Benjamin von Brackel
28.04.2011 | 08:00 8

Glanz und Geifer

Teilhabe Der Adel galt lange als Relikt einer überwundenen Epoche. Doch selbst in Deutschland haben Aristokraten mehr Einfluss, als die meisten aus dem Volk zu glauben wagen

Auf einmal waren sie wieder da, die alten Gutsherren. Nach all den Jahren. Die Mauer war noch nicht lange gefallen, der Arbeiter- und Bauernstaat DDR noch nicht lange Geschichte. Kein Wunder, dass das Staunen in Friedersdorf groß war. Über Jahrhunderte hatte der Ort im Osten Brandenburgs der Familie von der Marwitz gehört. Doch dann war der Krieg gekommen und schließlich die Bodenreform in der sowjetischen Besatzungszone. Unter der Losung „Junkerland in Bauernhand“ wird der Adel damals enteignet. Das Ehepaar von der Marwitz flieht nach Bayern, schweigt all die Jahre, auch ihrem Sohn Hans-Georg erzählen sie kaum etwas von der alten Heimat. Bis 1990, bis zur Wiedervereinigung. Und Hans-Georg von der Marwitz entschließt sich, nach Brandenburg zu ziehen, um einen Biobauernhof aufzubauen. Dass es der alte Familiensitz wird – „ein Zufall“, wie er sagt.

Hans-Georg von der Marwitz sitzt in seinem Berliner Bundestagsbüro, den Arm über einen Stuhl gelehnt, die langen Beine in der Anzughose überschlagen. Er schenkt Mineralwasser und Kaffee nach, während er von der Rückkehr nach Friedersdorf erzählt. Damals, 1990, seien sie nicht von allen Bewohnern mit offenen Armen empfangen worden. Vielen hätte es nicht gefallen, dass seine Familie wieder auftauchte, Landflächen kaufte und pachtete. Neid habe dabei eine Rolle gespielt, sagt von der Marwitz und die feinen Gesichtszüge des 50-Jährigen regen sich. Bei den Alten war das anders: „Jetzt kommen die guten alten Zeiten wieder“, dachten einige. Sie hätten sich noch an seinen Großvater erinnern können, der das Krankenhaus gebaut und das Dorf im Krieg evakuiert habe. Hans-Georg von der Marwitz versteht sich eigentlich als Kommunalpolitiker, er kämpft gegen die Speicherung von Kohlendioxid unter der Erde, gegen den Einsatz von Gentechnik. Im Jahr 2002 trat er in die CDU ein. Seit 2008 sitzt er im Bundestag. „Weil ich gebeten wurde“, wie er sagt.

Stets auf dem richtigen Posten

Dort ist er in ehrenwerter Gesellschaft: In den Bundestag wurden sieben Abgeordnete mit adliger Herkunft gewählt. Verglichen mit der Gesamtbevölkerung ist das sehr viel: Während Deutschland etwa 82 Millionen Einwohner hat, gibt es Schätzungen zufolge nur 80.000 bis 120.000 Adlige. Zwar hat der Adel seinen rechtlichen Status nach 1945 verloren, der Adel in der DDR seinen Besitz und große Teile des ostelbischen Adels auch seine Heimat. In der alten Bundesrepublik hat es der Hochadel aber geschafft, sich als exklusive Gruppe zu konservieren und sein Vermögen, seine Schlösser und sein Land zu behalten.

Seit der Wende jedenfalls gewinnt der Adel wieder an Einfluss. Jüngere Adlige interessieren sich für die Familientraditionen und gehen unbefangen damit um. Laut Adelsforscherin Monika Wienfort haben sich viele adlige Familien nach der Wende auf ihre Geschichte zurückbesonnen und Adelsvereine sowie Familientreffen wiederbelebt. Und derzeit beweisen der Rummel um die Hochzeit des britischen Prinzenpaars William und Kate, die Karl-Theodor-Fangruppen im Fall Guttenberg sowie eine florierende Regenbogenpresse: Der „gemeine Bürger“ hat sich sein Interesse an den Blaublütern nicht aberziehen lassen – weder von Marktliberalen, noch von Sozialisten. Auch wenn der Adel längst nicht mehr an allen Schaltstellen des Staats sitzt: Er besitzt mehr Macht als viele denken.

