archinaut
02.01.2013 | 00:09 59

Anstalt der Volksbelehrung

Berliner Schloss: Entscheidung in 2013

Anstalt der Volksbelehrung

Foto: Umschauen/ Flickr (CC)

 

Während die akuten Probleme der Großprojekte Stuttgart 21 (Baukosten zwischen 4,5 und 10 Mrd EUR), des Flughafens Berlin-Schönefeld (Baukosten aktuell 4,3 Mrd EUR) oder der Elbphilharmonie (Baukosten aktuell 575 Mio EUR) in den Medien breit diskutiert werden, findet das Vorhaben Berliner Stadtschloss-Humboldtforum zurzeit kaum Beachtung.

Liegt es möglicherweise daran, dass dieses bis heute umstrittene, reichlich überflüssige Vorhaben in den nächsten Monaten noch verhindert werden kann, ohne erhebliche Schadenersatzforderungen auszulösen?

Im ersten Halbjahr 2013 soll der U-Bahnhof unter dem zukünftigen Bauplatz realisiert werden, ab Sommer 2013 sollen die Bauarbeiten über der Erde beginnen: Kosten in Höhe von 478 Mio EUR will der Bund tragen, 32 Mio EUR das Land Berlin, die letzte offizielle Kostenschätzung liegt bei 590 Mio EUR. Ein privater Verein soll 80 Mio EUR für die Erstellung der Fassaden nach historischem Vorbild einsammeln, hat aber bisher erst Einnahmen und Spendenzusagen über ca. 22 Mio EUR bekannt gegeben. Höchste Zeit also, das laut Kulturstaatsminister Bernd Neumann bedeutendste Kulturbauvorhaben in Deutschland gründlich zu hinterfragen!

 

Gelegentlich klärt der scharfe Blick von außen: Man glaubte..., wenn man etwas wieder aufbaut, wie es war, kann man keine Fehler machen. Unbewusst hat man sich nichts zugetraut. Die gleiche Haltung hält heute Architekten davon ab, etwas Neues zu schaffen, sagt der aus Nürnberg stammende Architekt Helmut Jahn, und das Vorhaben der Bundesregierung, das Berliner Stadtschloss wieder aufzubauen, kommentiert er mit den Worten: Dass ein Technologieland wie Deutschland sich nicht zu seiner Zukunft bekennt, halte ich für unglaublich feige. (im Dezember 2012 auf FOCUS Online)

Deutlich auch die Worte von Rem Koolhaas: ... ist die Idee, das Schloss wiederaufzubauen, der Versuch, eine historische Epoche auszuradieren – und gleichzeitig den Menschen in Ostdeutschland zu zeigen: Eure Leben waren nutzlos. (im Jahr 2004 auf Spiegel-Online )

Oder hat Dr. Josef Ackermann recht, wenn er sagt: Mit dem HumboldtForum kann Berlin seinen Ruf als dynamische, kreative und internationale Metropole im Zentrum Europas weiter stärken und Deutschland einen einzigartigen Ort der Begegnung besonders für junge Menschen aus aller Welt erhalten. ( Stimmen zum Berliner Schloss – Humboldtforum, S. 40) 

Wir sind faktisch nicht mehr in der Lage, Großprojekte zu stemmen, klagt Michael Knipper Mitte Dezember 2012 im Gespräch mit der Süddeutschen, als Geschäftsführer des Verbands der Deutschen Bauindustrie spricht er das Problem offen aus: Die Politik neigt leider dazu, die Baukosten aus Angst vor unendlichen Diskussionen nicht ehrlich auszuweisen. Nach seiner Schätzung warten bundesweit bei etwa 70 steuerfinanzierten Großprojekten Aufträge oder Nachträge in Höhe von 48 Milliarden Euro auf die erforderlichen Finanzierungszusagen. Vor allem weil derart schlecht geplant wird - intransparent, nachlässig und am Bürger vorbei. (Die ganze Welt lacht über uns, Interview in der Süddeutschen )

 

Für die Schlossrekonstruktion wird von politischer Seite unverdrossen die Kostenobergrenze von 590 Millionen EUR genannt.... Ob die halbe Schlossmilliarde in der Schätzung von Herrn Knipper schon berücksichtigt ist?

