Axel Brüggemann
06.12.2012 | 13:00 7

Unisex ist nicht universell

Zielgruppen Männer bei Frauenterminen - oder andersrum? Nein, danke. Ein Plädoyer für Grenzen bei beiden Geschlechtern

Unisex ist nicht universell

Illustration: Otto

Herr Link ist eine arme Sau. Verzeihung, das ist falsch: Herr Link ist ein armes Schwein! Herr Link wohnt in Kronach bei Hof und ist mit Frau Link verheiratet. Weil er bereits Rentner ist und viel Zeit hat, und weil Frau Link noch arbeitet und erst demnächst in Rente geht, wollte er das VHS-Seminar „Frau und Rente“ für sie besuchen. Aber der Seminarleiter hat Herrn Link erklärt, dass es sich um ein „reines Zielgruppenprogramm“ handle – und dass Herr Link nicht zur Zielgruppe „Frau“ gehöre. Das Seminar würde sich an Damen nach der Familienpause wenden, weswegen Herr Link nicht teilnehmen könne. Nun, so berichtet es die Lokalzeitung Neue Presse, fühlt Herr Link sich benachteiligt.

Ich als Mann finde das etwas: peinlich. Was, wenn Herr Link bald beim Frauenarzt von Frau Link aufkreuzt und um eine Ultraschalluntersuchung bittet, weil er sich schwanger fühlt? Es gibt Männer – so wie mich –, die finden, dass es gut ist, wenn es Schutzgebiete für beide Geschlechter gibt. Stellen Sie sich mal vor, was los wäre, wenn eine Frau sagte, dass sie heute diese Kolumne schreiben wolle, obwohl die Männersache dran ist. Und was wäre erst los, wenn ich schreiben wollte, wenn hier eine Frau an der Reihe ist?

Ambivalente Männlichkeit

Für Herrn Link freilich würde es neben der VHS-Kronach noch andere Beschäftigungsfelder geben. Zum Beispiel könnte er sich bei den Olympischen Spielen als Synchronschwimmer bewerben. In den Zwanzigern war das eine rein männliche Domäne. Heute ist es Frauensache. Als der Amerikaner Bill May 2004 bei Olympia zum Synchronschwimmen antreten wollte, stoppten ihn die Verbände. Den einzigen Synchronschwimmverein für Männer gibt es übrigens in Frankfurt. Er besteht aus homosexuellen Volleyballern – aber das wäre wieder ein anderes Thema.

Lieber Herr Link, vielen Dank, dass sie für mein Recht, an Frauen-VHS-Kursen teilzunehmen, kämpfen. Aber bitte verstehen Sie, dass Sie zwar ein Mann sind, aber deswegen nicht für alle Männer kämpfen.

Kommentare (7)

inthedarkwelive 06.12.2012 | 13:14

Der Vergleich mit dem Mann beim Frauenarzt verfehlt das Ziel leider um etliche Meter. Hierbei handelt es sich schließlich um etwas Körperliches. Im Gegensatz dazu ist eine Informationsveranstaltung eben.. eine Informationsveranstaltung. Warum sollte sich Herr Link nicht über dieses Thema informieren dürfen? Darf ich mich auch nicht über etwa die Sozialgesetzgebung informieren, weil ich nicht arbeitslos bin? Darf ich keine Autozeitschriften lesen, weil ich keinen Führerschein habe? Gerade im Sinne von Emanzipation und Gleichberechtigung sollte es dem Mann erlaubt sein, nein - eigentlich sollte es sogar erwünscht sein, auch an solchen Veranstaltungen zu partizipieren.

 

Eigentlich ist dieser Beitrag vielmehr ein Armutszeugnis, das im Großen und Ganzen unterschwellige Ressentiments gegen Emanzipation und Gleichberechtigung nahelegt, und zu allem Überfluss auch noch Klischeedenken in Reinform bedient. Herzlichen Dank.

jimpanse 06.12.2012 | 13:28

Ich kann meinem Vorredner nur zustimmen. Der Autor ist hier leider nicht in der Lage biologische Bedingtheiten und Differenzen von sozialen Möglichkeiten der Geschlechterkonstrultion zu trennen. Es wäre doch gerade eine im liberalen Sinne erwünschte Realität, wenn sich Arbeitsmarkt-Seminare für die Zeit nach der "Familienpause" sowohl an Mann und Frau richten würden: Dies wäre dann eben nicht mehr Ausdruck einer gesellschaftlichen Schieflage und enormen Ungerechtigkeit, nämlich der arbeitsorganisatorischen Ungleichbehandlung zweier konstruierter sozialer Geschlechter. Aber gut, was will man auch von einem gedanklichen Quickie, einem "Zweizeiler" erwarten. 

Superwoman 07.12.2012 | 21:00

ihr seid aber hart umgesprungen mit Axel.

ich sehe es auch eher so wie er: was hätte der gute Mann denn davon, bei dieser Veranstaltung neben 20 Frauen zu sitzen, die darüber informiert werden, wie man sich beschäftigen kann, wenn die Rente ansteht? Das "nach der Familienpause" versteh ich wohl gar nicht. Aber das "ich will aber partout die gleichen Rechte haben" wird immer mal wieder auf die Spitze getrieben.

die Beispiele sind ein wenig unpassen gewählt, geb ich zu. Der Grundtenor für mich ist hier aber eher: Wird er klagen? Wird hier dann mal wieder ein Gericht bemüht, sich mit etwas abzugeben, das man mit einem Achselzucken als "erledigt" hätte abhaken können? Weil die ja sonst nichts zu tun haben? Oder wollte Herr Link in die Zeitung, seine 5Minuten Berühmtheit erlangen und von seiner Frau mit einem leckeren Essen belohnt werden, weil er sich für "ihre Rechte" einsetzt?

Georg von Grote 07.12.2012 | 21:33

Man kann es mit der "Gleichheit" auch übertreiben :-) Ich muss nicht überall als Mann meine Nase reinstecken und erwarte das auch von der weiblichen Seite. Normalerweise funktioniert das bei vernünftigen Menschen auch. Solange solche Seminare zielgruppenorientiert sind - und dafür gibt es Gründe - ist das Verhalten des Herrn Link schon ziemlich dämlich :-)

Denke da gerade an die armen Kerle, die mit ihren dickbäuchigen Gschpusis in den 80ern mit in die Hechelgruppen gingen und jedem der es nicht hören wollte, verkündete Wir sind schwanger :-) Und wenn man dann zurückfragte: Wann wirfste denn endlich? wurden sie knatschig :-)