Axel Brüggemann
19.08.2009 | 05:00 9

HDGL: Hab’ Dich ganz doll lieb!

Ritual der Woche Neuerdings schreiben die Jüngeren unter uns Sätze nur noch in den Anfangsbuchstaben der Wörter

Wenn ich meine Stoppuhr nehme und messe, wie lange es dauert, diesen Satz zu schreiben, komme ich auf genau elf Sekunden. Im zweiten Versuch benutze ich nun die aktuell angesagte Abküzungs-Schreibe: WIMSNUMWLEDDSZSKIAG15S.

Nun liegt der Sinn von Abkürzungen ja darin, schneller zu sein als auf anderen Wegen. Doch: In diesem Fall ist es anders. Es dauert 15 Sekunden, bis ich meinen Satz auf die Anfangsbuchstaben heruntergekürzt und aufgeschrieben habe. Doch woran, verdammt, liegt dann die Begeisterung, mit der die Buchstaben-Manie derzeit um sich greift. Auf den Profilen von Schüler-VZ zum Beispiel kommt kaum ein Kommentar ohne die Abschluss-Formel „HDGDL“ aus, was so viel bedeutet wie: „Hab’ Dich ganz doll lieb!“

Bereits Roland Barthes hat in seinem Aufsatz „Fragmente einer Sprache der Liebe“ erkannt, dass es keinen stärkeren Satz gibt als: „Ich liebe Dich“. Für ihn ist diese Wendung nicht einmal ein Satz, sondern eine Botschaft, welche die Sprache hinterlässt: „Subjekt und Objekt kommen zur gleichen Zeit zu Wort, wenn immer dieses Gebilde ausgesprochen wird. Es ist weder ganz Aussage noch ganz Aussageweise. ‚Ich liebe Dich’ fällt weder in den Zuständigkeitsbereich der Linguistik noch in den der Semiologie. Seine Instanz wäre eher die Musik.“

Demnach wäre das nicht minder musikalische „HDGDL“ allerdings eine Form der distanzierten Liebesbekundung. Zum einen, weil ausgerechnet das „Ich“ fehlt, zum anderen, weil das „ganz doll“, das die Liebe unterstreichen soll, nach Barthes das Gefühl eher abschwächt – weil sie das (nicht vorhandene) „Ich“ und das „Dich“ beschwert. Musiklinguistisch gilt das dann wohl auch für die modischen *** oder ••• oder ♫♫♫, in die das „HDGDL“ gern einklammert wird.

Letztlich ist „HDGDL“ wohl eine Fortsetzung der Mail- und SMS-, also der Short-Massage-System-Sprache, die vor Jahren über die Fernsehkultur Eingang in den Jugend-Slang gefunden hat. Aus Gute Zeiten, schlechte Zeiten wurde damals „GZSZ“, aus Deutschland sucht den Superstar „DSDS“, und Stefan Raab setzte mit seinem Wettbewerb „SSDSDSSWEMUGABRTLAD“ den vorläufigen Höhepunkt der Ein-Buchstaben-Schrift.

Seit einigen Monaten kursiert auch eine „HDGDL“-Parodie im Internet. Der Sänger Jasper trägt eine Strickmütze, spielt Gitarre und gehört eigentlich zur Zielgruppe des Abkürzungs-Slangs. Hier aber singt er ein Lied an seine Geliebte, in dem er sein Unverständnis ausdrückt: „Ich fühle mich mental geschlagen, und der Grund dafür bist Du. Oder vielmehr Deine Sprache, oder was Du Sprache nennst. Denn ich frag mich, bitte lach nicht, ob Du auch ganze Sätze kennst.“ Jasper singt weiter: „Ein **gg** (Gesungen: Sternchen, Sternchen, G, G, Sternchen, Sternchen), bei aller Liebe ist kein Wort“. Dann kommt er zu dem Ergebnis: „HDGDLFIUEBAED – wie das kannst Du nicht verstehen? Tja, dann kauf Dir noch’n ‚W’.“ Am Ende gibt er dann die Auflösung für seinen warnenden Wortsalat: „Hilf Deinem Gehirn! Dauerhaftes *LoLn* führt im Unterbewusstsein eine Beschädigung am Einfühlungsvermögen durch!“

Das Video wurde über zwei Millionen Mal angeklickt, wird auf Schüler-VZ endlos oft verlinkt und auf Youtube kommentiert. Etwa so: „Voll krass! **ablach**“. Jasper ist ein Linguistik-Held, aber ändern kann er nichts.

Dem Geheimnis der Buchstaben-Sprache kommt man bereits mit einfachster Jugendpsychologie auf die Spur: Sprache stellt immer auch eine Abgrenzug dar, ist Geheim- und Eingeweihtensprache. Und Worterfindungen gehören zum Erwachsenwerden dazu. Die neue Generation der „Kinees“ (Kinder und Teenies) suchen äußerst kreativ nach einer Mischform aus Kinder- und Erwachsenen-Sprache und landen bei Ha de ge de ell! Das ist also nicht schlimm, sondern ganz normal.

