Kultur : A-Z Baden-Württemberg

Am Sonntag wird in Baden-Württemberg gewählt. Grund genug, sich einmal abseits von Stuttgart 21 dem Südwesten der Republik zu widmen – von A wie Affe bis Z wie Zäpfle

Zum Kommentar-Bereich

Affe

In Burladingen wird nur hinter vorgehaltener Hand über den „König“ gelästert. Weil er mit seiner Frau, einer Baronesse, in einer Villa mit Pool und schottischem Butler residiert. Oder weil er sich im Ort einen Privatfriedhof baut. Der Textilunternehmer Wolfgang Grupp ist aber zu wichtig für das 13.000-Seelen-Städtchen auf der Schwäbischen Alb, um offen über ihn zu lästern. Allein in Burladingen arbeiten 700 Menschen bei Trigema. Grupp lässt seine T-Shirts nur in Deutschland produzieren und haftet mit seinem Privatvermögen für die Firma. Damit ist er auch Sinnbild des eigenwillgen schwäbischen Unternehmers, der nicht viel vom Shareholder Value hält. Grupp ist Patriarch und Patriot – und posaunt das in jedes Mikro, das ihm von den Medien hingehalten wird. Bekannt wurde Trigema aber nicht nur durch Talkshow-Auftritte des Chefs, sondern auch durch die legendäre Werbung mit einem sprechenden Affen, der jahrelang immer kurz vor der Tagesschau die Vorzüge heimischer Produktion pries. Mark Stöhr

Apfelgrenze

Schelle Se an sellere Schell, selle Schell schellt net, lautet ein beliebter Zungenbrecher, mit dem, wer ihn schnell und richtig spricht, beeindruckt. Das wird aber auch in Baden-Württemberg nicht jeder verstehen, denn das Land war nicht nur historisch ein buntscheckiger Fleckerlteppich (➝ Gründung), auch mundartlich ist man weit voneinander entfernt. Während in Südbaden das Alemannische dominiert, läuft die Zunge im Karlsruher Raum schon ins Fränkische; und in Heidelberg verläuft die „Apfelgrenze“: Im Süden der Stadt ist noch von breit gesprochenen „Äpfeln“ die Rede, im Norden sind es schon „Äppel“. Ulrike Baureithel

Badischer Liberalismus

Eine Fehlannahme – trotz 57 Jahren CDU-Regierung – ist die Vorstellung, Baden-Württemberg sei ein tiefschwarzes Land. Das mag für Dörfer der schwäbischen Provinz gelten, in denen das pietistische Erbe weiterlebt. Aber das gilt nicht für den badischen Teil. Die Rheinebene, das milde Klima, die Nähe zu Frankreich – hier dachte man schon 1848 (➝ Gründung) liberaler als im Rest von Deutschland. Hier vertrat Ralf Dahrendorf Liberalismus, der mehr ist als die Forderung nach Steuersenkungen, als er 1968 mit Rudi Dutschke, auf einem Autodach sitzend, auf dem Freiburger Messplatz diskutierte.

Was die Schwaben mit ihrer Arbeitswut und ihrem Sauberkeitsfimmel dabei nie verstehen werden – dieser badische Liberalismus ist mehr als eine politische Überzeugung. Er ist eine Lebenshaltung, die in einem grundlegenden Entspanntsein wurzelt, das man auf der schwäbischen Alb so nie hinkriegen wird. Jan Pfaff

Dagebliebene

Von der Enge Freiburgs, die mich meine ganze Jugend lang gequält hatte, flüchtete ich nach Köln. Bei meinen Heimatbesuchen konnte ich es nicht lassen, den Freunden zu erzählen, dass in der Großstadt alles besser sei. Und klang nicht alles badisch Ausgesprochene wie ein Vorwurf an mich, die Weggeherin?

Nach fast zwanzig Jahren fuhr ich kürzlich erstmals mit einem Gefühl der Milde in die Heimat. Ich atmete die klare Luft, genoss den Anblick des Schwarzwalds, das langsamere Tempo der kleineren Stadt. Ich traf mich mit alten Freunden und sah, wie glücklich sie mit ihre Leben waren, wie ihnen die Beständigkeit über Jahre hinweg Sicherheit gegeben hatte. Erst seit ich nicht mehr von einem Ort zum nächsten vor mir selbst flüchte, verstehe ich, dass ebendies, was mich an Freiburg immer so störte, auch sein größter Vorteil ist. Maike Hank

Gelbfüßler

Die Schwaben haben nichts gegen Badenser. Nur glauben die das nie. Na ja, vielleicht können sie es auch nicht so leicht verstehen. Dafür muss man ein wenig clever sein. Und so sagen die Schwaben es immer wieder: Ihr seid Gelbfüßler! – Was bei Freiburgern und Grafenhausenern (➝ Zäpfle) als Beschimpfung ankommt, ist in Wahrheit ein Kosename. Er bedeutet: Ihr gehört zu uns. Bis ins 19. Jahrhundert hinein wurden Schwaben so geneckt – angeblich, weil sie ihrer Armut wegen barfuß liefen und ihre Füße sich so gelblich-braun färbten. Doch dann vergrößerte Napoleon Baden, verpasste der Armee dort gelbe Gamaschen und den Ortsansässigen das Gefühl einer eigenen Identität. So wurde „Gelbfüßler“ zum Lockruf jener Schwaben, die sich wünschen, dass sich ihre Landsleute am Rhein, im Schwarzwald und im Redaktionsbüro nebenan als das erkennen, was sie sind: kleine Geschwister. Steffen Kraft

