Rima Marrouch
14.11.2012 | 12:34 2

“Das erste Flüchtlingslager in Syrien”

Syrienblog Weit weg von der türkischen Grenze haben Syrer in Kah ein Flüchtlingscamp eröffnet. Die Bloggerin Rima Marrouch war vor Ort

Das Camp für syrische Flüchtlinge in Kah wird die Syrer weder vor der kommenden Kälte noch vor Regen wirklich schützen können. Jeder hier hat Mitglieder seiner Familie oder sein ganzes Zuhause verloren. Das Lager wächst täglich, waren es anfangs 60 Zelte, stehen dort nur zehn Tage später bereits 220. Eines muss man den Syrern lassen: Organisation ist ihre Stärke.

Schattenspendende Ölbäume sollen jetzt vor den Bomben schützen. In Kah, einem Dorf zwei Kilometer vor der Grenze, ist in den Olivenhainen eine Zeltstadt entstanden für Hunderte von Familien, die in die Türkei fliehen wollen.

Ich bin vor ungefähr eineinhalb Monaten mit Unterstützung hier ins Grenzgebiet gekommen”, sagte Omar Abdel Karim Rahmun, Leiter des Projekts. “Ich hatte mit hundert oder vielleicht zweihundert Leuten gerechnet, aber nicht mit so einer großen Menge Menschen, die ohne Zelte unter den Ölbäumen ausharren.” Rahmoun und andere Syrer habe sich entschieden ein Lager in der Nähe der Stadt Kah zu errichten.

Rahmun nahm Kontakt zu einigen Hilfsorganisationen auf. Yusr, eine libysche Organisation, spendete 23.000 Dollar. Bei den starken winterlichen Regenfällen, die kürzlich einsetzten, haben solche Projekte, die tausenden Familien Schutz bieten, Priorität. Die UNO schätzt, dass die Zahl der syrischen Flüchtlinge bis Ende des Jahres auf 700.000 anwachsen wird.

Ich habe auch den syrischen Nationalrat und andere Institutionen um Hilfe gebeten, aber bis jetzt ist es bei Versprechungen geblieben”, sagt Rahmun. “Die libysche Hilfsorganisation ist die einzige, die finanziell geholfen hat. Einige andere haben Nahrungsmittel gespendet oder Decken.”

Einheimische haben Land zur Verfügung gestellt. Ein Teil ist gepachtet, ein Teil wurde gekauft. Es ist Platz für 800 Zelte. Zur Zeit beherbergen 220 Zelte ungefähr 1.500 Syrer, zumeist Familien aus Idlib und Städten und Dörfern wie Atareb, Tal Rifaat, Mareaa.

Es ist weit weg von der türkischen Grenze”, sagt Rahmun. “Es ist auch außerhalb der Reichweite der Artillerie des Regimes. Es ist fast eine Pufferzone.”

Aber viele Frauen in dem Lager fühlen sich trotzdem nicht sicher. Um Chaled, 33, aus Kafar Zeita, hat am Morgen des 11. September durch einen Beschuss ihres Hauses neun Familienmitglieder verloren.

Wir haben alles überstanden, außer den Bomben”, sagt sie. Sie nahm ihre drei Kinder und floh. Einen Monat sind sie umhergezogen, ehe sie nach Kah kamen.

Die haben türkisches Gebiet beschossen, und da sollen sie uns hier nicht beschießen?” sagt Ahlam, eine Mutter von sechs Kindern, aus Atareb. “Ich will in die Türkei. Ich glaube, dort sind wir sicherer, aber mein Mann war dagegen, nachdem wir wochenlang unter den Ölbäumen gewartet hatten. Wir bleiben hier.”

Ihre jüngste Tochter, die vier Monate alt ist, nannte sie “Raheel”, das heißt “Abreise”, weil sie während der langen Suche nach einer Zuflucht geboren wurde. Vier Mal mussten sie wieder aufbrechen, Richtung Norden, auf der Flucht vor den Bomben.

Ehe ich Kah verlasse, spricht mich eine 18-jährige Mutter an. Vor wenigen Monaten hat sie ihr erstes Baby geboren. Sie fragt, ob ich verheiratet bin und Kinder habe. Ich sage, nein.

Richtig so”, sagt sie. “Das ist besser. Wenn die Beschüsse losgehen, kann man allein schneller entkommen.”

