Alltag

Bildergalerie | 14.01.2012 10:00 | Lia Darjes

Konvertieren

Häufig wird der Islam als das Andere betrachtet. Für manche Deutsche ist er jedoch eine neue Heimat geworden. Warum wechseln Menschen ihren Glauben?

1 / 20
Jürgen ist 
einer der wenigen Schiiten (Alle Fotos: Lia Darjes)

Einmal blickte ich auf der Straße im Vorübergehen in ein Paar helle blaue Augen unter einem Kopftuch. Da kam mir die Frage: Warum konvertieren Deutsche zum Islam? Wie kommt es, dass sich Nicht-Gläubige oder Christen für eine Religion begeistern, deren Sprache und Semantik sie oftmals nicht verstehen und deren traditionelle Riten auf den ersten Blick nichts mit unserer kulturgeschichtlichen Herkunft gemein haben?

Ich lernte Andrea Iman in einer kleinen Hinterhofmoschee in Berlin kennen. Als ich zum ersten Mal dort war, um Kontakte für meine Abschlussarbeit herzustellen, konnte ich mich kaum von den Mediengebilden des verkappten Terroristen oder der verängstigten, zur Konversion gezwungenen Frauen trennen.

Andrea erzählte mir vom Tod ihres Großvaters. Sie war Anfang 20, als er starb. Der Tod und die Fragen, was mit den Menschen geschieht, wenn sie sterben, trafen sie unvorbereitet. Sie war praktizierende Christin, doch in ihrer Religion konnte sie keine Antworten finden. Durch Zufall geriet ihr das Totenbuch des Islam in die Hände. Hier fand sie die Antworten, die sie als Christin gesucht hatte. Wie deutlich und konkret alles erklärt wurde, faszinierte sie. Da sie an ein Leben nach dem Tod glaubte und sich im Klaren darüber war, dass Muslime und Christen denselben Gott anbeten, fühlte sie, dass sie im Islam eher „bestehen“ würde.

Siebzehn Jahre später und nach einem komplizierten Prozess nennt sie sich Andrea Iman. Sie geht ganz in ihrer Religion auf, führt ein aktives kommunikatives Leben, ihr Beruf erfüllt sie. In ihrer Gemeinde wird sie wegen ihres großen theologischen Wissens geschätzt. So vielschichtig und individuell sind die Gründe der anderen Konvertiten, die ich fotografiert habe. Manche habe ich auf der Straße kennengelernt, andere im Sufi-Kloster. Die meisten spürten eine Unerfülltheit in ihrem Leben, suchten einen neuen Weg, bevor sie den Glauben wechselten.

Eine Frau stammt beispielsweise aus der DDR, sie war aktive Kommunistin und nach der Wende geschockt. Sie hat nie an Gott geglaubt. Nun hat sie auf einmal einen neuen Platz in ihrem Leben gefunden.

Irritation und Verunsicherung

Anfangs begegneten mir manche der Konvertiten mit großen Vorurteilen, mit Misstrauen und Unbehagen. Viele von ihnen hatten schon einmal negative Erfahrungen mit Journalisten und Fotografen gemacht, von denen sie sich verzerrt dargestellt fühlten. Dennoch wurde ich zu Gemeindeaktivitäten eingeladen, beispielsweise zum Fastenbrechen im Ramadan. Ich habe viele Stunden ohne meine Kamera verbracht, konnte mein Projekt erklären und Ängste ausräumen. Ich spürte auch, wie haltlos meine Vorurteile waren. In den langen Gesprächen, die ich für diese Bilder geführt habe, hat niemand terroristische Gewalt verharmlost oder gerechtfertigt. Natürlich hatte ich manchmal mit Befremden zu kämpfen, doch das wäre mir wohl auch in einer christlichen Gemeinde so gegangen.

Die öffentliche Wahrnehmung von Konvertiten entspricht in erhöhter Form auch dem allgemeinen Islambild. Der Islam wird häufig als „das Andere“ betrachtet. Daher verwundert es kaum, dass die vermeintlich zunehmenden Übertritte zum Islam irritieren und verunsichern. Es gibt aber kaum verlässliche Zahlen über Konversionen in Deutschland, da dies ein sehr privater Schritt sein kann.

Ich spürte schnell, dass es schwierig sein würde, dafür Bilder zu finden. Es gibt schon so viele. Diese Bilder sind verbraucht. Auf meinen Bildern blickt uns nun das, was wir als fremd betrachten, aus vertrauter westlicher Physiognomie an. Der Betrachter kann in einen visuellen Dialog treten.

