Alltag

Alltagskommentar | 21.02.2012 11:55 | Klaus Raab

Je oller, desto doller

Mit Wulff verlässt wieder ein Babyboomer die politische Bühne, wie Frank Schirrmacher schreibt. Das Problem: Es folgen nicht Jüngere, sondern die Alten kehren zurück

Generationenthesen sind immer dann Schrott, wenn eine kollektive Befindlichkeit unterstellt wird à la "Die Generation Melancholie ist gerne melancholisch". Interessant wird es aber, wenn die Bedingungen, unter denen alle Mitglieder einer Generation aufwachsen, ins Zentrum der Betrachtung rücken – und auch das, was ihre Avantgarden daraus machen.

So kann man festhalten, dass das politische Projekt der sogenannten Babyboomer, der Kinder aus den geburtenstarken Jahrgängen nach dem Krieg und vor dem Pillenknick, "in Trümmern" liegt. Das Projekt einer "politischen Generation, deren vielleicht relevantester politischer Kampf am Ende der um die eigene Rente gewesen sein wird", deren einzige Idee der Neoliberalismus war, wie Frank Schirrmacher in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung schrieb. Da war Christian Wulff gerade zurückgetreten, zu dessen Generation auch ein paar andere politische Frührentner gehören: Roland Koch, Peter Müller, Ole von Beust, Friedrich Merz.

Es entbehrt nicht einer gewissen Komik, dass die heute 50-Jährigen sich nun mit den Zuschreibungen auseinandersetzen dürfen, die eigentlich für die heute 30-Jährigen reserviert schienen: Sie seien unpolitisch, auf Karriere bedacht, marktgesteuert, insgesamt ein wenig blutarm. Während die letzteren mit ihren Protesten gegen das industriefreundliche Acta-Abkommen zur Verteidigung von Patenten und Urheberrechten und mit dem Aufschwung der Piratenpartei – vorübergehend natürlich, der nächste Stimmungsumschwung wird kommen – ihr politisches Profil schärfen, gehen die ersteren in der Vorteilsnahme baden.

Gauck und Rehhagel

Man könnte also meinen, dass der Abgang des meinungsführenden demographischen Mittelbaus dazu führt, dass nun die Nächsten, die Jüngeren – bekanntlich auch keine Heiligen – deren Platz in der öffentlichen Debatte einnehmen. Doch jetzt, da der demographische Mittelbau zurück nach Großburgwedel zieht, leuchtet am Zenit der Fixstern Helmut Schmidts wieder besonders hell. Wer tatsächlich in die erste Reihe rückt, sind Joachim Gauck (*1940), Otto Rehhagel (*1938) sowie, um die Gästeliste von Günther Jauch vom Sonntag zum Maßstab zu nehmen, Heiner Geißler (*1930), Hildegard Hamm-Brücher (*1921), Ulrich Wickert (*1942) und Wolfgang Bosbach (*1952), die Andrea Nahles (*1970) gegenübersaßen.

Irgendwie ist das aber auch beruhigend für alle, die trotz der Zugehörigkeit zu einer seltsamen Generation weiter mitreden wollen: Wenn sie lange genug warten, werden sie schon wieder ernstgenommen.

 
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Artikelaktionen
Kommentare
Aristipp schrieb am 21.02.2012 um 13:06
Dass Frank Schirrmacher, der ja immer wieder ein wenig von der Realität überrascht zu sein scheint und dann zur Kompensation dieser Überraschung simplifizierende Kommentare schreibt, ist ja bekannt. Hier unterliegt er mal wieder einem ziemlichen Wahrnehmungsfehler und hält eine Gruppe von konservativen Politikern für die Babyboomer schlechthin. Das entbehrt nicht eines gewissen Unterhaltungswertes, ist aber auch ziemlich realitätsfremd, weil diese Generation in eigentlich allen Bereichen im Moment nämlich ziemlich das Sagen hat.
Merke: Teilmenge sind nicht die Gesamtmenge und zufällige Häufungen im Fernsehen kein Muster.
keiner schrieb am 21.02.2012 um 13:38
Wenn Sie das Schirrmacher Zitat - >>deren vielleicht relevantester politischer Kampf am Ende der um die eigene Rente gewesen sein wird<< - im Zusammenhang mit der unsäglichen Diskussion um Wulffs Ehrensold sehen, wird klar, dass hier in übelster Manier nachgetreten wird und die Vermutung, dass Wulff als Präsident durchaus ehrenwerte und wichtige politische Ziele verfolgt hat, im Keim erstickt werden soll.

Lieber, zur Sicherheit, noch mal ein Magazin leerfeuern, die Gefahr, dass die Rolle der Medien im Allgemeinen und die der FAZ im Besonderen hinterfragt wird , die Frage nach einer Agenda einer laut 'Welt' zur 4. Macht und damit zu einem wichtigen Teil der Staatsgewalt aufgestiegenen der Presse untersucht wird, scheint gross zu sein...

