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14.07.2013 | 15:28 4

Dortmunder Gedenkstätte für alle NSU-Opfer

NSU-Terror In Dortmund fand gestern eine Gedenkfeier für die Opfer des NSU-Terrors statt. In Sichtweite zu Auslandsinstitut und dem einstigen Gestapogefängnis entstand ein Mahnmal

Dortmunder Gedenkstätte für alle NSU-Opfer

Foto: Claus-Dieter Stille / Flickr (CC)

In Dortmund erinnert jetzt ein Mahnmal an alle zehn Opfer des NSU-Terrors. Unweit davon war am 4. April im Jahre 2006 der 39 Jahre alte Mehmet Kubasik in seinem Kiosk auf der Mallinckrodtstraße von mutmaßlichen Tätern des NSU (Nationsozialistischer Untergrund) kaltblütig ermordet worden. Bisherigen Ermittlungen zu Folge soll Mehmet Kubasik des achte Opfer der rechtsextremen Terroristen Uwe Böhnhardt, Uwe Mundlos und Beate Zschäpe gewesen sein.

Die Gedenkstätte befindet sich nur wenige Meter vom Nordausgang des Hauptbahnhofs der Ruhrgebietsstadt entfernt vor dem Auslandsinstitut. In unmittelbarer Nachbarschaft zur "Steinwache" - während der NS-Zeit ein berüchtigtes Gestapogefängnis - das heute eine Informationsstelle über die Verbrechen der Nazis beherbergt und zugleich ein Ort des Gedenkens ist.

Am vergangenen Samstag wurde die Gedenkstätte für die NSU-Opfer im Beisein der Familie Kubasik und zahlreichen Gästen, unter ihnen NRW-Integrationsminister Guntram Schneider (SPD), die türkische Generalkonsulin Sule Özkaya, die Bundesbeauftragte für die NSU-Opfer Barbara John, Staatsekretärin Kaykin und der Zwickauer Oberbürgermeisterin Dr. Pia Findeiß, feierlich eingeweiht.

Oberbürgermeister Ullrich Sierau: "stets wachsam und konsequent gegenüber allen rechtsextremen Aktivitäten" sein

In seiner Ansprache betonte der Dortmunder Oberbürgermeister Ullrich Sierau (SPD) der Dortmunder Bürger Mehmet Kubasik, sei "einer von uns" gewesen. "Trotzdem" habe "er Opfer von Mördern" werden können, "die aufgrund ihrer verbrecherischen Ideologie Menschen mit Zuwanderungsgeschichte hier nicht akzeptieren wollen".

Sierau weiter: "Das Verbrechen an Mehmet Kubasik und den anderen neun Opfer, ein Opfer war Polizistin, hat uns tief erschüttert. Die Gedenkstätte erinnert an die entsetzlichen Verbrechen des NSU und legt das unmenschliche Gesicht nationalsozialistischen Gedankenguts offen." Und sie sei "schließlich auch Mahnung: Nie wieder darf so etwas geschehen."

Der Dortmunder Oberbürgermeister rief dazu auf, "stets wachsam und konsequent gegenüber allen rechtsextremen Aktivitäten" zu sein.

Sierau verwies ein dunkles Kapitel unser Geschichte. Aus diesem "wissen wir, wohin es führt, wenn Menschen wegen ihrer Herkunft, ihrem Glauben, irer politischen Überzeugung, ihrer Behinderung oder ihrer sexuellen Orientierung ausgegrenzt, verfolgt und getötet werden". Weil wir das wüssten, so Sierau, hätten wir uns geschworen: "Nie wieder Krieg - Nie wieder Faschismus!"

Der Schwur der überlebenden Häftlinge des KZ Buchenwald vom 19. April 1945 - ein Versprechen, "das dieser Staat seinen Bürgerinnen und Bürgern dem Rest der Welt gegeben hat, ist eine der Grundfesten unserer freiheitlich-demokratischen Ordnung". Sierau beklagte, dass die Behörden, die Staat und seine Menschen schützen sollte, dieses Versprechen "in den Jahren des NSU-Terrors nicht gehalten" hätten.

Trauriger Höhepunkt dieses Skandals sei gewesen, dass "die Opfer und ihre Familien kriminalisiert" wurden. Dass man ihnen gar unterstellte, "dass sie in illegale Geschäfte verwickelt und dadurch mit für die Morde verwantwortlich seien."

Ullrich Sierau: "Das alles beschämt uns und unser Land sehr und wir können die Familien der Opfer nur um Verzeihung bitten und hoffen, dass diese uns gewährt wird." Als Oberbürgermeister stehe er dafür, dass "eindeutig Stellung gegen Rechtsextremismus und rechtsextremistische Gewalttaten" bezogen werde.

NRW-Integrationsminister Guntram Schneider: Demokraten müssen aktiv werden gegen Antidemokraten

NRW-Integrationsminister Guntram Schneider (SPD), selbst Dortmunder, bekundete eingangs seiner Ansprache, wenn man den Gedenkstein sehe, dann sei "unfassbar was in Dortmund passierte". Es gemahne daran, dass der "Schoß noch immer fruchtbar" sei. Wiederum würden Menschen in "gut und schlecht" eingeteilt. Dieser schlechte Geist müsse in der "täglichen Praxis" überwunden werden. Die Gedenkstätte trüge dazu bei. Denn immer sei "einmal Sehen besser als hundertmal Hören". Demokraten müssen aktiv werden gegen Antidemokraten, forderte der Minister und dazu auf, das junge Leute politisch tätig werden, auch in Parteien.

