Alltag

Im Gespräch | 16.09.2011 12:50 | Maike Hank

„Lust auf Eis ist voll okay“

Die Bloggerin Anke Gröner versuchte jahrelang, mit Diäten abzunehmen. Dann lernte sie, das Essen zu genießen – und schrieb ein Buch darüber: "Nudeldicke Deern"

Mithilfe einer befreundeten Ernährungsberaterin wollte Bloggerin Anke Gröner ein „normales Essverhalten“ lernen. Es hat geklappt. Sie ließ die Diät-Zwänge hinter sich und machte sich nach Jahren voller Selbsthass frei von der gängigen Idee, dünn sein zu müssen. Über den Weg dorthin hat sie nun ein Buch geschrieben.

Der Freitag: Anke, dein Buch ist sehr persönlich. Damit setzt du dich auch möglicher Kritik ganz unmittelbar aus.

Anke Gröner: Ich habe eine Weile überlegt, ob ich das Buch schreiben soll, denn es schafft eine völlig andere Art von Öffentlichkeit als mein Blog. Mit negativen Rezensionen komme ich zurecht, aber ich weiß, dass bald in einigen anderen Blogs auch stehen wird: 'Die fette Kuh will einfach nur weiter fett bleiben.' Wo ich dann sage: 'Ja, genau. Wo ist das Problem?' Ein Freund riet mir dann aber: 'Tu es trotzdem für die Frauen!'

Was meinte er damit genau?

Ich kenne viele Frauen, die fantastisch aussehen, aber fast jede fühlt sich nicht wohl mit sich und ihrem Körper. Da ist doch etwas nicht in Ordnung! Schön ist aber: Seit ich Blog-Beiträge übers Essen schreibe und darüber, dass es in Ordnung ist, dick zu sein, erhalte ich viele Mails von Frauen, die sagen: 'Ich habe mich ver­ändert, ich finde mich zum ersten Mal okay. Ich weiß, dass ich nie wie ein Model aussehen werde, aber das ist okay.'

Du wirbst dafür, Essen immer selbst zuzubereiten und richtig zu genießen. Für viele Frauen, gerade wenn sie allein leben, lohnt sich aber der Aufwand zu kochen meist nicht so richtig.

Manche Frauen nehmen ein Bad, machen es sich mit Kerzen gemütlich und entspannen so. Für mich ist das Kochen die Entspannung. Ich komme von der Arbeit, konzentriere mich auf ein Rezept und genieße das Essen, selbst wenn es nur fünf Minuten sind. Und selbst wenn es nur ein Käsebrot ist, das ich esse. Ich hoffe nicht, dass es sich so anhört, als würde ich immer ein Feuerwerk der Kochkunst abfackeln.

Dicke Männer fühlen sich oft auch nicht wohl, aber sie scheinen wegen ihres Gewichts nicht diesen Selbsthass zu haben, von dem dicke Frauen oft berichten.

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Ich denke, dass sie nicht so einen Druck haben. Allerdings frage ich mich auch, warum das so ist. Es gibt ja auch Männer-Zeitschriften wie Men’s Health, wo die Männer aussehen wie gemeißelt. Frauenzeitschriften haben sicher eine Menge damit zu tun, dass viele Frauen ihren eigenen Körper hassen. Wir sehen in der Werbung ja – bis auf die Ausnahme der Dove-Werbung – nicht einmal durchschnittliche Frauen. Das Perfide ist dabei auch, dass man nie schlank genug sein kann. Die Frau, die eine 40 trägt, hätte gerne eine 38, die 38 gerne eine 36.

Frauen werden immer noch vor allem nach der Optik beurteilt?

Ja, selbst wenn du Bundeskanzlerin wirst, musst du dich danach bewerten lassen, wie deine Mundwinkel und deine Frisur aussehen. Der einzige Kanzler, bei dem das ähnlich war, war Gerhard Schröder bei der Affäre um die gefärbten Haare. Es gibt natürlich auch die Theorie, dass Frauen sich den Druck gegen­seitig machen. Dass sie, wenn sie in einen Raum kommen, erst mal die Konkurrenz abchecken.

Du schreibst, dass du früher auf Partys selbst immer geschaut hast, ob noch eine Frau da ist, die 'fetter' ist als du.

