Alltag

Schrumpfung | 21.05.2011 08:00 | Mandy Buchholz

Dageblieben!

Karow in Sachsen-Anhalt war mal ein blühendes Dorf. Unsere Fotografin ist dort groß geworden und hat ihre Heimat verlassen. Sie fragte sich: Warum bleiben andere dort?

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So manche Karowerin trägt noch Schürze, so wie Erna (Alle Fotos: Mandy Buchholz)

Ich war 14, als die Mauer fiel. Und ich kann mich erinnern, dass sich in den darauffolgenden Jahren plötzlich alle möglichen Leute scheiden ließen, die ersten Kündigungen kamen, Dorfläden schlossen, immer mehr Menschen weggingen und die Alteingesessenen nur den Kopf schütteln konnten. Der totale Einbruch – immerhin gab’s Milka-Schokolade und Stone-washed-Jeans. Sehr jung ging dann auch ich: erst auf ein Schulinternat in die nächst größere Stadt, später zog ich in eine WG nach Berlin. Ich arbeitete eine Weile als Erzieherin, holte mein Abitur nach, studierte. Meine Verbindung zu Karow ist dennoch nie abgebrochen. Regelmäßig besuchte ich meine Familie, doch jenes blühende Dorf aus meiner Erinnerung, mein Kindheits- und Jugendland – das konnte ich nicht mehr besuchen, denn Karow verlor in den letzten 20 Jahren nicht nur knapp die Hälfte seiner Einwohner, sondern auch mehr als die Hälfte seiner Infrastruktur.

Ländliche Regionen kämpfen überall mit der Abwanderung, insbesondere von jungen Menschen. Dünne Besiedlung bei gleichzeitiger Überalterung der Bevölkerung, sich verschlechternde Infrastrukturen, geringe Industriedichte, die Landwirtschaft als wichtigster Arbeitgeber, der jedoch zunehmend aus den Regionen verschwindet, sind die bekannten Folgen der sogenannten Peripherisierung. Heute zählt Karow in Sachsen-Anhalt 454 Einwohner und steht stellvertretend für viele andere schrumpfende Dörfer.

Nix los hier, behaupten die Jungen

Idyllische Natur, Ruhe, Häuser stehen verlassen oder verfallen, Straßen gähnen leergefegt, aber neu, Verbundpflasterwege, Aufbau Ost, kein DSL, aber Handyklingeltöne, Windkrafträder säumen Feldränder, die Agrargenossenschaft hat noch 23 Angestellte, das Erntedankfest ist Jahreshöhepunkt mit Programm und Gulaschkanone, Heimat- und Jagdverein, Feuerwehr, kein Schmied, kein Bäcker, kein Friseur, kein Fleischer mehr. Stattdessen kommen mobile Verkaufswagen. Besser als nichts, sagen die Alten. Nix los hier, behaupten die Jungen. Wer bleibt eigentlich hier und warum? Was ist Heimat, wenn man sie nicht mehr begehen kann, wenn selbst hübsch erneuerte Hausfassaden oder die himmlische Ruhe nicht über fehlende Perspektiven hinwegtäuschen können? Diese Fragen trieben mich um.

2008 begann ich, mich mit meiner Identität und den gesellschaftlichen Veränderungen in meiner Heimat intensiver ausein­anderzusetzen. Kein leichtes Unterfangen, wenn man sich zunächst mit eigenen Befindlichkeiten und beidseitigen Vorurteilen arrangieren muss. Die meisten kannten mich noch von früher, trotzdem reagierten einige anfangs etwas irritiert. Für sie war ich die Fremde: „Jetzt kommt die hier an, und denkt wohl, sie ist was Besseres. Warum will die uns fotografieren? Wir sind doch keine Fotomodelle!“ Ich verbrachte viel Zeit mit den Leuten, fotografierte zunächst sozial schwache Familien, die im sogenannten Neubau, einem 50er-Jahre-Bau, am Rand von Karow wohnen.

Als ich dann anfing, nach einem geeigneten Thema für meine Diplomarbeit zu suchen, war sehr schnell klar, dass zu viele Fragen unbeantwortet und meine eigene Position zum Thema Heimat und Veränderung nach wie vor zerrissen waren. So beschloss ich, für die Zeit meines Diploms nach Karow zu gehen und den Alltag der Menschen fotografisch zu begleiten.