Wenn der Betondeckel über der neuen U-Bahn-Station unter der Schlosswiese fertig gestellt wird, schließt sich voraussichtlich das letzte Zeitfenster, die Arbeiten für das umstrittenste und überflüssigste Repräsentationsbauvorhaben des Bundes in Frage zu stellen. Die Mehrzahl der Berliner stehen dem Projekt distanziert oder skeptisch gegenüber. Wer weiß schon, was 2013 wird? fragte Bernhard Schulz im Sommer 2010 (Berliner Tagesspiegel ).

 

Man muss diesem Vorhaben heute im Jahr 2013 mit aller Entschiedenheit widersprechen: Einspruch jetzt!

Schon die erste Landnahme für die feudale Niederlassung auf der Spreeinsel erregte den berechtigten Widerspruch der autonomen Berliner Bürgerschaft, dokumentiert als Berliner Unwille im Jahr 1448. Nach der Unterwerfung der Stadt durch die Hohenzollern presste das Haus der aufstrebenden Preußenkönige über nahezu fünf Jahrhunderte Ressourcen und Geldmittel für Kriegszüge und Eroberungen aus Stadt und Umland bis zum vernichtenden, auch selbst verschuldeten Untergang der Dynastie mit dem Ende des 1. Weltkriegs. Die Berliner haben das Schloss nicht geliebt, wohl eher gefürchtet.

Der Sturm auf die Bastille 200 Jahre vor dem Mauerfall gilt der Geschichtsschreibung als Auftakt und Geburtsstunde der Französischen Revolution. Der Umsturz der Berliner Schlossrekonstruktion sollte die Emanzipation des Europäischen Hauses vom Kapital- und Schuldendienst der global operierenden Großanleger eröffnen, damit die Berliner Republik vor der Geschichte bestehen kann.

 

 

Nachtrag zum 342. Eintrag vom 03.07.2012: Hinter uns liegen die Chronolysen (in vier Akten)... die Timeline im Blog archinaut: ist inzwischen justiert. Dieser Blog berichtet aus Deiner Welt. Ich bin nur der Navigator, mein Name sei NEMO:

Ich werde Euch nicht schonen. Öffne Deine Augen.

 

Zur Vertiefung: 8 detaillierte Argumente als Ergänzung des Artikels sind hier verlinkt

Kommentare (59)

archinaut 02.01.2013 | 03:00

Lieber weinsztein,

Freue mich sehr über Deinen Kommentar, ist ja immerhin der erste im Jahr 2013!  Ich hoffe, Du hast einen guten Start ins Neue Jahr gehabt!

Da ich die leise Befürchtung habe, den Leser hier in der FC mit dem Schloss-Thema zu langweilen, habe ich einen längeren Text eingekürzt: Hinter dem Link am Schluss findet man zusätzlich 8 Argumente, da es immer wieder Leute gibt, die mich nach den Gründen fragen.

Außerdem scheint es mir, dass die Blogs hier nicht zu lang werden dürfen, zum einen wedden sie dann nicht bis zum Ende gelesen, außerdem werden sie dann auch nicht mehr kommentiert: Hier herrscht ja (zum Glück) das Lustprinzip!

Wenn der Freitag am längeren Text interessiert ist, wird er mich hoffentlich zu finden wissen;-)) 

Herzliche Grüße in den Süden

archie

Magda 02.01.2013 | 09:24

Hallo archie, 

danke für Deine interessanten Infos und Überlegungen. Das mit dem Schloss, das in der Tat was von Siegerattitüde hat, ist inzwischen auch schon in Richtung kommende Blamage abgedrifted. Deshalb zögern ja alle auch. 

Ich bin auch unwillig-gespannt, wie es mit den "Linden" und generell dem Schloss überhaupt weitergehen soll. Oder einfacher jesacht: Hamm die se noch alle?

Ist das Ganze nicht eine Riesenverschwörung, um die östlichen repräsentativen Orte für Jahre unbegehbar zu machen. Frage ich mich auch manchmal. Denn eigentlich passiert im Osten ja nun nicht mehr viel. "Unter den Linden" wird untergraben und dann mit Plänen bedroht, die wirklich völliger Unsinn sind.