Ja, aber glücklicherweise kann man sich das ganz leicht abgewöhnen. Wenn man wirklich anfängt, darauf zu gucken, was das Tolle ist an einem Menschen, dann ist der Rest egal. Seit ich das Gefühl habe, ich bin es wert, dass ich mir etwas Schönes anziehe, gucke ich bei Frauen, ob sie Sachen tragen, die mir gefallen, und frage sie, woher sie diese haben. Und ich mache ihnen ein Kompliment. Sobald man merkt, dass alle völlig normal aussehen, lebt es sich deutlich entspannter. Ich kann nur nicht allgemein sagen, wie man da hinkommt. Bei mir war es der Weg über das Essen. Ich fand mich 25 Jahre lang scheiße. Das böse Essen und die mangelnde Selbstdisziplin standen meiner schlanken Figur und meinem „wahren Ich“ immer im Weg. Dann auf einmal war Essen toll! Damit war auch ich toll, weil ich mich um mich gekümmert habe, weil ich mich lecker bekocht habe.

Du hast zusammen mit einer Ernährungsberaterin viele Lebensmittel ausprobiert und dir eine große Auswahl an Gewürzen und Zutaten in der Küche zugelegt. Ganz schön teuer.

Ich bin mir sicher, dass auch Leute mit kleinem Geldbeutel ihre Essgewohnheiten umstellen können. Es reicht, sich vom Junkfood freizumachen – das kostet ja irre viel Geld. Ich glaube, dass man den Bauch auch mit günstigen Lebensmitteln zufriedenstellen kann.

Und jetzt hast du für immer mit Diäten abgeschlossen?

Wenn man eine Diät macht und darauf achtet, was man isst, und dann einen Ausrutscher hat und an einem Abend mal zwei Croissants isst, denkt man: 'Jetzt ist alles vorbei.' Und sofort isst man nur noch Schrott. Wenn man in diesem Diätdenken drin ist, ist es ja sogar logisch, dass man dann meint, wieder normal zu essen. Wobei man das Normale dann als totales Versagen und als etwas ganz Schlimmes empfindet.

Was es nicht ist ...

Nein, wenn man normal – ich benutze das Wort mit Vorsicht – isst, also wenn man Hunger hat und etwas isst, auf das man Appetit hat, ist es völlig okay zu sagen: 'Ich habe jetzt mal Lust auf ein großes Eis.' Das ist in Ordnung, schlanke Menschen machen das schließlich auch. Ich kann inzwischen mein eigenes Diätdenken kaum noch nachvollziehen. Ich habe damals Tagebuch geführt. Wenn ich das heute lese, merke ich, was für eine Gehirnwäsche das ist. Klar gibt es Leute, die abnehmen. Wenn das für sie okay ist: Bitte, aber verlangt das nicht von mir. Essen nach Plan und Sport nach Plan, damit ich einen Körper nach Plan habe, ist nichts für mich.

Nicht bei allen kommt deine Botschaft richtig an ...

Ich habe leider schon viele Blogs gesehen, die meines als Diät-Blog hinstellen. Da heißt es: 'Anke Gröner nimmt dadurch ab, dass sie nur noch isst, was sie will!' Da wird überhaupt nicht wahrgenommen, dass ich das Gegenteil schreibe und Diäten bescheuert finde. Bloß weil ich einmal geschrieben habe: 'Huch, ich habe ja abgenommen.' Das letzte Kapitel heißt bei mir extra: Dies ist kein Diätbuch!

Du schreibst aber auch, dass du gerne Größe 42 hättest, wenn du es dir aussuchen könntest.

Als normalgewichtiger Mensch muss man niemanden davon überzeugen, dass man kein undisziplinierter Volltrottel ist. Es hat sich eingebürgert, Dicke als blöd und krank hinzustellen, die durch die Kosten der gesundheitlichen Folgen auch noch den Sozialstaat ruinieren. Als dicker Mensch musst du immer da­gegen ankämpfen, wie du aussiehst: Im Zug hat mich etwa mal eine Frau als 'fette Sau' beschimpft. Wenn schlanke Menschen Rückenschmerzen haben, ist es meist Überanstrengung. Wenn ich Rückenschmerzen habe, dann angeblich, weil ich dick bin. Deswegen meine ich, es wäre einfacher, schlank zu sein.

 
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Kommentare
luggi schrieb am 16.09.2011 um 23:50
"Mithilfe einer befreundeten Ernährungsberaterin wollte Bloggerin Anke Gröner ein „normales Essverhalten“ lernen. Es hat geklappt."


