Christian Füller
16.03.2012 | 10:30 53

Unerträglich ungerecht

Bildung Ausgerechnet die ­Bertelsmann-Stiftung liest der Nation in einer neuen Studie die Leviten – und sie hat recht. Wir brauchen einen Notfallplan für die kaputten Schulen

Im Jahr 2006 erschien ein Text, der die unerträgliche Ungerechtigkeit des deutschen Bildungssystems offenlegte. Der Autor zeigte, dass sehr viele Schulen in Deutschland mit dem Menschenrecht auf Bildung nicht vereinbar sind. In manchen Bundesländern existierten Hauptschulen, in denen neun von zehn Schülern des Lesens nicht mächtig seien. Dort könne es nur eine Art der Reform geben: Sie seien zu schließen.

Der Autor hieß Jürgen Baumert, er war Direktor des Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung. Sein Text hätte in anderen Staaten zu einem Aufschrei geführt, mancherorts wären Untersuchungsausschüsse berufen worden. Es hätte Rücktritte gegeben. Nicht so in Deutschland. Hier beschwerte sich der Pressesprecher des MPI bei der einzigen Zeitung, die den Aufsatz referierte, wie unerhört es sei, den Direktor mit solchen Sätzen zu zitieren. Niemand, kein einziges Journal, kein Sender, kein Politiker, kümmerte sich um das Skandalstück. Der Stein des Anstoßes fiel in den See, ohne dass sich die Wasseroberfläche auch nur gekräuselt hätte.

Das Gymnasium ist für Reiche reserviert

Man muss diese Vorgeschichte erzählen, damit klar wird, wie irrwitzig und zugleich essenziell die neueste Studie zur Bildungsungerechtigkeit ist. Sie heißt Chancenspiegel, enthält keine einzige neue Zahl, stammt von der neoliberalen Bertelsmann-Stiftung – und sie ist dennoch lebenswichtig für die Demokratie. Weil sie, im Jahr elf nach Pisa, als erste Studie die Gretchenfrage stellt: Dürfen deutsche Schulen so ungerecht sein? Und die zugleich die unmissverständliche Antwort gibt: Nein!

Die Studie zeigt, dass die Bundesländer den Zugang zum Gymnasium für sozial bevorzugte Schichten reservieren und für Arme absichtlich verriegeln; dass sie mangelnden Buchbestand in Familien mit schlechten Noten bestrafen und Hauptschüler unfähig machen, Lehrstellen zu bekommen. Und so weiter.

Die Studie ist eine Ohrfeige. Auch für die Linke, die immer aufkreischt, wenn irgendwo auch nur ein Cent Studiengebühr verlangt wird – aber tatenlos zusieht, wie ganze Schülergenerationen zu Arbeits- und Sozialämtern abkommandiert werden. Und die Studie ist ein Rücktrittsgrund – für alle Kultusminister. Sie brechen fortgesetzt den Eid, mit dem sie auf die Landesverfassung geschworen haben, allen Kindern die besten Chancen einzuräumen. Und sie sabotieren, dass die Menschen davon erfahren: Die Kultusminister haben für den „Chancenspiegel“ die Herausgabe von Daten mit der arroganten Begründung verweigert, Ländervergleiche seien nicht die Sache unabhängiger Institute.

Es gibt Tausende Rütlischulen

Es muss etwas passieren. Denn es geht ja nicht um die bunten Schaubilder und Tabellen des Bertelsmann-Berichts. Es geht um 80.000 Schulabbrecher jährlich; um über 400.000 Sonderschüler, die in ihren Schonräumen gefangen sind; um Hunderttausende Jugendliche, die in endlosen Warteschleifen auf Lehrstellen hoffen. Um Zigtausende Kinder, die am Tag ihrer Einschulung bereits abgehängt sind, weil Staat und Gesellschaft nicht verstanden haben, wo die Einwanderungsgesellschaft ihre Eintrittskarten vergibt: im Kindergarten.

Was kann man tun? Vieles. Aber es muss klar sein, wer Priorität hat: die 3.000 kaputten Schulen, die meist in den schwierigen Sozialräumen der Metropolen liegen. Für diese braucht das Land einen Notfallplan. Wie der aussehen kann, hat die Rütlischule in Berlin gezeigt. Dort gab es eine gemeinsame Anstrengung von Gesellschaft und Staat. Sogar Straßen wurden für den neuen Campus gesperrt. So wurde aus der Krisenschule eine, auf der Neuköllner Migrantenkids Abitur machen können. Viele Stiftungen engagierten sich dort – aber warum nur dort? Es gibt Tausende Rütlischulen in Deutschland.

Dass der Bertelsmann-Vorstand Jörg Dräger es war, der dem Land das Ein-mal-eins der demokratischen Schule beigebracht hat, kann man durchaus als Symbol sehen. Den Ausweg aus dieser schweren Krise findet der Staat nicht allein. Wie auch? Er betreibt seit Jahrhunderten ein Schulsystem, das Chancen exklusiv für bürgerliche Schichten reserviert. Bildungsarmut ist kein Betriebsunfall, sondern in Kauf genommene Nebenwirkung des gegliederten Schulunwesens.

"Teach First" muss Schule machen

Das heißt, die Industrie, die über nicht ausbildungsreife Schüler jammert, muss in Milliardenhöhe einen Zukunftsfonds zur Erneuerung kaputter Schulen bestücken. Die Stiftungen sollen ihr Know How einbringen, das sie bislang nur in homöopathischen Dosen ins Land injizieren. Und es müssen die Bildungsengel von „Teach First“ mitmachen. Das sind exzellente Uni-Absolventen, die erst in Gettoschulen helfen wollen, ehe sie ihren Berufsplan verwirklichen.

Diese private Initiative ist zugleich ein Skandal im Skandal der deutschen Schule. Denn nur 100 Freiwillige dürfen derzeit mitmachen, obwohl 800 junge Akademiker Schlange stehen, um benachteiligten Kindern über Bildungshürden zu helfen. Sie können nicht anfangen, weil Industrie, Schulbehörden und Gewerkschaften sich gegenseitig blockieren. Das ist ein starkes Zeichen – für die Verantwortungslosigkeit des Bildungssystems. Wer den Ausgang der Schule aus ihrer selbstverschuldeten Ungerechtigkeit ermöglichen will, der muss diesen Knoten der Unzuständigkeit zerschlagen.

Kommentare (53)

Trundil 16.03.2012 | 12:25

Christian Füller, Befürworter von Studiengebühren, once again. Da scheint es ja einen neuen Vertrag mit dem Freitag zu geben.

