bambulie
09.08.2011 | 19:27 22

Bürgerkrieg in England

 

Mit Autos abfackeln fing es an - jetzt werden schon Häuser - nein ganze Straßenzüge in Schutt und Asche gelegt. Das ist Krieg. Die gewaltige Sprengkraft der Armut könnte sich zu einem Flächenbrand entwickeln der am Ende über ganz Europa hinwegfegt. Im Kessel kocht es schon lange. Siehe die Unruhen in Frankreich im Oktober und November 2005. 

Immer nur den Deckel wieder zuzudrücken (angeblich in England jetzt sogar mit Schusswaffen und 10.000 zusätzlichen Beamten) ist keine nachhaltige Strategie an deren Ende die Lösung des Konfliktes steht sondern eher purer Aktionismus, wenn nicht gar totale Hilflosigkeit. 

Die Upperclass in England sollte sich tunlichst auf das Prinzip Leben und leben lassen besinnen, denn nur Reichtümer anzuhäufen genügt eben doch nicht. Eigentlich sollte Eigentum verpflichten. Sein Gebrauch sollte zugleich dem Wohle der Allgemeinheit dienen. Welch hohle Phrase!

Sollte die Schere zwischen Arm und Reich tatsächlich noch weiter auseinander gehen wird die Lage in Zukunft nur noch mehr eskalieren, aber selbstverständlich nicht nur in England. Eine Massendemokratie braucht als Fundament einen funktionierenden Sozialstaat, alles hat eben seinen Preis.

Der Auslöser der Krawalle mag der Tod des vierfachen Familienvaters Duggan am vergangenen Donnerstag gewesen sein, aber die Ursachen liegen viel tiefer. Perspektivlosigkeit der Jugend sowie die aktuellen Kürzungen im Sozialwesen - wie es der  Gemeindeaktivist in Tottenham ausdrückte - sind und waren schon immer ein gefährliches Gebräu.

Demokratie und Not passt nicht zusammen sondern produziert entweder neue Scharfmacher oder blankes Chaos.

Fazit: Demokratie und existenzielle Not ist der Freiheit Tod!

 

Kommentare (22)

ebertus 09.08.2011 | 23:32

Wie kontrolliert man die Zombies des Turbokapitalismus? Gute, sehr zielführende Frage bei TELEPOLIS. Sie macht einerseits klar, was von diesen Gewaltausbrüchen, den Gewalttätern aus einer emotionalen Sicht zu halten ist, konstatiert dieses erschreckende, im Grunde sinnlose Ausüben von Gewalt und blinder Zerstörungswut. Sie macht aber andererseits deutlich, wie die nunmehr regierungsamtlich postulierten und massenmedial verstärkten, vordergründig entrüsteten Krokodilstränen zu verstehen sind. Der randalierende Mob ist weder vom Himmel gefallen noch aus der Hölle gekrochen, "einfach so" mal eben entstanden. Er ist ein Produkt dieser menschenverachtenden Politik von Wenigen für Wenige, die erkennbar, zunehmend spürbar zurück in die Feudalgesellschaft der Sklavenhalter führt. Und eine direkt oder indirekt betroffene, sog. Mittelklasse ist der jederzeit zu instrumentalisierende Puffer.

www.heise.de/tp/artikel/35/35274/1.html

Nietzsche 2011 10.08.2011 | 00:21

Armut produziert also automatisch Gewalt? Na, dann müssten ja die sog Entwicklungsländer schon längst in Flammen stehen.
Ich hab mal in Logik gelernt, dass es mind. eine notwendige und eine hinreichende Bedingung für eine Conclusio geben muss. Aber hier scheint wohl ein verkürzter Schluss sehr ins Bild zu passen.

Wie bin ich froh, dass ich es bei den Montagsdemos 1989 anders erlebt habe. Oder waren wir nur Reiche?

seriousguy47 10.08.2011 | 01:55

Man sollte sich hüten, vorschnell Schlüsse für den Rest Europas zu ziehen, denn GB ist schon ein eigenes Pflaster, das traditionell von andauernden Klassenspaltungen durchzogen ist, denen sich nach dem zweiten Weltkrieg zunehmend eine vielfältige Einwandserungsproblematik einlagerte.

In der aktuellen Situation verweigern der Privatschul-Boy Cameron und seine ganze Kaste - wie schon seit Jahrzehnten - typischerweise wieder den Dialog, erst mit der weißen und jetzt auch mit der farbigen Underclass.