Fürchte dich vor normalem Essverhalten ... man kann es am Bleistift der Interviewten lesen ... es führt nicht zu weniger.

Wer abnehmen will muss seine Ernährung grundsätzlich umstellen. Alles andere ist Kwatsch oder ein Paperback für Dickies wert.

Und.

Wenn sie es ernst meint, dann soll sie auch in ihren Rezepten nicht auf Fertigprodukte zurück greifen.
Maike Hank schrieb am 17.09.2011 um 00:05
Luggi, hätten Sie den Text gelesen, wüssten Sie, dass es der Interviewten mittlerweile gerade darum geht, eben nicht abzunehmen, sondern Freude am Kochen und am Essen zu haben.
luggi schrieb am 17.09.2011 um 00:23
Maike, ich habe den Text mehrmals gelesen.
1. geht es mir in meinem Kommentar um die Zeit vor der Kapitulation

2. wette ich um 2 Pausenbrote, wenn A.G. einen Weg wüsste, wie sie abnehmen könnte, sie würde ihn beschreiten (da reiht sie sich ein in die nahezu 100% Frustrierten, die sich als Dicke schick finden).

btw. Das wäre einen Blog unter Selbsttäuschung wert.
Dicke sind nicht fit ... sie sind abhängig und unwissend.
Ich habe Freude am Essen ... aber ohne diesen Firlefanz. Kochen ist letztendlich im engeren und weiteren Sinn Energieverschwendung. Oder? Und gebratene Lebensmittel enthalten kanzerogene Stoffe. Soweit zu Spaß und Freude.
Maike Hank schrieb am 17.09.2011 um 07:56
Luggi, es handelt sich keineswegs um Kapitulation. Ich habe mich mit der Autorin mehrfach unterhalten, lese seit langem ihr Blog.
Auch wenn es Ihnen unmöglich erscheint, dass man auch mit einem dicken Körper glücklich sein und sich mögen kann...

Ich verstehe gar nicht so recht, weshalb Sie weiter oben die Fertigprodukte erwähnen. Ich kann Ihnen versichern, die spielen in dem Buch keine Rolle. Denn es geht ums Essen und Schmeckenlernen. Welchen Sinn hätte es da, mit Fertigprodukten zu kochen?

Und die Antwort darauf, ob die Autorin gerne dünner wäre, wenn es einen Weg gäbe, findet sich schon am Ende des Gesprächs.

Wenn Sie selbst Kochen als Energieverschwendung empfinden, dann wünsche ich Ihnen viel Freude beim Knabbern der Rohkost. Aber gestehen Sie anderen Menschen ohne Häme zu, dass sie gerne vorher auch Kochen und danach dann tatsächlich auch noch Freude am Essen haben.
luggi schrieb am 17.09.2011 um 21:33
Ach Maike, wenn Sie Rohkostverzehr mit Knabbern in Verbindung bringen ... dann besteht Bedarf an Informationserweiterung. Ich kann mich jedenfalls nicht erinnern, dass ich jemals Apfelsinenspalten geknabbert hätte ... oder köstliche Weintrauben ... oder saftige Pfirsiche. Selbst bei dem Verzehr von Epfeln und Börnen ist es es mir nie bewusst geworden, dass ich mich in einem Knabberstatus befinde. Oder wollten Sie einfach nur diffamieren? Schwamm drüber. Blues.
Weiter.
Ihnen scheint die Bedeutung des Kochens noch nicht klar zu sein. Vor der Freude am Essen steht das Kochen, Grillen und Braten. Oder würden Sie ungekochte Weinbergschnecken mit Genuss und heller Freude verspeisen? Schlechtes Beispiel? Nehmse doch vieles was sie wollen. Es wird nur genießbar durch Kochen, Braten, Grillen.
Mango schmeckt hervorragend roh ... kann ich von Kartoffeln nicht behaupten ... und von Schweineoberschenkeln.
Und, kurz zu Fertigprodukten.
Es mag ja bei Ihnen und anderen anders sein, bei mir fangen Fertigprodukte nicht erst bei Maggi, Knorr usw. an. Bereits die Packung Nudeln ist ein Ferigprodukt.
Und.
Schauen Sie sich die Rezepte von A.G. an. Und jetzt überlegen sie. Wer soviel Gewürze einsetzt, da muss mit den Grundsubstanzen etwas nicht stimmen. Mit dem Einsatz von Gewürzen kann jeder Dilettant jeden Scheiß genießbar machen (Senf?). Und wenn sie/er dann noch in der Werbung arbeitet, naja.
Übrigens, die meisten Gewürze dienen den Pflanzen zur Abwehr von Fraßfeinden. Nur kennt die Evolution im gegenwärtigen kurzen Moment den Mensch als Fraßfeind noch nicht, aber auch das wird sich ändern, dank der Evolution.
Und.
Ich brauche nur auf den Blog von A.G. zu klicken, dann sehe ich an Hand der Rezepte die Ursache für das Dicksein.

