Kultur : Nicht mit heißer Nadel

Ältere Damen treffen junge dänische Designer und stricken nach deren Mustern: Im Strickkreis "Kaffeslabberas" reden sie auch über ihre Facebook-Nachrichten

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Die Laufstege Mailands sind weit entfernt von dem Seniorengemeinschaftshaus Sløjfen in Kopenhagen. Dabei trifft sich hier, zwischen Freitagsbingo, Tanznachmittag und Weihnachtsschmuck-Basteln jeden Dienstag eine Gruppe von Damen um die achtzig, die für einige der gefeiertsten Modedesigner und Künstler Dänemarks stricken.

Zum Beispiel für Henrik Vibskov, der an der Londoner Central Saint Martins-Schule studiert hat und dessen Kollektionen wegen ihrer Eigenwilligkeit und Innovativität bejubelt werden. Wie seine an dem Projekt beteiligten Altersgenossen schätzt er die Gelegenheit, bei Kaffee und Kuchen, Stricken und Schwatzen mit verschiedenen Generationen zusammenzuarbeiten.

Der aus zehn Frauen bestehende Strickkreis nennt sich Kaffeslabberas, auf Deutsch etwa Kaffeeklatsch. Angefangen hat alles, als die für Vibskov arbeitende Designerin Susanne Hoffmann bei einem Weihnachtsmarktbesuch auf die Strickwaren der Seniorinnen aufmerksam wurde und schließlich auf sie zukam. Wenig später holte Hoffmann ihren Chef ins Boot und die strickenden Damen begannen, Kinderpullover und Accessoires für Vibskovs Laden in Kopenhagen herzustellen. Schließlich gab auch der Männerdesigner Mads Nørgaard Socken in Auftrag. Alle Einnahmen aus dem Verkauf des Gestrickten kommen der Kasse des Gemeinschaftshauses zugute, aus der Feste und Ausflüge für alle Mitglieder bezahlt werden.

Muster, Alkohol, Kunst

Das neuste Projekt der Kaffeslabberas ist ein Buch, für das die Damen mit Künstlern zusammengekommen sind, von denen jeder einen eigenen Strickmusterentwurf in Auftrag gegeben hat. Seite an Seite mit den Anleitungen sind hier Gespräche zwischen dem Designer und einer der Strickerinnen abgedruckt, deren Inhalt von Strickmustern über Kunst bis zu Alkoholismus oder den Freuden und Leiden des Familienlebens reicht.

Ich besuche die Frauen bei ihrem wöchentlichem Strickzirkel. Sie plaudern und albern herum wie Teenagermädchen. Innerhalb der ersten fünf Minuten haben sie schon die neusten Updates auf ihren Facebookseiten auseinandergenommen und sich über die Ereignisse im Gemeindezentrum auf den neusten Stand gebracht. Die 86jährige Lilly Nielsen zieht ein Paar Socken in Lila, Grün und Rot hervor, die sie für Vibskov gestrickt hat. „Das ist genau sein Stil, mit den vielen Farben. Es soll gar nicht zusammenpassen“, erklärt sie. Die Frauen arbeiten begeistert mit den jüngeren Designern zusammen und genießen die Aufmerksamkeit, die sie dadurch erhalten. Bei der Vibskov-Show saßen sie ganz vorne. „Wir saßen in einer Reihe und strickten während der Show, um uns herum lagen Fotografen und fotografierten uns“, erzählt Ketty Brøgger. „Es hat Spaß gemacht, die ganzen Promis zu sehen.“, fügt Lilly hinzu. „Einen Burschen werde ich nie vergessen. Er war nicht besonders groß und trug pinken Pelz. Ziemlich einzigartig. Aber er wird bestimmt überall erkannt.“

Die meisten der Frauen können schon ihr ganzes Leben stricken, hatten aber aufgehört, weil sie durch die Familie oder den Job gefordert waren. Als die Sache mit den Kaffeslabberas anfing, hatte etwa Kitty seit mehreren Jahren nicht mehr gestrickt – ihre Enkel schienen die Sachen, die sich für sie gemacht hatte, einfach nicht zu tragen. Nun arbeitet sie an einem mehrfarbigen Kinderpulli mit futuristischem, horizontalem Design und findet: „Ist es nicht toll, dass wir solche Sachen machen?“

Rare Strümpfe

Für die beteiligten Designer geht es vor allem darum, die Fertigkeiten der Frauen zu würdigen. Im großen Umfang produzieren wollen sie nicht. Mads Nørgaard zum Beispiel erhält pro Monat ungefähr vier paar Socken aus grober Wolle, grau, mit einem orangenen Streifen am Saum. Der Lieferung liegt ein mit Unterschrift versehenes Bild von Erna bei. Sie fertigt die Strümpfe an, die in der Regel nur so von den Regalen gerissen werden, sobald eine neue Lieferung eingetroffen ist. „Dieses Projekt hat Qualitäten, von denen es heutzutage in der westlichen Welt mehr geben sollte“, meint Nørgaard. „Mehrere Generationen arbeiten zusammen, es wird etwas von Hand hergestellt und ist somit nicht perfekt. Jedes Paar ist einzigartig. Darin liegt der Charme und der Wert der Sache.“

Vibskov zeigt sich ebenfalls beeindruckt von den „liebenswürdigen Damen“ und ihren Erzeugnissen und findet es fantastisch, dass „diese Damen mit ihrem großen Können an einem kreativen Projekt teilnehmen.“

Vibskovs Beitrag zu dem Buch besteht aus einem Kaffeekannenwärmer in Form eines Fantasietiers, das wie eine Kreuzung zwischen Pinguin und Elefant aussieht. Den kann man derzeit für knapp fünfzig beziehungsweise 23 Euro in der kleineren Tassenversion auch in seinem Laden erstehen – jedenfalls wenn man das Glück hat, noch eines der wenigen Stücke zu erwischen, die die Kaffeslabberas hergestellt haben.

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Übersetzung: Zilla Hofmann