Der erste "Rassenkonflikt" fand 1958 statt. Die Weigerung der weißen KLassengesellschaft zur selben Zeit, in Dialog zu treten ist ebenfalls notorisch. Letztes Jahr starb der Schriftsteller Alan Sillitoe, dessen berühmte Geschichte "The Loneliness of the Long Distance Runner" (1959) beispielhaft diese Verweigerung aus der Perspektive der Underclass beschreibt. Ein Jugendlicher, der wegen diverser Kleinkriminalität in einem Jugendknast/ einer Erziehungsanstalt gelandet ist, verzögert in einem Querfeldein-Langlauf-Wettkampf, in dem er seinem Gegner aus besseren Kreisen weit überlegen ist, kurz vor dem Ziel seinen Lauf und lässt den Gegner bewusst gewinnen - als Verweigerung der "Resozialisation" und als Akt des Widerstandes gegen den Anstaltsleiter und die Kaste für die er steht.

"And I could hear the lords and ladies now...and could see them standing up to wave me in: "Run!" they were shouting "Run!" But I was deaf and blind, and stood where I was, still tasting the bark in my mouth and still crying like a baby that I got them beat at last." [Easy Readers-Ausgabe 1968, S.75]

Treffender, als Sillitoe es beschreibt, kann man die tiefe, unüberbrückbare Klassenkluft und Kommunikationsblockade in GB nicht beschreiben. Neu ist lediglich, dass sie nun farbiger geworden ist.

www.faz.net/-00lx8m

en.wikipedia.org/wiki/The_Loneliness_of_the_Long_Distance_Runner

Aktuell ist es wohl so, dass sich da DIREKT nichts Politisches entlädt, sondern sich Banden zusammengeschlossen haben. Das hedenfalls wird in den Medien berichtet. Und dass Politik dabei eher keine Rolle spielt, schreibt selbst die taz. Tatsache aber ist, dass es eine Tradition der "Rassen"-Unruhen in GB gibt: 1958, 1981, 1985, 1995, 2001, 2005, 2011.....

Und da stellt sich schon die Frage: Warum setzt sich diese Tradition immer wieder aufs Neue fort? Und es stellt sich die Frage, ob da denn überhaupt je ernsthaft nach Ursachen geforscht und Lösungen versucht wurden.

In der ZEIT vom 6.12.2007 schreibt Amartya Sen in Bezug auf GB von einem "pluralistischem Monokulturalismus" und von einer bloßen "Vielfalt von Kulturen, die wie Boote in der Nacht aneinander vorbeigleiten". Das sieht aus wie Toleranz und "laissez faire", kann aber in Wahrheit arrogante Ignoranz dem anderen gegenüber sein, die in brutale Aggressivität umschlägt, wenn der andere zu "nerven" beginnt.

www.zeit.de/2007/50/Multikulturalismus/komplettansicht

Zusammenleben kann so nicht fünktionieren. Und wenn dann die Ausgegrenzten Tag für Tag beobachten können, wie die privilegierten Privatschulboys als Investmentbanker im Casino mit dem Einkommen und dem Leben von anderen zocken und dann das Erzockte verfressen, verkoksen, verf... und versaufen, dann kann man sich schon auch weiter unten die Farge stellen, weshalb nur die Sozialparasiten und Psychopathen ganz oben sich auf Kosten anderer bereichern sollen. Und dann braucht es nur noch einen passenden Auslöser....

www.welt.de/finanzen/article2375791/Investmentbanker-im-Sumpf-von-Sex-und-Drogen.html

www.sueddeutsche.de/wirtschaft/cityboy-autor-geraint-anderson-ich-fuehle-mich-wie-ein-suender-1.523020

www.arte.tv/de/2326990,CmC=2326794.html

www.cityboy.biz/?q=node

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Ehemaliger Nutzer 10.08.2011 | 03:13

Sorry, Sie basteln auch am pseudo-sozialpsychologischen Bild, das sich diverse, zum Beispiel Bielefelder Professoren vom UK als einer fragmentierten Gesellschaft machen. Das UK ist und bleibt hoffentlich die Zivilgesellschaft per se. Das zeigte sich historisch gesehen am deutlichsten, als in den 20er und 30er Jahren alle europäischen Länder pro- und realfaschistisch wurden, auch Frankreich, und nur das UK individualistisch-demokratisch blieb. Ein halbes Jahr in England, als die strukturbedingte Krise ganz besonders schlimm war, hat mich das im Alltag erleben lassen. Nicht jeder, der dort lebt, ist als Held oder Robin Hood zu sehen, wenn er Häuser anzündet. Mir tun die Londoner, Bradforder ... leid, die zusehen müssen, dass ihr Land aus der Sicht der Vermummten beurteilt wird, so wie heute abend im Deutschlandfunk, der die Sicht eines Bielfelder professoralen Konfliktforschers als Erklärung der aktuellen Ereignisse präsentierte. Im Mittagsinterview des selben Senders kam ein englischer Journalist zu Wort, der wusste was verantwortlich zu sagen war.

ebertus 10.08.2011 | 10:19

Armut erzeugt nicht automatisch Gewalt, den Kausalzusammenhang hat hier wohl auch niemand "so" ausschließlich postuliert.