Für diesen Kommentar gebe ich mein Pionierehrenwort.
Seid bereit.
Ehemaliger Nutzer schrieb am 18.09.2011 um 08:54
Sorry, Luggi, aber Du hast einen Knall.

Grüße von einer Dickie.
luggi schrieb am 18.09.2011 um 23:36
Na? Keine Argumente mehr?
Hoffentlich knallt bei dir bald die Erkenntnis ... und du musst dann nicht mehr mit "Dickie" signieren.

Für deine Unkenntnis brauchst du dich nicht zu entschuldigen, sry.
Ehemaliger Nutzer schrieb am 20.09.2011 um 22:29
Was für eine Erkenntnis soll denn bei mir bald knallen? Dass Dickies Untermenschen sind?
bertamberg schrieb am 22.09.2011 um 10:26
@luggi schrieb am 17.09.2011 um 21:33

Der bittere Weg der Erkenntnis steht diametral der Lust auf Eis entgegen und auch der Freude, aktiv teilzuhaben an folgender Entwicklung:

www.freitag.de/wissen/1137-globalerblutzuckeranstieg
Wolfram Heinrich schrieb am 22.09.2011 um 12:14
@luggi
btw. Das wäre einen Blog unter Selbsttäuschung wert.
Dicke sind nicht fit ... sie sind abhängig und unwissend.


So ein Blog zum Thema "Selbsttäuschung" wäre tatsächlich mal eine feine und interessante Sache.
Zur Einstimmung ein Zitat: "Wenn der Mensch bedenkt, wie sehr verschieden der Grad von Abscheu ist, womit man eine Menge schlechter Handlungen betrachtet, die ihrer Natur nach doch ganz gleich schlecht und verwerflich sind - so wird er bald finden, daß diejenigen derselben, zu denen ihn eine starke Neigung und Gewohnheit hingetrieben hat, gewöhnlich mit all den falschen Reizen, die ihnen eine sanfte, schmeichlerische Hand verleihen kann, ausgestattet und ausgemalt werden; - und daß die anderen, zu denen er keine Neigung verspürt, ihm in ihrer ganzen Nacktheit und Abscheulichkeit erscheinen und all die wirklichen Kennzeichen der Torheit und Schlechtigkeit an sich tragen."
Laurence Sterne, "Tristram Shandy"
Das ist jetzt ein bißchen altmodisch und umständlich in Satzbau und Wortwahl. Moder und knackiger formuliert meint Sterne: Laster und üble Angewohnheiten, die mir persönlich sowieso am Arsch vorbeigehen, kann ich locker kritisieren und ich werde es mit Begeisterung tun. Auf diesem Gebiet bin ich eh tugendhaft, kann also getrost auf die Sünder einhauen. Was die anderen Laster und üblen Angewohnheiten betrifft, denen ich verfallen bin und von denen ich nicht loskomme, so werde ich immer mehr oder weniger vernünftige Grund finden, sie zu rechtfertigen.
Bei der MPU hast du zum einen die Raser, zum anderen die Promillefahrer. Beide sind bemerkenswerterweise streng voneinander getrennt, ein Temposünder, der auch ein hochpromilliges Alkoholdelikt auf dem Kerbholz hat, ist eine ausgesprochen seltene Sache. Und nun machst du als Kursleiter oder Gutachter die Erfahrung, daß die Raser sehr gerne auf die Promillefahrer schimpfen ("Unverantwortlich, sich mit Alkohol ans Steuer zu setzen"), während umgekehrt die Promillefahrer gar nicht gut auf die Raser zu sprechend sind ("Unverantwortlich, wie eine Wildsau durch die Gegend zu donnern").
Die dumme & miese Sau ist also immer der Andere.
Und was die umfassend Tugendhaften betrifft, so fällt auf, daß sie eine wahre Landplage für ihre Mitmenschen sind. Eine strenge, sauertöpfische und selbstgefällige Bande.
"Ich werde den Verdacht nicht los, daß Abstinenzler die Sachen nicht mögen, auf die sie verzichten."
Dylan Thomas

Kochen ist letztendlich im engeren und weiteren Sinn Energieverschwendung. Oder? Und gebratene Lebensmittel enthalten kanzerogene Stoffe. (...) Ihnen scheint die Bedeutung des Kochens noch nicht klar zu sein.

