Nina Marie Bust-Bartels
15.05.2013 | 17:10 13

Forschen für den Krieg

Zivilklausel Viele deutsche Universitäten erhalten Forschungsaufträge von Rüstungskonzernen. In Kassel könnte das bald verboten sein

Forschen für den Krieg

Der Uni-Leaks-Briefkasten wartet auf Dokumente der Rüstungsforschung

Foto: Arbeitskreis Zivilklausel Kassel

Ein kleiner Blechkasten vor dem Eingang des Allgemeinen Studierendenausschuss sorgt derzeit für Aufregung an der Universität Kassel. Aufgehängt haben ihn die Friedensaktivisten vom Arbeitskreis Zivilklausel. Hier sollen Mitglieder der Universität Informationen über militärische Forschung anonym einschmeißen können. Uni-Leaks heißt das Projekt. „Wir versuchen mit dem Briefkasten mehr Transparenz in der Drittmittelforschung zu erreichen“, sagt Lucas Christoffer vom Arbeitskreis Zivilklausel. Er fordert, dass die Universität Kassel jegliche Kooperation mit Rüstungskonzernen einstellt. Die aber schweigt über ihre militärischen Forschungsprojekte.

Militärische Forschung findet an fast allen Universitäten Deutschlands statt. Die Bundesrepublik ist nach Russland und den USA der drittgrößte Waffenexporteur der Welt und die Rüstungskonzerne investieren stetig in die Erforschung neuer Waffentechnologien – damit beauftragen sie auch öffentliche Universitäten. Die Hochschulen wollen auf die Forschungsgelder der Rüstungsindustrie ungern verzichten, besondern in Zeiten, in denen sie immer mehr auf Drittmittel angewiesen sind.

Gelder vom Verteidigungsministerium

Und auch das Verteidigungsministerium gibt Geld: Im Bundeshaushalt sind für „Forschung, Entwicklung und Erprobung“ von Militärtechnologien jährlich rund eine Milliarde Euro vorgesehen – das ist fast ein ein Zehntel des Etats des Bundesministeriums für Bildung und Forschung. Das Meiste davon geht an die Forschungseinrichtungen der Bundeswehr, an öffentliche Einrichtungen wie das Zentrum für Luft und Raumfahrt und an die Rüstungsindustrie. Aber auch die Universitäten bekommen etwas ab: 5,5 Millionen Euro gingen im vergangenen Jahr an 26 deutsche Hochschulen.

In Kassel haben im Januar 72 Prozent der Studierenden für die Einführung einer Zivilklausel gestimmt. Mit einer Zivilklausel in der Grundordnung würde sich die Universität verpflichten, ihre Forschung nur an zivilen Zwecken auszurichten – also nicht mit Rüstungskonzernen zu kooperieren. Im Senat der Uni Kassel wurde am Mittwoch der Antrag der Studierenden diskutiert, eine Zivilklausel in der Grundordnung zu verankern. Einige Senatorinnen und Senatoren äußertenjedoch  rechtliche Bedenken. Das Thema wurde vertagt.

Einige Unis haben bereits Zivilklauseln

„Die Vorbehalte sind völlig unbegründet“, sagt Lucas Christoffer vom Arbeitskreis Zivilklausel. Einige Universitäten haben bereits Zivilklauseln in ihren Grundordnungen verankert. Den Anfang machte 1986 die Universität Bremen. Es folgten Konstanz, Dortmund, Oldenburg, die Technische Universität Berlin. In den letzten Jahren beschlossen auch die Universitäten in Darmstadt, Rostock, Bremerhaven, Ilmenau, Tübingen und Frankfurt ihre Forschung nur noch für zivile Zwecke zu betreiben. An vielen weiteren Universitäten engagieren sich Studierende und Lehrende gegen militärische Forschung – zum Beispiel am Karlsruher Institut für Technologie und den den Universitäten Münster und Göttingen. Die Frankfurter Allgemeine Zeitung spricht bereits von einer Zivilklauselbewegung.

Friedenssichernd“ oder „zivil“

Der Politikwissenschaftler Peer Heinelt beobachtet die Reaktion der Universitäten auf die Zivilklauselforderungen.  Ihre Strategie: Sie versuchen in der Diskussion den Begriff „zivil“ durch „friedenssichernd“ zu ersetzen. Humanitäre Interventionen lassen sich als „dem Frieden dienend“ verkaufen, die Militärforschung dient in dieser Argumentation dem Frieden – und die Hochschulen können Forschungsgelder der Rüstungskonzerne weiter annehmen.