Nun, es gab schon einen Aufschrei, und noch ein paar in der Folge. 2009 gingen 270.000 Menschen auf die Straße, mehr als gegen AKWs nach der Fukushima-Katastrophe.

de.wikipedia.org/wiki/Bundesweiter_Bildungsstreik_2009

Nur hat das fast keinen interessiert. Irgendeine Bildungsministerin des Bundes, die in den Ländern nix zu sagen hat, organisierte einen bedeutungslosen Bildungsgipfel, außerdem ward die Worthülse "Bildungsrepublik" geboren. Die Jugendorganisatonen von Linken, Grünen und der SPD sammelten ihre Truppen, auf dass sich so ein Massenaufstand nie wiederhole. Das war geschafft, nach dem im Winter noch ein paar Unis besetzt und die bürgerlichen Studis komplett verschreckt waren. Interesse an mehr Bildungsgerechtigkeit hatte die Masse an den Unis sowieso nie, schließlich verdankten sie genau dieser ihre Uni-Zulassung.

800 Teach-First-Elite-Studis, die keine Pädagogik oder Lehramt studiert haben, sollen es also richten. Super Plan. Da gab es aber ein paar intelligentere Forderungen während des Bildungsstreiks... diese Leute haben aber keinen Vertrag mit dem Freitag bekommen. Lets get a strike, once again.

Henrie Schnee 16.03.2012 | 14:06

Ich sehe es ähnlich. So lange ich mich zurück erinnern kann beobachte ich diese "Debatte" nun schon, und sie hat mir immer wieder all das vor Augen geführt, was hässlich und böse ist am deutschen Polit-Betrieb. Und ich weiß, dass das keine populäre Lösung ist, aber ich bin mittlerweile an dem Punkt angelangt, an dem ich sage dass wir einfach alle Hoffnung fahren lassen sollten. Scheiße, ich meine, wenn die Kids auf den Schulen nichts beigebracht bekommen, werden sie sich das Wissen woanders suchen. Die Cleveren finden immer ihre Quellen. Und die Dummen... sind das Wahlvolk von morgen, die Kreuze bei Karrierepolitikern machen, die vollmundig Die Lösung Der Bildungsmisere versprechen. Oder die glauben, dass die Bertelsmann-Stiftung auch nur ein einziges Stück Papier veröffentlichen würde, das ihrer eigenen Agenda nicht weiterhelfen würde.

wwalkie 16.03.2012 | 15:52

Und ich habe bisher die Bertelsmannstiftung immer verteufelt! Asche auf mein Haupt! Die Stiftung spart nicht nur Steuern, sie ist auch die revolutionäre Speerspitze des Bildungsproletariats. Als "erste Institution stellt sie die Gretchenfrage," nämlich: "Dürfen deutsche Schulen ungerecht sein?" Um dann - halten wir uns fest - selber zu antworten: "NEIN!!!" Wenn das die Schulminister erfahren (obwohl, ich habe den Verdacht, dass sie das schon wissen, wir alle wissen es nämlich), gibt es nur eins: Rücktritt!

Der Bildungsjakobiner Jörg Dräger hat dem Land bereits "das kleine Einmaleins der demokratischen Schule beigebracht", weiß der Autor. Und zwar hat seine rote Stiftung das Pilotprojekt Autonome Schule "wissenschaftlich" begleiten lassen, das den Genossen SchulleiterInnen und ihrem pädagogischen Personal die Freiheit ließ, die von oben (und Bertelsmann) gesetzten Maßstäbe zu verwirklichen - methodisch und inhaltlich auf Employability des Schülermaterials durch Kompetenzerwerb fokussiert. Auch das "individuelle Lernen", jene revolutionäre Errungenschaft des modernen Eintrichtens, wird durch vertragsgemäße Kooperation von NRW-Schulministerium und Bertelsmannstiftung gewährleistet. Die Befreiung der Schüler mit Behinderungen aus ihren "Schonräumen", die hier wohl als Kerker gesehen werden, erfolgt dann konsequent als "Inklusion" von oben in weiterhin zu großen Klassen mit weiterhin kaum fortgebildeten Lehrern, die nur über die weitere Mehrbelastung des gesamten Kollegiums "entlastet" werden können.

Und jetzt wird tatsächlich die sekulare soziale Ungerechtigkeit entdeckt. Was tun? fragt der Autor leninistisch. Und gibt liberalistisch die Antwort: ein Fonds muss her, natürlich "Zukunftsfonds" genannt, am besten noch für "future kids" (der Begriff ist aber wohl geschützt), die "Stiftungen müssen ihr Know How einbringen" - so vorbildlich wie Bertelsmann. Und Pioniere müssen aufs Land, vor allem in die Notfallschulen. Eine Win-Win-Situation: Die Lehrer können noch mehr Unterricht geben (sie werden ja entlastet), der Staat spart Geld, die Kids werden gebildeter (wenn nicht, gibt's 'ne Untersuchung) - und die Unternehmer und Stifter kriegen die gewünschte kommodifizierte Arbeitskraft (ohne diese ewigen Reibungsverluste). Welch ein Ausweg aus der "selbstverschuldeten Unmündigkeit" der Schulen.

Was ist aber nun mit der im Eingang so herausgestellten sozialen Ungerechtigkeit durch die faktischen Monopolstellung des teutschen Gymnasiums? Wer bricht das Monopol? Na, na, so revolutionär sind wir auch wieder nicht! Machen wir erst mal den Fonds, sozusagen: privat vor Staat! und dann sehen wir weiter. Sie sind aber staatsgläubig.

lebowski 16.03.2012 | 16:18

Nähern wir uns dem Thema einmal von einer anderen Warte. In diesem Land gibt es inzwischen ein stetig wachsendes akademisches Prekariat. Leute, die die höchsten Bildungsabschlüsse haben und trotzdem auf Hartz-IV Niveau leben. Wenn man ein gewisses Bildungslevel unterschreitet, kann man es in dieser (kapitalistischen!) Gesellschaft zu nichts bringen.
Umgekehrt garantieren selbst die höchsten Bildungsabschlüsse gar nichts mehr.
Die Behauptung, Bildung sei das wichtigste für unser Land, ist eine glatte Lüge, wie viele inklusive meiner Wenigkeit am eigenen Leibe erfahren.
Der "Blödmann", der willenlos am Band steht und für wenig Geld Autos zusammenschraubt, ist dem Kapitalisten im Ernstfall lieber, als der Akademiker, der über den Sinn einer Tätigkeit nachdenkt. Denken behindert nur bei der Arbeit.

Statt also darüber nachzudenken, wie unsere Schulen besser werden, vielleicht sollte man die Schulform insgesamt zur Disposition stellen. Meiner Meinung nach, ist die Schule insgesamt gar nicht in der Lage, Bildung zu vermitteln.
(siehe auch: Illich-Entschulung der Gesellschaft)
Jahrelang in einem kaserneartigen Gebäude rumzuhocken, kann niemandes Entwicklung förderlich sein.
Meine Vermutung ist, dass das jahrelange Stillsitzen in der Schule weniger der Bildung diente als der Einübung der Disziplin in Fabriken und Militär.