Das Zitat von Spiegel-Online ist richtig, nur dass die Ostdeutschen diese merkwürdigen architektonischen Machtdemonstrationen nicht mehr ernst nehmen, weil es ja alles sowieso nicht klappt.

Gruß Magda

poor on ruhr 02.01.2013 | 15:59

Liueber archie,

danke für das interessante Blog. Zu gerne lese ich auch immer wieder vom Berliner Unwillen. Alleine der Begriff hört sich schon so gut an.

Auch die Komponente des Ausradierens einer historischen Epoche im Zusammenhang mit dem Schlossneubau ist mir in meinem Denken nicht so gegenwärtig, aber Du hast natürlich recht und denkst historisch richtig. Von mir in diesem Kontext auch nochmals die besten Erfolgswünsche für das Jahr 2013. Es stimmt. 2013 ist jetzt!

Herzliche Grüße

por

 

h.yuren 02.01.2013 | 17:18

"as laut Kulturstaatsminister Bernd Neumann bedeutendste Kulturbauvorhaben in Deutschland"

lieber archie,

ich freue mich, dass du nicht locker lässt. das schlossgespenst muss weg. klar. nur wesen da noch die vertriebenen gespenster von gestern herum. 13 wäre ein gutes jahr, die gespenster noch mal zu verjagen - für immer.

den geldverwaltern ist jeder vorwand recht, unsummen zu verwalten und zu verplanen, an jeder ecke. prestige muss sein. scheußlicher schein.

dir ein gutes jahr 13!

grüße dich.

hy

Helmut Eckert 02.01.2013 | 18:44

Lasst das Schloss uns neu erbauen,

schöner als es jemals war.

Niemand soll auf Kosten schauen,

ist der Plan nicht wunderbar?

 

Kaiser Wilhelm hat gesprochen,

einst vom Fenster an die Massen.

Als er den Frieden hat gebrochen,

gab es für ihn jetzt keine Klassen.

 

Dann war das Kaiserreich zu Ende,

Wilhelm floh in Schimpf und Schand.

Liebknecht wollte nun die Wende,

den Sozialismus für das Land.

 

Brauner Hass das Reich erfasste,

Sieg und Heil das täglich Brot.

Als die ganze Welt uns hasste,

war längst alles aus dem Lot.

 

Der nächste Spuk ist längst Geschichte,

Erichs Lampenladen weg.

Jetzt den Blick nach Vorn ich richte,

heilig sei der Aufbauzweck.

 

Eine Frage muss ich stellen,

wer soll den Bau letztlich bezahlen?

Längst bei mir die Glocken schellen,

Klären wir es nach den Wahlen.

 

Berlin bankrott der Staat bald Pleite,

doch das Schloss es wird gebaut.

Bürger legt nur nichts zur Seite,

weil der Staat es doch bald klaut.

 

Wenn das Schloss erst steht in Pracht,

dort wo einst es ward erbauet.

Dann mein Deutschland gute Nacht,

Schuldenberg vor dir mir grauet…..

 

archinaut 02.01.2013 | 20:51

Das Einheitsdenkmal passt super....

auf jeden Spielplatz:

Eine gigantische, flach gewölbte bronzefarbene Schale vor der westlichen Schlossfassade, die von darin gehenden Menschen bewegt werden kann. Demokratie und Selbstbestimmung soll das zeigen. Selbst Befürworter der Idee sprachen von der „Bundes-Wippe“.

http://www.berliner-zeitung.de/architektur/wipp-wipp-weg-einheitsdenkmal-ohne-sasha-waltz,10809202,20843386.html

Sasha Waltz ging jedenfalls schon über Bord, vielleicht wegen Seekrankheit? 

Danke für die Erinnerung, lieber doimlinque!

 

zelotti 03.01.2013 | 01:26

Ich finde es prima, dass der Bau kommt. Die Lücke muss halt weg. Der Bau sieht gut aus. Das mit dem "ostdeutschen Leben" ist alles ganz spiessiger Blödsinn.