Auch in Kassel gibt sich die Universität kompromissbereit: „Inhaltlich gibt es keine Differenzen mit dem Arbeitskreis Zivilklausel“, betont die Hochschulleitung. Bereits im vergangenen Jahr habe der Senat eine „Neufassung der Orientierung für Professorinnen und Professoren“ beschlossen. Darin ist festgehalten, dass „Forschung, Lehre und Studium an der Universität Kassel ausschließlich zivilen und friedlichen Zwecken dienen“ soll. Der Arbeitskreis Zivilklausel kritisiert: Die Orientierung diene eben nur zur Orientierung. Sie sei nicht bindend.

Kontrolle ist besser

Nun soll ein Ausschuss aus Senatorinnen und Senatoren sowie Studierenden einen neuen Entwurf für die Zivilklausel erarbeiten. „Wir müssen aufpassen, dass die Zivilklausel, wenn sie denn kommt, auch durchgesetzt wird“, sagt Lucas Christoffer. Die Studierenden fordern daher ein Kontrollgremium. Das soll aus Mitarbeitenden und Studierenden bestehen und die Umsetzung der Zivilklausel überwachen. Denn an anderen Universitäten zeigt sich bereits, dass die Durchsetzung der militärischen Enthaltsamkeit schwierig ist. „An der technischen Universität Berlin zum Beispiel findet trotz Zivilklausel immer wieder militärische Forschung statt“, erklärt Lucas Christoffer.

Dass Kontrolle wichtig ist, zeigt die Haltung der Universitätsleitung: Sie betont zwar, ihr sei nicht bekannt, dass es an der Uni Kassel derzeit Forschung gäbe, die von der Rüstungsindustrie beauftragt werde. Und auch im Uni-Leaks-Briefkasten des Arbeitskreis Zivilklausel sind bisher noch keine Dokumente militärischer Forschung eingegangen. Aber ein Blick auf die Homepage der Universität Kassel genügt, um festzustellen, dass es mit der Verbindlichkeit ziviler Beteuerungen an der Uni Kassel nicht nicht weit her ist.

Die Universität Kassel bietet zusammen mit Unternehmen duale Studiengänge an. Zu den Kooperationspartnern gehört die Krauss-Maffei Wegmann GmbH. Sie lieferte etwa die Leopard-2-Panzer nach Saudi-Arabien und Katar. Auch die Rheinmetall MAN Military Vehicles GmbH arbeitet mit der Uni Kassel zusammen. Ihre Panzer gehen derzeit nach Indonesien. Wenn sich der Senat auf seiner nächsten Sitzung im Juni für eine verbindliche Zivilklausel entscheidet, wird die Uni Kassel in Zukunft auf die Kooperation mit den Panzerbauern verzichten müssen.

Kommentare (13)

gweberbv 16.05.2013 | 08:50

Wollen sich die Unis aus der Gesellschaft verabschieden? Dieses Land leistet sich eine Armee, mit der es hin und  wieder an "kriegsähnlichen" Auseinandersetzungen teilnimmt. Grundsätzliche Kritik wird daran in der Breite der Gesellschaft nicht geäußert.

Begreifen sich maßgeblich durch öffentliche Gelder finanzierte Hochschulen nun als "etwas besseres", wo nach anderen Regeln gespielt werden soll als im Rest des Landes?

Dr. Benway 16.05.2013 | 14:24

Arbeiten Sie bei der Bundeswehr oder beim Rüstungskonzern?

1. Die Gesellschaft kritisiert durchaus die Beiteiligung an "kriegsähnlichen" Auseinandersetzungen. Zumindest sind über zwei Drittel gegen Auslandseinsätze.

2. Gerade, dass die Unis sich aus öffentlichen Mitteln finanzieren, macht eine Zusammenarbeit mit den Kriegstreibern um so schlimmer. Warum gehen die Steuergelder in die Entwicklung von Mordinstrumenten? Wenn die Studenten sich dagegen auflehnen, spricht das für eine kritische und gesunde Haltung.

 

Wollen sich die Unis aus der Gesellschaft verabschieden? Dieses Land leistet sich eine Armee, mit der es hin und  wieder an "kriegsähnlichen" Auseinandersetzungen teilnimmt. Grundsätzliche Kritik wird daran in der Breite der Gesellschaft nicht geäußert.

Begreifen sich maßgeblich durch öffentliche Gelder finanzierte Hochschulen nun als "etwas besseres", wo nach anderen Regeln gespielt werden soll als im Rest des Landes?

gweberbv 16.05.2013 | 16:23

Arbeiten Sie bei der Bundeswehr oder beim Rüstungskonzern?

Nein, ich arbeite bei einer außeruniversitäten Forschungseinrichtung. Wo sind sie denn angestellt, wenn ich fragen darf (nicht, dass das irgendwie relevant wäre oder mich interessieren würde)?

Warum gehen die Steuergelder in die Entwicklung von Mordinstrumenten?