 
Senden Bookmarken Drucken
Artikelaktionen
Kommentare
Ein Schelm schrieb am 14.01.2012 um 15:25
Tja, was soll man zu Ihrem Blog sagen?
Sie stellen eine Frage (Warum?), versuchen aber nicht einmal, Antworten zu finden.
Gelernt habe ich somit nur eins: Sie sind eine ambitionierte Photographin!
chrislow schrieb am 14.01.2012 um 18:07
Möglicherweise lernen wir daraus wenigstens, dass der begriff "Konvertit" eine nicht angemessene Visualisierung in der westlichen Welt hat erzeugt.

Ein Konvertit ist eben auch einer, der zwischen Protestantismus und Katholizismus wechselt. Derer Wechel sind zudem noch vielfältiger. Vielleicht ist auch der ehemals "ungläubige" und zukünftige Evangelist ein Konvertit... Mögliche Religionen erscheinen manchmal fast unendlich.
Ein Schelm schrieb am 15.01.2012 um 04:30
Vielleicht liegt es daran, dass ich Agnostiker bin, aber für mich war und ist der Begriff Konvertit "religionsneutral".
Daher denke ich sofort an Cassius Clay/Muhammad Ali, Tony Blair, Alfred Döblin, George Harrison, Cat Stevens/Yusuf Islam, Katharina "die Große", um nur das Ergebnis eines kurzen Brainstormings zu nennen.
Ansonsten sind meine persönlichen Erfahrungen mit Konvertiten (es mögen 5-10 sein) nur "negativ". Negativ in dem Sinne, dass alle (!) frei nach dem Motto "Die schlimmsten Kritiker der Elche waren früher selber welche" offenbar (?) das Bedürfnis hatten, sich ihrer neuen Selbstverortung durch extreme Frömmigkeit zu vergewissern.
Ich hoffe mal, dass das wirklich nicht repräsentativ ist ... ;-)
zelotti schrieb am 15.01.2012 um 21:21
Neue Besen kehren gut.

Ja, vor allem würde mich mal interessieren wie fundamentalistische Lutheraner sind oder radikale Katholiken. Da habe ich nämlich kein Bild. Im Katholizismus hat man ja Nonnen und Mönche als Bild wie man nicht sein braucht. So etwas gibt es im Islam glaube ich nicht.
Joachim Petrick schrieb am 16.01.2012 um 01:09
@Lia Darjes

Das ist erst einmal eine schöne Erzählung mit Fototstrecke. Danke!

Am 11. Januar war die Publizistin Katajun Amirpur, neu berufene Professorin für "Islamische Studien" an der Akademie der Weltreligionen der Universität Hamburg in der Hauptkirche St. Nikolai am Klosterstern unter der Veanstaltungsreiche "Die Gretchenfrage" zu Gast und meinte, rein wissenchaftlich betrachtet, können Muslime/innen selbstverständlich, Glauben abfallen, gar konvertieren. Es sei aber besser, nicht daüber in der Nachbarschaft zu reden, denn das Konvertieren sei nach dem Koran ein Verbrechen gegen Allah, das aber nur Allah bestrafen darf und sonst Niemand. Dass sich Menschen per Selbstjustiz solche Strafen anmaßen, sei deren Unwissen des Islam geschuldet.
Wie soll aber ein Muslime zu anderen Glaubensformen konvertieren, wenn er darüber Schweigen soll und gleichzeitig durch sein Schweigen erpressbar wird?
Brauchen wir eine Deregelulierung des Religionsmarktes der Mögichkeiten im und mit dem Glauben?, samt der Möglichkeit "auf Probe einem Glauben beizutreten" und jederzeit, ohne persönliche Nachteile im sozialen wie beruflichen Bereich, wieder den Glauben wechseln zu können, oder bekennender Atheist, Nonkonformist wie Richard von Weizsäcker, Altbundespräsident und langjähriger Kirchentagspräsident der EKD, der die Antwort auf die unstatthafte Frage verweigert
"Glauben Sie an Gott?!?
weinsztein schrieb am 16.01.2012 um 04:16
Liebe Lia Darjes,

Ihre Botschaft gefällt mir sehr. Aus Ihren Bildern blicken mich Menschen an, keine Fremden. Was sollte mir fremd sein an Menschen, die ihre Religion gewechselt haben, die Christen waren und Muslime wurden?
Oder an Muslimen, die immer noch Muslime sind, oder von bisherigen und auch demnächstigen Atheisten, Christen, Buddhisten, die womöglich auch noch crossover verheiratet sind?

"Der Islam wird häufig als 'das Andere' betrachtet", schreiben Sie. Tatsächlich ist es schlimmer, der Islam wird von vielen Menschen nicht nur als anders wahrgenommen, sondern als Bedrohung.

Welche Bilder sind verbraucht? Die von "Konvertiten" irritierten Mitmenschen, beide mit vertrauter westlicher Physiognomie?

Für Ihr Projekt in Paris wünsche ich Ihnen spannende Dialoge, Diskussionen.