Gründung

Die herbste Beleidigung, die einem Badener im deutschen „Ausland“ widerfahren kann, ist es, für einen Schwaben gehalten zu werden. Was häufig vorkommt. Denn dass die Grenze zwischen „Badischen“ und „Unsym-Badischen“ mitten durchs Ländle geht, ist auch über 50 Jahre nach der nicht ganz so freiwilligen Eheschließung von Baden und Württemberg eine in der Mentalität der beiden „Völker“ verankerte Tatsache. „Über Baden lacht die Sonne, über Schwaben die ganze Welt“, ist einer jener Witze, mit denen sich die einen gegenüber den anderen abgrenzen (➝ Gelbfüßler).

Dass das liberale Baden (➝ Badischer Liberalismus), das 1849 die Revolution noch zu einem glücklichen Ende bringen wollte, den Verrat übel nahm, als der König von Württemberg den preußischen Kartätschenprinzen durch sein Gebiet marschieren ließ und den Aufständischen damit den Dolchstoß versetzte, ist das eine. Andererseits waren auch immer reichlich Minderwertigkeitsgefühle im Spiel, denn die Badener fürchteten die Dominanz des größeren Landesteils. „Wir wollen keine Schwabenstreiche“, hieß es auf einem Plakat zur Volksabstimmung 1950. Für jede Beamtenstelle in Baden, fürchtete man, sei im neuen Südweststaat bereits ein schwäbisches Knäblein geboren. Das letzte Votum gegen die Zwangsvereinigung fand 1970 statt, aber da war die Zeit schon über die „gesamtbadische Lösung“ gegangen. Ganz verschwunden ist der Neid bis heute nicht – auch wenn gegen den Länderfinanzausgleich Badener und Württemberger Seit’ an Seit’ streiten: Zwischen allen Unterschieden gibt’s im Süden halt auch große Gemeinsamkeiten. Ulrike Baureithel

Jogi Löw

ist bis heute Rekordtorschütze des SC Freiburg, bei dem er in den achtziger Jahren kickte. Zwei Jahrzehnte später brachte er der deutschen Kickerelite Systemfußball bei und etablierte sie auf Weltniveau. Nebenbei machte er Nivea für Männer und badischen Akzent hoffähig. Seinen Vertrag als Bundestrainer hat der bekennende Freiburger (➝ Dagebliebene) nun bis 2014 verlängert. Mark Stöhr

Kreuzberg

Berlin ist nicht nur Fluchtpunkt für nichtdeutsche Migranten: Unter den inländischen sind Baden-Württemberger in der Mehrheit. Der Zuzug begann in den siebziger Jahren, ausschlaggebend dafür waren die geistige Enge in der Heimat (➝ Dagebliebene) und die Flucht vor der Wehrpflicht. Bis heute ist er nicht abgebrochen. Schätzungen gehen von bis zu 200.000 Hauptstädtern aus, die ihre Wurzeln im Südwesten haben. Traditionelle Hochburg ist Kreuzberg, von dort wurden Schöneberg, Mitte, Prenzlauer Berg und Friedrichshain besiedelt. Überfremdung ist deswegen ein Thema: 2008 überrollte eine Welle von Schwabenhass Berlin. Inzwischen ist es umgekehrt: Die Berliner machen gegen die „Touristifizierung“ ihrer Stadt mobil. An vorderster Front: Spätzle-Berliner. Jörn Kabisch

Markenländle

Vor über zehn Jahren bekam das Land Sachsen von einer Hamburger Werbeagentur einen Slogan angeboten. Die Sachsen lehnten ab. Einige Zeit später klebte derselbe Spruch auf den Imageplakaten von Baden-Württemberg: "Wir können alles. Außer Hochdeutsch." Er wurde rasch zum Hit und entpuppte sich als cleverer Schachzug der Süddeutschen, ihrer Außenwirkung als unlockere Wirtschaftsstreber einen selbstironischen Dreh zu geben. An der Sache änderte das gleichwohl nichts. Zwischen Meersburg und Mannheim wird weiterhin nicht geschwafelt, sondern „g’schafft“. Nirgendwo sonst in Deutschland werden so viele Patente angemeldet, nirgendwo sonst tummeln sich so viele Marken von Rang. Von BASF, Boss, Bosch und Daimler über Hohner, Maggi, Märklin, Ritter Sport und SAP bis zu Stihl, Steiff und Uhu. Das bereitet manch anderem Bundesland erhebliche Kopfschmerzen. Zum Glück gibt’s ja Aspirin. Übrigens eine Erfindung von Felix Hoffmann, einem Schwaben. Mark Stöhr