Meyko 16.03.2012 | 16:56

"Meine Vermutung ist, dass das jahrelange Stillsitzen in der Schule weniger der Bildung diente als der Einübung der Disziplin in Fabriken und Militär."

Das Folgende würde dazu passen:
Dieter Lenzen (Erziehungswissenschaftler): "Ich frage mich, warum der Staat in Deutschland die Schulpflicht mit Zähnen und Klauen verteidigt. Die Antwort ist leider nicht schmeichelhaft: Adolf Hitler führte das Verbot des Hausunterrichts 1938 aus leicht durchschaubaren Gründen ein. Er wollte keine Bereiche entstehen lassen, die der staatlichen Kontrolle entzogen wären. Und dann?..."

mehr gibts hier:
www.tagesspiegel.de/wissen/freie-sicht-heimunterricht-muss-erlaubt-sein/1520628.html

Mühlenkamper 16.03.2012 | 22:39

Der Autor hat hier schon vor längerer Zeit einmal die merkwürdige Forderung nach einem "Zukunftsfonds" in "Milliardenhöhe" vorgetragen, ohne erläutern zu können, was das soll. Die Länder geben für die Schulen jährlich mehr als vierzig Milliarden Euro aus. Sollen sie stattdessen einen Fonds füttern, den Herr Füller oder Herr Dräger verwalten? Oder will jemand spenden? Mein Verdacht ist mittlerweile, dass hier ein Fachautor zu faul ist, die Frage zu recherchieren, wer hier welche Forderung erhoben hat.
Und eine kritische Recherche zur Frage vermeidet, welche Absichten Bertelsmann im Schulwesen verfolgt. Einstieg ins Privatschulwesen? Beratungsangebote oder ähnlich wie beim Ableger ARVATO? Und mal der Frage nachgeht, was die Länder an Daten konkret verweigert haben? Wer was mit welcher Begründung und mit Ross und Reiter. Und man hätte ja mal einen Experten wie Baumert anrufen können. Wäre interessant gewesen.

mklingma 17.03.2012 | 10:03

Hallo Herr Füller,

es hat mir spontan gefallen, dass Sie sich in ihrem neuen Text von der "neoliberalen" Bertelsmann-Stiftung abzugrenzen suchen. Nichtsdestotrotz kann uns auch das nicht davor bewahren, dass wir uns erst einmal überlegen müssen, wer hier das Ei gelegt hat und immer weiter legt, bevor wir zur Veränderung schreiten.

Wie in den Kommentaren anklingt (lebowski, mühlenkamper) kann man ja vermuten, dass es kein reiner Zufall ist und nicht nur auf Ignoranz beruht, dass die Situation an den Schulen so idiotisch erscheint, wie sie von Ihnen dargestellt wird.

Sie deuten es am Ende Ihres Artikels an - abgesehen von der etwas kryptischen Beziehung zwischen Tatenlosigkeit der Linken und Studiengebühren -, dass Geld auch bei dieser Thematik eine Rolle spielt. Ja und hier sollten wir eben ein bisschen weiter denken, denn mit einem Fonds zur Erneuerung kaputter Schulen wäre zwar der Bauwirtschaft und den Vertreibern neuerer elektronischer Präsentationsapparaturen geholfen, aber den Schulen bzw. den SchülerInnen mitnichten.

Es geht ganz hier leider ganz grundsätzlich darum, wie in unserem Wirtschaftsleben das Geld von denjenigen Bereichen, die Überschüsse erzielen, weil sie etwas Verkäufliches produzieren oder vertreiben oder weil sie - wie bestimmte Privatschulen und private Kliniken - eine sehr reiche Klientel bedienen, in diejenigen Bereiche gelenkt wird, die von Zuschüssen abhängen (insbesondere der gesamte soziale und Gesundheitsbereich Bereich und das Bildungswesen). Es kann also nicht darum gehen, Schulen in dem Sinne zu privatisieren, dass sie als Unternehmen schwarze Zahlen schreiben müssen: Kinder = Menschen darf man (bei uns noch) nicht verkaufen. Vielmehr steht den Schulen, insofern sie am Wirtschaftsleben teilhaben (Geld verbrauchen), ihr Anteil zu, den ihnen der Distributor Staat unter dem Einfluss von Lobbyorganisationen vorenthält.

Entschuldigen Sie, aber wenn wir an dieser Stelle nicht einmal ins Grundsätzliche gehen, dann bleibt das eben alles nur hohles Geschwätz, ich will das aber auch hier nur einmal andeuten.

Die nächste Frage ist natürlich, wofür dieses Geld dann verwendet werden soll und wenn wir nicht wollen, dass es für aus Sicht der Schüler vollkommen sinnlose "Modernisierungen", die mit Baumaßnehmen und Anschaffungen einher gehen, die immer so modern und so teuer wie möglich sein müssen, rausgeschmissen wird, dann gibt es nur einen, der darüber sinnvoll entscheiden kann und das sind die Schulgemeinschaften.

Wenn es irgendwann einmal gelingen sollte, die Schulentwicklung vom Wasserkopf auf die Füße zu stellen, erst dann können überhaupt einmal die Konzepte erdacht, erprobt und entwickelt werden, die Sie anscheinend immer schon zu haben glauben.

Kurz und knapp:

Wir brauchen finanziell besser ausgestattete Schulen, unter anderem und vor allem braucht es mehr pädagogisch qualifiziertes Personal (dafür bräuchten wir allerdings dann auch eine pädagogische Ausbildung, die sich aber auch erst dann entwickeln kann). Das setzt eine Umverteilung innerhalb des Wirtschaftslebens voraus.

Wir brauchen echte Autonomie von Schulgemeinschaften: Schüler, Eltern, Lehrer und die damit verbundene produktive Konkurrenz.

Bernhard M. Scheurer 17.03.2012 | 20:19

Nach dem Flop mit der "Bildungsrepublik Deutschland" sollten wir "BRD" neu buchstabieren: Bildungsrevolution Deutschland.

Ich bin seit acht Jahren Lehrer für Mathematik, Informatik und Projektmanagement an Berufskollegs in NRW; davor habe ich ca. 30 Jahre in Forschung/Entwicklung und in der freien Wirtschaft gearbeitet.

Was nach meiner Überzeugung an Deutschlands Schulen vor allem fehlt, ist der Praxisbezug. Den Schülern wird wie vor 100 Jahren jede Menge Faktenwissen eingetrichtert statt sie fürs Leben fit zu machen. Man könnte es auf die Formel bringen: Zu viel Schule - zu dumm fürs Leben.