Verglichen mit seiner Größe ist der Adel in fast allen wichtigen Bereichen des gesellschaftlichen Lebens überproportional vertreten, zum Beispiel in der Wirtschaft: In den 30 Dax-Unternehmen kommen zwei Vorstandsvorsitzende und ein Aufsichtsratsvorsitzender aus dem alten Adel. Das ist viel angesichts der Tatsache, dass der Adel nur ein Promille der Bevölkerung ausmacht, sagt Eliteforscher Michael Hartmann. Ihre Netzwerke würden Adligen helfen, schneller aufzusteigen als andere Gruppen. Hochadelsfamilien wie die zu Bismarcks kämen allein schon durch ihr Eigentum in Kontakt mit Aufsichtsräten, die auch in anderen Unternehmen an der Spitze sind. Auch auf privaten Veranstaltungen lernten sie Leute aus der Wirtschaft kennen und erführen zugleich, wie sich Unternehmen entwickeln und wer dort die Fäden zieht. Dieser Informationsvorsprung ist laut Hartmann entscheidend.

Einer, der diesen Vorteil besonders gut zu nutzen wusste, ist August Baron von Finck, einer der zehn reichsten Deutschen. Von Finck stammt aus einer Bankiersfamilie, die zu Beginn des 20. Jahrhunderts nobilitiert wurde. Als sein Vater starb, übernahm von Finck die Privatbank Merck Finck Co. Seit er sie 1990 verkauft hat, vermehrt er sein Geld, indem er in Immobilien, Brauereien, Chemiekonzerne und Versicherungen investiert. Seinen politischen Einfluss wiederum steigerte er, indem er mehrere Millionen Euro an die FDP, die CSU, aber auch den rechtsgerichteten Euro-Gegner Manfred Brunner spendete.

Viele Privatbanken waren noch bis vor wenigen Jahren in Adelshand. Die Vorfahren der adligen Bankiers waren meist im Kaiserreich nobilitiert worden, neben den von Fincks etwa auch die von Oppenheims und die von Bethmanns. Zwar mussten in der Finanzkrise viele verkaufen, ihre Häuser existieren aber häufig noch als Töchter anderer Banken. Eigenständig ist noch das Bankhaus Metzler, das vollständig im Familienbesitz ist.

Mehr Kontinuität zeigen die adligen Großgrundbesitzer: Der größte Privatwald Deutschlands ist in der Hand der Familie von Thurn und Taxis – mit 28.000 Hektar ist er etwa halb so groß wie die Fläche des Bodensees. Aber auch die Grafen Fugger, die Fürsten Hohenlohe und Hohenzollern-Sigmaringen besitzen im Südwesten Deutschlands Wälder, die sich über weite Gebiete erstrecken. Da passt es, dass Karl-Theodor zu Guttenbergs Bruder, Philipp zu Guttenberg, Präsident des Waldbesitzerverbandes ist. Bei der Forstwirtschaft allein bleibt es oft nicht, viele adlige Familien öffnen die Tore ihrer Anwesen, um mit Tourismus Geld zu verdienen.

Oft behaupten Adlige, der Titel habe für sie keine Bedeutung mehr. Er tue sich schwer, sich als Adligen zu bezeichnen, sagte etwa Prinz Georg Friedrich von Preußen einmal, Chef des Hauses Hohenzollern und Ururenkel von Kaiser Wilhelm II. Nicht selten sind solche Sätze jedoch Untertreibunen. Hans-Georg von der Marwitz nennt seinen Adelstitel einen Namenszusatz, „nicht mehr und nicht weniger“. Ein Blick auf seine Internetseite zeigt jedoch ein anderes Bild: Dort kann der Leser seine Familiengeschichte nachlesen, er erfährt etwas über den „festen Charakter“ der Familie und über einen Ahnen, der sich als preußischer General dem Befehl Friedrich des Großen widersetzte, ein Jagdschloss zu plündern. Seine Mitarbeiter hätten die Seite eingerichtet, um den Anfragen Rechnung zu tragen, entschuldigt sich von der Marwitz. Beeindruckt sei er aber schon von der Haltung seiner Vorfahren. Dass er jetzt die Tradition wieder in Anspruch nehmen könne, das bedeute für ihn vor allem Verantwortung. Er selbst sehe sich als Statthalter des Betriebs in Friedersdorf. Wie ein Geschenk sei es für ihn, dort wieder verwurzelt zu sein, wie viele Generationen vor und womöglich auch nach ihm. „Das gibt einem eine ganz andere Kraft, es schafft politisch eine innere Freiheit und Unabhängigkeit, ja eine Geborgenheit.“