Weil der deutsche Staat ein Interesse daran hat, über Mordinstrumente hoher Qualität zu verfügen. Ein Bundesministerium sowie eine angeschlossene Behörde (Bundeswehr) mit zusammen an die 300.000 Mitarbeitern ist hauptamtlich mit der Beschaffung, Weiterentwicklung, Bereistellung und in Ausnahmefällen auch Anwendung dieser Mordinstrumente betraut.

Nahezu alle Staaten dieser Welt haben ähnliche Einrichtungen. In nicht wenigen Gesellschaften geniest die jeweilige "Mördertruppe" sogar hohen Respekt bzw. gilt als nationales Maskottchen.

Angesichts dieser Situation kommt es mir schizophren vor, wenn die eine (halb-)staatliche Stelle (Universität) die andere (Armee bzw. Rüstungsunternehmen) offiziell als "schlechten Umgang" betrachtet.

Dr. Benway 17.05.2013 | 02:46

Nein, ich arbeite bei einer außeruniversitäten Forschungseinrichtung.

Zufällig bei einer, die mit militärischer Forschung verbunden ist? Dann würde mich Ihre Einstellung nicht wundern.

Wo sind sie denn angestellt, wenn ich fragen darf (nicht, dass das irgendwie relevant wäre oder mich interessieren würde)?

Es ist nicht relevant, aber wenn's Sie nicht interessiert, wozu die Frage.

 

Weil der deutsche Staat ein Interesse daran hat, über Mordinstrumente hoher Qualität zu verfügen. Ein Bundesministerium sowie eine angeschlossene Behörde (Bundeswehr) mit zusammen an die 300.000 Mitarbeitern ist hauptamtlich mit der Beschaffung, Weiterentwicklung, Bereistellung und in Ausnahmefällen auch Anwendung dieser Mordinstrumente betraut.

 

Dazu zwei Fragen: ist es der Staat oder die Gesellschaft, die dieses Interesse haben?

Und wozu hat der Staat das Interesse? Landesverteidigung wird es wohl kaum sein. Nach Ihrer Beschreibung klingt es eher wie Arbeitsbeschaffungsmassnahme.

Schlimm genug, dass der deutsche Staat schon für den "Eigenverbrauch" wert auf diese Mordinstrumente legt, bedauerlicherweise werden aber noch andere Akteure damit "beglückt", siehe Panzer nach Saudi Arabien.

Nahezu alle Staaten dieser Welt haben ähnliche Einrichtungen. In nicht wenigen Gesellschaften geniest die jeweilige "Mördertruppe" sogar hohen Respekt bzw. gilt als nationales Maskottchen.

 

Und bei nahezu allen Staaten frage ich mich: wozu? Warum nicht dem Beispiel von Costa Rica folgen und die Armee abschaffen? Zumindest aus deutscher Sicht würden damit ca. 30 Mrd. Euro frei, die man in Sinnvolles stecken könnte (Pensionszahlungen für ein paar Jahrzehnte ausgenommen).

Angesichts dieser Situation kommt es mir schizophren vor, wenn die eine (halb-)staatliche Stelle (Universität) die andere (Armee bzw. Rüstungsunternehmen) offiziell als "schlechten Umgang" betrachtet.

Kommt es Ihnen tatsächlich schizophren vor, wenn man die Forschung zur Auslöschung menschlichen Lebens oder anderer Destruktion als "schlechten Umgang" betrachtet? Sieht so für Sie die Weiterentwicklung der menschlichen Gesellschaft aus?

 

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Nil 17.05.2013 | 09:39

Nicht nur in Bildungsangelegenheiten gefallen mir die Ideen der Vertreter Integraler Bewegungen. Eine post-postmoderne und post-metaphysische herangehensweise, ist in allen Lebensbereichen mehr als überfällig. Forschung muss interdisziplinär sein und dem Individuum, der Gemeinschaft und der Mitwelt dienen, lebensfördernd statt lebensfeindlich.

Kleiner Ausschnitt aus dem Programm:

Integrale Politik | Schweiz_Zukunft_ Integrale Bildung und Erziehung  

Dank der Vielfalt privater und öffentlicher Schulen wird es möglich, die überholten Aspekte des heutigen Schulsystems wie Schülerselektion, Konkurrenzverhalten, Leistungsdruck und Kontrolle zu verkleinern und bewusstseinsbildende Themen zu vergrössern. Die obligatorische Schule wird ersetzt durch eine obligatorische Bildung. 

Vision 

Ein integrales Bildungswesen basiert auf dem grundlegenden Wissen um die Verbundenheit allen Lebens. Es strebt die Entwicklung aller Menschen zur Intelligenz des Herzens an, indem alle Potenziale des Menschen, seine körperlichen, emotionalen, rational-intellektuellen und intuitiv-spirituellen gleichwertig gefördert und gefordert werden. Dies schafft den Raum für seine ganzheitliche Entfaltung zum Wohl des Einzelnen, der ganzen Menschheit, aller Lebewesen und der Erde. 