Man kann die Bedeutung des Kochens gar nicht überschätzen. " Bezogen auf das Körpergewicht sollten Menschen eigentlich einen wesentlich längeren Darmtrakt haben. Durch eine effektivere Ernährungsweise (Fleisch, Braten, Kochen) verkleinerten sich jedoch die Verdauungsorgane in den letzten drei Millionen Jahren. Anthropologen, gehen davon aus, dass dies eine notwendige Vorraussetzung für die Entwicklung eines größeren Gehirns war."
www.evolution-mensch.de/thema/gehirn/gehirn.php
Und an anderer Stelle dieser Seite heißt es: " Die Bereicherung des Speisezettels mit Fleisch war eine regelrechte Hirnnahrung und Auslöser für den ersten Schub des rapiden Wachstums unseres Denkapparates, stimmen Leslie Aiello und ihr Kollege Peter Wheeler von der University of Liverpool zu. Fast 90 % der Ruheenergie des Körpers werden von Herz, Leber, Nieren, Darm, und Gehirn benötigt. Die Organgrößen von Herz, Leber und Nieren sind direkt von der Körpergröße und -masse abhängig und unverzichtbar für das Pumpen und Reinigen des Blutes. Das Geheimnis und die Vorraussetzung für ein größeres Gehirn liegt also in der Verkürzung des Darmtraktes, was beim frühen Homo bereits der Fall gewesen sein dürfte und worauf die Rippen und Schädelknochen eines berühmten Fundes, des Turkana-Jungen, hindeuten. Australopithecinen hatten noch einen relativ großen Darmtrakt, wie aus dem Skelett eines anderen berühmten Fundes, der 3,2 Millionen Jahre alten Lucy ersichtlich ist. Der Darm von uns Menschen ist 900 g leichter als es unsere Körpergröße eigentlich erwarten ließe - die eingesparte Energie konnte die Evolution gleichsam ins Gehirn investieren.
Die ersten Vertreter der vor 2,5 Millionen Jahren auftretenden neuen Gattung Homo waren vermutlich wohl hauptsächlich Aasfresser, wie Spuren von Raubiergebissen an ihren Nahrungsresten belegen. Spätestens bei Homo erectus wurde die Jagd dann immer wichtiger - und mit verbesserten Technologien und Wurffähigkeiten auch zunehmend erfolgreicher. Ein weiterer Sprung in der Größenzunahme des Gehirns könnte vor 1,0 bis 0,4 Millionen Jahren durch die Erfindung des Kochens ausgelöst worden sein, wobei ein Teil des Verdauungsprozesses regelrecht ausgelagert wurde.


Das Tröstliche an der Rohkosterei ist, daß es wahrscheinlich erneut eine Million Jahre dauern würde, bis wir uns wieder zum Australopithecus zurückgemöhrenmümmelnd haben.

Ciao
Wolfram
bertamberg schrieb am 25.09.2011 um 20:53
@ Wolfram Heinrich schrieb am 22.09.2011 um 12:14
" Ein weiterer Sprung in der Größenzunahme des Gehirns könnte ... ausgelöst worden sein."
Hypothese bleibt Hypothese.
Können Sie belegen, dass es irgendwo eine Rückwärtsevolution gegeben hat?
Wolfram Heinrich schrieb am 26.09.2011 um 21:22
@bertamberg
Hypothese bleibt Hypothese.

Sowieso. Das gilt natürlich auch für die Gesundheitsförderlichkeit des Möhrenmümmelns. Immerhin: Die fehlenden 900 g für unseren Darm sind doch hochverdächtig und bedürfen einer Erklärung.

Können Sie belegen, dass es irgendwo eine Rückwärtsevolution gegeben hat?

Nein. Und ich wäre aufs Höchste erstaunt, wenn das irgendwer irgendwann belegen könnte. Aber, wissen Sie was: Wir machen ein Experiment. Wir mümmeln ab sofort nur noch Rohkost und wenn wir dann in einer Million Jahren wieder beim Pithecanthropus angekommen sind, hab ich recht gehabt und sie müssen ein Bier ausgeben.