Es ist diese gefühlte Unabhängigkeit, wegen der ein Politiker wie Karl-Theodor zu Guttenberg als zukünftiger Kanzler gehandelt wurde, und Ursula von der Leyen als Bundespräsidentin. Die Hoffnung: Adlige kleben nicht am Job. Wenn sie etwas nicht verantworten können, treten sie zurück; wenn sie aber überzeugt sind, dann verfolgen sie ihre Ziele auch gegen harten Widerstand. Selbst wenn sich dieses Bild meist als Mischung aus Projektion und Inszenierung erweist: Das Image hilft adligen Politikern, beliebt und erfolgreich zu werden.

Trotz des Einflusses, den der Adel heute ausübt, wäre es vorschnell, von einer zielgerichteten, gemeinsamen Standespolitik zu sprechen. Dafür sei der Adel inzwischen viel zu heterogen, sagt der Historiker und Adelsforscher Eckart Conze von der Universität Marburg. Der Adel als soziale Gruppe habe alle Prozesse der Differenzierung durchlaufen, den auch andere Gruppen durchgemacht hätten. Alleine der Habitus und das Auftreten verbindet Politiker wie von der Leyen und zu Guttenberg – wobei etwa schon Thomas de Maizière wieder einen anderen Politikstil vertritt. Die Historikerin Monika Wienfort glaubt gar, dass sich der Habitus, der adligen Politikern zugeschrieben wird, gar nicht so sehr von dem des Hanseaten unterscheidet. Es hänge eben viel von eigenen Projektionen ab. Der Bürger sehe das, was er sehen wolle.

Sehnsucht nach Führung

Das Phänomen zu Guttenberg sei dennoch kein Zufall, sondern habe mit dem Glaubwürdigkeitsverlust der Politik zu tun, sagt Eckart Conze. Es habe sich der Eindruck verstärkt, dass Politiker ihre Überzeugungen je nach Stimmungslage über Bord schmissen. Laut Conze wächst deswegen die Sehnsucht nach Führungsfiguren, die durch Beständigkeit und nicht durch Wendigkeit auffallen. Nicht bloß die Bevölkerung, auch Politiker glaubten wohl eher, im Adel fündig zu werden.

Ein Blick auf die politische Realität zeigt jedoch: Adligen Politikern nach 1945 ging es weniger um Beständigkeit in der Politik als um eine gute Figur auf der großen Bühne und darum, das Land zu repräsentieren, wie es etwa Richard von Weizsäcker als Bundespräsident tat. Schließlich war der Adel schon immer in der Diplomatie stark vertreten, auch heute noch. Viele Adlige werden heute noch Botschafter, weil sie einer „familiären Adelstradition“ nachgingen, sagt Monika Wienfort. Die Grundlage dafür schaffen die Eltern: Erziehung, Internate und Eliteuniversitäten im Ausland bereiten die Sprösslinge vor.

Seine größte Macht erhält der Adel jedoch durch die Aufmerksamkeit der Medien. Ein Politiker wie zu Guttenberg sei eben viel unterhaltsamer als ein Gewerkschafter aus Bottrop-Süd, der nach langen Jahren mit einem Mandat belohnt wird, sagt Eckart Conze. Er stellt weniger eine Revitalisierung des Adels fest, als eine Medialisierung der Politik. „Seine Bedeutung erhält der Adel als Prominentengruppe“, sagt der Historiker. Das sei ein Geben und Nehmen. Den Adligen sei die Aufmerksamkeit bewusst und sie wüssten, wie sie sich das zu Nutze machen und „Anerkennungsprofite“ sammeln können.

