Alltag

Hamburg zu Fuß | 07.02.2012 16:39 | Doris Brandt

Hier können Sie abfahren!

Seit Doris Brandt einen Kinderwagen durch Hamburg schiebt, hat sie ganz neue Perspektiven auf die Stadt. Ab heute wird sie von ihren Rundgängen berichten. Auftakt: Hafen

Ich bin Fußgängerin. Im juristischen Sinne bin ich eine Verkehrsteilnehmerin, die keinerlei Verkehrsmittel benutzt. Mir ist es jedoch juristisch erlaubt, Lasten mit einem Handwagen oder Stoßkarren zu transportieren. Mein Stoßkarren heißt Kinderwagen. Ich flaniere über Hamburgs Straßenbelage, die eine respektable Vielfalt bieten.

Zwar Großstadt-kompatibel aber nicht für unebene Holzplanken geeignet, poltere ich mit meiner kleinrädrigen, aber überteuerten Designer-Kutsche die unebenen Holzplanken der Landungsbrücke 1 hinunter zu den Anlegern. Der Hafen, die Kräne, das wunderschöne Panorama, die Elbe, die irgendwo hinter den Docklands im Gegenlicht verschwindet. Genau, kennt man aus den Vorabend-Serien.

Lässt man das Panorama weg und nimmt den heutigen leichten Nieselregen hinzu, so bieten die Landungsbrücken eine diesige Mischung aus Imbiss-Gastronomie mit maritimen Namen auf wackligen Plastikstühlen und Leuchtreklame, deren beste Zeit unter toten Fliegen und langbeinigen Weberspinnen begraben liegt. Die aneinander gereihten Schwimmpontons versprühen den Ladenzeilen-Charme einer Großwohnsiedlung Anfang der 1970er. Ein Beton-Imbiss-Schnick-Schnack-Gemisch, aus dem hin und wieder ein Krabbenbrötchen linst, begleitet von einem ziemlich alten Hippie, der ziemlich falsch „Mr. Tambourine Man“ klampft. Nur die zahlreichen Haferundfahrt-Akquisiteure sind lauter.

Sternhagelvolle Disco-Fox-Tänzer

Was man hier wie Sand am Meer findet, um mit der verstaubten Metapher zu arbeiten, sind verblichene Fotos: gleißend weiße Pommes-Portionen und rosa Ketchup, hell-beige Schnitzel nach Wiener Art. Das schönste Foto indes lädt zur Bordparty auf eines der Ausflugsschiffe ein. Ein ins Bild retuschierter Steward mit Schulterklappen kann nur lächeln, weil er sich wahrscheinlich auf der Bord-Toilette eine respektable Line gezogen hat. Die Gäste im Hintergrund tanzen sternhagelvoll Disco-Fox und knutschen. Der Slogan: „Hier können Sie abfahren!“

Die Luft besteht zu einem Viertel aus Schiffsdiesel und zu drei Viertel aus Friteusen-Dunst. Auf der schwimmenden Asphaltdecke passiere ich eine freundliche überdimensionale Pommes-Tüte aus Plastik, die ein Schild hochhält: „Das Original!“ Ob sich der Imbiss-Betreiber schon jemals gefragt hat, wie gefälschte Pommes aussehen? Fiese Fritten, die eigentlich Kohlrabi-Stifte sind?

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Das frittierte Gemüse inkognito ist schnell vergessen, als ich von einer verblichenen Plüschtier-Armada aufgehalten werde. Eine Ansammlung von Polycarbonat, die sicher schon hier erfolglos auf Kundschaft wartete, als der Kiosk nebenan noch Raider anstelle von Twix verkaufte. Ich muss spontan an Elli denken. Es gab eine Zeit, in der Elli und ich uns gegenseitig Souvenirs schenkten. Souvenirs, die an Hässlichkeit nicht zu überbieten waren. Die Freiheitsstatue als Salzstreuer in Grünmetallic, das Abbild des Watzmanns auf lackierter Baumstamm-Scheibe, Evita in einer Schneekugel. Noch heute greifen mich diese Grausamkeiten an, wenn ich gedankenlos eine bestimmte Tür des Küchenschranks öffne. Ich wohnte damals nicht am Hafen, sonst wäre ich Stammkundin genau dieses Souvenir-Ladens geworden.

Leberwurstfarbige Plüsch-Krake

Wer reist nach Hamburg, um holzimitierte Kleiderbügel mit der Aufschrift „60 Jahre sind kein Grund sich aufzuhängen!“ zu kaufen? Namens-Spülbürsten für Günther und Plastikbierkrüge für „Bruno den Draufgänger“ werden von chilenischen und bayrischen Flaggen flankiert. Die leberwurstfarbige Plüsch-Krake mit der flotten kleinen Matrosenmütze auf der Stirn versprüht das Maximum an Authentizität. Weitere maritime Bijouterie findet man nur im Laden-Inneren: beklebte Muschel-Schatztruhen aus China und Schirmmützen der „Kampfschwimmer-Kompanie Eckernförde“. Ich sehe mich gezwungen, dieses eigenwillige Still-Leben zu fotografieren. Als die Laden-Besitzerin mich argwöhnisch mustert, sehe ich mich auch gezwungen, einen als überdimensionaler Bleistift getarnten Kugelschreiber mit Hunderassen-Applikationen zu erwerben. Lech Walesa unterzeichnete vor über 30 Jahren das „Danziger Abkommen“ mit einem fast identischen Stift. Das polnische Pendant war jedoch nicht mit Yorkshire-Terriern geschmückt, sondern mit dem Papst.

Es ist Niedrigwasser. Mit einem Krabbenbrötchen im Bauch und einem unverhältnismäßig großen Schreibwerkzeug in der Hand kämpfe ich mich das Holzplanken-Gefälle der Brücke 9 wieder hoch. Die Stadt Hamburg plant eine Sanierung der Landungsbrücken. „Der Entwurf ist wie aus einem Guss gestaltet und versammelt gleichwohl spannungsvolle Gegensätze wie Ruhe und Dynamik, Homogenität und Vielfalt.“, so die Jury über den Gewinner-Entwurf. Ich sehe es vor mir: Lounge-Musik statt Disco-Fox, wenn Souvenirs dann dem Zeitgeist entsprechend, Sushi in kräftigen Farben. Schade irgendwie.

 
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Kommentare
Mühlenkamper schrieb am 07.02.2012 um 19:03
Das Krabbenbrötchen war jedenfalls frisch, eine Fritz-Cola wäre auch noch zu haben gewesen. Ansonsten hilft: Einfach in die Fähre 75 einsteigen und rüber nach Steinwerder (geht mit normalem Fahrschein). Von da aus Landungsbrücken begucken. Kein Schick da, eher schietig, aber dafür wunderschöner Blick.


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