Ciao
Wolfram
bertamberg schrieb am 28.09.2011 um 22:02
@ Wolfram Heinrich schrieb am 26.09.2011 um 21:22

Selbst wenn es stimmte, dass der Fleischkonsum für das Hirnwachstum verantwortlich war bzw. es ermöglicht hat, ist es erst recht nicht bewiesen, dass weiterer Fleischkonsum in der Art wie es in den westlich orientierten Staaten erfolgt, geeignet sein könnte, weiteren zivilisatorischen Fortschritt zu ermöglichen. "Wenn es uns nicht gelingt, die Ausbreitung des westlichen Lebensstils mit seinem hohen Fleischkonsum ... zu verhindern, dann gibt es keine technische Lösung, die den Zusammenbruch des Ernährungssystems verhindert." Felix zu Löwenstein: Food Crash, Pattloch, München 2011
bertamberg schrieb am 28.09.2011 um 22:05
@Wolfram Heinrich schrieb am 26.09.2011 um 21:22

Ach ja, und wenn Sie dann rechthaben, wo soll dann das Bier herkommen?
Wolfram Heinrich schrieb am 28.09.2011 um 23:55
@bertamberg
Selbst wenn es stimmte, dass der Fleischkonsum für das Hirnwachstum verantwortlich war bzw. es ermöglicht hat, ist es erst recht nicht bewiesen, dass weiterer Fleischkonsum in der Art wie es in den westlich orientierten Staaten erfolgt, geeignet sein könnte, weiteren zivilisatorischen Fortschritt zu ermöglichen.

Tja, so ist das in der Wissenschaft: Du findest etwas raus, was ein Beweis für (oder doch ein deutlicher Hinweis auf) die Richtigkeit einer Theorie sein könnte. Und dann gibt es noch wahnsinnig viele andere Theorien, die durch diesen einen Fakt nicht bewiesen werden.

Ciao
Wolfram
Wolfram Heinrich schrieb am 28.09.2011 um 23:56
@bertamberg
Ach ja, und wenn Sie dann rechthaben, wo soll dann das Bier herkommen?

Es ist Ihnen also aufgefallen. Eine weitere Frage wäre natürlich, wo Sie in einer Million Jahren herkommen sollen, einem ebenfalls nicht mehr seienden Mir das dann nicht mehr vorhandene Bier zu spendieren.

Ciao
Wolfram
bertamberg schrieb am 29.09.2011 um 13:38
Wolfram Heinrich schrieb am 28.09.2011 um 23:56
Das ist eine Steilvorlage, um zu reflektieren, was die Entdeckung und der präzise Nachweis von "hirnunabhängigem Bewusstsein" durch den holländischen Kardiologen Pim van Lommel ("Endloses Bewusstsein") für Konsequenzen für die Vorstellungen von einer Unsterblichkeit des Seele haben könnte, aber in Zeiten eines "unglücklichen Nebeneinander" (Günter Ewald, Studium Mathematik, Physik, Chemie, Philosophie) von materialistischem Menschenbild der Hirnforschung und offenem Weltbild der Physik wäre noch zu beweisen, dass hier in einem Blog dafür der angemessene Ort ist.
Wolfram Heinrich schrieb am 29.09.2011 um 15:38
@bertamberg
Das ist eine Steilvorlage, um zu reflektieren, was die Entdeckung und der präzise Nachweis von "hirnunabhängigem Bewusstsein" durch den holländischen Kardiologen Pim van Lommel ("Endloses Bewusstsein") für Konsequenzen für die Vorstellungen von einer Unsterblichkeit des Seele haben könnte,...

Gottchen, "präziser Nachweis". Für jemand der an wissenschaftliche Beweise sehr hohe Anforderungen stellt ("Hypothese bleibt Hypothese. Können Sie belegen, dass es irgendwo eine Rückwärtsevolution gegeben hat?") haben Sie erstaunlich niedrige Anforderungen an einen präzisen Nachweis.
Ich habe mal kurz in van Lommels Website reingerüsselt und finde dort: " Menschen, die aufgrund einer ernsten Erkrankung oder eines Unfalls an der Schwelle zum Tod standen, berichten nach ihrer Genesung oft von außergewöhnlichen Bewusstseinserfahrungen: Sie nahmen eine wunderschöne Landschaft und ein heilsames Licht wahr und empfanden unbeschreibbare Glücksgefühle. Sie sahen sich selbst von oben und konnten nachher über Details der Umgebung Auskunft geben - und das trotz ihrer Bewusstlosigkeit.
Wie ist das möglich?
"