Wirklich schlimm wird’s erst, wenn Eltern versuchen, den Buchstaben-Slang oder neue Wortschöpfungen zu imitieren. Also, wenn sie „Koooarb“ (bedeutet so viel wie: jetzt bist Du selber reingefallen) in einem falschen Zusammenhang rufen, oder ihren Kindern SMS mit „HDGDL“ schicken. In diesem Fall bevorzugen selbst heranwachsende Kinder das klassische: „Ich habe Dich lieb“, oder wenn man sie wirklich schocken und beeindrucken will das „Ich liebe Dich.“

Natürlich gibt es auch erwachsene Pubertierende, die von der Abkürzungspandemie angesteckt werden. Ganz neu ist sie ja auch nicht. Die „Sozialdemokratische Partei Deutschlands“ nennt sich schon seit einigen Jahren schlicht: „SPD“. Doch ihre Spitzenkandidaten beschränkten sich in ihren knappen Wahlkampf-Slogans bis jetzt allerdings auf ihre Vornamen wie Willy oder Gerhard. Doch weil die „SPD“ eine moderne Partei ist, wirbt sie inzwischen auch mit großem F, und großem W – ganz ohne S. Also: „Fiasko Wahl“, oder „Führen? Super!“ oder „Frankies Wahlmannen“. Letztlich ist dieses Phänomen wohl als Fortsetzung des „WUMMMS“ („Wirtschaft, Umwelt, Mensch, Mensch, Mensch, Soziales“) von Grünen und „GAL“ („Grün-alternative Liste“) zu verstehen.

Übrigens, auch in Zeitungsredaktionen ist die Abürzungitis längst ausgebrochen: Chefredakteure, Ressortleiter und ein großer Teil der schreibenden Intelligenz könnte unter ihre Mails ja das fertig formulierte Textfeld „Liebe Grüße, Ihr Max Mustermann“ einbauen. Doch stattdessen enden die meisten Redaktionsmails schon seit Jahren mit „LG Ihr LW“, so, als ob die Journalisten die restlichen Buchstaben schon in ihren Texten verbraucht hätten. Dieses Phänomen ist übrigens nicht nur bei der FAZ, der WAZ, der taz und der BZ zu beobachten. Nicht auszudenken, was Roland Barthes dazu gesagt hätte. *lol!

Kommentare (9)

nunatak 21.08.2009 | 12:04

Guten Morgen Axel! Ausgeschlafen? Nach 20 Jahren Winterschlaf solltest du jetzt fit sein zum Bäume ausreißen. Die erste Tat ging leider daneben, was aber vielleicht mit einer leichten Verwirrung nach all den traumseligen Jahren zu erklären ist.

Mit "Neuerdings" und auch mit dem Internet haben all diese Abkürzungen jedenfalls reichlich wenig am Hut. HDGDL war schon vor den Zeiten des C64 ein beliebtes Kürzel auf unzähligen Pausenhofbriefchen.

Susanne Lang 21.08.2009 | 14:23

Ach, mit Bitte um etwas Milde: Manche Eltern entdecken das eben jetzt, weil es sich bis JETZT gehalten hat. Wir könnten das "Neuerdings" ja auch ändern in das medienbeliebte und tatsächlich dem Sommerloch geschuldete "Immer mehr Menschen" schreiben nun in Abkürzungen. Denn "immer mehr Menschen" nutzen die Technik, weil die sich seit C 64 etwas verändert hat.
So ungefähr?

Thyara 21.08.2009 | 15:50

Ich muss gestehen, bei dem "neuerdings" hab ich auch ein wenig geschluckt. Die Zeiten, in denen ich HDGDL etc. verwendet habe, sind bei mir mittlerweile doch schon vorbei ;)

Allerdings musste ich bei dem Thema spontan an diverse Internet-"Unterhaltungen" à la: re - wb - CS? - k - TS? - IP? und so weiter denken. Von IG, RL, rofl, lol, omg und ftw ganz zu schweigen ;-)

mh 21.08.2009 | 15:51

find ich eine gute idee.

auch als anlehnung an dieses "was macht eigentlich ...?" -- sowas fehlt mir auch

dass die angela keinen wahlkampf macht, stimmt so nicht. hab nämlich achtsam auf die wahlplakate geschaut und werde nacher photographierend durchs städle gehen und den gegenbeweis antreten. da komm ich mir glatt als anthropologe vor.

um den bogen zu schlagen und sue den abschweifenden hinweis zu ersparen:

ich halte es da eher mit der druckfunktion. einrahmen lassen und als mahnmal in die mitte der redaktion stellen. ;P

als ausrede biete ich noch an: "seit jahrtausenden stellen eltern fest, dass ihre kinder unverständliches kauderwelsch daherreden. dem muss auch der freitag, vor allem wenn geburtsstarke jahrgänge ins teenager alter kommen, gerecht werden."

mfg
mh hatte schon als kleinkind immer ne passende ausrede parat

mh 21.08.2009 | 16:12

ich halte das thema sprache und internet ja durchaus für wichtig. mit etwas empathie kann man bspw. anhand weniger worte, auch wenn sie klanglos und neutral gehalten sind, die laune des gegenüber feststellen. zumindest dann, wenn das gespräch nicht über ein fachthema geht. ;)

doch das ist dann schon die höhere und interessantere kunst, bei dem man beginnen könnte die relevanten fragen zu stellen.