Das Ergebnis wird in ihrem Artikel deutlich aufgezeigt: Heerscharen von Schulabbrechern und Jugendlichen ohne Berufsausbildung.

Allerdings glaube ich nicht, dass man die Probleme mit immer mehr Geld wirklich lösen kann. Denn die zahllosen "Reförmchen" haben unser Bildungswesen nur bürokratisiert und zerstückelt, das System ist immer unübersichtlicher, ungerechter und lebensfremder geworden.

Was wir brauchen, ist ein Paradigmenwechsel, eine echte Revolution in den Köpfen der Bildungspolitiker, vor allem aber der Lehrer und der Eltern unserer Schüler. Das heißt:

- Abitur und Gymnasium dürfen nicht länger zum elitären Fetisch gemacht werden.
- Stattdessen sollte für jeden jungen Menschen eine qualifizierte Berufsausbildung in jungen Jahren, also vor dem Studium, das Ziel sein.
- Ebenso sollte in Zukunft jeder Lehrer an einer weiterführenden Schule zuvor mehrere Jahre in der freien Wirtschaft gearbeitet haben.
- Der Beamtenstatus für Lehrer ist anachronistisch und kontraproduktiv. Er muss (wie im Post- und Fernmeldewesen) abgeschafft werden.

Weitere Vorschläge und Thesen gibt es auf:
www.bernhard-scheurer.de/?p=3698.

mklingma 17.03.2012 | 21:29

@ Bernhard M. Scheurer
Was den Beamtenstatus betrifft sehe ich das ähnlich, die Gründe Lehrer als Beamte zu beschäftigen bilden eine schwiemelige Mischung aus Privilegien und Zumutungen, die dem Beruf mehr schadet als nützt. Es hängt unter anderem zusammen mit der gesamten staatlichen Gängelung der Schulen, wobei sich der Staat heute noch mehr als Sachwalter der vermeintlichen Interessen der Wirtschaft als früher.

Auch stimme ich Ihnen zu, dass das Abitur zu Unrecht zu einem Fetisch erhoben wird. Mit den Worten eines meiner früheren Lehrer: Sie können betrügen soviel Sie wollen, Sie dürfen sich nur nicht erwischen lassen. Oder mit anderen Worten, es kommt nicht darauf an, sich mit bestimmten Themengebieten oder Inhalten substantiell auseinander zu setzen, es kommt nur darauf an auf irgendeine Weise attestiert zu bekommen, dass man die Anforderungen erfüllt hat.

Da kommen wir zur anderen Seite. Es ist nach meiner Überzeugung ein verheerender Irrweg, dass nun schon seit langem, aber in immer noch zunehmendem Maße Vertreter der Wirtschaft sich anmaßen, darauf Einfluss zu nehmen, wie Schule aussehen sollte, welche Inhalte (natürlich Wirtschaft, natürlich "praxisnah") dort behandelt werden sollten. Warum ist es so verheerend: Es ist - kurz gesagt - Denken von Sachzwängen her, nicht vom Menschen her. Der Menschwert wird den Interessen der Wirtschaft untergeordnet und das ist ein Unding.

Jungen Menschen, auch am Gymnasium, eine qualifizierte Berufsausbildung zu ermöglichen, steht dem nicht grundsätzlich im Wege, abgesehen davon ist es aber auch nicht für jeden das Richtige, und wir sollten davon wegkommen, den Wert der Menschen nach ihrem Schulabschluss taxieren zu wollen. Das setzt natürlich auch voraus, dass jedwede Schullaufbahn, darauf angelegt ist, das Selbstvertrauen derjenigen, die sie durchlaufen zu stärken.

Warum ein Lehrer mehrere Jahre in der freien Wirtschaft gearbeitet haben sollte, erschließt sich mir überhaupt nicht. Ist das Lehramt kein Beruf? Ist das keine "richtige" Arbeit. Wo erwirbt sich so ein durch die Wirtschaft gegangener Lehrer sein pädagogisches Vermögen, ist dafür dann noch Zeit. Ich habe Lehrer gekannt, die aus der Wirtschaft kamen, und die meisten davon waren Überfordert.

Natürlich geht es bei der Entwicklung unseres Schulwesens nicht nur darum, Geld hineinzupumpen, aber es geht schon auch darum Schulen - insbesondere personell - und insbesondere im pädagogischen Bereich besser auszustatten.

Bernhard M. Scheurer 18.03.2012 | 12:51

@mklingma
Es freut mich sehr, dass Sie so ausführlich zu meinem Kommentar Stellung genommen haben. Auch, dass Sie mir bzgl. Lehrer-Beamtenstatus und Abitur-Fetischismus zustimmen.

In Ihrem letzten Absatz geht es um die Bildungs-Investitionen (schon der Begriff "Kosten" ist hier ja völlig fehl am Platze). Auch hier sind wir vermutlich einer Meinung: Es muss erheblich mehr investiert werden. Ich finde es beschämend, dass wir in Deutschland diesbezüglich deutlich unter dem OECD-Durchschnitt liegen. In Finnland oder Dänemark z. B. wird, bezogen aufs Bruttoinlandsprodukt, ca. das Anderthalbfache für die Bildung bereitgestellt! Was ich allerdings deutlich machen wollte: Zuerst das neue Konzept und komplett neue Regelungen, dann das zusätzliche Geld. Andernfalls geben wir nur Gas, während wir weiter in die falsche Richtung fahren.

In Sachen Schule/Wirtschaftsinteressen haben Sie mich wahrscheinlich missverstanden. Ich bin absolut gegen jegliche Einmischung oder gar Gängelung von Schule/Hochschule seitens der Wirtschaft, vor allem der Industrie- und Bankkonzerne. Ebenso liegt für mich auf der Hand, dass man jemanden, der jahrelang in einem Betrieb gearbeitet hat, deshalb noch lange nicht auf die Schüler „loslassen“ darf, wie dies kürzlich z. B. Richard David Precht vorgeschlagen hat. Natürlich ist eine erstklassige pädagogische Ausbildung hierfür unerlässlich. Ich selbst habe eine solche zweijährige Ausbildung absolviert, als ich schon Mitte fünfzig alt war; andernfalls wäre ich als Lehrer vor der Klasse aufgeschmissen.