>>Gab es in der Geschichte der Bundesrepublik je eine Situation, in der die Medien als sogenannte „vierte Gewalt“ sich so explizit als Teil der Staatsgewalt verstanden? Es könnte sein, dass die schon so lange und so oft beschworene Mediendemokratie jetzt erst ihr Vollbild ausgeprägt hat.<<

Quelle: www.welt.de/kultur/history/article13878835/Erst-die-Pastorentochter-Merkel-nun-Ex-Pastor-Gauck.html
Achtermann schrieb am 21.02.2012 um 14:08
Klaus Raab schreibt: Das Problem: Es folgen nicht Jüngere, sondern die Alten kehren zurück.

Ist das wirklich das Problem? Die Baby-Boomer sind in eine Gesellschaft hineingewachsen, die bis auf ein paar kleine Dellen stets prosperierte. Renten- oder andere gesellschaftliche Sorgen waren kein öffentliches Thema. Arbeitsplätze waren genügend da. Wer einigermaßen willig war, konnte ausreichend Geld verdienen, um seinen Lebensunterhalt weitgehend auskömmlich bestreiten zu können. Wulff, ein Vorzeigevertreter dieser Generation, schaffte sich zwar schon sehr früh Connections in andere gesellschaftliche Bereiche, die seine Herkunft nicht unbedingt zuließen, aber auch ohne diese wäre er als Rechtsanwalt in die Mittelschicht aufgestiegen. Eine konservative Partei, verankert im Establishment, bot ihm das ideale Sprungbrett, noch weiter nach oben zu kommen.

Christdemokraten sind üblicherweise vernetzt, schaffen dem Nachwuchs des Parteifreundes Möglichkeiten, sich beruflich zu etablieren. Da wäscht eine Hand die andere. Und von Studentenverbindungen ausgehend sind meist genügend Anlaufstellen vermittelbar. Darin sehe ich die eigentliche Ursache. Weil diese Generation der folgenden keine elementaren, existenziellen Erfahrungen mitgeben kann. Wulff liebt den Schein. Auch als Ministerpräsident, eigentlich eine verantwortungsvolle Aufgabe, konnte er kein tieferes Problembewusstsein entwickeln, das die von ihm Regierten hätte erreichen müssen. Mit dem glatten Schwiegersohn-Image befördert man die Phantasien potenzieller Großmütter und vielleicht die einiger Frauen, die nach Sicherheit streben, aber mehr auch nicht. Wulff machte nie den Eindruck, an der Last des Amtes zu leiden. Denn dieser Leidensdruck, den Herausforderungen ernsthaft gerecht werden zu wollen, hätten ihn als Persönlichkeit wachsen lassen. So scheint es vielen dieser Generation ergangen zu sein.

Gauck, der zwanzig Jahre ältere, durchlebte Brüche, die gesellschaftlich bedingt waren. Die Nachkriegszeit, die Gründung der BRD und der DDR, den Fall der Mauer. Alles hat ihn und seine Generation persönlich betroffen. Ähnlich und wahrscheinlich noch dramatischer erging es Politkern wie Egon Bahr, Helmut Schmidt, Willy Brandt oder Herbert Wehner. Man kann sich nicht vorstellen, dass diese Personen in ihrer aktiven Zeit als Verantwortungsträger sich um das Einwerben kostenneutraler modischer Accessoires für ihre Gattinnen gekümmert hätten, dass es ihnen darum gegangen wäre, in Promi-Zirkeln zu verkehren und Homestories von seichten Bilderzeitschriften verfassen zu lassen, so wie das heute üblich ist. Deshalb hatte Wulff als Bundespräsident nichts zu sagen. Niemand ging davon aus, dass er seine Reden selbst verfassen würde. Bei Gauck ist das anders. Ihm traut man zu, die Wörter beim Wickel zu nehmen und sie zu inhaltsschweren Sätzen zusammenzubauen. Auch wenn mir deren Inhalt mit großer Wahrscheinlichkeit nicht passen wird, so sind sie wenigsten handgemacht und von unter die Oberfläche gehender Lebenserfahrung getragen.
lebowski schrieb am 21.02.2012 um 14:23
Klaus Raab schreibt: Das Problem: Es folgen nicht Jüngere, sondern die Alten kehren zurück.

Jau, sogar Udo Jürgens ist wieder auf Tournee und Smokie gibts immer noch. Nur das Thema Joopie Heesters ist durch.

Besser wäre es, man sollte die Rückkehr (Quatsch, die waren nie wirklich weg und wenn Günther Jauch ruft will halt jeder seine Fresse im Fernseher sehen) einiger Alter gesetzlich verbieten. Wenn Hildegard Hamm-Brücher redet, denke ich immer, mein Fernseher ist kaputt.
Mühlenkamper schrieb am 21.02.2012 um 16:06
Generationen gibt es nur in Familien. Im Gemeinwesen gibt es Jahrgänge. Ohne Nebelbegriffe und Politgeraune wird es dann mit den Verallgemeinerungen schon ziemlich dürftig. Eins ist aber auffällig - die alten Männer haben oft sehr viel jüngere Frauen!
Bartleby schrieb am 21.02.2012 um 20:30
Dass die Eltern der Babyboomer glauben unentbehrlich zu sein und sich noch immer nach vorn drängen, ist nicht das größte Problem. Das löst sich eher über kurz als über lang von allein.

