Andreas Kemper
08.09.2011 | 17:53 3

Diaspora geht in die Beta-Phase und braucht Solidarität

Diaspora ist ein soziales Netzwerk wie Facebook und Google+, allerdings mit einem großen Unterschied: während bei Facebook und Google+ alle Daten zentral über einen Anbieter laufen, ist Diaspora dezentralisiert. D.h. theoretisch kann jede_r sein eigenes soziales Netzwerk betreiben, Voraussetzung sind lediglich ein Server und ausreichende Programmierkenntnisse. Wer sich in einem beliebigen Diaspora-Netzwerk (sogenanntes "Pod") angemeldet hat, kann von dort mit Diaspora-Usern in anderen Diaspora-Netzwerken in Kontakt treten. Ähnlich wie beim E-Mailen, wo sich ja auch Menschen E-Mails zuschicken können, die bei unterschiedlichen Anbietern wie Yahoo oder GMX sind.

Einen ersten großen Erfolg kann Diaspora bereits für sich verbuchen. Soeben hat Facebook eine Neuerung eingeführt und fragt, an welche Personen-Gruppe man seine Mitteilungen posten möchte. Dies ist wahrscheinlich eine Reaktion auf Google+, welches mit seinen Kreisen (Circles) von vornherein dazu animiert, nicht wahllos, sondern gruppenspezifisch zielorientiert Mitteilungen zu verschicken. Diese Idee stammt aber von Diaspora. Dort kann man seine Bekannten nach bestimmten "Aspekten" ordnen. Sozialpsychologisch scheint das für den Ansatz des Sozialen Konstruktivisten Kenneth J. Gergen zu sprechen, der davon ausgeht, dass das "Ich" heute ein Beziehungsknoten ist, also der Knoten zwischen zum Teil sehr unterschiedlichen Beziehungen und Bekanntenkreisen. Von ihm stammt auch - in Anlehnung an Descartes - "I am linked therefore I am" ("Ich bin vernetzt, also bin ich").

Das heißt, auf der Mitteilungsebene hat sich in den großen sozialen Netzwerken bereits der Dezentralisierungsansatz von Diaspora durchgesetzt. Allerdings nicht im Bereich der Datenspeicherung. Diaspora schafft zur Zeit nicht das Überspringen der kritischen Masse. Selbst Google fällt es ja schwer, genügend kritische Masse, genügend Schwerkraft zu schaffen, um Interessierte aus dem Facebook-Orbit herausziehen zu können.

Kritische Masse ist hingegen nicht nur Quantität. Auch das wäre zu wenig dezentral gedacht. Menschen wollen mit ihren Bekannten kommunizieren. Wenn die Hälfte der interessanten Bekannten in ein anderes Netzwerk wechselt, wechselt man selber auch. Egal wie groß es sonst ist. Das heißt, linke Medien könnten zusammen ein Diaspora-Pod betreiben. Wenn eine Gruppe linker Zeitungen ein Diaspora-Pod eröffnen würde und mit Hilfe von bekannten Blogger_innen und Prominenten eine Kampagne für Diaspora starten würden, dann könnte mit Sicherheit eine kritische Masse im linken Kontext erreicht werden.

Es geht also nur darum, in den linken Redaktionen eine kritische Masse für Diaspora zu erreichen.

Hier das zentrale dezentrale Pod: Diaspora Alpha (hier kann man sich registrieren und die Warteliste wird gerade abgebaut)

Und hier ein weiteres dezentrales Pod: Diasp.org (funktioniert ohne Wartezeit)

Und hier ein deutschsprachiges Pod: Geraspora

Kommentare (3)

Andreas Kemper 09.09.2011 | 11:17

Nichts zu danken. Ich hatte gestern abend noch eine Diskussion, wo es um die Riots in London ging und die Forderung, Blackberrys zu verbieten, weil deren Technologie staatsgefährdend sei. Börsenspekulanten durften sich hingegen vor einigen Jahren sehr wohl über Blackberrys vernetzen.

Auch vor diesem Hintergrund ist eine größere Dezentralität und Selbstbestimmung bei Sozialen Netzwerken wichtig.

Wenn wir die derzeitige Situation der sozialen Netzwerk auf die E-Mail-Anbieter übertragen würden, dann zeigt sich erst die Rückschrittlichkeit von Facebook, Google+, Xing, StudiVz usw.: Es könnten sich dann nämlich nur diejenigen E-Mails zuschicken, die den gleichen Anbieter haben. D.h. mit einem gmail-Account könnte ich nur mit Leuten kommunizieren, die ebenfalls einen gmail-Account haben; mit einem gmx-Account gingen meine E-Mails nur an die Bekannten, die ebenfalls einen gmx-Account haben, keinesfalls aber an Yahoo, usw..

Diaspora ist da einen Schritt weiter und ermöglicht es, dass sich unterschiedlich entwickelnde Pods (die Software ist frei zugänglich und veränderbar) kompatibel Mitteilungen zusenden können.

Michael Martin 12.09.2011 | 18:45

Besonders gut gefällt mir die Idee, einen "linken" Pod aufzubauen. Der E-Mail Vergleich ist auch sehr treffend und
zeigt auch wie eingeschränkt man im Moment ist.
Ich glaube aber nicht, dass Google die kritische Masse nicht
erreichen wird. (Google + ist doch noch gar nicht allgemein verfügbar, oder irre ich mich?)
Für Diaspora scheinen mir die Zeichen im Moment gut zu stehen. Denn einerseits rückt durch Aktionen wie das s.g. 2-Klick-Konzept von Heise die Datenschutzproblematik weiter in das Bewusstsein der Nutzer. Andererseits ist Google plus auch noch nicht riesig und büßt durch den Klarnahmenzwang auch
Attraktivität ein.
Also her mit dem linken Pod,
und vielen Dank für den spannenden Beitrag!