Alltag

Netzgeschichten | 10.11.2011 16:35 | Mark Stöhr

Copy & Pastor

Deus ex machina: Ein Dozent für Predigtsprache prangert an, dass Pastoren sich ihre Predigten aus dem Internet kopieren. Aber kommt man vom Abkupfern in die Hölle?

Man stelle sich den Pastor einer kleinen Gemeinde vor. Er sitzt in seinem Büro vor dem Computer, die Haushälterin hat ihm gerade frischen Kaffee gekocht. Es ist Donnerstag, außer einem Geburtstagsbesuch bei einer betagten Dame steht nichts an. Zeit zum Chillen also, Zeit zum Surfen. Erst kicker.de, dann ein wenig auf kirchenbedarf-friedrich.de. Doch der Gedanke an die Predigt am Sonntag stört den Frieden. Der 13. November ist der vorletzte Sonntag im Kirchenjahr, eher ein No-Name-Termin. Welche Botschaft unters Volk bringen, mit welcher Bibelstelle die Gläubigen erreichen? Der Pastor wählt ein spezielles Lesezeichen: predigten.de. Hier wird jeder Gottesmann fündig, dem gerade nichts Eigenes einfällt. Wegen ein bisschen Abkupfern ist noch keiner in die Hölle gekommen, oder?

Das Kopieren im Namen Gottes ist offenbar ziemlich beliebt. Der Schriftsteller Heinz Kattner, der auch als Dozent für Predigtsprache arbeitet, hat diese Praxis jüngst angeprangert. Durch das Verwenden von Textbausteinen oder gar ganzen Predigten, die auf zahlreichen Online-Datenbanken zum Download angeboten würden, gefährde der Geistliche seine Glaubwürdigkeit. Der Hauptkritikpunkt: Die Predigt habe überhaupt keinen persönlichen Bezug mehr zum Vortragenden, ent­halte oft theologische Floskeln, die die Gemeinde nicht erreichten. „Die Hörer wissen zwar, das gehört dahin, aber es bedeutet nichts für sie“, sagte Kattner dem Evangelischen Pressedienst.

Und tatsächlich, klickt man sich durch Online-Archive wie predigten.de oder kanzelgruss.de, stößt man auf eine riesige Anzahl fix und fertig getexteter Predigten. Die Seite predigten.de gibt es schon seit 13 Jahren. Sie dient den Nutzern als Plattform für theo­logische Diskussionen („Gibt es zu Lk 10,38-42 eine ausgesprochen feministische Auslegung, die sich von den herkömmlichen unterscheidet?“). Auf ihr finden sich aber auch 10.000 Kanzelvorträge, auf Wunsch chronologisch sortiert nach dem Programm des Kirchenjahres. Warum sich also noch den Kopf zerbrechen? Merkt doch eh keiner, oder auch: Hört doch eh keiner zu!

Für Heinz Kattner steht der Ethos eines ganzes Standes auf dem Spiel. Er hat daher in einem Zisterzienserkloster die „Werkstatt für Sprachgestaltung“ gegründet, die spezielle Seminare für Pastoren und Vikare anbietet. Sie sollen dort ihren eigenen Stil finden und das Handwerkszeug für die fromme Rede lernen. Einer von Kattners Tipps: Beim Schreiben über das Reich Gottes an schöne Dinge wie Baden, Sauna und Golfspielen denken. Ist ja auch viel netter als Surfen im Internet.

 
Senden Bookmarken Drucken
Artikelaktionen
Kommentare
Columbus schrieb am 10.11.2011 um 18:44
Sehr interessant und lustig, Herr Stöhr.

Warum sollen Pfarrer, Priester und Pastoren anders vorgehen, als die Beamten und Angestellten im Lehrberuf, deren Kreativität zu so manchem, ewig wiederkehrenden Unterrichtsinhalt von einer gewissen Bescheidenheit in der Einschätzung der eigenen Denk- und Kreativleistung nur profitieren könnte? Lest gut bewertete Unterrichtsentwürfe, lest, predigt und unterrichtet nach guten Vorlagen, lernt gute Vorlagen erkennen! Nur zu. Schüler und Gläubige werden es euch danken.