Mir war wichtig, möglichst viele Ebenen von Verwurzelung abbilden und verstehen zu können. So nahm ich an allen Dorfaktivitäten teil, kegelte mit der Kegelgruppe, spielte Karten mit der Seniorensportgruppe nach dem Sport, besuchte die Menschen zuhause, trank viele Tassen Kaffee … Ich beobachtete ihr ganz alltägliches Leben – Fußballverein, Freiwillige Feuerwehr, Fahrradtouren, Grünkohlwanderung, Hühnerfüttern, Gartenarbeit. Seltsamerweise halten auch die Jüngeren daran fest, besinnen sich zunehmend auf ihre Heimat. Sie wollen in Karow bleiben, weil sie ihre Familien und Freunde nicht verlassen möchten, und weil sie Arbeit in der näheren Umgebung haben. Wer Kinder hat, ist anders verwurzelt. Die älteren Leute bleiben da, weil sie ihr ganzes Leben dort waren und gearbeitet haben. Die Jugendlichen, die keine Ausbildung finden, sind zerrissen zwischen Bleiben-wollen und Gehen-müssen, oft kam die Frage: Was soll ich denn in Bayern oder Baden-Württemberg?

Kultur im Schloss

In meiner Fotoarbeit porträtierte ich sowohl mehrere Generationen, die unter einem Dach wohnen, als auch Jugendliche, Senioren und Dorfaktivitäten. Es sind die Menschen, die sich gegen das Verschwinden stemmen, neben all dem Schwund, dem Verfall, durchaus sehr viel Eigeninitiative und Aktivitäten entwickeln. Die Fotos der leeren Dorfstraßen stehen in direktem Kontrast dazu.

Das Schloss, in dem früher meine Schule war, wurde von Menschen aufgekauft, die in der angegliederten Brennerei der alten Gutsanlage ein Kulturzentrum etablieren wollen.

Als ich letzten Monat meine Fotos in der alten Brennerei in Karow ausstellte, kamen 140 Leute, auch ehemalige Klassenkameraden. Hände schütteln, liebe Worte, alle klatschen, alle verstehen, strahlender Sonnenschein. „Was machst Du eigentlich so in Berlin? Lebst Du immer noch in einer WG? Keinen Mann? Keine Kinder? Ist Fotografieren jetzt Dein Job?“ Wenn ich an Karow denke, dann sehe ich nicht vordergründig die leer gefegten Straßen, sondern die Menschen, mit denen ich mich weiterhin verbunden fühle, auch wenn meine Wahlheimat Berlin bleibt. Karow, das weiß ich, ist eine prägende Form.

Ich musste erst weggehen, um das verstehen und abbilden zu können. Schön! Das gehört wohl zum Älterwerden … Wie die vielen Bilder, die von einem Gestern erzählen. Bilder von Leuten, die abends auf ihrem Haustritt sitzen statt fernzusehen, wenn einer mit dem Fahrrad vorbei kommt, steigt er ab und stellt sich einfach dazu. Bilder von Männern in schmutziger Arbeitskleidung, Bilder von Frauen in schönen bunten Schürzen, auch meine Mutter hat so eine getragen. Und so ist Heimat auch immer ein Nicht-Ort, eine Sehnsucht.

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Artikelaktionen
Kommentare
Magda schrieb am 21.05.2011 um 15:11
Ach, das ist ganz wunderbar und tröstend. Vielleicht weil mich ein anderer Text hier so erschreckt hat ob seiner Kälte und neuer Angepasstheit.

www.freitag.de/community/blogs/mkeipert/ostdeutschland-wie-hab-ich-dich-vermisst-1-high-noon-in-glauchau

Vielleicht sind beide Sichten legitim, aber mir ist dieser Bericht hier näher.

"Wenn ich an Karow denke, dann sehe ich nicht vordergründig die leer gefegten Straßen, sondern die Menschen, mit denen ich mich weiterhin verbunden fühle, auch wenn meine Wahlheimat Berlin bleibt. Karow, das weiß ich, ist eine prägende Form."

Es geht immer um die Menschen. Sonst kann man alles andere ohnehin einpacken.