Im übrigen ist mir diese neoliberale Sparargumentation echt suspekt. Deutschland muss mehr öffentlich investieren, wenn es nicht die Balance im Euroraum gefährden will. Jede Mark, die bei uns öffentlich verbaut wird, muss man in Griechenland nicht sparen. Einfacher Eurokrisenkeynesianismus.

Wir müssen von den Chinesen lernen und einfach schnell viel bauen, machen, tun. Unsere Vertagungspolitik, unsere Verhinderung, unserere Debattenfreude und Lahmarschigkeit schadet nur.

mymind 03.01.2013 | 05:01

Diese Schlossgeschichte ist der größte Architektur-Blödsinn mdst. der letzten 100 Jahre , nicht nur in Berlin sondern global betrachtet.

Also ich war dagegen, den Palast der Republik abzureissen, aber da ich nicht gefragt wurde haben sie es gemacht & nun soll diese banal grauenhafte Interpretation eines  Schlosses an die Stelle treten, & überhaupt warum ein Schloss? NEIN!

Aber ich fürchte, dass gegen diese nicht uneigennützige Interessensgemeinschaft, nix anderes sind die Förderer des Humboldtforums,  politisch wenig Widerstand herrscht. Auch das ist für den gesunden Menschenverstand nicht nachvollziehbar, vor allem weil keine Eile herrscht den Ort zu bebauen & ob das Humboldtforum wurde ja erst als Rechtfertigung für das bauvorhaben kreiiert...

Ich bevorzuge den Vorschlag von Ingenhoven ( auch auf die Gefahr hin von den Schwaben als Persona Non Grata betitelt zu werden) :

den Platz erstmal Freiraum sein zu lassen & erst mit einem gescheiten Nutzungs- & Bebauungskonzept    zu reaktivieren.

anne mohnen 03.01.2013 | 11:58

Lieber Archie,

Deine Schloss-Blogs lese ich immer mit großem Interesse.

Ich war und bin gegen den Lückenschluss, der mit dem Humboldt-Forum intendiert ist: zum einen der Kosten wegen –Stichwort Unehrlichkeit (Flughafen BB oder Elb-Philharmonie),  zum anderen wegen dieser Geschichts klitterung um die es in einem „narbenfreien“ Berlin seit der Wende gehen soll. Beides macht mich zur entschiedenen Gegnerin dieser Idee, für die keine weiteren Steuergelder verpulvert werden sollten.

Schönes Neues am

zelotti 07.01.2013 | 01:07

Am besten beim Keynesianismus ist es immer, wenn der möglichst wenig mit der Realwirtschaft im Wettbewerb steht, das heisst, wenn man was "Nutzloses" baut, wie Panzer oder Schlösser. Da Ziel ist ja einfach Geld in die Wirtschaft zu pumpen, und da funktioniert das ziemlich gut. Ausserdem sind viele spannende technische Probleme zu bewältigen, ich denke nur an die Sandsteinbearbeitung für die Fassaden usw. Solche öffentliche Bauten bringen Arbeiter in Lohn und Brot. "Investitionen" in Forschung, Schulen, Krankenhäuser sind keine Investionen sondern Konsum, auch wenn die Politiker was anderes erzählen. Bei Investitionen hat man immer etwas zum Erstellwert in der Bilanz stehen.

archinaut 08.01.2013 | 02:02

Freue mich sehr über Deinen Kommentar, lieber Zelotti....

Sicher kann man das Geld ebensogut milliardenhaft in unsinnige Flughäfen, unsinnige Schulen und unsinnige Krankenhäuser stecken, trotzdem wette ich, dass nur wenig bei Arbeitern ankommt, die dem deutschen Fiskus steuerverpflichtet sind ... selbst der nach Spanien verkaufte Hochtief-Konzern barmt doch, dass er beim Hamburger Traumschloss 15 Millionen Nasse macht....

 http://www.taz.de/!107411/

Der Hamburger Senat überlegt zu kündigen, die Berliner sind da schon ein paar Jahre und in paar Milliarden weiter ;-))

Schönes Zitat von Erich Kästner heute im ZDF-Kommentar:

"An allem Unfug, der passiert, sind nicht etwa nur die schuld, die ihn tun, sondern auch die, die ihn nicht verhindern."