Aber Armut von Vielen, immer extremer werdende Unterschiede der Lebenswelten und zunehmende, gesellschaftliche Parallelitäten erzeugen ebenso zunehmende Spannungen, die schlußendlich weder mit Brot und Spielen noch mit (angedrohter) Repression begrenzt werden können.

Die DDR, die sog. Wende ist dahingehend und auch aus historischer Sicht ein eher unpassendes Beispiel, wie mir aus sehr vielen Besuchen, von vielen Kontakten "drüben" mehr als geläufig ist. Warum?

1. Bis auf die Volvo fahrenden Wandlitzer war es aus Wohlstandssicht eine relative (betone relativ) nahe beieinander liegende Gesellschaft.

2. Die existentiellen Grundbedürfnisse waren ebenso relativ gleichmäßig gesichert, große ethnische Minderheiten waren so nicht gegeben.

3. Die Menschen hatten eine relativ hohe, wenn auch ideologisch beeinflußte Bildung, waren nicht zuletzt via der Westmedien und Westkontakte zu Differenzierung fähig.

4. Es gab keine faktisch rechtsfreien Zonen, wie dies in den urbanen Zentren incl. Peripherie der westlichen Welt - und womöglich als "Preis der Freiheit" beinahe gängig ist.

Ergo: In dem Umfeld der DDR wuchs ein intelligenter, eher passiver Widerstand, dessen schlußendlicher Erfolg dennoch auch einen Teil glücklicher Fügung beinhaltete.

tlacuache 10.08.2011 | 11:01

Zeitleser, Sie haben Recht, die Bielefelder Professoren-Brille hilft uns da nicht weiter, die (K)lobalisierungsbrille schon eher...

P.S.
Bei den "Antifaschisten" in England der "20er" und "30er" ging es auch nur um Machtpolitik, auf dass der Adolf nie einen Fuss auf die Insel macht.

Der SIS wusste '42 auch schon von Auschwitz, aber das war denen, zugegebenermassen, was ihre Aufgaben anging (Heimatland schuetzen), zurecht wurscht...

Nietzsche 2011 10.08.2011 | 15:55

@ebertus um 08.19 Uhr
Gebe zu, dass der DDR-Vergleich hinkt. Ging mir vornehmlich darum, meine Ablehnung jeglicher Gewalt zu demonstrieren.
Ich habe hier schon - leider - Artikel gelesen, wo dieser von mir kritisierte verkürzte Schluss gezogen wurde. (Oder es gab ein Missverständnis).
Für mich ist der hinreichende Grund (s. meinen Kommentar) die Psyche der Randalierer. Dabei geht es nicht um Ethnie, wohl aber um Erziehung. Zum Randalieren gehört eben nicht nur berechtigte Empörung über Missstände, sondern eine niedrige Hemmschwelle zur Gewaltausübung.

bambulie 10.08.2011 | 21:47

Die Definition eines Bürgerkrieges mag im klassischen Sinn vielleicht eine andere sein, da mögen Sie recht haben.

Zitat:
„Ein Bürgerkrieg ist ein bewaffneter Konflikt auf dem Gebiet eines einzigen Staates zwischen mehreren inländischen Gruppen, häufig unter Einmischung ausländischer Mächte.“ Quelle: Wikipedia

Nun gut, die Jugendlichen die dort aufbegehren kann man vielleicht nicht gerade als klassische Bürger bezeichnen, im Sinne von Beamter, Angestellter, Arbeiter und Freiberufler die regelmäßig ihre Steuern entrichten und sich gesetzestreu verhalten.

Aber wie soll man das sonst nennen, wenn mittlerweile ganze Straßenzüge den Flammen zum Opfer gefallen sind, wenn es Tote gibt, wenn sich Bürgerwehren bilden, die bereit sind ihre Stadtviertel selbst zu verteidigen?

Und das auch noch in mehreren Städten!