Herzliche Grüße
Henner Michels
Popkontext schrieb am 16.01.2012 um 04:42
Hmm. Ein gelungener Schulaufsatz zu einem sicher nicht uninteressanten Themen. Meine Fragen und mein Blick und auch meine Voruteile lägen ganz wo anders. Hinterfragt - auch im positiven Sinne - wir hier leider eigentlich gar nichts. Nur ganz simple Vorurteile, die ich persönlcih nie ausgeprägt hatte, aber die sicher verbreitet sind. Als Lösung wird Begegnung angeboten. Sicher nicht der schlechteste Weg.
Tobi-Eiki schrieb am 16.01.2012 um 14:33
Ist der Begriff "Konvertit" bzw. "Konvertiten" nicht schon herabwürdigend? Beim Lesen des Artikels, der gut geschrieben war, aber leider nur wenig Inhalt vermittelte, fragte ich mich häufiger, ob Menschen und Personen, die zu einer anderen Religion konvertieren, nicht auch anders bezeichnet werden könnten? Hält die deutsche Sprache keine höflicheren Bezeichnungen für uns bereit?
miauxx schrieb am 16.01.2012 um 18:29
Vielleicht ist "Konvertit" nicht unbedingt abschätzig; aber auf jeden Fall eine Unterstellung. Nämlich wenn man, wie hier, die Bezeichnung pauschal auf alle Menschen anwendet, die sich bewußt als Moslems bekennen und das nicht "schon immer" waren. Menschen des Westens werden so zunächst pauschal als Christen, oder zumindest Nicht-Moslems, eingeordnet - ob tatsächlich gläubig oder nicht.
Wenn ich mich recht erinnere, erfahren wir hier im Text von nur einer Person, dass sie früher gar dem Kommunismus anhing.
Und das Mädchen von Bild 2 gelte als "Muslima", weil ihre Eltern vor ihrer Geburt konvertierten. Zumindest die Konfession sei also per Muttermilch verordnet ... oh, oh ...
odranoel-64 schrieb am 28.01.2012 um 22:51
Der Wechsel von einer Wüstenreligion zur anderen sollte nicht mehr als ein Hemdwechsel sein. Die einen wollen jedoch ihr Hemd unbedingt behalten und verbieten den Wechsel.
Wie allgemein bekannt und aus den Haditen hervorgeht, war der Prophet Mohamed ein schwer kranker Mann. Er litt an Acromegalie (Vergrößerung der Hirnanhangdrüse) die unter anderem zu Paranoia führt, sich durch übergroße Extremitäten zeigt, eine ständige Schweißabsonderung hervorruft, die einen Waschzwang bedingt und schließlich auch eine Zeugungsunfähigkeit verursacht (M. hatte mit 10 Frauen und unzähligen Konkubinen nur eine einzige Tochter). Und diesem Mann hat der Erzengel Gabriel das Wort Gottes überbracht. Da ist doch die Frage erlaubt, ob dieser schwerkranke Mann alles richtig verstanden und niedergeschrieben hat. Bei einem Erzengel sollte zwar grundsätzlich nicht gezweifelt werden, aber hat dieser den Willen Gottes auch ordentlich ins Arabische übersetzt? Ich weiß es nicht.
Meistkommentiert
7 Tage
Monat
Bisher
David Graeber Schulden. Die ersten 5000 Jahre Klett-Cotta 2012

536 Seiten. Gebunden.

26,95
 
Seit der Erfindung des Kredits treibt das Versprechen auf Rückzahlung Menschen in die Sklaverei. Die Geschichte der Menschheit erzählt David Graeber als eine Geschichte der Schulden: eines moralischen Prinzips, das nur die Macht der Herrschenden stützt. Damit durchbricht er die Logik des Kapitalismus und befreit unser Denken vom Primat der Ökonomie >> mehr
Arte-Kooperation

portlet_ArabienArte.png

portlet-gaertnerbuch.png

Probe-Abo

probeabo260x120.jpg

Aktuelle Ausgabe bestellen
Ziemlich beste Freunde

Ausgabe 20/2012
16.05.2012

keine Versandkosten
kein Aufpreis

Einzelpreis: 3.60 €

>> bestellen
der Freitag Kollektion

Freitag-Kollektion_Gaertner.jpg

Arte

portlet_arte+zeile.pngportlet_arte+zeile.png

Freitag-Buchshop.png

Blog-Tipps

Boing Boing
Ein Verzeichnis wundervoller Dinge

Wired News
Technologie-Trends von heute und morgen

Jezebel
Das US-Frauennetzwerk

maedchenmannschaft. net
Das Blog der Alphamädchen

flannel apparel
girlism. großkariert.

nutriculinary.com
Große Küche von Herrn Paulsen

Frau Freitag
Na, wie war's in der Schule

 
 
 
 
© der Freitag Mediengesellschaft mbH & Co. KG