Alltag

Fotoserie | 01.05.2011 10:00 | Wojtek Sasiela

Die Polen kommen. Und bleiben

Ab Mai können Bürger aus osteuropäischen EU-Staaten in Deutschland ohne Beschränkungen arbeiten. Großbritannien ist für Polen längst ein beliebtes Einwanderungsland

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Vier Männer, vier Migrationsgeschichtenn (alle Fotos in dieser Galerie: Wojtek Sasiela)

In den vergangen sechzig Jahren gab es drei große Ströme polnischer Einwanderung nach Großbritannien: Nach dem Zweiten Weltkrieg kamen vor allem polnische Soldaten und ihre Familien. Der zweite Schub fand dann in der hoffnungslosesten Zeit des Kommunismus (1981-1983) statt. Als mit der Eingliederung Polens in die EU die Grenzen fielen, folgte der dritte Schub. Die meisten Alt-EU-Staaten handelten temporäre Beschränkungen bei der Arbeitnehmerfreizügigkeit (Deutschland bis zum Mai 2011) aus, aber Schweden, Irland und Großbritannien öffneten ihre Arbeitsmärkte bereits 2004 komplett.

Anders als die ersten zwei Ströme ist die heutige polnische Einwanderung nach Großbritannien nicht politisch motiviert, sondern hat nur wirtschaftliche Gründe. Das unterscheidet auch die Einwanderergenerationen: Da sie nicht in ihr Land zurückzukehren konnten, waren die polnischen Emigranten früher gezwungen, im Ausland ihre eigene kleine Heimat zu erschaffen. Die meisten waren Soldaten, Regierungsmitglieder und politische Aktivisten. Sie begannen polnische Institutionen aufzubauen. So und durch das Fortführen von Traditionen im Privaten wurde das nationale Erbe lebendig gehalten.

Heute dauert die Reise aus Großbritannien nach Polen mit dem Flugzeug ungefähr drei Stunden. Für viele Polen ist das Auswandern mittlerweile eher ein temporäres Abenteuer. Deshalb legen sie heute eher eine kosmopolitische als eine patriotische Haltung an den Tag. Sie haben nicht das Bedürfnis, ihre polnische Identität zu betonen. Vielmehr versuchen sie, sich in ihrem Gastland zu integrieren.

Ich selbst bin Teil dieses dritten Migrationsschubs. Ich habe im polnischen Rzeszow mit dem Studium begonnen, ging dann aber nach Manchester und machte dort an der Metropolitan University 2009 meinen Abschluss in Fotografie. Seitdem arbeite ich in Großbritannien.

Die Bilder von polnischen Einwanderern und ihren Einrichtungen, die hier zu sehen sind, zeigen deshalb etwas mir persönlich sehr Vertrautes. Sie entstanden in polnischen Communities in Manchester und Umgebung. Ursprünglich stand die Absicht dahinter, einfach meine Landsleute zu porträtieren, aber bei meinen Besuchen stellte ich fest, dass auch die von ihnen gestalteten Einrichtungen etwas erzählten.

Zunächst hatte ich auch nur die Absicht, die Leute zu fotografieren, die das Land vor ein paar Jahren verlassen haben. Die meisten waren einfach neugierig auf die Welt da draußen und wollten gutes Geld verdienen. Dann wurde mir aber klar, dass in meiner nächsten Umgebung auch Landsleute leben, die Polen zu ganz verschiedenen Zeiten und aus den verschiedensten Gründen verlassen haben.

Meine Recherche begann ich bei Daniel. Er verließ Polen vor einigen Jahren, als er 22 war und im dritten Jahr Russisch studierte. Sein Plan damals: ein wenig Geld verdienen und dann zurückkehren. Nach ein paar Monaten wurde ihm aber klar, dass ihm das Leben in Großbritannien mehr Möglichkeiten bot. Heute studiert er in Manchester BWL.

Auch Ryszard ist ein Auswanderer der Nach-1989-Zeit. Er verlor bei Rationalisierungsmaßnahmen seinen Job bei der polnischen Eisenbahn. Vor ein paar Jahren starb seine Frau, sein Sohn ist erwachsen und hat sein eigenes Leben. Es gab nichts, was ihn in Polen hielt. Heute lebt Ryszard mit anderen älteren Männern in einem Wohnheim in Manchester.

Schwester Izabela arbeitet als Pflegerin nur für ein paar Monate in einem polnischen Pflegeheim. Sie sagt, sie wolle nach dem Ende ihres befristeten Jobs auf jeden Fall zurückgehen. Und Maria lebt am längsten in England. Sie diente in der polnischen Armee. Nach dem Krieg musste sie Polen wegen kommunistischer Repressionen verlassen. Nachdem sie nun so lange im Ausland gelebt hat, verspürt sie kein Bedürfnis mehr, nach Polen zurückzukehren. Nichts verbindet sie mehr mit dem Land und seinen Menschen.

Übersetzung: Zilla Hofman
 
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Artikelaktionen
Kommentare
s.maier75 schrieb am 02.05.2011 um 12:03
Ich finde jetzt, wo jeder zum Arbeiten nach Deutschland kommen kann, brauchen wir endlich einen flächendeckenden Mindestlohn. Ich bin ja mal auf die Diskussion heute Abend gespannt, ob Herr Ernst sich gegen Frau Ostermann von der Union durchsetzen kann: on.fb.me/gnPIns
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