken.
thinktankgirl schrieb am 25.03.2011 um 17:55
Wenn ich das richtig verstanden habe, ist Maike aus Freiburg, also Südbaden. Das Südbadische, da alemannisch, hat nichts mit dem Nordbadischen, südfränkisch (?), zu tun,
Heidelberg ist wie Schwetzingen kurpfälzisch und dürfte daher zur rheinfränkischen Dialektgruppe gehören.
Und in Mannheim haben irgendwelche Aliens ihre Spuren hinterlassen.
thinktankgirl schrieb am 25.03.2011 um 18:19
Hätte ich den Artikel gelesen, wäre mir Arbeit erspart geblieben ;-)
Achtermann schrieb am 25.03.2011 um 19:52
@ j-ap

Dafür, liebe Badener, möchte ich euch an dieser Stelle einmal ganz ausdrücklich danken.

Vielen Dank für das Kompliment. Mittlerweile lebe ich auf Pfälzer Boden unterhalb des Hambacher Schlosses. Die Nordbadener von Schwetzingen bis Heidelberg haben mich (re)sozialisiert, weil ich dort die meiste Zeit meines Lebens verbrachte.
Frank Powers schrieb am 26.03.2011 um 00:03
Haja, alles nördlich vom Main is Fischkoppländle. So isch's.
Maxi Leinkauf schrieb am 31.03.2011 um 13:58
Liebe Maike,

esch isch nunmal, wasch esch isch...
Maike Hank schrieb am 31.03.2011 um 15:03
Als frankfreichaffine Frau kennst du ja gewiss den Film Willkommen bei den Sch'tis.

Liebe Grüße,
Maike
Maxi Leinkauf schrieb am 31.03.2011 um 15:23
Bienssscchüürr!!
Achtermann schrieb am 25.03.2011 um 17:07
@Mark Stöhr

Zwischen Meersburg und Mannheim wird weiterhin nicht geschwafelt, sondern „g’schafft“. Nirgendwo sonst in Deutschland werden so viele Patente angemeldet, nirgendwo sonst tummeln sich so viele Marken von Rang. Von BASF, Boss, Bosch und Daimler über Hohner, Maggi, Märklin, Ritter Sport und SAP bis zu Stihl, Steiff und Uhu.

Hier hat ein Württemberger geschrieben. Ein Badener wüsste, dass die BASF zwar in 1865 Mannheim gegründet wurde, jedoch schon eine Woche später über den Rhein umsiedelte, um, auch das gab es damals schon, Subventionen abzugreifen. Subventionen, die der bayrische König, der damals in der Pfalz herrschte, auszahlte. Seit dieser Zeit ist die Spannung zwischen den Ludwigshafenern (Rheinland-Pfalz) und den Mannheimern (Baden) nie ganz verflogen, zeigen doch Jahr für Jahr die durch die Badische Anilin- und Sodafabrik zu verantwortenden staatlichen Steuereinnahmen, was in Mannheim vom Stadtsäckel alles hätte investiert werden können. Versöhnlich stimmt jedoch, dass sich beide Regionen links und rechts des Rheins zu den Kurpfälzern (ein historisch gewachsenes Gebiet) zählen und sich emotional und sprachlich sehr nahe sind. Die Schwaben haben von dieser Mentalität des Lebenlassens nichts begriffen.
thinktankgirl schrieb am 25.03.2011 um 18:05
In Karlsruh’ ist die Residenz,
in Mannheim die Fabrik.
In Rastatt ist die Festung
(in Rothaus ist die Brauerei)
und das ist Badens Glück.
Steffen Kraft schrieb am 25.03.2011 um 18:13
"Die Schwaben haben von dieser Mentalität des Lebenlassens nichts begriffen"

Wenn Sie das noch mal schreiben, setze ich Killerspätzle auf euch an.
Achtermann schrieb am 25.03.2011 um 19:40
@Steffen Kraft

Hier ist der Neckarbriggeblues, gesungen von Erna Strube, die aus Mannheim stammend sich Joy Flemmimg nennt. Sie singt im Dialekt der Kurpfälzer, den die Schwaben wahrscheinlich gar nicht verstehen. Auch der Inhalt ist ein typisch badischer. Eine solche Einstellung zum Gatten, wie sie hier besungen wird, ist im Schwäbischen nicht zu finden. Und, den Blues, den hat man in Mannheim, nicht jedoch in Stuttgart.