Nun, das ist möglich, weil diese Leute eben nicht tot waren. Machen Sie ein heroisches Selbstexperiment: Stoßen Sie sich eine halbe oder ganze Flasche Schnaps ins Hirn und berichten Sie dann, wie hirnunabhängig ihr Bewußtsein war.
Das mit dem Blick auf mich von oben ist mir auch schon passiert. Ich hatte als Student zweieinhalb Tage lang nicht geschlafen gehabt, fühlte mich immer noch nicht müde (nein, ich hatte keine Drogen genommen), sondern sauwohl und ging durch die Straßen der Stadt. Ich sah das, was man eben sieht, wenn man eine Straße entlang geht und ich sah mich gleichzeitig von oben, wie ich auf der Straße ging. "Nichts wie heim und ins Bett" sagte ich mir. Ich nahm eine ordentliche Mütze voll Schlaf und meine mystischen Bewußtseinszustände waren verschwunden.
Sie werden vielleicht sagen, van Lommel sei doch ein Wissenschaftler, ein Kardiologe und wisse also, was er so schreibe. Ich würde Ihnen drauf antworten, daß der große Isaac Newton ein abergläubischer Schrat war, der es mit dem Spiritismus hielt. Was seine wissenschaftlichen Leistungen - natürlich - nicht schmälert.

Ciao
Wolfram
bertamberg schrieb am 30.09.2011 um 14:28
Wolfram Heinrich schrieb am 29.09.2011 um 15:38

Von "kurz-reinrüsseln" kann man wohl kaum beurteilen, wie präzise etwas untersucht worden ist. Van Lommel ist auch nicht der Erste, der out-of-body-experiences wissenschaftlich untersucht und dokumentiert hat.

Vielleicht sollten wir das in einem gesonderten Blog diskutieren.
Wolfram Heinrich schrieb am 30.09.2011 um 15:46
@bertamberg
Von "kurz-reinrüsseln" kann man wohl kaum beurteilen, wie präzise etwas untersucht worden ist.

Da können sie mal sehen, wie präzise ich arbeite, ich mache meinen oberflächlichen Kenntnisstand voll transparent.

Vielleicht sollten wir das in einem gesonderten Blog diskutieren.

Also, ich schreibe diesen Blog nicht.

Ciao
Wolfram
bertamberg schrieb am 30.09.2011 um 15:58
Wenn Sie jetzt darauf abzielen, einen Gegensatz zwischen meinem und Ihrem Arbeitsstil nachezulegen, zielt das ins Leere. Daumen hoch für den transparenten Kenntnisstand. Jede einzelne Erkenntnis ist immer noch eine sonnenverwöhnte Insel im trüben Ozean der Unwissenheit, deswegen hält jeder sich gerne an das, was er glaubt zu wissen, um das Gefühl zu haben, nicht unterzugehen.

Wollen Sie mich davon abhalten, diesen Blog zu schreiben, oder ermutigen?
Wolfram Heinrich schrieb am 30.09.2011 um 16:13
@bertamberg
Wenn Sie jetzt darauf abzielen, einen Gegensatz zwischen meinem und Ihrem Arbeitsstil nachezulegen, zielt das ins Leere.

Nein, darauf habe ich nicht abgezielt. Ich wollte nur klarmachen: So präzis wie der Herr van Lommel bin ich auch, indem ich meine Ungenauigkeit als solche kennzeichne.

Jede einzelne Erkenntnis ist immer noch eine sonnenverwöhnte Insel im trüben Ozean der Unwissenheit, deswegen hält jeder sich gerne an das, was er glaubt zu wissen, um das Gefühl zu haben, nicht unterzugehen.

Wohl wahr, aber der größte Feind der Erkenntnis ist die Gewißheit, bereits Bescheid zu wissen.

Wollen Sie mich davon abhalten, diesen Blog zu schreiben, oder ermutigen?

Ich will Sie davon nicht abhalten, Gott bewahre. Ich wollte nur klarmachen, daß ich momentan keine Lust habe, mich in das Thema einzuarbeiten. Das heißt, an der Diskussion über Ihren eventuell geschriebenen Blog werde ich mich nur dann beteiligen, wenn er einige relevante Fakten auf den Tisch legt.
Und wenn ich überhaupt mitbekomme, daß Sie ihn eingestellt haben. Vielleicht informieren Sie mich ja per Persönlicher Nachricht.