Danke :-))
Popkontext schrieb am 21.05.2011 um 15:34
Magda, ich glaube auch einfach, Mario wollte mit seinem Text keinen Pulitzer-Preis gewinnen, sondern beschreibt einfach seine Empfindungen in einem Blog. Zudem ist für obige Autorin, deren Text mir übrigens sehr gut gefällt, der Prozess der Auseinandersetzung viel weiter und zu einem gewissen Grade mit der Arbeit auch abgeschlossen, während Mario gerade einen bzw. ein paar Tage wieder im Osten war. Drittens kommt er auch nicht in seinen alten Heimatort zurück, sondern nur ganz grob in die Nähe. Er kennt da also niemanden und niemand kennt ihn, ebenso ist ihm der Ort an sich fremd. Das sind auch nochmal ganz andere Voraussetzungen für so eine Annäherung. Nur mal so als Anmerkung.
Ehemaliger Nutzer schrieb am 21.05.2011 um 20:53
Schöne Bilder, die viel erzählen, und ein wirklich guter Text.

Magda: ich bin vollends einverstanden, mit dem was Sie schreiben. Nur gibt es zu unterschiedlichen Zeitpunkten und an unterschiedlichen Orten verschiedene Wahrnehmungen. Die von mir hier veröffentlichten Texte sind Momentaufnahmen von einer Ankunft, die verstörend und widersprüchlich war, was mich zum Niederschreiben bewegte. Ich hoffe und glaube, dass es Momente einer Reise sind, einer Reise zum Beispiel auch zurück in die Heimat, die immer noch Heimat ist - weggegangen oder nicht. Denn, wo schon die Frage auftauchte: "Ostdeutschland, wie habe ich dich vermisst" war von mir vielleicht ironischer gemeint, als es verstanden wurde. Allein: ein Gefühl von "Heimat" habe ich schon einmal gefunden, da waren kaum die Kisten ausgepackt. Und das ist durchaus etwas, was ich ganz persönlich in Westdeutschland vermisst habe.
Magda schrieb am 22.05.2011 um 16:58
Um Pulitzerpreise geht es nicht, sondern um die merkwürdige Berührungslosigkeit und Kühle.

Ich hab ja auch geschrieben, dass beide Sichten legitim sein können, was mir - nebenher - überhaupt nicht zusteht. Ich bin ja hier kein Gremium oder so. Ausspielen wollte ich auch nichts, aber er war einfach so zwingend, dieser Unterschied.
Magda schrieb am 22.05.2011 um 17:08
Sorry der erste ging @Popkonzert.

Jetzt also @mkeipert. - Ich denke, Ihr Text hat das, was Sie ja selbst über ihn sagen, er ist ein Versuch zwischen Nähe und Abstand.
Und das ist vielleicht nicht so einfach und wird unterschiedliche Wirkungen erzeugen. .

Der Text von Mandy Buchholz ist eine Reportage, ein Bericht, etwas ganz Direktes.

Bei Ihnen ist noch eine andere, reflektierende Ebene gewollt. Und die Wirkung bei mir war halt diese.
indyjane schrieb am 21.05.2011 um 15:38
ein berührender artikel, ich hätte große lust, die ausstellung auch hier im wendland zu zeigen, wo es ja ähnlich zugeht, nur haben die übriggebliebenen mehr kohle

hier liegt für dich ein altes Kissen
und hinterm Haus steht eine Bank
so poppig bunte Wundertüten
kann ich dir nicht bieten
nur’ n richtig guten Sonnenuntergang
und was sollte besser sein
als so ein Abend im Frieden
mit n’ m Fahrrad
durch die Wiesen zu fliehn
alte Frau ’n und Männer
hocken auf ihren Bänken
und Gott hat n ’en leichten
warmen Regen zu verschenken
Straßen dampfen Hasen mampfen
an so einem Abend im Frieden
(gundermann)

luggi schrieb am 21.05.2011 um 20:44
luggi schrieb am 21.05.2011 um 20:52
... der Dummheit ...
indyjane schrieb am 21.05.2011 um 22:14
danke für diesen tip - den kannte ich überhaupt noch nicht!
luggi schrieb am 21.05.2011 um 22:31
na wird Zeit ... und nicht nur für dich
ähm, was macht man damit? Verlinken und facebooken? Keine Ahnung ... zudummzu ...
indyjane schrieb am 22.05.2011 um 14:08
hab mir gerade die cd gekauft und bin ja mehr als gespannt ...
Magda schrieb am 22.05.2011 um 17:45
@ luggi und indyjane - Mensch, das ist ja irre. Ich dachte immer, ich bin da ganz alleine mit meinem Zeitgefühl.
Rapanui schrieb am 23.05.2011 um 22:59
@ Luggi

Beim ersten Mal hören fand ich den Song gut - er erreichte mein Gefühl - die didaktischen Sentenzen am Ende machten mich aber schon ein wenig misstrauisch.