Ein Gegenmodell verfolgen Jutta Ditfurth und Hermann Otto Solms. Beide stammen aus alten Adelsgeschlechtern, haben ihren Titel aber abgelegt. Das passe einfach nicht zur Demokratie, begründete das Solms, immerhin ein geborener Prinz. Spricht man Hans-Georg von der Marwitz darauf an, so schweigt er und blickt an die Decke, als suche er nach einer Erklärung. Dann führt er den Blick zurück und sagt: „Das kann ich nicht nachvollziehen.“ Er selbst nenne sich zwar auch oft Hans Marwitz. Aber den Titel abzulegen: „Das ist doch vor sich her getragenes Understatement.“

Kommentare (8)

mr.h-man 28.04.2011 | 14:50

„Der König ist tot! Es lebe die Demokratie!“

Ob der Adel einen begünstigten Zugang zur Politik hat oder nicht, ist meiner Meinung nach zweitrangig. Am Ende werden alle an ihrem (politischen) Handeln gemessen. Der Fall KTzG hat gezeigt, dass selbst ein Adeliger nicht mehr tragbar ist, wenn er das Volk belügt.
Viel interessanter ist die Position der Monarchie im Falle Großbritanniens: Hier, im 21. Jahrhundert, finden wir immer noch einen Adel vor, der sowohl politisch als auch gesellschaftlich eine absolute Außnahmestellung besitzt. Und genau diese Form der Adelsauslebung ist meiner Meinung nach völlig überholt. Die Adelsfamilien sind nichts Besseres als „normale“ Familien. Und die hoch gehaltenen Traditionen sind weitestgehend auch überholt. Sie dienen eigentlich nur dazu, um sich von dem Plebs abgrenzen zu können. Natürlich sind Abgrenzungen zwischen gesellschaftlichen Sichten auch ohne Adel vorhanden, damit muss und kann man leben. Doch man muss dies nicht noch mit Steuergeldern unterstützen und den Lebensstil mitfinanzieren, wie im Falle GB.

Ullrich Läntzsch 28.04.2011 | 15:12

Auch das ist eine typische Adelsgeschichte:

Paul Ludwig Hans Anton von Beneckendorff und von Hindenburg ernannte Adolf Hitler zum Reichskanzler!!!

Die alte liebgewordene Lüde einer angeblichen Machtergreifung der Nazis kann ich nicht mehr hören ...

@ "Seine Familie kenne noch ihr Familienwappen, sagt Benjamin von Brackel."

Die Scheinheiligkeit beginnt eben genau in der Bereitschaft Adelszusätze im Namen zu führen.

Adel kommt von edel - wem da nicht das Kotzen kommt hat noch nicht gelernt das Wort Demokratie auch nur zu buchstabieren!

Herr Brackel - nicht schwafeln - das von streichen!

PS

Einen Titel ablegen geht nicht mehr, ihr habt keine Titel mehr !!! - nur noch Namensbestandteile. Der einer ist stolz darauf, der andere hat Charakter, schämt sich und tilgt das Attribut, das für nichts Gutes steht!!!

Joachim Petrick 29.04.2011 | 23:42

Gleichermaßen Danke für den Artikel!

Hier noch etwas zum Adelsregister an des Korruptionsregister Statt::

www.freitag.de/community/blogs/joachim-petrick/vom-adels--zum-korruptionsregister-ein-steinreicher-weg

29.04.2011 | 20:53
Vom Adels- zum Korruptionsregister ein steinreicher Weg
ditfurth wochenthema adel spendenskandal korruptionsregister korruption adelsregister abgeordnetenbestechung parteienfinanzierungsgesetz schwertadel landadel amtsadel etagenadel

Waren früher Adels- und Korruptionsregister identisch?

Wenn nicht ein Korruptionsregister, so doch wenigsten ein Adelsregister?

Wurden früher Adelsregister als Korruptionsregister geführt, um allen, geneigt Beteiligten, stolpersteinfrei, den, belastbar direkten, Weg, öffentlich tranparent, vom Bestechenden zum Bestochenen, vom Gebenden zum Nehmenden und zurück, zu erleichtern?

Joachim Petrick 30.04.2011 | 02:25

auch noch dieses:

www.freitag.de/community/blogs/joachim-petrick/die-royals-william--kate-in-der-militaristisch-uniformen-falle?