Was ich meine, ist: Wie soll ein Realschul- oder Gymnasiallehrer seine Schüler fit fürs Leben machen, wenn er nie in einem Betrieb oder in einem Projekt gearbeitet hat, wo Teamgeist, Zuverlässigkeit und Termintreue gefordert sind? Glauben Sie wirklich, dass der durchschnittliche Realschullehrer in der Lage ist, diese Tugenden und Kompetenzen seinen Schülern vorzuleben? Aber genau darum geht es: Die Jugendlichen müssen, wenn sie in die Pubertät kommen, peu a peu lernen, erwachsen zu werden und Verantwortung zu übernehmen (Joachim Gauck lässt grüßen ;-)). Mit diesem schwierigen und komplexen Prozess der Persönlichkeitsentwicklung kann ein junger Mensch nicht erst nach dem Abi oder dem Bachelor-Abschluss beginnen, möglicherweise hat er bis dahin schon eine Depression oder ein Burn-out. Als Lehrer kann ich diesen Prozess aber nur dann kompetent begleiten und unterstützen, wenn ich selbst eine entsprechende Lebens- und Berufserfahrung habe. Anders gesagt: Ich gehe davon aus, dass nicht jeder meiner Schüler später Beamter wird.

Seit über einem Jahr arbeite ich zusammen mit Fachoberschülern am Konzept für ein neues Schulfach „Projektphilosophie“, bei dem es exakt um das Entwickeln der besagten Charaktereigenschaften geht: www.bernhard-scheurer.de/?p=3571.
Über Ihr Feedback (dort auf meinem Blog oder hier) würde ich mich freuen.

mklingma 18.03.2012 | 19:05

Ja, vermutlich stimmen wir in einigen Punkten überein. In anderen vielleicht auch nicht. Ich bin nun seit ca. 18 Jahren Lehrer, ich habe davor lange studiert und bin dann, als ich mich dazu in der Lage sah, in die Schule gegangen. Ich hoffe, dass ich bis heute meinen Schülern einiges an Engagement, Ernsthaftigkeit, Interesse und auch Sekundärtugende vorleben kann. Das hängt aus meiner Sicht in erster Linie mit der Begeisterung für die Sache zusammen, in gleicher Weise mit dem Interesse für andere Menschen.

Natürlich ist es wichtig, dass die Schule sich nach außen öffnet, das ist sogar emminent wichtig. Auch ist es sehr wichtig, dass Sachkenntnisse aus allen möglichen Betrieben, auch in Form von Lehrern, die dort Erfahrungen gesammelt haben in die Schulen kommen, noch wichtiger ist allerdings aus meiner Sicht, dass die SchülerInnen auch aus der Schuler herauskommen.

Eine Schule ist auch ein Betrieb und die Lehrer dort arbeiten sind nach meiner Beobachtung ganz überwiegend sehr engagiert. Leider stehen ihnen aufgrund der miserablen Ausbildung im pädagogisch-psychologischen Bereich oft nicht die notwendigen Fähigkeiten zur Verfügung, um mit menschlichen Problemen angemessen umzugehen. Das ist eines der entscheidenden Probleme aus meiner Sicht, denn dadurch wird die Lernbegierde der SchülerInnen am nachhaltigsten unterdrückt.

Das lässt sich leider auch durch die von Ihnen vorgeschlagenen Maßnahmen nur schwer verbessern. Schüler / Kinder / Menschen lernen zu einem ganz großen, entscheidenden Teil, was ihnen vorgelebt wird. So lange die Lehrer keinen Raum haben, um ihre Kompetenzen im pädagogisch-psychologischen Bereich zu entwickeln, kann sich auch an der Schule nichts Grundsätzliches verändern. Das hat wenig zu tun mit Fächern und Inhalten und auch wenig mit den von Herrn Füller so gepushten Lernformen, Methoden etc. Das sind sehr viel elementarere Fragen: Wie kann ich einem Menschen vermitteln, wie ich seine Ergebnisse einschätze, so dass er meine Mitteilung verstehen und annehmen kann? Wie spreche ich einen Menschen an, der durch sein Verhalten meine Absichten durchkreuzt? Kann ich wahrnehmen, wenn einzelne in einer Gruppe ausgeschlossen werden, aus welchen Gründen auch immer? Wie spreche ich mit den Ausschließenden, den Ausgeschlossenen? Ich kann die schönsten Gruppenarbeiten und Methoden anbieten, wenn ich in zwischenmenschlicher Kommuniktion nicht geschult bin, ist es reine Glückssache, was ich damit erreiche. Für solche Kompetenzen, den anderen annehmen, ihm zuhören, fehlt es überall an Zeit. In der Fachausbildung der Lehrer - nicht nur an den Gymnasien. Beim alltäglichen Unterricht an den Schulen.

Es gibt LehrerInnen in der Grundschule, die malen ihren schutzbefohlenen Opfern weinende Gesichter unter das Diktat oder die Mathematikarbeit, weil sie in Klasse 1 noch keine Noten geben dürfen. Was da kaputt gemacht wird, kann man später schwer wieder auffangen, und das ist nur der Einstieg.

lebowski 19.03.2012 | 00:42

Wow, man sieht, Sie haben eine hohe Meinung von sich. Deswegen hier ein paar kleine polemische Anmerkungen meinerseits.

"Wie soll ein Realschul- oder Gymnasiallehrer seine Schüler fit fürs Leben machen, wenn er nie in einem Betrieb oder in einem Projekt gearbeitet hat"

Gehts auch eine Nummer kleiner? Sie schreiben "fit fürs Leben" und meinen "fit für den Beruf". Der Großteil der Menschheit hat übrigens nie in einem Betrieb oder Projekt gearbeitet und trotzdem munter vor sich hin gelebt.

"wo Teamgeist, Zuverlässigkeit und Termintreue gefordert sind."

Das sind Eigenschaften, die im allgemeinen auch jeder Schlecker-Mitarbeiter hat und die ihn trotzdem nicht davor bewahrt haben, gefeuert zu werden.

"dass der durchschnittliche Realschullehrer in der Lage ist.."

Man könnte Ihnen diesen Satz leicht als Mangel an Bescheidenheit auslegen. Offensichtlich halten Sie sich selber für überdurchschnittlich.

"Die Jugendlichen müssen, wenn sie in die Pubertät kommen, peu a peu lernen, erwachsen zu werden.."

Die werden ohnehin erwachsen, ob die das nun lernen oder nicht. Sie kriegen Bartwuchs und fangen an, sich fürs andere Geschlecht zu interessieren. Das kann ein Lehrer weder fördern noch behindern.

"lernen..Verantwortung zu übernehmen"

Das sind so die tiefen Verheerungen, die der ehemalige BP Richard von Weizsäcker angerichtet hat, der dieses Gelaber auf der Metaebene kultiviert hat. Seitdem eifern alle diesem Mann nach und machen das Lesen unerträglich.
Man soll Verantwortung übernehmen. Einfach so. Kein Wort darüber, wofür man eigentlich Verantwortung übernehmen soll.