Bildung ist eine Herausforderung für die ganze Gesellschaft. Ein integrales Bildungswesen zeichnet sich aus  

durch eine wohlwollende Haltung gegenüber den jungen Menschen, die mit grosser Achtsamkeit beim Aufbau ihrer Beziehung zur Welt begleitet werden 

durch die Ermunterung, die individuellen Fähigkeiten zu entwickeln und die je einzigartigen Berufungen zu leben und dadurch ihren Beitrag zum Wohlergehen der Gesellschaft zu leisten 

durch die Berücksichtigung aller Aspekte des menschlichen Lebens, z.B. die Bewusstseinsentwicklung, die Herausforderung der Elternschaft, die Komplexität der menschlichen Beziehungen, das Verhältnis zu Tod und Sterben  

durch Unterstützung und Sensibilisierung der Eltern für ihre erzieherischen Aufgaben 

durch die Verbesserung der Kontakte zwischen den Generationen in Unternehmen und geeigneten Bildungseinrichtungen wodurch die Übertragung der Erfahrungen der Älteren auf die jüngere Generation gewährleistet wird 

Ethisch verantwortlich für die Erde sorgen – mit ganzheitlich entfalteten Menschen

Hauptaspekte eines integralen Bildungswesens 

1. Die neuen Bildungsinhalte 

Die neuen Bildungsinhalte orientieren sich vor allem: 

nach dem individuellen Lebenskontext und der persönlichen Motivation des Schülers  

nach der Vieldimensionalität des menschlichen Seins, die gleichzeitig die biologischen, psychischen, historischen, kulturellen, spirituellen und sozialen Aspekte umfasst und alle ihre Beziehungen untereinander 

nach einem systemischen Wissen, das fähig ist, die Bedürfnisse der Gesellschaft und der Erde zu erfassen 

nach ethischen Grundsätzen, die noch zu definieren sind 

2.  Die Anforderungen an die Forschung 

Die Forschung auf Universitätsniveau definiert sich neu, indem sie interdisziplinäre und holistische Methoden entwickelt, die Evolution unserer natürlichen, sozialen und kulturellen Mitwelt berücksichtigt. Forschung beschränkt sich aber nicht nur auf die Universitäten, Forschung wird schon in der Jugend betrieben. 

3. Das Bewertungssystem im Bildungswesen 

Die Bewertung der Bildungsfortschritte ist je nach Altersstufe verschieden: 

Schulkinder werden in ihrer Entwicklung begleitet, indem mit ihnen Gespräche in Anwesenheit von Eltern und Lehrern geführt werden. 

Mittelschüler erhalten Bewertungen bezüglich ihrer Kompetenzen und Hinweise auf ihre persönlichen Potenziale. 

In höheren Schulen und Bildungsangeboten für Erwachsene erfolgt die Bewertung gemäss einem europäischen Punktesystem. 

4. Die Organisation des Bildungswesens 

Die Kantone und die Ausbildungsstätten erhalten die maximal mögliche Freiheit im Rahmen eines eidgenössischen Bildungsregulativs, das die Mobilität zwischen den Kantonen und den verschiedenen Schulmodellen sicherstellt und Minimalanforderungen definiert. Die Verbindungen zwischen Hochschulen, Berufsschulen und der Arbeitswelt entwickeln sich immer mehr. Beide Welten bereichern sich so gegenseitig. 

Die ersten Schritte  

1.Wir streben eine Grundschule an, deren Selektions- und Bewertungskriterien durch stärkere persönliche Begleitung ergänzt werden und die mehr Rücksicht nehmen auf das individuelle Potenzial des Schülers. 

2.Wir unterstützen die Revision des Plans HarmoS in dem Sinn, dass sowohl für Lehrer wie für Schüler ein freier und leichter Übertritt zwischen den verschiedenen Schulsystemen ermöglicht wird. 

3.Wir begrüssen die Schaffung und Anerkennung ganz verschiedener öffentlicher und privater Grundschulangeboten und befürworten die Freiheit der Schulwahl für alle. 

4.Wir unterstützen Institutionen und pädagogische Initiativen, die Pionierarbeit leisten. 

5.Wir helfen mit bei der Vernetzung des Bildungswesens, damit allen Interessierten die Informationen bezüglich neuer Erkenntnisse im Bildungswesen weltweit zur Verfügung stehen. 

Wir freuen uns auf weitere Ideen und Initiativen dazu. 

http://www.integrale-politik.ch/images/stories/documents/ip-informieren/kurzfassungen/kurzfassung-integrale-wirtschaft.pdf

gweberbv 17.05.2013 | 13:57

Zufällig bei einer, die mit militärischer Forschung verbunden ist?