Eine andere Geschichte wird daraus jedoch, sollte der Theologe oder Pädagoge dazu übergehen, die Gedanken und Geistesblitze als seine ureigene, intellektuelle Meisterleistung erneut zu streuen.

Die Schwierigkeiten derjenigen, die das mit dem Vorlagewesen zu weit treiben, setzen, so stelle ich mir das doch vor, bestimmt hinterher ein, wenn sie nämlich auf theologische Sachverhalte der Predigten festgenagelt werden, die sie selbst nicht durchdacht haben.

Schönen Abend und weiter
Christoph Leusch
Vaustein schrieb am 11.11.2011 um 10:37
Ob Pastoren ihre Rede abschreiben oder jeden Sonntag eine neue erfinden ist m.E. ziemlich unwichtig. Wichtiger sind doch die wesentlichen Fragen zum Glauben an Gott.

Der begnadete Schwadrosoph Eckart Henscheid formulierte das so:

"Das häufig gehörte Argument wider die christliche und zumal katholische Religion, warum Gottvater (Jahwe) ausgerechnet um das Jahr null herum seinen Sohn auf die Erde geschickt habe, diese und vor allem ihre Menschen zu erlösen, nachdem er sie vorher zwei oder auch vier Millionen Jahre lang nicht weiter beachtet oder gar erlöst hätte noch irgend einigermaßen die Notwendigkeit dazu verspürt; das Scheinargument ist leicht widerzuentkräften durch den eigentlich genauso naheliegenden Gedanken, dass es sich vorher wegen der noch sehr bescheidenen Population noch nicht recht rentiert habe, jetzt aber schon".

Und da Gottvater den Menschen nach seinem Bilde schuf, erklärt sich auch des Menschen materialistische Grundeinstellung. ;-))
Ehemaliger Nutzer schrieb am 12.11.2011 um 23:56
Schön, dass wir daran erinnert werden, dass es im "Reiches des Herrn " nur Menschen sind, die predigen.

Predigthilfen sind übrigens nichts Neues. Dass sie jetzt auch im Internet kursieren, wen wundert es. Das Internet ist ein riesiges Behelfsheim.
Ehemaliger Nutzer schrieb am 13.11.2011 um 14:44
Reiche


Meistkommentiert
7 Tage
Monat
Bisher
David Graeber Schulden. Die ersten 5000 Jahre Klett-Cotta 2012

536 Seiten. Gebunden.

26,95
 
Seit der Erfindung des Kredits treibt das Versprechen auf Rückzahlung Menschen in die Sklaverei. Die Geschichte der Menschheit erzählt David Graeber als eine Geschichte der Schulden: eines moralischen Prinzips, das nur die Macht der Herrschenden stützt. Damit durchbricht er die Logik des Kapitalismus und befreit unser Denken vom Primat der Ökonomie >> mehr
Arte-Kooperation

portlet_ArabienArte.png

portlet-gaertnerbuch.png

Probe-Abo

probeabo260x120.jpg

Aktuelle Ausgabe bestellen
Der gefährlichste Mann Europas?

Ausgabe 21/2012
24.05.2012

keine Versandkosten
kein Aufpreis

Einzelpreis: 3.60 €

>> bestellen
der Freitag Kollektion

Freitag-Kollektion_Gaertner.jpg

Arte

portlet_arte+zeile.pngportlet_arte+zeile.png

Freitag-Buchshop.png

Blog-Tipps

Boing Boing
Ein Verzeichnis wundervoller Dinge

Wired News
Technologie-Trends von heute und morgen

Jezebel
Das US-Frauennetzwerk

maedchenmannschaft. net
Das Blog der Alphamädchen

flannel apparel
girlism. großkariert.

nutriculinary.com
Große Küche von Herrn Paulsen

Frau Freitag
Na, wie war's in der Schule

 
 
 
 
© der Freitag Mediengesellschaft mbH & Co. KG