Bernhard M. Scheurer 19.03.2012 | 23:04

@lebowski
Zunächst einmal: Wenn ich schreibe „fit fürs Leben“, dann meine ich das auch so. Woher nehmen Sie die Gewissheit, dass ich damit in Wirklichkeit „fit für den Beruf“ meine? Weshalb z. B. verknüpfen Sie „Teamgeist“ nur mit Berufstätigkeit, und warum fällt Ihnen bei diesem Wort als erstes die bankrotte Firma Schlecker ein, die jeder andere mit Ausbeutung, Überwachung und Catch-as-catch-can assoziieren würde? Bei „Teamgeist“ käme mir eher ein Sportclub oder eine Jazzcombo in den Sinn, wo Leute ihrem Hobby nachgehen. Auch Zuverlässigkeit und Termintreue sind, wie ich finde, keineswegs nur im Berufsleben gefragt, sondern ebenso in der Familie und bei jedem Treffen von jungen Verliebten.

Warum eigentlich reagieren Sie so gereizt, Herr/Frau Lebowski? Sie wissen, dass ich mich als Lehrer geoutet habe. Was machen Sie denn beruflich? Sind Sie Gärtner, Saxophonistin, ehemaliger Schlecker-Mitarbeiter? Oder vielleicht beamteter Lehrer?

Im Übrigen: Es mag schon sein, dass Herr von Weizsäcker ab und zu ein bisschen gelabert hat, das kommt nicht nur bei Bundespräsidenten vor. Aber er hat sich bestimmt nie darüber beschwert, dass ihm keiner sagt, wofür er Verantwortung übernehmen soll. Und vermutlich käme er auch nicht auf die Idee, dass man allein durchs Älterwerden, durch Bartwuchs und Interesse fürs andere Geschlecht erwachsen wird.

Allerdings: Wenn Sie (am 16.3.) schreiben:
"... vielleicht sollte man die Schulform insgesamt zur Disposition stellen. Meiner Meinung nach, ist die Schule insgesamt gar nicht in der Lage, Bildung zu vermitteln,"

bin ich fast schon wieder auf Ihrer Seite. Zwar würde ich statt "gar nicht" eher "allein nicht" sagen, aber genau darauf läuft's für mich hinaus: Die Schule wird überstrapaziert und zu sehr befrachtet, viele Dinge lassen sich nur in der Familie, im Freundeskreis und - mit Verlaub - im Beruf erlernen.

Christian Füller 20.03.2012 | 12:21

so ungerecht das bildungssystem, so unerträglich die kommentare hier im freitag-'"leser"-publikum: vor allem die der linken.

es geht darum, dass diese linke ständig die armen studenten gegen die chancenlosen hartz-iv kids ausspielt; ihr seid es, nicht ich! denn ihr kümmert euch eben NICHT um die chancenlosen, ihr fightet hart für die privilegien der studis. thats it. vor allem @trudi oder wie der typ heißt. die zitierte demo war nämlich kein bisschen für arme kinder, sondern sie war ausschiesslich für reiche studis.

und genauso das bertelsmann-bashing: die stiftung redet wenigstens über bildungsarmut! undbstellt zahlen zur verfpgung. ihr aber wehrt es ständig ab - weil ihr tief drinnen wisst, was das für eine unendliche sauerei ist, hauptschulen still hinzunehmen, aber über studiengebühren öffentlich zu weinen. und mit dem ganzen schuam vor dem mund wird auch @walkie (oder wie der typ sich nennt, weil er zu feig ist seinen namen zu sagen) nicht kapieren, was die stiftung vorhat. never.

beim EduCamp in köln habe ich eine kritische session zu den bertelmäusen gemacht, das kann man auch auf meinem blog nachlesen www.robertcaesar.wordpress.com educamp.mixxt.de/

zur schulstruktur habe ich nix gesagt, weil ich das seit zehn jahren täglich tue. aber so einfach, wie der ordinäre freitag-leser sich das dünkt, geht es nun mal nicht. wir haben die gliedrigkeit im rückgrat, in der seele, manche im herzen, also werden wir nicht übernacht was neues kriegen. aber wir müssen selbstverständlich dran arbeiten.

aber selbst beim freitags-publikum gibt es ja betonköpfe wie @kreiseler (oder wie der typ heißt), die gar nicht daran denken, das gegliederte schulsystem abzuschaffen. denn dann hätten sie nämlich nix mehr zum rummosern.

best, christian füller

mklingma 21.03.2012 | 12:33

Hallo Herr Füller,

ihre Wut auf die Haltung einiger der hier Beitragenden haben Sie deutlich artikuliert. Den Zusammenhang zwischen linker Haltung, Studiengebühren und Sozialämtern habe ich jetzt immerhin verstanden. Was es mit Feigheit zu tun haben sollte, hier seinen Namen nicht zu nennen, verstehe ich nicht.

Wut ist manchmal ein gutes Mittel, um eine Veränderung anzustoßen. Allerdings ist Wut meiner Meinung nach eine Befindlichkeit, aus der heraus sich kaum etwas Positives gestalten lässt.

So sehe ich auch die Generalpläne, die Sie zum wiederholten Male propagieren, als eher wenig hilfreich an. Wir können uns aufregen, wir können anklagen, aber davon bekommen wir keinen Milliardenfonds, und wenn wir den bekommen, dann können wir das Geld als Konjunkturprogramm verpulvern, denn mehr wird auf der Basis dieses Planungsstandes nicht geschehen können.

Sie bewegen sich im luftleeren Raum; woran es in Deutschland und auch in vielen anderen Ländern mangelt, sind zweihundert Jahre Erfahrungen mit pädagogischer Haltungen und didaktischen Herangehensweisen auf breiter Front. Es gibt noch überhaupt keine ernstzunehmende Schulpädagogik, es gibt allenfalls Lernpsychologie. Darum praktizieren wir ein ständiges Hin- und Her. Mal sind es die Standards, mal sind es Methoden auf der Basis der neuesten Ergebnisse der Hirnforschung (so als ob wir Hirne in Nährlösung in der Schule sitzen hätten), aber es gibt keine kontinuierliche Entwicklung von Praktiken.

Natürlich gibt es viele Erfahrungen und es gibt seit langem Alternativen zum kultusministeriellen Gleichschritt, aber die sind in der Breite unserer Schullandschaft weder bekannt, geschweige denn verankert. Und wenn wir jetzt Gemeinschaftsschulen einführen und Geld in die Ausstattung pumpen und individualisiertes Lernen ermöglichen, dann bleiben auch wieder dieselben auf der Strecke. Man kann alles mögliche implementieren, aber wenn sich etwas verändern soll, müssen die Leute mal Gelegenheit bekommen, eigene Erfahrungen zu sammeln.