Wer Ihre Ansichten nicht teilt, muss durch persönliche Interesse korrumpiert sein. Ansonsten "wundern" Sie sich?

Dazu zwei Fragen: Ist es der Staat oder die Gesellschaft, die dieses Interesse haben?

Beides läßt sich nicht trennen. Es sei denn, Sie unterstellen, dass Politik und höhere Verwaltung von einer abgeschotteten Kaste mit völlig anderen Vorstellungen/Interessen als in der übrigen Gesellschaft besetzt sind (und das vom Nordkap bis zum Südpol).

Und wozu hat der Staat das Interesse? Landesverteidigung wird es wohl kaum sein.

Macht wird letzten Endes nur durch Gewehrläufe gesichert. Lethe hat bereits in diese Richtung argumentiert.

Und bei nahezu allen Staaten frage ich mich: wozu? Warum nicht dem Beispiel von Costa Rica folgen und die Armee abschaffen?

In Costa Rica sind meines Wissens seit 2010 Militäreinheiten der USA stationiert. Wer nicht selbst (militärische) Macht ausüben kann, darf anderen dabei zusehen. Man braucht sich auch nicht größer in Spieltheorie zu vertiefen, um die Instabilität einer demilitarisierten Welt einzusehen.

Kommt es Ihnen tatsächlich schizophren vor, wenn man die Forschung zur Auslöschung menschlichen Lebens oder anderer Destruktion als "schlechten Umgang" betrachtet?

Wenn zumindest das Bereithalten von Militär eine conditio sine qua non für die ganze Welt darstellt (bedeutende Regionen wie fußballfeldgroße Inselstaaten und Steuersparfürstentümer ausgenommen), dann halte ich ein "da machen wir nicht mit" von Seiten einer staatlichen Einrichtung für widersinnig, ja. Letztendlich steht eine Universität auf einem staatlichen Fundament, das eben auch mittels Kriegswaffen abgesichert wird (ganz grundsätzlich - unabhängig von der Sinnhaftigkeit einzelner Militäraktionen). Die Früchte zu verzehren, aber (einen Teil) der Gärtner geringzuschätzen ist keine intellektuell redliche Position.

Ch Ernst 18.05.2013 | 14:44

Zunächst sehe ich das auch so, dass in der Welt, so wie sie ist, eigenes Militär notwendiger Garant staatlicher Souveränität ist. Aber das hat eigentlich mit der Zivilklausel nichts zu tun. Denn die staatlichen Hochschulen stellen eine besondere Art staatlicher Institution dar. Der Hauptgrund für eine Zivilklausel ergibt sich meiner Meinung nach aus wissenschaftlicher Notwendigkeit.  Die Forschung muss unabhängig bleiben, um kritisch und unvoreingenommen gesellschaftliche Prozesse betrachten zu können. Dazu gehört nicht nur wirtschaftliche Unabhängigkeit sondern auch geistige. Und genau diese geistige Unabhängkeit gerät in Gefahr, wenn die öffentliche Forschung sich in die angewandte Forschung zu militärischen Zwecken involvieren lässt.

Das heißt nicht, dass staatliche Forschung in Rüstungsfragen verkehrt wäre, im Gegenteil. Mir wäre es sogar lieber, dies geschähe ausschließlich durch entsprechende staatliche Forschungseinrichtungen. Nur eben nicht an staatlichen Hochschulen, die sich meiner Meinung nach schon viel zu sehr der angewandten Forschung verschrieben haben, statt Grundlagenforschung zu betreiben.

Dr. Benway 18.05.2013 | 19:28

Ich wundere mich - ganz aufrichtig - über Ihre Forderung der Anpassung der Universitäten an der Erforschung von Vernichtungsinstrumenten, so als ob es keine Geschichte gäbe, aus der zu lernen wäre. Insofern stellt ein persönlicher Nutzen für mich einen Erklärungsansatz dar. Im übrigen haben Sie die Frage nicht beantwortet.

Allerdings weist Ihr letzter Absatz darauf hin, wo sich meine Sichtweise so grundlegend von der Ihren unterscheidet:

Für mich ist Militär eben keine sine qua non für die staatliche Existenz - wie eben auch das Beispiel Costa Ricas oder Panamas beweist. Letzteres Land schafft sein Militär sogar in einem Zeitraum ab, als sein Nachbar an der Grenze zum failed state gehandelt wird.

In der selben Logik steht für mich auch nicht "eine Universität auf einem staatlichen Fundament, das eben auch mittels Kriegswaffen abgesichert wird" - zumindest nicht in Deutschland. Nicht derzeit. Ihre Logik scheint sich noch aus Hobbescher oder Kalter- Kriegswahrnehmung zu speisen? Haben wir diese Epoche mittels eines friedlich kooperierenden europäischen Staatenbundes nicht überwunden (zumindest partiell und geografisch eingeschränkt)?