Die Türkische Generalkonsulin Sule Özkaya zeigte sich "sehr bewegt" und forderte "zügige Aufklärung" der NSU-Mordserie

Die Generalkonsulin der Türkischen Republik, Sule Özkaya, zeigte sich "sehr bewegt" über das Dortmunder Gedenken. Sie übermittelte das Mitgefühl des türkischen Botschafters an die Familien der NSU-Opfer, der wegen anderer Termine nicht hatte nach Dortmund kommen können. Frau Özkaya forderte eine "zügige Aufklärung" der NSU-Mordserie im Münchner Gerichtsprozess und darüber hinaus. Den Familien der NSU-Mordopfer sprach die Generalkonsulin eine hohe Anerkennung dafür aus, dass sie Deutschland auch weiterhin als ihre Heimat betrachteten. Sie gab aber auch zu bedenken, dass die Angriffe gegen die türkische Gemeinschaft hierzulande nicht zurückgegangen seien. Das "Vertrauen in die Behörden" müsse wieder hergestellt, "die Verantwortung jedes Einzelnen" bewusst gemacht werden.

"BotschafterInnen der Erinnerung"

Jugendliche aus Dortmund, "BotschafterInnen der Erinnerung" (2011 hatten sie das Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz besucht) nehmen diese Verantwortung in täglichen Leben längst wahr. Mit einem Zitat von Erich Kästner machten sie deutlich, dass letzlich alle Bürgerinnen und Bürger quasi für diese Verantwortung haften: "An allem Unfug, der passiert, sind nicht etwa nur die schuld, die ihn tun, sondern auch die, die ihn nicht verhindern."

Gamze Kubasik: "Ich überlasse meine Stadt nicht mehr den Nazis!"

Abschließend trat die Tochter des Dortmunder NSU-Opfers Mehmet Kubasik, Gamze Kubasik, ans Mikrofon. Ihre Familie sei tief berührt über die sehr engagierte Mitwirkung des Dortmunder Oberbürgermeisters Ullrich Sierau, der die Gedenkstätte und Gedenken für ihren Vater zur Chefsache gemacht habe. Gamze Kubasik letzte Worte: "Ich überlasse meine Stadt nicht mehr den Nazis!"

Bewegender Abschluss der Einweihungsfeier

Dann legte Familie Kubasik, einmal mehr von Trauer über den schmerzlichen Verlust des Ehemanns und Vaters überwältigt, gemeinsam mit den anderen Gästen der Veranstaltung weiße Rosen vor dem Gedenkstein ab. Den Tränen nahe waren auch der Oberbürgermeister und so manch anderer der Anwesenden der gestrigen Einweihungsfeier der Gedenkstätte. Einer neuen Dortmunder Gedenkstätte, die nun zusammen mit Auslandsgesellschaft und ehemaligen Gestapo-Gefängnis "Steinwache" ("Hölle Westdeutschlands") ein Dreieck bildet.

Die Gedenkstätte

Der Ort der Erinnerung besteht aus einem zehn Meter langen und zwanzig Zentimeter breiten Basaltstahl, der sich dem Geländeprofil folgend in der Höhe von 50 auf 25 Zentimeter verjüngt. Der Text auf der Oberseite wurde zwischen den beteiligten Städten abgestimmt:

"Neonazistische Verbrecher haben zwischen 2000 und 2007 zehn Menschen in sieben deutschen Städten ermordet: Neun Mitbürger, die mit ihren Familien in Deutschland eine neue Heimat fanden, und eine Polizistin. Wir sind bestürzt und beschämt, dass diese terrristischen Gewalttaten über Jahre nicht als das erkannt wurde, was sie waren: Morde aus Menschenverachtung. Wir sagen: Nie wieder!"

Den Übergang zu einer zwei Meter hohen, 120 cm breiten und 20 cm starken Gedenkstele bildet ein 1,20 Meter langes, bodenbündig eingebautes Lichtband. Die Stele trägt auf der einen Seite die Namen der Opfer, ihre Wohnorte und die Daten ihrer Ermordung:

"Wir trauern um

Enver Simsek, 11. September 2000, Nürnberg

Abdurrahim Özüdogru, 12. Juni 2001, Nürnberg

Süleyman Tasköprü, 27. Juni 2001, Hamburg

Habil Kilic, 29. August 2001, München

Mehmet Turgut, 25. Februar 2004, Rostock

Ismail Yasar, 9. Juni 2005, Nürnberg

Theodoros Boulgaridis, 15. Juni 205, München

Mehmet Kubasik, 4. April 2006, Dortmund

Halit Yozgat, 6. April 2006, Kassel

Michéle Kiesewetter, 25. April 2007, Heilbronn"

Auf der anderen Seite des Steins liest man die Inschrift: "Gedenkstätte für die Opfer terroristischer Gewalt" und das Errichtungsdatum. Umgeben ist die Gedenkstätte von je drei Bänken, umrahmt von je drei dachförmig gezogenen Platanen. An der gestalterischen Erarbeitung der Gedenkstätte wirkten u. a. TU-Professorin Christa Reicher und Bildhauerin Dorothee Bielfeld, Ludger Wilde und Norbert Kelzenberg sowie Dr. Rosemarie Pahlke mit.

Fotos von der Einweihung der Gedenkstätte finden Sie hier

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