Herzlichst

archie

zelotti 12.01.2013 | 15:14

Ja. Nun musst Du aber sehen, dass es dabei auch um einen Phantomschmerz geht, das fehlende Schloss in Mitte. Es geht um eine Umkehrung einer stalinistischen Operation am Herzen der Hauptstadt. Ich finde eigentlich ganz gut, dass es hier nicht um eine kleinteilig rationale Sache geht im Sinne neoliberalen Effizienzstrebens und Zweckmäßigkeit. Wenn die Folge von Flughafen und Elbphilharmonie ist, dass man in Zukunft so etwas gar nicht mehr macht, dann finde ich das eher schlecht. Mehr bauen, mehr machen, mehr tun.

archinaut 13.01.2013 | 15:55

Natürlich müssen wir bauen, liebe/r Zelotti!

Wir müssen unsere Welt doch verbessern, schöner, gerechter und lebenswerter für die Generationen nach uns machen, und jedes Bauwerk, jeden Garten mit diesem Ziel werde ich unterstützen!

Das nutzlose Schloss kann ich daher leider nicht unterstützen.

Bauen ist Ekstase... rational nicht immer erklärbar, dazu habe ich noch was geschrieben 

.

 https://www.freitag.de/autoren/archinaut/vor-gericht-und-auf-hoher-see

Es ist die Gefahr des Scheiterns, die unsere Handlungen erst mit tiefer, ernsthafter Bedeutung erfüllt, die Helden formt und Überlebende zeichnet. Und wenn die Mächtigen nicht anfangen zu bauen, versäumen sie das erhabene Gefühl, Millionen, gar Milliarden aus öffentlichen Kassen in eine feste Form zu gießen, einen virtuellen, kollektiv erfahrenen Orgasmus der staatlichen Ökonomie zu erleben.

philmus 14.01.2013 | 06:43

Soso, die "stalinistische Operation am Herzen" ungeschehen machen durch Restauration der feudalen Mitte...

Erstmal wird eine Operation nicht automatisch dadurch stalinistisch, daß sie von Stalinisten vollführt wurde. Das Schloss war einfach "fällig", schließlich sind wir nicht in Warschau, sondern in Berlin.

Nachdem schon die Chance verpasst wurde, den Potsdamer Platz als ultimatives Mahnmal leer zu lassen, sollte man doch mal einen Blick in die Kasse werfen und auf die dringenden Bedürfnisse der Bürger: Einfach mal nicht bauen hat doch auch was. Bis man weiß, was man wirklich will. Womöglich etwas Neues, das den gegenwärtigen Stand des Gemeinwesens angemessen repräsentiert. Diese retrospektive Scheu vor dem offenen Raum - welche Angst steht dahinter?

philmus 14.01.2013 | 06:47

Natürlich. Aber Repräsentation, auch verschwenderische, sollte sich doch ein wenig an den orientieren, was oder wen sie repräsentiert. Und eine selbstbewußte demokratische Gesellschaft braucht kein Schloss. Was sie statt dessen braucht, ließe sich sicher rauskriegen, wenn man mal die Frage in den Raum stellt statt einer historisierenden, mit dem Anspruch ultimativer Richtigkeit auftretenden Fassade.

zelotti 14.01.2013 | 22:33

Ich denke das Gebäude ist schon ganz gut in Mitte aufgehoben, da kommen die ethnologischen Sammlungen rein, das ist doch spannend, dass man das mal sieht. Und auch die Rossebändiger haben wieder einen sinnvollen Platz. Bautechniken müssen entwickelt werden, neue Methoden entstehen.

Leere Plätze als Mahnmal, wofür denn mahnen? Nichtstun ist keine Tugend. Leeren Platz gibt es schon am Tempelhof. Eher würde ich mich mal fragen, wie man den Platz mit dem Marx und Engels Denkmal aufwerten kann. Ich glaube, dass der Platz dann wichtiger wird, wenn erst mal das Schloss auf der anderen Seite ist.

archinaut 15.01.2013 | 02:32

Viereinhalb Jahrhunderte haben mehrere Genrationen am alten Schloss gearbeitet,  es ist grober Unsinn, innerhalb von sechs Jahren an dieser Stelle den geplanten Gemischtwarenladen aufzurichten: Wie lange soll der nächste Bau an dieser Stelle halten? 20 Jahre? 30 Jahre?