Ssssch

Sie wollten mir was Gutes tun, meine Kollegen von der Badischen Zeitung, und führten mich aus. Es war im Oktober 1998, ich hatte gerade als Praktikantin angefangen. Die Redakteure präsentierten mir das „beschte Wirtschhaus von Freiburg“. Natürlisssch. Es lag hoch in den Hügeln des Schwarzwalds, ein herrlicher Blick. Sie bestellten, seltsam pathetisch, „Viertele“ und „Schäufele“. Haha, und nein, ich wusste nicht, was mich da erwartete. Noch nie war ich länger im Westen gewesen, in Süddeutschland schon gar nicht. „Na dann, proscht!“, rief ein Kollege und nahm einen Schluck Weißwein. Dann verfinsterte sich sein Blick. „Wie isch dasch denn nun so“, wollte er wissen. Dasch? „So heimatlosch“. Was sollte ich sagen. Er wartete meine Antwort nicht ab und erzählte, wie „das“ für ihn so war, vor neun Jahren, am Brandenburger Tor. Der Wirt lauschte ein wenig. „Wasch, die Wende? Kenn isch ausch’m Fernsehen“, sagte er beiläufig und fragte mich, ob ich etwa aus Ost-Berlin komme. Als ich bejahte, strahlte er und drückte mir die Hand: „Grüsch Gott, Sie sind der erschte Oschi, den ich kenne!“ Maxi Leinkauf

Schwäb’sche Gründlichkeit

Wann treibt man sich schon zwischen Freiburg und Stuttgart herum? Selten genug, sodass das Unbehagen Zeit brauchte, um zu wachsen. „Ja, so etwas funktioniert nur in Baden-Württemberg“, ordnete die Einheimische das Phänomen „Kehrwoche“ ein, die rituelle Treppenhausreinigung. Moment – schwang in der gespielten Verzweiflung übers zwanghafte Brauchtum nicht auch Stolz mit? „Ja, die schwäbische Gründlichkeit“, der „Fleiß im Ländle“ – so reden Baden-Württemberger tatsächlich über sich. Auch Linke sind geniert patriotisch, ihre Liebe zur Leistung wird nur durch den dünnen Firnis der Ironie kaschiert. Man glaubt offenbar, das Monopol auf Sekundärtugenden zu haben. Der Rest der Republik? Ein einziges Faultier. Es muss daran liegen, dass der Baden-Württemberger selten herauskommt aus seinem Ländle. Noch seltener, als andere sich dorthin verirren. Ulrike Winkelmann

Seitenbacher Müsli

Wer denkt beim Frühstück schon gern an die Verdauungsprobleme anderer Leute? Noch dazu die irgendeines Kerls, schwäbisch ausgesprochen natürlich ein „Kerle“. Der Kerle hat nicht nur einen trägen Darm, sondern offensichtlich auch ein träges Hirn, weshalb ihm penetrant eingebläut werden muss, was dagegen hilft: „Saidabacher Müsli, woisch, des isch hald des Müsli von dem Saidabacher“.

Ein Bekannter hat mal gesagt, er stelle sich die Hölle wie eine Kinderriegel-Werbung in Endlosschleife vor. Hört man die Radio-Werbung von Seitenbacher, hat man Grund zur Annahme, dass Baden-Württemberg die Hölle auf Erden sein muss. Was dem Fernsehen der ➝ Affe von Trigema, ist dem Radio der Kerle von Seitenbacher: Ein Abschaltgarant, der insinuiert, dass man in Baden-Württemberg nicht nur kein Hochdeutsch kann, sondern auch keine Werbung – es sei denn, eine Hamburger Agentur macht den Job (➝ Markenländle). Christine KäppelerZäpfle

Für jeden Badener, der Bier mag, kommt eigentlich nur eines in Frage: Tannenzäpfle (Rothaus-Pils in der 0,33-Liter-Flasche; die 0,5-Liter-Flaschen werden mit anderem Druck abgefüllt, was einen leicht anderen Geschmack zur Folge hat). In Grafenhausen im Schwarzwald füllt die „Badische Staatsbrauerei Rothaus“ dieses Bier ab, 1791 gegründet, geleitet von Wolfgang Schäubles Bruder Thomas, einer der seltenen Landesbetriebe, die tatsächlich Gewinne erzielen.

Das Etikett ziert eine Blondine in Schwarzwälder Tracht, die Zäpfle-Trinker nennen sie liebevoll Bier-git (Allemannisch: git=gibt). Die goldene Alu-Manschette am Flaschenhals soll an die badische Sonne erinnern, die hier bekanntlich öfter scheint als im Rest Deutschlands. Das biedere Etiketten-Design aus dem Jahre 1956 passt dabei wunderbar in die Retro- und Landlust-Welle, die in den vergangenen Jahren durch deutsche Großstädte schwappte. Das und die Heimatgefühle zahlloser Exil-Badener haben dafür gesorgt, dass man das Bier der kleinen Regionalbauerei mittlerweile auch in Berlin und Hamburg in vielen Spätis kriegt. Mirijam Zastrow

Autor württembergischer Herkunft

Rest von Deutschland