Doch, beim Backen sollte man sich besser an Rezepte halten. Ich vergesse diese Regel ständig. Am Wochenende blieb mir Teigmasse für Gateau au chocolat übrig, ein Dessert, das gerade Platz eins meiner Top-Ten für den abschließenden Gang erobert hat: kleine warme Küchlein, aus denen flüssige Schokolade fließt, wenn man hineinsticht. Dazu noch eine Kugel Eis – und es ist vorbei mit dem herbstlichen Griesgram.
Aus den Überresten lassen sich noch leicht Brownies machen, dachte ich, konsultierte ein paar Rezepte und entschied dann, dass in meinem Teig noch Mehl fehlte. Nach dieser und ein paar weiteren Korrekturen strich ich die von Schokolade glänzende Masse in eine Auflaufform und schob sie ins Rohr. Dem Duft nach funktionierte alles perfekt, was ich aber nach 20 Minuten dampfend aus dem Ofen zog, war eine Tiptop-Schuhsohle.
Wer bei Mehlspeisen kein Risiko eingehen will, vertraut auf Gelingt-Immer-Backmischungen – oder aufs Netz. In Koch-Communitys werden Rezepte nämlich tausendfach erprobt und neuralgische Punkte bei der Zubereitung herausgearbeitet. Die Anleitungen sind bisweilen so gut, dass man bei einer Netzrecherche ständig auf das entsprechende Community-Rezept stößt. Das gilt etwa für den Zimtrollen-Kuchen. Auf unzähligen Blogs und Websites wird dieses Rezept – man möchte sagen „schamlos“ – kopiert.
Aber schamlos wäre das falsche Wort: Für Rezepte gibt es kein Urheberrecht, und das ist gut so. Das Zimtrollen-Rezept etwa wurde als erstes von einer Userin namens „Karaburun“ auf chefkoch.de eingestellt. Sie habe es von einer Freundin, schreibt sie dort. Ich finde, es ist an der Zeit, Karaburuns Freundin und anderen anonymen Amateuren Ehre zuteil werden lassen: Sie üben auf die deutsche Küche mehr Einfluss aus als viele der Profis, die im grellen Licht der Fernsehstudios die Pfannen schwenken.
243 Zimtrollen, 600 Hefezöpfe
Denn man kommt zu keinem anderen Schluss, wenn man sich die Fotos von den 243 Zimtrollen-Kuchen ansieht, die andere Köche aus dem Rezept gemacht und abgelichtet haben – als Beweis, dass das Rezept gelingt, als Empfehlung, als Lob an die Köchin. Ich habe mich durch alle Bilder durchgeklickt. Meine Exemplare des Kuchens sehen mal mehr nach Bild Nummer 124 aus, mal mehr nach Nummer 210.
Bei den über 600 Bildern von „Friedas genialem Hefezopf“ dagegen habe ich kapituliert. Dieses Rezept wird im Netz ebenfalls unzählige Male kopiert und empfohlen. Laut Redaktionsleiterin Mandy Scheffel ist es das mit Abstand meistfotografierte auf chefkoch.de.
Frieda, die Urheberin des Rezeptes, müssen wir uns als Hausfrau vom Bodensee vorstellen, geboren am Ende des 19. Jahrhunderts, vielleicht mit vom Kneten warmen, kräftigen Fingern. „Backinteressiert und immer bereit, Neues auszuprobieren“, so beschreibt Ilona Waldraff ihre Oma. Die Enkelin hat das Rezept für den Hefezopf vor sechs Jahren das erste Mal im Netz veröffentlicht und rechnete nicht damit, dass es ein solcher Hit werden würde: „Ich wollte den Leuten nur mal zeigen, wie leicht im Grunde ein Hefeteig herzustellen ist.“
Das hat sie geschafft. Das Rezept ist so genial, weil es auf genaues Augenmaß setzt. Das klingt zwar paradox, doch das Problem vieler, die mit dem Hefeteig auf Kriegsfuß stehen, ist, dass sie sich diszipliniert an widersprüchliche Angaben halten. „Lassen Sie den Teig 30 Minuten auf das doppelte Volumen aufgehen“, liest man nur zu oft. Das ist aber Quatsch. Es geht um das doppelte Volumen, egal, wie lange der Teig dafür braucht. Und das ist nur eine der Gelinggarantien bei Friedas Hefezopf.
Für mich steht fest: An dem Rezept ändere ich nichts. Kein bisschen. Ich denke nicht mal daran.
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Für bloße Rezepte, also für die Mengenangaben, gibt es kein Urheberrecht, wohl aber für die Form des Rezepts, die textliche Gestaltung, selbstverständlich auch für Fotos. Das gilt auch für entsprechende Datenbanken im Internet und für Kochblogs.