Beim 2. Hören wurde dann mein Misstrauen vollends geweckt: "Ihr" wisst gar "nichts" von "uns"? Das ist doch ein kultiviertes Ghetto-Gefühl: East-Power statt Black-Power.

Es ist wohl eine Möglichkeit mit der Melancholie des Ostens umzugehen, aber nicht meine. Hier eine andere:



Stoppok; Wetterprophet

Entweder du hast es oder auch nicht
egal was dir irgendwer heut noch verspricht
er wird es nicht halten, wird sich nicht mal bemühen
und du darfst zuschaun wie die Wolken ziehen
wie die Wolken wegziehen
Wir können diskutieren, wir können alles verstehen
wir können das ganze Theater hier sehen
das Theater des Westens, das Theater des Ostens
das Theater der Besten und das Drama des Ostens

Oh, ich kann dir nicht sagen
wohin es jetzt geht
und woher der Wind weht
ich bin kein Wetterprophet

Gib mir'n Hinweis, gib mir ne Spur
gib mir ne Fährte, eine einzige nur
ich schwör dir ich wär nicht der einzige hier
der bereit wär zu kämpfen, wenn er wüßte wofür
wenn er wüßte wofür

Doch der Krieg ist verlorn, das Biest ist besiegt
der schwarze Peter da wo die Leiche jetzt liegt
die Leiche im Keller, der Mangel an Charme
wenn der Körper schon kalt ist, doch das Herz noch warm
miauxx schrieb am 23.05.2011 um 19:17
Sehr berührend, die Bilder und der Text.
Ich habe das gleiche Alter wie die Fotografin/ Autorin, bin auch relativ aus der "Ost-Provinz", wenn auch einer Stadt, nach Berlin gegangen. Ich meine, ich kann sehr gut nachempfinden, was Mandy Buchholz uns nahelegt.
Manchmal, in der Stadt, wo ich aufwuchs, treffe ich auf alte Bekannte, auch entferntere, die mit Überzeugung dableiben: "Naja, es können ja nicht alle weggehen."
Manchmal komme ich mir da fast ein bisschen komisch vor. So verschlossen und feindlich die Provinz auch oft wirken mag - wenn man einen Zugang findet, sind die Leute irgendwie aufrichtiger und oft unkompliziert netter als im Großstadtmoloch.
Aber, da es auch hier nochmal angesprochen wurde: Ich kann auch gut die Sichtweise mkeiperts aus seinen Blogs verstehen. Diese, ich sage mal, 'Herabschauen' auf die Trostlosigkeit und scheinbare Gleichgültigkeit in solchen Gegenden schleicht sich wohl unweigerlich ein, wenn man "aus der Welt" zurückkehrt. Auch diese Perspektive ist mir vertraut.
Rapanui schrieb am 24.05.2011 um 00:19
Ich habe in den letzten Tagen, als ich unterwegs war, viel über MKeiperts und Mandy Buchholz' Blog nachgedacht. Ich lebe auf'm Dorf UND komme sehr viel rum: Dorf, Kleinstadt, Stadt, Metropole, Ost, West, Nord, Süd... Vielleicht begründet dies meine Meinung: beide Blogs nutzen den Provinzreport als Steinbruch. Sie schaffen weg und lassen wenig da.

Provinz ist keine Folklore, sie ist nichts Exotisches - Sie wird hier bloß dazu stilisiert und an ein sozial ähnliches Publikum reportiert. Als Bewohner der Provinz könnte ich nun wie c-re-bellum sagen: "Ihr wisst gar nichts von uns und wollt wissen wer wir sind". Der Song von Gundermann, den Indiyane verlinkt hat ist gut.

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markise schrieb am 03.06.2011 um 10:26
Ein toller Beitrag und sehr idyllische Bilder!
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