Selbst die Bundeswehr muss ihn ihrem Weissbuch ja eingestehen, dass ihr die Bedrohungen nahezu abhanden gekommen sind. Invasion einer militärischen Macht? Fehlanzeige.

So ist das Militär auch nicht Gärtner sonder Parasit, der sich auf Kosten der Allgemeinheit durchfrisst.

Zu dem von Lethe (zynisch) abgewandelten Machtbegriff fallen mir durchaus genug gegewärtige Beispiele ein, ja. Allerdings weigere ich mich Ihrer absoluten Schlussfolgerung zu folgen, dass Macht letzten Endes nur durch Gewehrläufe gesichert wir. Hatte Gandhi, hat der Papst, hat das Rote Kreuz etc. Macht? Oder um bei anderen Staaten, als den oben schon erwähnten, zu bleiben: hat Liechtenstein Macht? Und wenn ja, gründet(e) sich deren Macht auf Gewehre?

Und umgekehrt: wie erfolgreich sind die in anderen Ländern aufgedrückten militärischen Besatzungsregime? Wie erfolgreich waren die stärksten Supermächte in der Beherrschung Afghanistans (UK, UdSSR, USA)? Wieviel Macht haben die USA als militärischer Muskelprotz im Irak? Wieviel haben sie - um mal aus dem Kriegskontext rauszugehen - in Südamerika?

Ich teile durchaus Ihre Ansicht dass unter den gegenwärtigen Umständen (v.a. der vorherrschenden (neo)realistischen Sichweise) ein weltweiter Verzicht aufs Militär kontraproduktiv sein kann. Aber könnte sich Deutschland nicht tatsächlich in die Reihe der wenigen Ausnahmen einreihen? Wollen wir an einem Weltbild a la jeder ist des anderen Feind festhalten oder in eine Zukunft, wo Kriege als Durchsetzung seiner Macht als schwachsinnig gelten?

 

PS: die amerikanischen Truppen in Costa Rica sind meines Wissens nicht als Schutz vor Übergriffen aus den Nachbarländern abgestellt sondern aus dem Interesse der USA den Drogenschmuggel zu beeinflussen. Eine weitere Idiotie, die wie die Praxis zeigt, das Militär als komplett ungeeignet für diese Art von Drogenbekämpfung erscheinen lässt. Aber das ist ein anderes Fass, dass ich an der Stelle nicht aufmachen will.

 

gweberbv 18.05.2013 | 21:57

In der selben Logik steht für mich auch nicht "eine Universität auf einem staatlichen Fundament, das eben auch mittels Kriegswaffen abgesichert wird" - zumindest nicht in Deutschland. Nicht derzeit. Ihre Logik scheint sich noch aus Hobbescher oder Kalter- Kriegswahrnehmung zu speisen? Haben wir diese Epoche mittels eines friedlich kooperierenden europäischen Staatenbundes nicht überwunden (zumindest partiell und geografisch eingeschränkt)?

Klingt nach "Ende der Geschichte" (zumindest innerhalb Europas). Von so einer Vorstellung halte ich gar nichts. Aus zweierlei Gründen:

Zunächst einmal liegen die letzten größeren bewaffneten Konflikte in Europa liegen gerade einmal etwas mehr als 10 Jahre zurück. Vor 20 Jahren hatten wir sogar einen jahrelangen Sezessions- bzw. Bürgerkrieg keine 1500 km von Berlin entfernt. Deutsches Militär ist seitdem auf dem Balkan im Einsatz, um dort "unsere" Ordnungsvorstellungen und die "unserer Partner" durchzusetzen. Halten Sie diesen Militäreinsatz von hinten bis vorne für sinnlos? Oder soll man dergleichen einfach den Partnerländern überlassen und sich darauf verlassen, dass diese schon mehr oder weniger identische Interessen in der Region haben und daher nolens volens in "unserem" Sinn eingreifen werden?

Des weiteren hätte zumindest ich mir nicht vorstellen können, dass die europäische Einigung innerhalb weniger Jahre aufgrund von Euro- bzw. allgemeiner Wirtschaftskrise derart erordieren könnte, wie wir es momentan erleben. Deswegen wird wohl kaum in den nächsten Jahrzehnten ein Krieg ausbrechen - aber ich würde nicht die Zukunft des Landes darauf verwetten wollen (=Militär einstampfen), dass die nächsten 50 Jahre in Europa nicht doch durch stärkere zwischenstaatliche Konflikte geprägt sein wird als in den letzten Jahrzehnten. Zumindst kann man davon ausgehen, dass die in den nächsten Jahrzehnten eintretende Verknappung wichtiger Rohstoffe die "europäischen Solidarität" weit mehr strapazieren wird als die Eurokrise (und schon da knirscht es ja ganz gewaltig).