(Schau hier: www.irights.info/index.php?q=node/523 ) Geklaut wird auf Teufel komm raus. Allerdings werden in Koch-Communitys Rezepte nicht unbedingt "tausendfach erprobt und neuralgische Punkte bei der Zubereitung herausgearbeitet". Ein Beispiel. Irgendwann hat jemand ein Rezept für Karisik Turşu, auf türkische Art sauer eingelegtes Gemüse gesucht und nicht gefunden. Dann hat er ein Rezept erdichtet, blühenden Unsinn reingeschrieben - das findet man nun in allen möglichen Datenbanken. Wer es ausprobiert, versaut jede Menge wertvoller Zutaten, etwa neun Kilo Gemüse und zwei Kilo Obst. Denn Turşu (sprich Turschu) entsteht per Milchsäuregärung wie Sauerkraut, das nicht dadurch sauer wird, indem man - wie obiger Erfinder - dem fein gehobelten Kohl einen Liter Essig zugießt, sondern Salz verwendet. Gerade noch unerfahreneren Brutzlerinnen und Brutzlern ist ein gutes Grundkochbuch, Grundbackbuch zu empfehlen. Diese Lektüre erleichtert es, Rezepte aus dem Netz auf Plausibilität zu prüfen. Oder man sucht Profiseiten auf wie effilee.de, e&t oder schmökert gleich auf freitag.de beim Küchenjungen Jörn Kabisch. |
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Lieber weinsztein,
danke für den Link. Er hat mir erst einmal einen Schrecken eingejagt, aber diese Formulierung entspannt mich wieder: "Nicht die Idee zu einer bestimmten Speise kann geschützt sein, nur die Darstellung dieser Idee. Gleich wie originell oder hochwertig das Gericht ist, geschützt ist niemals die Zusammenstellung der Zutaten, sondern nur – wenn überhaupt – die Formulierung, mit der der Rezeptautor sein Gericht oder seine Kochanleitung beschrieben hat." Puuh. Nicht, weil ich ständig Rezepte abschreibe. Sondern, weil ich bisher der Ansicht war, dass Köche die älteste Open-Source-Bewegung der Menschheit sind. Grüße, JK |
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Wir haben alle so unsere blinden Flecken. Meine sind Haushaltsbücher, Dekotipps ja und auch Chefkoch.de. Aufmerksam geworden bin ich auf diese Seite aufgrund einer Notlage. Ganz plötzlich hatte ich Weihnachten 2008 keinen Dienst, und da galt es, auf die Schnelle ein Festtagsmenue zusammenzustellen. Inzwischen habe ich alles nachgekocht, und es hat funktioniert. Ganz toll ist das aktuelle aktuelles Weihnachtsmenü: Die Videos mit Carsten Dohrs mag.
www.chefkoch.de/magazin/artikel/1037,1/Chefkoch/Menuevorschlaege-zum-Fest.html Aber, auch wenn ich jetzt symbolisch gesteinigt werde, bin und bleibe ich ein Fan von Amerikas Nr. 1 Hausfrau Martha Stewart: www.marthastewart.com/food Im Hintergrund darf dann auch mal eine CD von Amerikas singender Hausfrau Doris Day laufen. |
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schrieb am
21.11.2011 um 11:39
mag ich.
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Ja, die Koch-Websites. Chefkoch.de ist mir zu teutsch. auf dem Android-Phone habe ich die App von www.marmiton.org. Da wird schon mal in der Zutatenliste eine Flasche Riesling aufgeführt, und dann heißt es :"Verser du Riesling sur le tout (deux verres, à peu près), et boire le reste." Der Küchenjunge (marmiton) bietet mittlerweile über 50.000 Rezepte aller Art. Interessante Blicke über den teutonischen Tellerrand hinaus bieten beispielsweise auch www.lesfoodies.com oder www.cookingforengineers.com; und gerade war ich bei www.labonnecuisine.be hängengeblieben ...
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schrieb am
26.11.2011 um 20:25
@ Lieber Rene Artois,
danke für de Links. www.labonnecuisine.be/ Da schaue ich auch oft nach. Aber ich mag die deutsche Küche sehr gerne! |
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Liebe Helena Neumann,
auch ich mag die deutsche Küche sehr gern; deswegen schrieb ich ja auch, daß mir lediglich die chefkoch.de-Website zu "teutsch", um nicht "teutschtümelnd" ist. Die andere Gruner-&-Jahr-Kochwebsite www.essen-und-trinken.de ist da schon lockerer und offener; für mich eine der besten deutschen Koch-Sites ist allerdings www.kuechengoetter.de von Gräfe & Unzer; beide auch interaktiv und mit vielen Userrezepten. Z.B.: Hähnchen in Zitronensauce 1.Ein junges Freilandhähnchen roh enthäuten und in Stücke zerlegen. 2.In einem mittelgroßen Topf einen halben Liter guten roten Weinessigs mit etwas Estragon, einer klein gehackten Zwiebel und einem Lorbeerblatt würzen, erhitzen, und die Fleischstücke nach und nach je 5 Minuten darin pochieren. Den Essig abgießen und das Fleisch mit Küchenkrepp abtupfen. 3.Die Hähnchenteile in einem Schmortopf zusammen mit einer feingewürfelten Zwiebel in Olivenöl anbraten. 100 g gewürfelten Speck hinzu geben. 4.Mit einem Glas Calvados oder Trester flambieren. 5.Zwei unbehandelte, geachtelte und entkernte Zitronen hinzufügen Mit etwas Pfeffer Gewürznelken, Oregano und einer zerdrückten Knoblauchzehe abschmecken. Mit lauwarmem Wasser bedecken und etwa eine 3/4 Stunde bei geringer Hitze garen lassen. 6.In die reduzierte Flüssigkeit 2 EL Honig einrühren. Die Sauce weiter reduzieren, bis diese eine zähflüssige Konsistenz angenommen hat. Die Zitronenstücke herausnehmen, gegebenenfalls nachsalzen. Mit Basmatireis servieren. |
Ausgabe 20/2012
16.05.2012
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Na, wie war's in der Schule