Chryselers 21.03.2012 | 16:18

Herzig, Herr Füller: Bei den Diskussionen in HH habe ich immer kritisiert, dass jene Vorschläge der damaligen Senatoren nicht weit genug gingen, sondern die Privilegienstruktur nur verschoben. Müssen Sie nicht mitbekommen haben. Und dass in der GEW Schulssystem und soziale Ungleicheit ein Dauerbrenner ist, so seit Erich Frister, müssen Sie auch nicht wissen, denn wer etwas nicht weiß, der kann ein hübsches Feindbild malen. Um so schöner, wenn er dann auch noch selbst daran glaube kann.

Schließlich halten Sie ja auch die Einführung der Schulleiter-Schule für eine Demokratisierungsmaßnahme, sicher halten Sie auch die preußischen Gutshöfe des 19. Jahrhunderts für Pflanzstätten kommunaler Selbstverwaltung, des Steins und des Hardenbergs wegen.

Köstlich Ihre Rettungsvorschläge: Ausgerechnet jene, die vom Absenken aller Standards beim Kampf um den Weltmarkt so schön profitiert haben, sollen nun in großzügiger Spene die ärgsten Schäden reparieren, (Denken Sie da auch an die steuerliche Absetzbarkeit?) und dazu ein paar Hundert Billigwerker.

Betteln und Absenken.

Geht`s noch?

So geht es dann wieder bergauf. Oder bergab. Je nach Standpunkt.

Schön wäre es übrigens auch mal, wenn Sie sich der Qualifikation von Journalisten annehmen würden, die über Bildung und Schule schreiben. Wichtiges Thema. Ich hab da schon mal angefangen, da ging es um Kollegin von Ihnen, die in renommiertester Presse ihre fachliche Unbelesenheit vorführen durfte, www.freitag.de/community/blogs/chryselers/ueber-lehrer, aber schließlich war ja jeder mal in der Schule und ist da Experte, Sie haben sich doch sicher die Literatur über Unterricht, insbesondere Fronalunterricht, angeschaut, die ich Ihnen anno dunnemals empfohlen habe.

Oder war auch dieser Artikel als Satire gemeint?

Chryselers

mklingma 21.03.2012 | 21:37

Hallo Chryselers,

ich habe mir mal Ihren Beitrag "Über Lehrer" angesehen und kann dazu noch beitragen, dass ich in den 70er Jahren eine integrierte Gesamtschule in Baden-Württemberg besucht habe und dass mir deren methodische Fortschrittlichkeit erst so richtig bewusst geworden ist, als ich dann in den 90er Jahren ins Gymnasium eingezogen bin: Gruppentische im Klassenzimmer, Doppelstunden als Regeltakt, gefühlt einmal täglich Sitzkreis, auch in den oberen Klassen, Gruppenarbeit, Projektunterricht, Lernziele statt Noten, Binnendifferenzierung, ein offener Lehrerbereich, den Schüler jederzeit betreten konnten, Ganztagsschule, wenig Hausaufgaben, vielfältiges Freizeitangebot, was Sie wollen.

Ja, das waren damals auch junge engagierte Lehrer, die sich dahin haben versetzen lassen. Wessen Kind am Gymnasium kein Abitur machen konnte, der konnte es an der Gesamtschule machen, aber in der Bevölkerung beliebt war diese Schule keineswegs und von Seiten der Politik gab es schon gar keine Unterstützung.

Die Methoden sind das eine, der Geist in dem sie angewendet werden, das andere. Wenn neue Methoden propagiert werden, um die Produktivität der Hühnermastanlage zu erhöhen, dann ist das nicht der Fortschritt, den ich mir wünsche.

Effizienzsteigerungen waren aber der Grund, warum die Versuche mit integrierten Gesamtschulen am Ende der 60er Jahre unternommen wurden. Die Lehrer, die dann solche Projekte mit ihrem Elan beflügelt haben, hatten keine Chance, sie am Leben zu halten, als der bildungspolitische Wind sich wieder zur verschärften Selektion hin drehte.

Mochinho 21.03.2012 | 22:00

Zwar hat Herr Dräger als Hochschulsenator unter dem seinerzeit CDU-geführten Senat in Hamburg einen erheblichen bildungspolitischen Flurschaden hinterlassen und wirkt vorliegend eher wie ein advocatus diaboli, doch sollte man nicht auf den Repräsentanten dieser Studie achten, sondern auf deren Verfasser sowie die Inhalte.

Denn leider darf bezweifelt werden, dass die Bildungspolitik ihre Lehren aus dieser Studie ziehen wird. Sie wird ihre üblichen Ersatzhandlungen präsentieren und Sozialpolitik mit Bildungspolitik verwechseln. Es wird weiterhin hauptsächlich an den Symptomen und nicht an den Ursachen des Bildungsungleichgewichtes herumgedoktert werden. Die Diskussionen werden sich überwiegend um Schulspeisungen und Ganztagsbetreuung bzw. -verwahrung mit angeschlossenem Sportprogramm, das den Sportvereinen den Nachwuchs vorenthält, drehen, um die ach so wichtigen Ingenieurinnen und Ingenieure, die wir alle so dringend brauchen, hervorzubringen. Geisteswissenschaften sind ja unwichtig, oder?

Es wird fortgesetzt um Formelles, um Äußerlichkeiten gehen, um die Organisation von Schule, nicht um Bildung, sondern um für Klausuren reproduzierbares Wissen. Vor allem jedoch wird es um Speisepläne und nicht um Lehrpläne gehen. Dietetik statt Pädagogik.

Wo käme man hin, wenn in der Bildungspolitik über Inhalte nachgedacht würde?

Chryselers 21.03.2012 | 22:17

Hallo MKlingma,

Nur mal so gefragt? War das mit der Gesamtschule in Freiburg? Viele Gesamtschulen gab es in BaWü ja nicht.

Was die Didaktik angeht, so gibt es zwar das Gerücht, man sei in Deutschland hinterher, in Wahrheit ist Deutschland immer noch didaktisches Exportland. Könnte man damit Geld verdienen, es wäre eine weitere boomende Exportbranche. Wobei man sich im Ausland der deutschen Didaktik, übrigens des 19. Jahrhunderts, oft genauer erinnert als in Deutschland selbst, sie war höchst fortschrittlich und bestimmt die Diskussion bis heute und alle Versuche, sie zu überwinden, sind immer wieder dort gelandet. Der deutsche Einfluss aus der Zeit vor knapp 200 Jahren ist da weltweit recht groß, bis in die Unterrichtstechnik hinein. Ein Beispiel: Wenn Chinesen in eine hundsnormale deutsche Schule kommen, sind sie völlig erstaunt über die hohen Redeanteile deutscher Schüler - im Frontalunterricht!