Daher halte ich was die Notwendigkeit von Militär auch innerhalb Europas angeht erstmal gar nichts für "überwunden", sondern alleinfalls aufgrund von außergewöhnlich günstigen Umständen für "aus der Mode gekommen".

Wollen wir an einem Weltbild a la jeder ist des anderen Feind festhalten oder in eine Zukunft, wo Kriege als Durchsetzung seiner Macht als schwachsinnig gelten?

Als "schwachsinnig" gelten hinterher immer die Kriege, deren Ziele nicht erreicht wurden. Warum werden Ziele nicht erreicht? Aufgrund der Gegenwehr eines bewaffneten Gegners. Das ist die Logik der Abschreckung (und nach den Erfahrungen der letzten 10 Jahre wirken auch irakische und afghanische Aufständige als abschreckend genug für das westliche Militär).

Was Ihnen sicherlich eher vorschwebt ist ein Zustand, wo es im Miteinander der Staaten gar keine Ziele mehr gibt, deren Erreichen mittels Militäreinsatz als realistisch erscheint. Das halte ich aber jenseits der Inseln des Wohlstands für völlig unrealistisch.

hat Liechtenstein Macht?

Nein. Würde Liechtenstein den existentiellen Interessen eines der europäischen Großstaaten entgegen stehen, könnte es sich allein durch das Anlehnen an einen gleichstarken Kontrahenten retten. Dass sich das erstmal wie aus einer anderen, bösen Zeit anhört, liegt allein an der weitgehenden Kongruenz der nationalen Interessen in Europa - einem historisch sehr außergewöhnlichen Zustand, vom dem absolut nicht klar ist, dass er sich nun Stück für Stück auf dem ganzen Erdball ausdehnt wird und dann auf absehbare Zeit bestand hat.

Hatte Gandhi, hat der Papst, hat das Rote Kreuz etc. Macht?

Macht, die sich aus dem Einfluss auf die Gewehrträger (bzw. deren Befehlshaber) ergibt. So wird beispielsweise das strenge (katholisch-geprägte) Abtreibungsverbot in Irland letztlich von Menschen mit Pistolen durchgesetzt.

Nun, ich denke die Differenzen zwischen uns sind jetzt klar herausgearbeitet. Aus meinem Verständnis der Welt leite ich ab, dass die Zuarbeit für das Militär nicht generell eine ehrenrührige Tätigkeit ist, die man vom Campus verbannen dürfte. Dass Militär auch für unvernünftige und verbrecherische Zwecke eingesetzt werden kann, steht dem nicht entgegen.

 

Dr. Benway 19.05.2013 | 00:32

Klingt nach "Ende der Geschichte" (zumindest innerhalb Europas).

War eher als Anfang einer neuen gewaltfreien Geschichte gemeint.

Interessant, dass Sie den ersten deutschen völkerrechtswidrigen Angriffskrieg als scheinbar gelungenes Beispiel anführen.

Halten Sie diesen Militäreinsatz von hinten bis vorne für sinnlos?

Allerdings. Würde man, nur so als plakatives Beispiel, den Militärhaushalt in Krisenprävention investieren, könnte man spekulieren, ob solche Konflikte dann auch gewaltmässig ausbrechen würden. Dass es im Balkan krachen würde, war ja kein überraschendes Ereignis, sondern den playern durchaus bekannt.

Zur Krisenprävention zählt für mich auch z.B. somalische Fischer vor der Leerfischung durch die europäische Fangflotte zu bewahren. Dann spare ich mir gegebenenfalls ein paar Jahrzehnte später die Piratenjagd.

Als "schwachsinnig" gelten hinterher immer die Kriege, deren Ziele nicht erreicht wurden.

Ich werte jeden Krieg als schwachsinnig, aber da haben Sie Recht, das bestimmt wahrscheinlich jeder anders und die Geschichte schreibt meistens noch der Sieger. Allerdings würde mich interessieren, welchen Krieg Sie denn als nicht schwachsinnig = sinvoll (?) werten.

  Zu Liechtenstein und der weitgehenden Kongruenz der nationalen Interessen in Europa und deren Ausdehnung auf die Welt:

Ich bin der Überzeugung, dass zumindest die Überlegung man könnte in einer global vernetzen, wirtschaftlich immer interdependenteren Welt durch militärische Interventionen mehr verlieren als zu gewinnen ist, auf dem Vormarsch ist. Und ich glaube nicht, dass es sich hier nur um Wohlstandsinseln handelt. Dass die ganze Eurokrise zu einer militärischen Auseinandersetzung führte, halte ich für genauso unwahrscheinlich, wie einen Krieg auf dem kompletten amerikanischen Kontinent.

