Alltag

Der Koch | 14.01.2012 09:00 | Jörn Kabisch

Können auch Rezepte verderben?

Der Koch blättert sich in einem Antiquariat durch alte Rezepte und stößt auf allerlei Ausgefallenes – etwa auf eine Anleitung, wie man Bärentatzen am offenen Feuer röstet

Ein altes Biedermeier-Sofa ist mir in den letzten Monaten zur regelmäßigen Leseecke geworden. Es ist ein Sofa, wie man es von Loriot kennt und steht in einem Souterrain-Laden namens "Bibliotheca Culinaria". Bis unter die Decke ist er vollgepackt mit alten Kochbüchern und kulinarischer Literatur. Es stapelt sich um und manchmal sogar auf dem Sofa. Noch schlimmer: Das Kochbuch-Antiquariat liegt direkt auf meinem Nachhauseweg. Da stapelt sich auch einiges neben meinem eigenen Sofa.

Was will man mit alten Kochbüchern? Welchen Nutzen hat ein Rezept aus den siebziger Jahren, das nicht von Spaghetti Bolognese spricht, sondern von "Pasta schutta" und sich spart, die Hackfleischsoße auch nur ansatzweise zu schmoren? Die Abbildung daneben macht ebenfalls alles andere als Appetit, die Farben sind vergilbt und ich habe immer den Eindruck, auch auf einem Foto kann Essen verderben. Praktische Hilfen sind die alten Kladden nur selten. Trotzdem: Das Blättern macht Spaß. Es ist wie sich mit alten Familienalben zu befassen, auf denen Verwandte unfassbar bunte Pullover tragen und viel zu große Brillengestelle.

Bärentatzen am offenen Feuer

In dieser Hinsicht hat der Inhaber der Bibliotheca, Swen Kernemann-Mohr, immer ein paar Leckerbissen zu bieten – etwa dieses Rezept, "Bärentatzen, am offenen Feuer geröstet, nach Pamir Tadshiki". Der Verfasser schreibt:

"Nachdem man die vier Tatzen am ersten Fußgelenk von den Hachsen getrennt hat, löst man die obere Haut, soweit der Haarbewuchs geht, an den Seiten und vorn am Krallenansatz vollkommen ab. Die Laufseite der Tatze wird vorsichtig gebrüht, um die zähe Hornhaut über dem Ballen zu entfernen. Nun werden die Krallen durch Trennung der letzten Zehengelenke herausgeschnitten. Mit einem kräftigen Messer werden die Tatzen von allen Seiten wahllos eingestochen. Unter leichtem Druck werden die Tatzen 14 Tage in eine Marinade aus folgenden Zutaten eingelegt: 4 mittlere Dolden der Pastinakenstaude, 6-8 Eiskrautblätter, 10 Salbeiblätter und 10 Gramm Dostsamen werden mit 350 ccm 80 Grad heißen Wasser überbrüht. Nach dem Erkalten fügt man dem Auszug noch 10 g Pfefferkörner, 10 g Piment, 10 g Wacholderbeeren (alles im Mörser grob zerstoßen), 50 g Bienenhonig, 80 ccm Cognac, 80 ccm Rotwein und 80 ccm Öl hinzu.

Die Tatzen werden nach dem Marinieren abgetrocknet, gesalzen und am offenen Feuer unter öfterem Bestreichen mit Bärenfett geröstet."

Ich dachte zuerst, dieses Rezept stamme aus einem Karl-May-Band. Ich erinnerte mich an Old Shatterhand und seinen Bärentöter, und das in den Winnetou-Büchern immer wieder mal davon die Rede war, welche Delikatesse Grizzly-Tatzen seien.

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Aber so detailversessen war der Radebeuler Fabulierer dann doch nicht. Das Rezept stammt aus den sechziger Jahren, geschrieben hat es Werner Fischer, ein Westberliner Gastronom, dessen Restaurant Ritz zur damaligen Zeit sogar einen Michelin-Stern hielt. Manche halten ihn für einen Pionier der deutschen Küche. In den Jahren, in denen die Nouvelle Cuisine aus Frankreich über die Grenze schwappte und die Experimentierfreude von Köchen wie Witzigmann & Co anheizte, verschrieb Fischer sich dem Exotischen. Das Bekannteste auf seiner Karte war wahrscheinlich Schildkrötensuppe, daneben bot er geröstetes Gürteltier oder Kamel-Buletten an.

Nicht mal mehr exotisch

Heute wirken solche Gerichte nicht mal mehr exotisch, zum Glück. Essen mag das niemand mehr. Sie zeugen von der kulinarischen Einfalt einer Zeit, die sich von der deutschen Küche so weit wie möglich abheben wollte. Schließlich brachen eben die 68er an.

Mal sehen, was weitere Kostproben aus anderen Jahren so bringen.

 
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Artikelaktionen
Kommentare
luggi schrieb am 14.01.2012 um 22:54
Was heißt alte Rezepte?

Als ich noch kein Veggie war, kochte ich Rezepte wie Herzragout, Lungenhaschee, irgendwas mit Hirn und noch so seltsame Sachen. Mal abgesehen von Hähnchenherzen und Goldbroilern.
Also, alte Rezepte könnten gar nicht so alt sein.
Chinesen bewahren ihre alten Unkulturen in Bezug auf Kochgewohnheiten. Stichwort: Geflügelfüße. Wobei wir damit kwasi wieder bei tierischen Fortbewegungsmitteln wären -> Bärentatzen.

btw. Bären werden bei den Chinesen ganz anders gekwält
weinsztein schrieb am 15.01.2012 um 06:30
Alte Kochbücher sind oft Geschichtsbücher. Mir sitzt gerade die deutsche Küchengöttin Henriette Davidis (1801 -1876) auf dem Schoß.

