Alltag

Kampagnenkritik | 07.07.2011 14:10 | Tobias Prüwer

Bufdi statt Zivi

Die Abschaffung der Wehrpflicht macht Platz für die Kampagne des Bundesfreiwilligendienstes: Bunt kommt sie daher – aber ob der Zeitgeist deshalb seine Meinung ändert?

„Nichts erfüllt mehr, als gebraucht zu werden.“ – Eine junge Frau hat eine lachende Rentnerin auf die Bluse projiziert. Ein Senior trägt Kinder auf Brust und Bauch, eine Seniorin einen ganzen Chor. „Der Freiwilligendienst hat viele Gesichter“, ist wohl die Idee hinter der Kampagne, die aussieht, als wolle sie die Vorzüge des Bildbearbeitungsprogramms Photoshop bewerben.

Jung, engagiert, freiwillig

Begleitet werden die Bilder auf der Homepage durch anonymisierte Fallbeispiele. Ein Holger G. engagiert sich in einem integrativen Sportprojekt, Johanna C. ist Hilfs-Rangerin in einem Nationalpark.

Zwar soll der Freiwilligendienst der Verlautbarung nach alle Altersgruppen ansprechen. Aber es ist offensichtlich, dass er auf Schulabgänger zielt. Nur jemand, der noch bei den Eltern lebt, fängt etwas mit 330 Euro „Taschengeld“ an. Und nur junge, kräftige Menschen füllen jene Lücken, die ausbleibende Zivildienstleistende seit Abschaffung der Wehrpflicht Anfang Juli hinterlassen haben. Bettlägerige versorgt man nicht nebenher.

Kampagne gegen den Zeitgeist

Während die Bundeswehr aus allen Reklamerohren schießt, beschränkt sich das Familienministerium aufs Plakatieren. Ob man mit dem optischen Drogentrip die Zielgruppe erreicht?

Seit Jahren wird Jugendlichen eingetrichtert, möglichst zielstrebig zu leben. G8 macht die Schulzeit kürzer, der Bachelor das Studium. Keine Atempause, Karriere wird gemacht: Angesichts dieses Drucks will der neue Freiwilligendienst nichts Geringeres als die Umkehrung eines allgemeinen Trends. Wegen ein paar bunten Plakaten wird der Zeitgeist seine Meinung aber nicht ändern.

 
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Kommentare
hadie schrieb am 07.07.2011 um 20:41
Der Zivildienst war hauptsächlich als Abschreckung für Wehrdienst-Verweigerer gedacht. Jetzt könnte er eigentlich wegfallen. Es gibt genügend Alternativen: FSJ, Sozialverbände, Vereine usw. Da sich Bürokratien aber immer selbst reproduzieren und vergrößern, macht man jetzt eine Art Alten-Heilsarmee daraus, damit in den örtlichen Verwaltungen und Bundesbehörden auch ja keine Planstelle verloren geht. In welche Richtung es gehen soll, zeigt die PR, mit der der "Dienst" an den Start geht. Als erste Freiwillige und Aushängeschild wird die 71-Jährige Gabriele P. herausgestellt. Die neoliberale Botschaft ist klar: die Alten sollen sich gegenseitig die Hintern abwischen, während die schlaue und trendige Jugend Karriere macht.


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