Ciao
Wolfram
bertamberg schrieb am 30.09.2011 um 16:30
Wolfram Heinrich schrieb am 30.09.2011 um 16:13

Danke, das ist motivierend. Der Beitrag ist sicher nicht übermorgen fertig, aber das wird.

Servus

bertamberg
Wolfram Heinrich schrieb am 30.09.2011 um 16:41
@bertamberg
Danke, das ist motivierend. Der Beitrag ist sicher nicht übermorgen fertig, aber das wird.

Es eilt mir nicht. Glück auf.

Ciao
Wolfram
Angelia schrieb am 17.09.2011 um 08:36
Ich finde Bücher, die eigene Erfahrungen wiedergeben, wichtig. Wieviel Zeit verplempert man sinnlos, um irgend einem Ideal gerecht zu werden, um in ein Maß hinein zu passen. Es geht glaube ich darum, mal an dem Punkt anzukommen, an dem man z.B. sagen kann, ja ok, ich bin dick, ich wäre gern schlanker, aber ich bin heute trotzdem glücklich und nicht erst dann, wenn ich dieses oder jenes Ziel erreicht habe.

Und genau das ist der Punkt. Gestern hat ein LKW Fahrer auf der Autobahnzufahrt einen Teil seiner Ladung verloren. 2 Männer und ich sind drübergebrettert. Insgesamt 5 platte Reifen, Blechschaden, Schock und Zeitaufwand. Wir hätten auch tot sein können.
Wie unwichtig in so einem Moment alle anderen Probleme sind, das glaubt kein Mensch.

Ich finde es gut, dass die Autorin der Sache mit dem Essen eine positive Wendung Richtung Genuss gibt. Das Leben genießen, darauf kommt es an. Ich koche auch selbst und kann dabei abschalten. Allerdings nur mit Kopfhörer und Musik.
KalleWirsch schrieb am 17.09.2011 um 09:31
Ich muss in einem Punkt widersprechen:

"Dicke Männer fühlen sich oft auch nicht wohl, aber sie scheinen wegen ihres Gewichts nicht diesen Selbsthass zu haben, von dem dicke Frauen oft berichten."

"Ich denke, dass sie nicht so einen Druck haben."

Nein, sie reden nur nicht darüber.

Ich glaube auch, bei bewusstem Essen, pegelt der Körper sich selber ein. Wenn ich es aber hae aus dem Ruder laufen lassen, was meistens der Fall ist, wenn ich beruflich unterwegs bin, dann steuer ich schon dagegen. Aber das dagegensteuern bezieht sich dann mehr auf die Auswahl der Lebensmittel. Bis 30 habe ich mich fast nur nur von Junkfood ernährt und war gertenschlank. Danach ging das nur mit Disziplin und massiv Sport. Irgendwann ist mir das zu anstrengend geworden. Das ist wirklich ein Weg herauszufinden, wann man sich in sich selbst wohl fühlt. Ich weiß das mittlerweile genau und 2 - 3 Kilo Abweichung merke ich deutlich am Wohlbefinden.

Was das Kochen für mich alleine angeht, so halte ich Gerichte einfach oder koche für zwei Tage. Am besten geht es, wenn man eine großen Topf Reis kocht. Der hält gut drei Tage. Und dann einfach frisches Gemüse dazu und Knoblauch oder Ingwer. Dazu muss man natürlich so gerne Reis essen wie ich;)

Sehr schönes Interview.
indyjane schrieb am 17.09.2011 um 09:52
ein gutes gespräch mit frau gröner auf dradio-wissen zum nachhören:
wissen.dradio.de/food-tagebuch-anke-groener-ist-so-vieles.126.de.html?dram:article_id=12326
Wolfram Heinrich schrieb am 22.09.2011 um 11:10
Let me have men about me that are fat;
Sleek-headed men and such as sleep o' nights:

Laßt wohlbeleibte Männer um mich sein,
Mit glatten Köpfen und die nachts gut schlafen,

SHAKESPEARE, "Julius Caesar", 1. Akt, 2. Szene
bertamberg schrieb am 28.09.2011 um 22:11
Tempora mutantur et mutabimur in eis.

L'amour pour la neige d'antan est une amour fou. (Ausspruch eines nicht des Französischen mächtigen Französischliebhabers.)


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