Macht, die sich aus dem Einfluss auf die Gewehrträger (bzw. deren Befehlshaber) ergibt. So wird beispielsweise das strenge (katholisch-geprägte) Abtreibungsverbot in Irland letztlich von Menschen mit Pistolen durchgesetzt.

Das war aber nicht die Frage. Die Frage war, ob sich der Papst/ Vatikanstaat bzw. die kirchliche Institution auf eine Macht gründet, die "von Gewehrläufen" gestützt ist.

Dass Militär auch für unvernünftige und verbrecherische Zwecke eingesetzt werden kann, steht dem nicht entgegen.

Sie sagten es bereits, unsere Differenzen sind in der Hinsicht klar, als dass m.E. das Militär nahezu ausschliesschlich für unvernünftige Ziele eingesetzt wird, ergo die Forschung dazu ebenso zu verachten ist. 

Trotzdem vielen Dank für Ihre interessanten Einblicke. 

gweberbv 19.05.2013 | 20:59

Würde man, nur so als plakatives Beispiel, den Militärhaushalt in Krisenprävention investieren, könnte man spekulieren, ob solche Konflikte dann auch gewaltmässig ausbrechen würden. Dass es im Balkan krachen würde, war ja kein überraschendes Ereignis, sondern den playern durchaus bekannt.

Das erscheint mir als ziviler Machbarkeitswahn. Nicht weniger vermessen als auf der anderen Seite das militärische Gegenstück (=wir stellen ein paar Panzer in Land XY und schon tanzen da alle nach unserer Pfeife). Meinen Sie, dass man sich mit genügend Sozialarbeit auch die Polizei sparen könnte?

Am Beispiel des Balkans: Aufbauhilfen, EU-Integration, Zwischenstaatliche Zusammenarbeit, Demokratisierung, etc. werden vielleicht in 20, 30 Jahren dazu führen, dass dort verschiedene Ethnien und Staaten von sich aus auf Gewalt zur Durchsetzung ihrer Interessen verzichten. Aktuell ist es aber die Präsenz einer völlig überlegenen Militärmaschinerie (in Verbindung mit zivilen Maßnahmen), die an den Brennpunkten für Ruhe sorgt.

Auch bezweifle ich, dass es in den "zivilisierten" Staaten, die eine rein zivile Stabilisierungs- und Aufbaupolitik durchführen sollten, genug Sachverstand und Interesse für "die Walachei" gibt, um dort dergestalt präventiv tätig zu werden, dass Konflikte mit einer Vorlaufzeit von Jahrzehnten vor der Eskalation bewhrt werden könnten. Machbarkeitswahn eben.

Allerdings würde mich interessieren, welchen Krieg Sie denn als nicht schwachsinnig = sinvoll (?) werten.

Mir fällt spontan der sogenannte Salpeterkireg zwischen Chile und Peru/Bolivien ein. Hier hat eine Seite ihre Ziele mit geringen Verlusten vollumfänglich und nachhaltig durchsetzen können. Aus Sicht Chiles war dieser Krieg und sind seine Ergebnisse heute noch sinnvoll.

Zum Glück ist es heutzutage nicht die Regel, dass Kriege derart "glatt gehen" (für ein Partei). Ansonsten gäbe es zweifellos viel mehr davon.

Ich bin der Überzeugung, dass zumindest die Überlegung man könnte in einer global vernetzen, wirtschaftlich immer interdependenteren Welt durch militärische Interventionen mehr verlieren als zu gewinnen ist, auf dem Vormarsch ist.

Das sehe ich ganz genauso. Aber auch eine Welt, in der Kriege selten sind, ist keine, in der es für Militär keine Verwendung bzw. Notwendigkeit gäbe.

Siehe z. B. Südostasien, wo insbesondere bei der Marine kräftig aufgerüstet und Kampfkraft zur Schau gestellt wird, auch wenn den beteiligten Staaten das Netz von gegenseitigen Abhängigkeiten sehr wohl bewusst sein dürfte und daher niemand ernsthaft in den Krieg ziehen will.

Würde dort aber einer der "Player" militärisch stark ins Hintertreffen geraten, wäre die Kriegsgefahr sogar deutlich erhöht. Denn für überlegene Parteien kippt plötzlich das Chance/Risiko-Verhältnis zugunsten einer militärischen Auseinandersetzung.

Die Frage war, ob sich der Papst/ Vatikanstaat bzw. die kirchliche Institution auf eine Macht gründet, die "von Gewehrläufen" gestützt ist.

Was Sie hier ansprechen würde ich eher unter dem Begriff "Einfluss" anstatt von "Macht" verbuchen. Aber das führt zu weit weg.