Da halte ich es lieber mit Julius Posener, den ich hier gern noch einmal zitiere: Mein Vorschlag ist der: Man lasse sich Zeit. Man baue an diese Stelle, ich meine an Stelle der alten Lustgartenfront eine Front, welche als Durchgang dienen möge: als Durchgang zunächst zu einem Garten. Es ist natürlich in höchstem Maße wünschenswert, dass an dieser Stelle der Stadt einmal ein Gebäude von großer Wichtigkeit für das Leben der Stadt stehen möge: etwas Lebendigeres als das alte verlassene Kaiserschloss. Wir wissen noch nicht recht, was das sein soll. Lassen wir uns Zeit. Das braucht nicht heute und nicht morgen zu geschehen. Lassen wir uns Zeit. Und verbauen wir unsere Chancen nicht mit einer Wiederholung des alten Erinnerungsbaues, der schon seit 1918 nichts anderes mehr gewesen war als ein Erinnerungsbau. Würde man ihn wieder aufbauen, würde man der künftigen Geschichte der Stadt Berlin keinen guten Dienst erweisen.

Was nämlich, lieber Zelotti, könnte weniger leer sein als ein Garten?

LG

archie

zelotti 15.01.2013 | 19:29

Deutschland hat mehr Mittel als jemals zuvor. Das Gebäude ist haushaltstechnischer Schnickschnack. Wer zu spät kommt, den bestraft bekanntlich das Leben. Was heute nicht getan wird, wird es auch morgen nicht geben. Jetzt sind 20 Jahre nach der Wende vergangen und man hat es nicht mal hingekriegt alle Kirchen wiedererstehen zu lassen die vom Spitzbart gesprengt wurden, das ist doch wirklich bedauerlich.

philmus 15.01.2013 | 20:01

"Mehr Mittel als je zuvor" ist sachlich falsch. wenn man den Schuldenstand zur Kenntnis nimmt. Und wenn man noch die Aufgaben einrechnet, die wichtig wären, aber mangels Geld nicht angegangen werden können, muß man doch mal fragen dürfen, ob es jetzt wirklich was sein muß: Ein Schloß !!!

Daß ein Platz, der mal ne Weile nicht bebaut wird, für immer leer bleibt, wie Sie hier suggerieren: Gabs das jemals in der Geschichte?

Fällt mir der Rote Platz in Moskau ein. Blieb zu Repräsentationszwecken - leer!

archinaut 16.01.2013 | 02:14

Lieber Zelotti,

das Humboldtforum wird eine große Enttäuschung, wenn es gebaut werden sollte, natürlich nur für die, die sehen können... die "Begradigung" bedeutet ja, dass die modern "Kiste" hier wieder reproduziert wird und nur ein Barock-Muster davorgeblendet wird.

Martin Heller, http://www.volksstimme.de/kultur_medien/noch_mehr_kultur/411876_Berliner-Schloss-soll-Ort-der-Gegenwart-werden.html

der designierte Eventmanager für das Humboldtforum hat mit mal sinngemäß gesagt: "Wenn der Verein es nicht schafft, die 80 Millionen für die Fassade einzusammeln, wird da erstmal eine ganz normale, glatte Fassade gebaut..."

Der Verein hat jetzt nach ca. 10 Jahren 20 Millionen gesammelt, brächte also rechnerisch nochmal 30 Jahre bis zum Ziel, es sei denn Hasso Plattner

http://www.tagesspiegel.de/berlin/brandenburg/neue-plaene-milliardaer-plattner-will-potsdam-eine-kunsthalle-stiften/6504514.html

 

oder Carsten Maschmeyer http://www.zeit.de/2012/14/Unternehmer-Maschmeyer

stecken noch ein paar Steuerfluchtmilliönchen rein...