colibri101 schrieb am 25.03.2011 um 23:30
Noch nie was vom Hafer- und Banananen-Blues gehört? www.youtube.com/watch?v=MYEB7cEH0u8
mcmac schrieb am 26.03.2011 um 04:55
Noch so'n Blueser...(hat mal in Stuttgart wohnen müssen; damals):
mcmac schrieb am 26.03.2011 um 05:09
Ha noi, baide dot; der Erschte war deh' Erschte: 22. Juli 1996. Un' denn' dea: an' 20. Auguscht.
S' isch noi/ned guat, oo' h?
colibri101 schrieb am 25.03.2011 um 23:38
Wenn man hier Artikel und Kommentare durchgelesen hat, dann ist eigentlich schnell klar, welche Seite auch heute noch sehr unentspannt ständig am Giften gegen die andere Seite ist. Als Schwabe, der viele Jahre im Badischen verbracht hat, muss ich leider sagen, diese Giftigkeit, die einem im Badischen tagtäglich begegnen kann hat keine Entsprechung auf der anderen Seite.
Achtermann schrieb am 26.03.2011 um 08:05
@ colibri101

Als Schwabe, der viele Jahre im Badischen verbracht hat, muss ich leider sagen, diese Giftigkeit, die einem im Badischen tagtäglich begegnen kann hat keine Entsprechung auf der anderen Seite.

Die Badener versuchten 1848 eine Revolution. Sie sind radikaldemokratisch und sozialistisch geprägt, u.a. durch Friedrich Hecker und Gustav Struve. Oder Schiller: Sein Stück "Die Räuber" konnte nur im badischen Mannheim uraufgeführt werden. Schiller musste aus Stuttgart fliehen. Es gibt viele historische Gründe, weshalb die Badener sich gegen die Schwaben verteidigen müssen. Und so ist das eben: Die Schwaben nennen das Giftigkeit und winken abschätzig aus ihrem Daimler.
Maike Hank schrieb am 26.03.2011 um 09:13
Lieber colibri,

ich verrate Ihnen was: alles nur aufgesetzt.
("Spässle g'macht" sozusagen : )
Dieser Disput ist ungefähr so langweilig wie der zwischen Köln und Düsseldorf (ich habe, nachdem ich aus Freiburg fortzog viele Jahre in beiden Städten gewohnt).

Viele Grüße
Maike Hank
KalleWirsch schrieb am 26.03.2011 um 09:59
"Dieser Disput ist ungefähr so langweilig wie der zwischen Köln und Düsseldorf"

Die Wahrheit ist meistens langweilig. Düsseldorf ist nun mal die Zentrale des Bösen. Die dunkle Seite der Macht sie ist.
Sarah Rudolph schrieb am 26.03.2011 um 15:53
Wie bitte, in beiden Städten? Verräterin!!
colibri101 schrieb am 27.03.2011 um 22:04
Zum Thema historisch: Die Uraufführung von Schillers Räuber fand 1782 im kurpfälzischen Mannheim statt. Zu Baden kam Mannheim 1803 als Kriegsbeute in den napoleonischen Kriegen.
Knüppel schrieb am 28.03.2011 um 19:37
@KalleWirsch

Leider erst heute entdeckt, Deinen Kommentar:

"(...) Düsseldorf ist nun mal die Zentrale des Bösen. Die dunkle Seite der Macht sie ist ..."

Wie recht Du hast!

Beste Grüße aus Düsseldorf :-)
Knüppel
KalleWirsch schrieb am 28.03.2011 um 19:53
Püttrologische Grüße zurück
Frank Powers schrieb am 25.03.2011 um 23:59
Eins muss ich ehrlich sagen: Man merkt sofort, welche Teile des Artikels von Neigschmeckten verfasst worre sin, denn Schwäbisch oder Badensisch, na, des könnet se net. Es klingt scho arg bemüht, grad des "Oschi" von der Maxi - des sagt koi Mensch, und grad koi Baden(s)er...

Sonst eine sehr schöne Zusammenstellung von Baden-Württembergischen Eigenheiten, auch für einen Exil-Schwaben, der in beiden Teilen des "Ländle" gelebt hat. Bleibt nur zu hoffen, dass die Daheimgebliebenen am Sonntag endlich über ihren Schatten springen (können)...
Ehemaliger Nutzer schrieb am 26.03.2011 um 09:52
Schelle se an sellere Schell...

da gibt's aber schwierigere:

Dr Papst hot 's Speckspätzle-Bschteck z'spät b'schtellt

:-)
Ehemaliger Nutzer schrieb am 26.03.2011 um 10:10
Liebe Schwaben, liebe Badener, die Höchststrafe in Baden-Württemberg ist jedoch ein Mischling. Mein Vater stammt aus dem Hotzenwald, meine Mutter aus dem oberschwäbischen Weingarten. Von 1-6 Jahren lebte ich in Weingarten, von 6-18 Jahren in Singen/Htwl. Daraus entstand ein dialektischer Mischmasch, der mich in Singen als "Schwob" und in Weingarten als "Gelbfüssler" diskreditierte. Nun bin ich seit 40 Jahren mit einer Gogin aus Tübingen verheiratet mit dem Erfolg, dass mein Dialekt vollends versaut ist. Ich lebe seit ewigen Zeiten in Frankreich. Wenn ich Glück habe, wird mein französisch einem gebürtigen Schweizer zugerechnet, wenn ich Pech habe, werde ich für einen Belgier gehalten und bin sofort unten durch. Des Lebe isch scho schwer, wemmer net woiss, wiea oder was, gell ? Mir isch's etz aber gliech, Waigarte oder Singe, auf jede Fall bin i en Alemanne!

Herzliche Grüsse
Monsieur Rainer
Ulrike Baureithel schrieb am 26.03.2011 um 20:59
Dann darf ich ja wenigstens den Hotzenwälder Spruch, den mir meine Kollegen (u.a.) rausredigiert haben, hier anbringen: "Alle riko, frasse!" Na? Verstanden?
Achtermann schrieb am 27.03.2011 um 13:44
@ Ulrike Baureithel

"Alle riko, frasse!"

Ich hab' mal meine aus Südbaden (um Breisach) stammende Gattin gefragt. Sie siedelte diese Art des Sprechens südlich von Freiburg an und meinte es würde bedeuten: "Alle reinkommen, essen!" Man könnte "frasse" auch mit "fressen" übersetzen. Das hängt wohl eher von den Manieren ab. Oder heißt es doch etwas völlig anderes?
Ulrike Baureithel schrieb am 28.03.2011 um 00:01
Oh, lieber achtermann, klasse, es hat jemand verstanden. Genau so ist es! Kolportiert hat das in meiner kindheit immer meine mutter. Nee, so derb, wie es klingt ist es nicht.
Und, freut ihr euch über die Abwahl?
Jan Pfaff schrieb am 28.03.2011 um 11:16
CDU abgewählt, ein grüner Ministerpräsident - dass ich das noch erleben darf!
Ulrike Baureithel schrieb am 26.03.2011 um 21:03
Ansonsten bleibt zu dieser Diskussion hier nur zu vermerken, dass sich wieder einmal bestätigt, dass Verwandtes sich voneinander abgrenzen muss... (aber das mit dem badischen Zischlaut stimmt noch immer nicht; immerhin sind wir prädestiniert, gut Portugiesisch zu lernen: Trasch osch Montesch...)
Aija schrieb am 27.03.2011 um 23:51
Auah, des dud wee!
Das mit dem Dialekt kann ich als "Badenserin" nicht so stehen lassen.... Also: In Karlsruhe spricht man nicht beinahe fränkisch (Franken liegt in Bayern), sondern pfälzisch.
Und das mit dem ssscchhh kenn ich so auch nicht (wir sagen nicht heimatlosch...), eher schon das "le" hinter allem (z.B. Plätzle, Deckle, Weckle...).
Lieben Gruss aus dem Dreiländereck.
Ulrike Baureithel schrieb am 28.03.2011 um 00:13
Um es ganz genau zu sagen: Es klingt ein bisschen südpfälzisch (die Karlsruher würden auf die Barrikaden gehen, wenn sie das läsen), aber sprachgeschichtlich gehört der Raum zwischen Rhein, Nagold und dem auslaufenden Neckar zum Südfrankischen, hinter Heilbronn/Mosbach, also im Hohenloher Land beginnt das Ostfränkische (hat nur bedingt mit den heutigen regionalen Bezeichnungen zu tun).
Ehemaliger Nutzer schrieb am 28.03.2011 um 09:39
Her, bisch vu Karlsruh, her? Her, hosch Bri g'hat, her? Na liebe Karlsruherin, das können Sie doch sicher übersetzen.

Herzliche Grüsse
Monsieur Rainer
Achtermann schrieb am 28.03.2011 um 15:01
@ Monsieur Rainer

Her, hosch Bri g'hat, her?

Ich bin zwar nicht aus Karlsruhe, habe aber mal einige Zeit nördlich dieser Stadt gearbeitet. Ich würde vermuten, da wird jemand gefragt, ob er betrunken gewesen sei.


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