29.04.2011 | 23:51
Die Royals, William Kate, in der militaristisch uniformen Falle?
wiliam royals adel aristoktratie monarchie despotie militärjuntas militarismus korruptionsregister adelsregister faschismus

Bewegen wir uns seit dem Jahre 1914 monarchistisch adelig betrachtet auf äußerst dünnem Eis?, angesichts asymmetrisch herbeigeführt unbewältigter Weltwirtschafts- , Finanz- , Ressourcenkrisen, bedroht, in alte Strukturen von Kommandowirtschaften, gar des globalen Miltarismus zurückzufallen?

donda 01.05.2011 | 16:55

Ja, Adel scheint wieder in zu sein. Erst kürzlich las ich auf der zum Playboy gehörigen Webseite derberater.de Tipps zum richtigen Benehmen gegenüber Menschen adliger Herkunft. Auch wenn man das noch als Ausläufer Münchner Schickeriablödelei abtuen kann, der Trend ist da. Das Problem mit dem Adel ist aber weniger eine anstehende Rückkehr der Junker, die Regression in feudale Verhältnisse. Vielmehr ist es ein Symptom für die Verwahrlosung der Bürgerlichen. War lange Jahre noch "Leistung muss sich wieder lohnen" Schlachtruf derer, die sich bemühten die Klassengesellschaft wiederherzustellen, ist jetzt vermutlich dieses Projekt mit solchem Erfolg abgeschlossen, dass man die Ideologie fallen lassen kann. Meine Privilegien sind unverdient? Egal, Reichtum rechtfertigt sich selbst.

Bürgerlicher 04.05.2011 | 17:53

Guten Tag, Euer Ehren. Da muss nicht nur bei dem Autor mit einem "von" im Namen zum Thema Adel einiges falsch 'rüber gekommen sein. Er schreibt: Der Adel galt lange als Relikt einer überwundenen Epoche und gewinnt seit der Wende wieder an Einfluss? Weil einige Westdeutsche nach der Wende Ansprüche auf den ehemaligen Besitz ihrer Vorfahren in den neuen Bundesländern angemeldet hatten oder weil andere mit ihrem ererbten, nicht bei der Abschaffung des Adels in Deutschland enteigneten Familienbesitz materiell besser gestellt sind?

Diese Einschätzung lässt denn doch deutliche Wahrnehmungsprobleme erkennen, einen Nachweis zu seinen Behauptungen liefert der Autor dazu nicht. Der Adel ist, wie das in mehreren Kommentaren bereits angezeigt wurde, abgeschafft. Also kann der Adel nicht plötzlich wieder aufleben. Nur, viele Medien haben im Gefolge der Boulevardisierung den Schein-Adel entdeckt, weil er sich mit höheren Auflagen besser vermarkten und verkaufen lässt. Angehörige von Familien, die dem Adel vor seiner Abschaffung angehörten, machen bei dessen scheinbarer Re-Kultivierung eifrig mit, weil es nicht zu ihrem Nachteil ist, gesellschaftlich, wirtschaftlich und auch sonst in der allgemeinen öffentlichen Wahrnehmung.

Adelstitel können auch nicht mehr abgelegt werden, weil es sie seit der Abschaffung des Adels nicht mehr gibt, wie das in der Weimarer Reichsverfassung seit deren Inkrafttreten 1919 ausdrücklich festgeschrieben wurde. Das gilt genauso für den CDU-Bundestagsabgeordneten von der Marwitz oder für den ausgeschiedenen CSU-Politiker und Ex-Bundesverteidigungsminister zu Guttenberg. Daher können im Bundestag auch keine Abgeordneten mit "adeliger Herkunft" sitzen. Daher konnte auch Jutta Ditfurth keinen Adelstitel ablegen, als sie - aus rein persönlichen Gründen und begründet auf behördlichem Wege eine Namensänderung vornehmen lassen - auf das "von" in der Führung ihres bürgerlichen Namens verzichtete, weil sie nie eine Adelige war, sondern wie alle anderen erwähnten Personen als Bürgerliche geboren wurde.

Die früher geführten Adelstitel sind seit 1919 Bestandteil des bürgerlichen Namens, mehr nicht - und keine Titel, keine Adelsprädikate mehr. Insofern ist alles das, was in den Medien drumherum geschrieben wird, konstruierte Darstellung und dient vielfach nicht mehr, als einen überkommenen, nicht mehr existierenden Stand zu kultivieren.