AHOI

ruft archie

archinaut 16.01.2013 | 02:28

Salomons Tempel wurde nicht aufgebaut, lieber Philmus,

daran erinnert die Klagemauer, wirkmächtiger irgendwie als ein Neubau mit (oder ohne) urinöse Betonfassaden:

Am Schloss wird der Baustoff sandsteingelb erscheinen. Sichtbeton ist ein preiswerter Baustoff, dessen leicht poröse Oberfläche anfällig für Umwelteinflüsse wie vom Dach ablaufendes Wasser oder Schmutzpartikel ist.

http://www.tagesspiegel.de/berlin/historische-mitte-schlossplaner-stoehnen-ueber-auflagen/4214462.html

LG

archie

zelotti 17.01.2013 | 00:18

Also ich war neulich in Potsdam und fand das da mit dem neuen Landtagsschloss schon wertig, beeindruckend und stimmig für die (etwas profillose) Havelstadt. 

Es gibt immer ein paar Leute, die auf Verhinderung aus sind. Aber letzten darf man das nicht so ernst nehmen, denn wenn jeder Veto hat, dann geht gar nichts mehr. Ausserdem hängt das ja gar nicht so hoch. Nichtstun ist keine Tugend.

archinaut 17.01.2013 | 02:34

Und in Braunschweig haben sie ein Einkaufszentrum hinter den Schlossfassaden eingerichtet, liebeR Zelotti, weil sie keine andere Nutzung dafür gefunden haben, aber über Potsdam oder Braunschweig wede ich mich hier nicht auslassen. Profil gewinnt man nicht mit gebrauchten Klamotten....

Das Berliner Schloss beweist bildhaft, dass die Mühsal der Weltverbesserung sinnlos ist... also keine Erlösung mehr durch stebend Bemühen, Faust ist still verschieden....

Schlaf gut

archie

 

 

zelotti 20.01.2013 | 16:51

So kritisch ich das sehe mit Braunschweig, vor Ort kommt das extrem gut an, und neulich sagte dann ein Hamburger Kollege zu mir, du in Braunschweig, da haben die ein Einkaufszentrum ins Schloß gebaut. Kompromisse einzugehen, ist gar nicht so kritisch.

Man braucht ja nicht den Bomben und stalinistischen Abrißbirnen das letzte Wort zu lassen! Ich finde es fantastisch, dass wir trotz "Endlösung" wieder lebendige jüdische Kultur im Lande haben.

Klar nach 40 Jahren Sozialistischem Aufbau und über 20 Jahren Aufbau Ost ist die Luft manchmal raus. Aber wir reissen heute schon die hässlichen Bauten der 70er weg, deren Waschbeton keine Rücksicht auf den Menschen und seine Bedürfnisse nahm, die sich abgelebt haben. Wir begradigen Brüche. Machen Architektur menschenfreundlicher, kleinteiliger, repräsentativer als es der Funktionalismus zuliess.

Die Elbphilharmonie hat genau die gleichen Probleme wie die Oper in Sydney. Aber am Ende zählt nur, dass es geschafft worden ist.

archinaut 20.01.2013 | 19:05

LiebeR Zelotti,

in Berlin sind sie schon einen Schritt weiter: Es wird diskutiert, Teile des noch nicht eröffneten BER wieder abzureißen http://www.berliner-zeitung.de/hauptstadtflughafen/finanzierung-am-ber-heben-nur-die-kosten-ab,11546166,21424180.html

Aber es ist richtig, da muss man durch. 

Bauen ist wie Kriegführen: Abbruch vor Baustart ist preiswerter als Durchführung (Pardon für den Zynismus!)

Man darf nicht an allen Fronten gleichzeitig kämpfen, für das Humboldtforum gibt es zum Glück friedliche Alternativen:

Central Park Berlin, nur mal so als Beispiel: http://www.ingenhovenarchitects.com/de/projekte/central-park-berlin.html    

 

Liebe Grüße

archie

zelotti 20.01.2013 | 22:11

Mensch, es gibt doch schon den genialen Tiergarten und was aus Tempelhof wird...

Das mit dem BER verstehe ich überhaupt nicht. Aber es ist die gleiche Krankheit, das Verzögern. Dann ändert der Bauminister halt die Feuerschutzvorschriften oder erteilt eine Ausnahmegenehmigung und gut ist.

Man muss ja auch mal sehen wie genial das in Dahlem wird, wenn man Platz schafft, weil der ganze Kram nach Mitte geht. Und dann die traurige Situation der Rossebändiger im Kleistpark.