"Elefantenfüße:
Die gutgesäuberten und gewaschenen Füße werden in Wasser mit Salz, Pfeffer- und Gewürzkörnern nebst Suppenkräutern und einem Guss Essig oder Weißwein weichgekocht. Sie können nun warm oder auch kalt in ihrer gallerthaltigen Brühe Brühe serviert werden."

"Elefantenherz:
Man kocht das Herz in Salzwasser mit Pfeffer- und Gewürzkörnern, sowie Suppenkräutern weich und serviert es dann mit einer Tomaten-, Madaira- oder Tortuesauce."

Weitere Rezepte u.a. zu:
- Flusspferdfleisch gekocht oder gebraten
- Antilopenkopf
- Zebuköcker
- Affenrücken ("sehr schmackhaft", vor allem gespickt)

aus Henriette Davidis: "Praktisches Kochbuch", bearbeitet von Küchenmeister Rudolf Zäch, Ausgabe von 1911, Kapitel "Tropische Küche". In der Einleitung zum Kapitel heißt es: "Die sich immer schwieriger gestaltenden Erwerbsverhältnisse in unserem übervölkerten Deutschland zwingen zahlreiche Familien, unsere Kolonien aufzusuchen ...".

Dieses Werk enthält auch praktische Hinweise zur "Behandlung des eingeborenen Dienstpersonals", das erlernt sein wolle, denn "es gibt unter ihnen viel arbeitsscheues Volk; die hauptsächlichsten Untugenden, die man zu bekämpfen hat, sind Trägheit, Unreinlichkeit und ein großer Hang zum Stehlen".

Für dieses Kapitel wird Henriette Davidis nicht verantwortlich gewesen sein, eher einer der vielen Bearbeiter Ihres Hauptwerkes "Praktisches Kochbuch". Der hier bearbeitende Küchenmeister Rudolf Zäch ergänzte in vielen Rezepten die Zutat "Fleischbrühe" um die Alternative eines Maggi-Brühwürfels.

Ein anderes Thema, aber Kochbücher sind auch Beiträge zhu Kulturgeschichte. Also:
1908 brachte Maggi den Brühwürfel auf den Markt, die flüssige Würze schon viel früher, in Konkurrenz zu Liebigs Fleischextrakt. Für die Reklameabteilung im Hause Julius Maggi arbeitete der Schriftsteller Frank Wedekind, damals 22, er schrieb 150 Werbetexte. Etwa diesen:
„Wenn der Kochkurs nicht wär’“, seufzte das siebzehnjährige, schlanke, schwarzäugige Engelskind, „so wollte ich ja gerne heirathen. Aber er wünscht durchaus, dass ich vorher einen Kochkurs nehme.“ „Elschen, beruhige Dich“ sagte darauf die verständige Mutter. „Das nothwendigste will ich Dir schon beibringen; und dann würzest Du ihm jeden Mittag die Gerichte mit diesem Fläschchen hier. Pass mal auf, was der für Augen machen wird. Täglich giebt er Dir zwei Küsse mehr dafür! Es ist nämlich Maggi’s Suppen- und Speisewürze.“
(Schriftlicher Kommentar von Julius Maggi: „Famos!“).

Eine schöne Anregung, Jörn Kabisch, Sie famoser Küchenjunge. Danke.
weinsztein schrieb am 15.01.2012 um 06:38
"Ein anderes Thema, aber Kochbücher sind auch Beiträge zhu Kulturgeschichte"

sollte eigentlich heißen:

"Maggi, ein anderes Thema, aber alte Kochbücher sind oft auch Beiträge zur Kulturgeschichte"
Jörn Kabisch schrieb am 15.01.2012 um 10:19
Lieber weinsztein,

wie perfide, den Kolonialismus der wilhelminischen Zeit mit dem Internationalismus der 1960er zu vergleichen, finden Sie nicht :) Das wäre ein Thema für Götz Aly.

Aber Spaß beiseite: Ich möchte die Vorstellung alter Kochbücher in loser Folge weiterführen. Und jede Anregung ist willkommen.

Schöne Grüße, JK
Jörn Kabisch schrieb am 15.01.2012 um 11:37
Was schreib ich da. Wer hat denn mit Karl May angefangen?
weinsztein schrieb am 15.01.2012 um 23:54
weis nit?
weinsztein schrieb am 16.01.2012 um 00:12
Lieber KK,

wussten Sie, dass Götz Aly ein Nachkomme des königlich-preußischen Kammertürken Friedrich Aly ist? Als evtl. turkophiler Kokommentator sollte er hier durchaus willkommen sein.

Und zum siebzehnjährigen schwarzäugigen Elschen fällt Ihnen gar nichts ein, was? Ich dachte sogleich an Maike Hank.
luggi schrieb am 15.01.2012 um 22:50
Wie wäre es denn mit einer absonderlichen, kulinarischen Weltreise?
- Verwertung von Stierhoden in Spanien
- Gürteltierragout
-Tukanbroiler
-gebratene Fliegenbuletten
-Delfingeschnetzeltes
-gebratene Meerschweinchen mit Avocado
etc.

früher hatte die Mehrzahl der Menschen keine Muße für Kochbücher ... die waren froh, wenn sie etwas hinter die Kauleisten bekamen ... soll bei vielen Mill. Menschen heute immer noch sein, oder sind die haitischen Lehmkekse schon vergessen?


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