Schlimm ist, wie Schirrmacher Geschichtsklitterung betreibt. Die Argumentation in diesem Artikel steht auf einer völlig falschen Grundlage. kartothek.wordpress.com/2012/02/21/schirrmachers-babyboomer-scheinwelt/
Bartleby schrieb am 21.02.2012 um 20:32
Ich meine natürlich die Argumentation in seinem Artikel und nicht in diesem hier.
Roger11 schrieb am 22.02.2012 um 02:32
Die Alten kehren nur deswegen zurück, weil sie Lunte riechen ob der Verfehlungen Jüngerer, und ihre Chance sehen zur Revitalisierung Ihrer gefühlten Wichtigkeit trotz unaufhaltsamen Alterns. Wobei, Alter schützt vor Torheit nicht. Sagt man. Die Occupy-Bewegung aber nicht zu verstehen setzt nicht zwingend Altersstarrsinn voraus. Demenz? Das geht richtung Oggersheim, der Dicke weiss beim besten Willen nichts mehr über Lichtensteiner Konten und und und..
Da wirft sich ein Helmut Schmidt viel zu früh in die Presche für den Peer, und alles verpufft. Wahrscheinlich glaubte der Alt-Kanzler, sein Wort hätte Gewicht. Da muss ich ihn leider enttäuschen. Erstens ist es noch echt lang hin bis zur Bundestagswahl, zweitens wird noch in diesem Jahr die Zukunft des Euros entschieden. Und da haben Comments von elder Statements null Relevanz, so sehr ich sie als Person schätze.

Und ich, als angesprochener Babyboomer, bin alles andere als ein verpeilter Büger, sondern ein Vertreter der Direkten Demokratie. Ich verachte die Parteienwirtschaft, ich missbillige das System, wie uns als "friss oder stirb" zu wählende Abgeordnete, MdB´s von Parteien vorgesetzt werden. Da spiele ich nicht mit. Ich bin der Meinung, dass unsere Verfassung hinsichtlich konkreter Bürgerbeteiligung geändert gehört. Und allen Gegnern solcherlei Bestrebungen, mit all ihren Vorbehalten bzgl. Drittes Reich, entgegne ich: die geistige Vernetzung junger Leute durch das Internet, innerhalb und ausserhalb Europas, macht eine Rückbesinnung auf chauvinistisches Nationalgefühl incl. früherer Absurditäten absolut unmöglich.
Es geht um den vorerst letzten Schritt zur Vervollkommenung der Institution Demokratie. Mehr Volksentscheide, mehr zu wählende Köpfe bei Landtags- und Bundestagswahlen, etc...
Ich glaube, die Bürger sind aufgewacht. Freilich kapieren sie nicht die Grossfinanz und deren perfides Geldvermehrungssystem. Gott behüte, dass das einer der Dummies versteht, hoffen die Jungs.
Nur, was passiert eigentlich, wenn der Bankrun tatsächlich stattfindet und die lieben UBS-ler um die Wertigkeit ihrer in Euro auf den Caymens geparkten Konten bangen müssen? Ja, müssen wir da auch einspringen?

Die einzige Sicherheit, die es tatsächlich gibt, und das kann man generationsübergreifend feststellen, ist die Tatsache, dass Geld im Leben eines Menschen eine zentrale Rolle spielt. Punkt. Punkt. Und nochmal Punkt.
Exilant schrieb am 22.02.2012 um 13:48
Wie alt der Bundespräsident ist, ist doch gar nicht so wichtig. Entscheidend ist, was er vermittelt.
Im Berliner "Springer"-Boulevard wurde Gauck neben Rehhagel gestellt. Dies soll Erfolg, Klasse, suggerieren. Weil Rehhagel diesen Nachweis erbracht hat.
Die Alten riechen auch keine Lunte, wie "Roger11" schreibt, sondern sie wurden ja gefragt.
paulart schrieb am 22.02.2012 um 16:01
Gegenrede!
Eigentlich ist es nicht so wichtig, wie alt jemand ist. Sondern, was er (oder sie!) denkt!
Ich denke da zum Beispiel an Stéphane Hessel, er ist 94 jahre alt. Aber im Kopf immer noch jung! Und ich denke an Ronald Pofalla. Er ist ja erst solide 52 Jahre alt. Aber im Kopf scheppern die Begabungen ziemlich durcheinander, weil sie von ihm immer sofort parteipolitisch abgelegt werden.

Lasst uns diese Republik nicht in alt und jung unterteilen. Gaucks erste Sätze nach seiner Nominierung waren authentischer als Wulffs gestammelte Erklärungsversuche seit den Weihnachtstagen 2011! Und das, obwohl Chris Woolf (nur Peter Hintze und Dirk Rossmann hatten zwar keine Angst vor, aber um ihn) fast zwanzig Jahre jünger ist als Joachim Gauck.


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