Kommentare (2)

Martin Gebauer 17.11.2012 | 08:51

FREITAG, 16. NOVEMBER 2012

Das ist die Straße nach  Ras al Ain, eine kleine syrische Stadt, die direkt an der Grenze zur Türkei liegt. Nachts sind tausende von Rebellen ungehindert durch das Grenzgebiet eingedrungen und haben versucht, sich in mehreren Gebieten festzusetzen.

Glaubt man den Kurden, so sind rund 400 Fahrzeuge mit Kämpfern und Waffen über die Grenze gekommen, viele der Pickups waren mit schweren MGs ausgerüstet. Die Kolonne wurde von der vereinigten kurdischen Volkswehr aufgehalten. Im Morgengrauen kam es zu Kämpfen.

Die Einheiten der “Freien Armee” dringen in die Stadt ein. Öffnen die Hausbewohner die Tür nicht, so wird sie aufgebrochen, Bewaffnete stürmen das Haus, es wird ausgeraubt, die Einwohner werden sofort beschuldigt, Unterstützer der Regierung zu sein, sie werden mit den Gewehrkolben geschlagen und dann in vielen Fällen erschossen. Die unerklärliche Brutalität und Wahllosigkeit der sogenannten “Freiheitskämpfer” wurde öfters von internationalen Menschenrechtsorganisationen angeprangert, doch es blieb bei mündlichen Verurteilungen.

In Ras Al Ain sind drei Mächte aneinander geraten. In der Stadt selbst wurde die Al-Kaida von kurdischen Einheiten blockiert, die Außenbezirke von Regierungstruppen eingekreist, von wo aus sie das Feuer eröffneten. Menschen flohen ins türkische Grenzgebiet und in benachbarte Städte.

Frau:

Dort schießen alle, die einen haben schwarze Fahnen, die anderen kurdische. Es fallen Bomben. Wir haben Angst um unsere Kinder, wir wollen Frieden, nun warten wir hier, bis uns türkische Grenzer abholen.

Tagsüber öffnen sie die Grenzen für Flüchtlinge, nachts schleusen sie genauso offen Rebellen nach Syrien ein, welche dort gegen die Regierung kämpfen und Chaos im kurdischen Norden verbreiten sollen. In zwei Dörfern haben Einheiten der kurdischen Bürgerwehr die offiziellen Sicherheitskräfte vollständig ersetzt.

Die Türken sagen den Menschen: lauft von hier weg, kommt zu uns, bei uns findet ihr Schutz! In Wahrheit betrügen sie sie. Das Geld, welches vom Roten Halbmond und vom Roten Kreuz bereitgestellt wird, stecken sie in die eigenen Taschen. Dort sind Frauen und Kinder, die sie in Zelten wohnen lassen. Jetzt ist es aber schon so kalt, dass man nicht in Zelten leben kann. Viele kommen wieder zurück. Die Türken benehmen sich wie die Mafia, sie bewaffnen versprengte Gruppen, schicken diese zu uns in den Kampf und verdienen an den Flüchtlingen.

Ziel der “Freien Armee” ist die Kontrolle über die erdölreichen Gebiete des Landes, die bisher vom Krieg verschont geblieben sind. Die Rebellen konzentrieren sich an der Grenze, die Kurden bereiten die Verteidigung ihrer Gebiete vor. Überall wurden Checkpoints aufgebaut, es wird Patrouille gefahren, die Waffen sind geladen.

Anastasia Popowa, Michail Witkin, Jewgenij Lebedew. Vesti, syrisch-türkisches Grenzgebiet

 

Martin Gebauer 17.11.2012 | 09:07

Wenn Anastasia Popowa aus Al-Qamishli, berichten kann, so ist daraus zu schließen, dass die kurdischen Gebiete, wie zuvor nur gerüchteweise zu hören war, tatsächlich überwiegend frei von Rebellenbanden sind#

In der kurdischen Stadt Al-Qamishli ist der Grenzübergang seit langem geschlossen, doch wenn man sich von dort nur ein paar hundert Meter wegbewegt, sieht die Grenze bereits so aus. Bei aller Durchlässigkeit ist die Stadt jedoch für die Rebellenbanden der Freien Syrischen Armee gesperrt; die örtlichen Einwohner haben die Bewachung der Stadt in ihre eigenen Hände genommen.

Gemäß eines Vertrags von 1998 zwischen Syrien und der Türkei wird die Grenze zwischen beiden Ländern nicht durch die Armeen beider Staaten, sondern nur durch die Streitkräfte der Türkei bewacht. Diese wiederum sind daran beteiligt, dass immer neue Einheiten bewaffneter Rebellen auf syrisches Territorium eindringen. Um sich vor dieser endlos scheinenden Flut zu schützen, haben die Kurden Bürgerwehren aufgebaut. In diesen herrscht eine strenge Organisation, sie haben ihr eigenes Wappen und eigene Uniformen.

