Alltag

Alltagskommentar | 24.11.2011 15:34 | Jan Pfaff

Dieser verdammte Technokrat!

Im Alltag tritt uns der Technokrat im Blaumann gegenüber. Der Handwerker ist die handfestere Version des Experten. Nur warum ruft man ihn eigentlich wirklich?

Technokraten haben einen schlechten Ruf. Zwar unterstellt man ihnen, dass sie sich mit einer bestimmten Materie richtig gut auskennen. Die Herrschaft der Sachverständigen – die Technokratie – ist dem Normalsterblichen aber dennoch nicht geheuer. Zu sehr, so die Befürchtung, entzieht sich das, was da getrieben wird, dem Allgemeinverständlichen und damit der Kontrolle. Ganz abgesehen von der Frage, ob es so etwas wie eine neutrale, interessenfreie Expertise überhaupt geben kann. Trotz dieser Bedenken sollen in Griechenland und Italien nun Technokraten-Regierungen richten, was zuvor verbockt wurde. Und die Hans-Olaf Henkels der Republik preisen Expertenwissen auch hierzulande als Lösung an.

Aber man sollte sich nicht täuschen lassen, die eigentliche Funktion des Technokraten ist nicht, die Dinge ­wieder ins Lot zu bringen. Sein Zweck ist ein anderer. Und er kommt auch nicht immer im dunklen Anzug daher. Im Alltag tritt uns die Herrschaft des Experten oft im Blaumann gegenüber. Der Handwerker ist die handfestere Version des Technokraten. Ihn ruft man, wenn man nicht mehr weiter weiß. Wenn das Problem die eigenen Fertigkeiten übersteigt. Oder wenn man die Drecksarbeit an jemanden delegieren möchte, dem das ja nicht so viel ausmachen kann, weil er sowieso den ganzen Tag in gebückter Haltung über stinkenden Abflussrohren hockt.

Da steht er also in unserer Küche, schaut sich die Anschlüsse der Rohre unter der Spüle an, legt die Stirn in Falten und erklärt einem, dass die Lage schwierig, aber nicht völlig aussichtslos sei. Dann wird geschraubt, geflucht, Pause gemacht, ein Ersatzteil aus dem Auto geholt, geschraubt, geflucht und am Ende das Werk präsentiert. Die Erfahrung lehrt einen, dass der Abfluss danach nicht unbedingt dichter ist als zuvor. Es tropft einfach an einer anderen Stelle. Das Bemerkenswerte daran ist, dass einen das nicht groß überrascht. Man rechnet bereits vorher damit, dass das Ergebnis nach der Intervention des Experten nicht unbedingt besser ist.

Warum aber ruft man den Hand­werker-Technokraten dann eigentlich? Es ist nicht so sehr die Hoffnung auf eine Lösung, sondern seine Funktion für den eigenen psychischen Haus­halt. Man hat etwas getan – jemanden um Hilfe gebeten –, und noch viel wichtiger: Man hat nun jemanden, auf den man schimpfen kann. Jemand, der für den ganzen Mist verantwort­lich gemacht werden kann. Diese ver­dammten Technokraten, diese verdammten ...

 
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Kommentare
Steffen Kraft schrieb am 24.11.2011 um 16:08
"Ihn ruft man, wenn man nicht mehr weiter weiß."

Zum Beispiel, wenn man keine E-Mails mehr bekommt.
Jan Pfaff schrieb am 24.11.2011 um 16:30
Ja, der IT-Mensch ist der Klempner des digitalen Zeitalters. Und er hat auch genau diese Funktion: Keiner versteht so richtig, was er treibt – aber alle schimpfen immer auf ihn.
Steffen Kraft schrieb am 24.11.2011 um 17:19
Der Arme.


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