Behrang Samsami
20.11.2012 | 13:24

Sommerhaus, Manometer

Iranisches Terzett In diesem Herbst erzählen gleich drei Autorinnen vom täglichen Kampf um kleine Freiheiten in Iran

Verschleierte Frauen, Geistliche und eine Führung, die nach der Atombombe strebt – auf diese Aspekte reduziert sich das deutsche Iran-Bild weithin. Einen plastischeren Einblick vermitteln nun gleich drei neue Romane. Auffällig ist, dass es in allen drei Fällen Autorinnen sind, die uns das komplizierte, von Ge- und Verboten strukturierte Leben dort vor Augen führen.

Der erste, Frauen ohne Männer von Shahrnush Parsipur, ist der bekannteste. 2009 verfilmte ihn die Künstlerin Shirin Neshat und erhielt dafür bei den 66. Filmfestspielen von Venedig den Regiepreis. Parsipurs Roman, der auf Hemingways Men without Women (1927) anspielt, ist in mehrfacher Hinsicht historisch. Das erste Kapitel konnte die 1946 in Teheran geborene Parsipur 1974 veröffentlichen. Vier Jahre später schloss sie das Manuskript in Paris ab, wo die Soziologin von 1976 bis 1980 Sinologie studierte. Erst 1990 erschien der gesamte Roman – und wurde umgehend von der Zensur verboten. Seit 1994 lebt die Autorin, die sowohl unter dem Schah als auch nach der Revolution zu Gefängnisstrafen verurteilt worden war, in den USA.

Ächzen und Auferstehen

Frauen ohne Männer spielt in jenem Sommer 1953, als die CIA Premierminister Mossadegh durch einen Putsch stürzte. Dieser hatte zuvor das Öl verstaatlicht. Für die Iraner ist der Vorfall bis heute ein nationales Trauma. Vor diesem Hintergrund beschreibt Parsipur fünf Frauen aus Teheran, die mit ihrem Leben unzufrieden sind. Mahdokht ist Lehrerin. Faezeh und Munes sind unverheiratet, stammen aus einfachen Verhältnissen und wohnen bei Verwandten. Die wohlhabende Farrokhlagha ist älter und hat zwei erwachsene Kinder. Zarrinkolah arbeitet als Prostituierte.

So verschieden die Frauen sind, sie alle ächzen unter der Strenge, Enge und Langeweile ihres Alltags und können sich nur im Rahmen bestimmter Regeln bewegen, die von autoritär-patriarchalischen Strukturen geprägt sind. Das Idealbild der iranischen Frau wird von einem Mann in Parsipurs Roman einmal so charakterisiert: „,Sie ist achtzehn, wunderschön und sanft und still, zurückhaltend und bescheiden, liebevoll, gewissenhaft und fleißig, anständig, keusch und brav, und sauber und ordentlich. Außer Haus trägt sie einen Tschador, hält den Blick stets gesenkt und wird anständig rot vor Verlegenheit.‘“

Im Roman entschließen sich die fünf Frauen auszubrechen und kommen in Farrokhlaghas Sommerhaus zusammen, das diese gekauft hat. Sie gehen sehr unterschiedlich mit ihrer Situation um: Mahdokht gibt ihren Beruf auf und geht in den Garten, um sich in einen Baum zu verwandeln. Faezeh ist gehässig und hilft dem von ihr geliebten Amir Khan, seine Schwester Munes zu begraben, die Schande über die Familie gebracht haben soll. Noch surrealer wird es, als Munes wiederaufersteht und die Gedanken der anderen zu lesen vermag. Zarrinkolah lässt ihr Leben im Bordell hinter sich, weil sie die Männer nur noch ohne Kopf wahrnimmt. Farrokhlagha gibt große Empfänge und versucht sich als Dichterin.

Parsipur verknüpft in Frauen ohne Männer kunstvoll diese Schicksale und macht deutlich, dass sie trotz unterschiedlicher Herkunft mehr eint als trennt. Ansätze, ein emanzipiertes Leben zu führen, bleiben bruchstückhaft, solange sich die Frauen den Männern immer wieder unterordnen. Die Autorin veranschaulicht die Reaktion der Frauen auf Unterdrückung und Gewalt poetisch: Die Verwandlung in einen Baum, der Wunsch, Licht zu werden, oder der Aufstieg in den Himmel sind hilflose Versuche, dem Lebendig-Begrabensein zu entfliehen.