Shevan Hussu:

Wir haben Kontrollpunkte eingerichtet, wir haben überall Späher und Informanten, und nachts fahren wir auf Geländewagen Patrouille und achten darauf, dass keine Rebellen über die Grenze kommen. Erst gestern haben wir ein paar Bewaffnete festgenommen und sie ins Gefängnis gesteckt.

Nachts sind entlang der Grenze Schüsse zu hören, die Rebellen versuchen schon den zweiten Tag, in die Halbmillionenstadt Al-Qamishli vorzudringen - bisher erfolglos. 100 Kilometer westlich in Ras Al Ain kam ein ganzes Rebellenregiment aus der Türkei über die Grenze; auch sie wurden von den Kurden abgewehrt. Die Kurden haben auch die Dörfer Al-Darbasiyah und Amuda unter ihre Kontrolle gebracht; man bat die Sicherheitskräfte der syrischen Regierung, die Orte zu verlassen.

Aldar Khamil, Vertreter des Obersten Rats der Kurden:

Wir haben uns mit der syrischen Armee geeinigt. Sie mischt sich nicht in unsere Angelegenheiten ein, sie ist nicht vor Ort, doch auch wenn sie hier wäre hätten wir eigentlich nichts dagegen - das ist ihr Land. Die Terroristen, die zu uns vordringen, kommen nicht von hier. Die, welche wir gesehen haben, waren alle Ausländer. Sie befinden sich permanent unter dem Schutz der türkischen Armee, und wenn sie die Grenze überqueren, bekommen sie dafür Pläne und Unterstützung von den Türken.

Die Beziehungen zwischen den Kurden und der syrischen Regierung waren in den vergangenen 40 Jahren eher schwierig, allerdings sind viele heute noch dankbar dafür, dass Syrien in den 90er Jahren dem kurdischen Nationalhelden und PKK-Führer Abdullah Öcalan Asyl gewährt hat und sich weigerte, ihn an Ankara auszuliefern, was damals fast zum Krieg mit der Türkei führte. Zu Beginn der gegenwärtigen Krise wurde den Kurden durch Präsident Baschar al-Assad die syrische Staatsbürgerschaft verliehen, in der neuen Verfassung des Landes werden sie offiziell als nationale Minderheit anerkannt, mit allen Rechten, ihre eigenen Traditionen zu pflegen.

In der Stadt gibt es zwei Gewalten: die offizielle und die des Volkes. Beide sind aktiv, mischen sich nicht in die Angelegenheiten der jeweils anderen ein. Die bürgerliche Selbstverwaltung von Al-Qamishli besteht aus 15 Volkshäusern, welche dem zentralen kurdischen Volksparlament unterstehen. Dieses wird für 2 Jahre gewählt, die obligatorische Frauenquote unter den Abgeordneten beträgt dabei 40%. Im Volksgericht werden Urteile durch Ältestenräte unter Berücksichtigung der Sitten und Traditionen des Angeklagten gesprochen. In den Gefängnissen gibt es für Inhaftierte psychologische Betreuung.

Abu Muhammed Yusef, Einwohner von Al-Qamishli:

Schon den sechsten Tag gibt es kein Benzin, wir übernachten hier in der Schlange und können nicht arbeiten. Die Taxis stehen still und niemand kann Auskunft geben, wann Benzin geliefert wird.

Bei allem Wunsch nach politischer Unabhängigkeit hängen die Kurden wirtschaftlich stark von syrischen Staat ab, Kommunikationsleitungen und Strom kommen aus anderen Provinzen, Benzin und Stadtgas aus Homs und Aleppo, aber die Fracht wird unterwegs oft von Rebellenbanden gestohlen.

Kovan Tarsu, Taxifahrer:

Ich bin überzeugt davon, dass die Probleme von der türkischen Regierung ausgehen. Sie will die Kurden eliminieren, überall auf der Welt. Deswegen mischt sie sich jetzt in unser Leben ein. Was auch immer in der Vergangenheit war, wir sind in erster Linie Syrer, dann Kurden. Deshalb werden wir auch unsere Heimat verteidigen.

Quelle: Vesti.ru

 http://apxwn.blogspot.de/2012/11/mit-anastasia-popowa-durchs-wilde.html#more