Die Atmosphäre des Irans wird eingefangen

Eine andere Strategie verfolgt die Ich-Erzählerin in Fariba Vafis Roman Kellervogel. 2002 erschienen, folgten 2009 und 2010 eine amerikanische und italienische und in diesem Jahr nun auch die deutsche Übersetzung. Im Nachwort dieser Ausgabe berichtet der Dichter Said aus Vafis Leben: 1962 in Täbriz geboren, veröffentlichte sie 1986 erstmals Kurzgeschichten, bis sie mit Kellervogel den Durchbruch schaffte. Sie ist verheiratet, hat zwei Kinder und eine einfache Ausbildung. Vafi war nie im Ausland, spricht keine Fremdsprache – und hat das seit langem beste Buch über Frauen im heutigen Iran geschrieben.

Ihre Protagonistin beschreibt nüchtern und präzise ihr Leben als Ehe-, Hausfrau und Mutter zweier Kinder, als Tochter, Schwester und Nichte. Alles ist auf das Mindeste beschränkt. Die Stadt, in der sie lebt, bleibt namenlos. Wie die Ich-Erzählerin selbst. Peu à peu lernt der Leser diese Menschen, ihre Hoffnungen und Ängste kennen. Vafi gelingt es, anhand dieser kleinbürgerlichen Familie die schwierige Situation und die Unzufriedenheiten im Iran atmosphärisch dicht einzufangen.

Die Erzählerin leidet unter ihrem despotischen, neugierigen Ehemann, unter ihren lauten, nervigen Kindern, unter ihrer Mutter, die sich über ihren demenzkranken Ehemann beschwert. Vor allem aber wehrt sie sich gegen die Idee, mit ihrem Mann nach Kanada auszuwandern. Ihrer Schwester in den USA schreibt sie: „Ich kann mir so eine Welt nicht einmal vorstellen, geschweige denn an sie glauben; eine heile Welt, ohne Widersprüche, ohne Mühen und ohne Leid. (...) Ich habe Angst, in Deinem Paradies anzukommen und dort noch Spuren meiner Hölle vorzufinden, die an mir festkleben.“ Sie spricht von der „Liebe als Passierschein“, mit der man überall leben könne. Doch ihr Mann geht ohne Familie nach Baku. So alleingelassen die Protagonistin auch ist – es ist der Beginn ihrer Emanzipation. Vafi schildert leise und vorsichtig, aber treffend die Psyche und Mentalität ihrer Landsleute.

Leily ist bockig

Leily, die Ich-Erzählerin des Romans Hinter dem Mond, sucht wieder eine andere Lösung: Sie will raus aus dem Iran. Auch ansonsten unterscheidet sich das Buch. Die Autorin Wäis Kiani arbeitet als Journalistin und Kolumnistin für deutschsprachige Zeitungen und Magazine. Sie ist in Deutschland geboren und teilweise in Teheran aufgewachsen. Ihre Leily wächst in den siebziger Jahren als Kind iranischer Eltern in Ostfriesland auf. Der Vater ist Kinderarzt, die Mutter Hausfrau. Leily führt ein freies Leben, bis die Eltern entscheiden, in den Iran zurückzukehren. Das Mädchen ist neun, als es sich 1974 in einer für ihn völlig fremden Welt wiederfindet.

Humorvoll, bisweilen böse, aber präzise wird der „Zusammenprall der Kulturen“ geschildert. Denn Leily oder Lilly, wie sie auch genannt wird, ist im Grunde ein deutsches Mädchen, das mit den Eltern, die ihr Verhalten nach der Rückkehr umdrehen, nicht mehr kommunizieren kann. Sie kommt mit der Sprache, der Kultur mit ihren Höflichkeitsfloskeln, dem „Taroof“, und der Familie nicht zurecht.

Die Individualität, Freiheit und Ruhe, die sie in Deutschland genossen hat, sind auch unter dem westlich orientierten Schah in großbürgerlichen Familien in Teheran nicht selbstverständlich. Lilly ist bockig, hyperaktiv und nervt, ist aber auch lustig und zeigt durch ihre Provokationen die Widersprüche im Iran gerade beim Thema Sexualität auf. Von allen drei Romanen offenbart Hinter dem Mond am eindrücklichsten, wie sehr die Menschen im Iran, hier in erster Linie die Oberschicht, zwischen traditionellem und westlichem Lebensstil hin- und hergerissen sind.