Jüngst kam in das Institut, in dem ich ab und zu bin, der Leiter einer renommierten japanischen pädagogischen Hochschule, um bei uns nachzuschauen, was er mitnehmen kann...

Aber zum Thema dieses Artikels: Es ist doch eigentlich völlig verblüffend, dass ein Land, das von sich selbst sagt, es habe ein miserables Bildungssystem, Exportmeister in Sachen HighTech ist. VW, dieses Staats- und Gewerkschaftsunternehmen (passt ja auch gar nicht in das neolibbe Weltbild) aus dem bildungsarmen Niedersachsen, ist gerade dabei, Nummer eins in der Welt in Sachen Autobau zu werden. Also stimmen entweder die Ansagen zum Bildungssystem nicht und es ist wesentlich besser als sein Ruf oder es gibt nur einen sehr lockeren Zusammenhang zwischen Bildungssystem und Ökonomie. Es könnte ja sein, dass das Letztere stimmt. Dann ist vom Standpunkt von Industrie, Bankern etc. überhaupt nicht einzusehen, warum man für Bildung mehr Geld ausgeben soll, dann ist Füllers Bitte um Gnadenfonds der Herrschenden und Reichen fürs marode Bildungssystem natürlich die einzige Möglichkeit.

Mit Demokratie und aufrechtem Gang hat das dann aber nichts zu tun, ein schon recht gekrümmter Geist, der sich da vorwitzig dünkt. Und mit Bildung und emanzipierten, sich ihrer selbst bewussten Individuen natürlich auch nicht.

Wissen, wie es geht, daran gehindert werden, es zu tun, stattdessen mit schlichtem Unsinn unter Stress gehalten werden, das ist die Gegenwart von Bildungsinstitutionen heute, deren Insassen darin nun allerdings selbst verbogen werden.

Chryselers

mklingma 22.03.2012 | 09:23

Nein Chryselers,
es war eine der zwei(?) anderen: Weinheim.

Ja ja, natürlich gibt es in Deutschland eine lange Forschungstradition in Didaktiken und Pädagogiken, es gibt auch viele Feldversuche, es gibt freie Schulen und Versuchsschulen, und natürlich ist davon auch manches in den staatlichen Schulen angekommen und die Situation an deutschen Schulen ist vermutlich humaner als in China, auch in Japan und selbst in Russland, wie es mit Texas aussieht - keine Ahnung.

Das Problem besteht unter anderem darin, dass Lehrer kaum die Gelegenheit haben, Methoden, die aus einem bestimmten pädagogisch-didaktischen Denken heraus entwickelt wurden, in einem stimmigen Zusammenhang kennen zu lernen. Die Lehrer verfügen auch - nach meinen Erlebnissen geschlossen - über keinen ausreichenden Hintergrund aus ihrer Ausbildung, um Methodiken in einem Zusammenhang pädagogisch-didaktischen Denkens beurteilen zu können. Die stärkste Prägung in Bezug auf ihr pädagogisches Wirken erhalten Lehrer durch den Unterricht, den sie selbst als Schüler erlebt haben und durch die Hospitationen und die begleiteten Lehraufträge im Rahmen von Praktika und Referendariat. Mit anderen Worten, es regiert der vermeintliche Pragmatismus.

Die Wurzel des Übels ist aus meiner Sicht, dass die Masse der Schulen einer eng geführten staatlichen Lenkung unterstehen und das somit die Politik in die Schulen hinein wirkt.

Die Politik ist in erster Linie an statistisch auswertbaren und ökonomisch wirksamen Ergebnissen interessiert. Und, wie Sie festgestellt haben, besteht an dieser Stelle kein akuter Handlungsbedarf. Wahrscheinlich ist es von Seiten der Industrie und der Politik sogar nach wie vor erwünscht, ein ausreichendes Reservoir an Lumpenproletariat zur Verfügung zu haben, um den Druck auf die darüber angesiedelten Schichten aufrecht zu erhalten.

Diese politische Lenkung verhindert, unter anderem, wie sie so schön sagen, "mit schlichtem Unsinn", einem bürokratisch in Exel-Tabellen und Power-Point-Präsentationen zu fassenden Evaluationsschwachsinn, dass die Lehrer jemals ein Interesse daran entwickeln könnten, für ihre Schule ein pädagogisches Profil zu entwickeln.

Mit herzlichen Grüßen

Lapis 22.03.2012 | 21:55

"Die Studie ist eine Ohrfeige. Auch für die Linke, die immer aufkreischt, wenn irgendwo auch nur ein Cent Studiengebühr verlangt wird – aber tatenlos zusieht, wie ganze Schülergenerationen zu Arbeits- und Sozialämtern abkommandiert werden. "

Was denn, wenn Studiengebühren erhoben werden, ist das ein Beitrag zur Chancengleichheit?

Und wie geht das mit Ihrer Aussage

"es geht darum, dass diese linke ständig die armen studenten gegen die chancenlosen hartz-iv kids ausspielt"

zusammen? Machen Sie das nicht gerade selbst?
Oder hat die Linke irgendwann für die Abschaffung von Studiengebühren zu Lasten der Schüler plädiert?

Abgesehen davon wird mir im Text der Name "Berterlsmann" zu häufig in positivem Kontext genannt. Nur weil deren Studie ausnahmsweise auf einen tatsächlichen Mißstand aufmerksam macht, heißt das noch lange nicht, dass aus einer gesellschaftsschädigenden Organisation (vor allem im Bildungsbereich!) eine legitime geworden ist.

Chryselers 23.03.2012 | 16:23

Hallo,

das mit den Lehrern würde ich etwas anders sehen: Die werden, was den Unterricht angeht, schon recht ordentlich ausgebildet, ich bin von jungen Kolleginnen und Kollegen da immer wieder beeindruckt. Nur wenn sie dann mit so um die 26-28 Schulstunden Unterricht die Woche anfangen (Es gibt eine Vereinbarung des Personalrats mit der Schulbehörde, dass es nicht mehr als 29 Stunden sein sollen!), das kann einem in Hamburg im Gymasium passieren, dann ist es dringend, sich ganz schnell Muster zuzulegen, mit denen alle Standardsituationen im Unterricht schnell erledigt werden können. Sonst kann man das nicht überleben. Zeit zu intensiven Überlegungen und zu Gesprächen mit Kollegen über Unterricht bleibt da kaum. Und irgendwann interessiert dann nur noch, diese Muster durchzuhalten und alle Neuerungen werden dann nur noch als Varianten der Muster aufgefasst. Wenn ein Lehrer so weit ist, kann er zwar routiniert seine Arbeit erledigen, bleibt aber lebenslang unter seinen Möglichkeiten.

Vom "pädagogisch-industriellen Komplex" (Giesecke, vom PISA-Konsortium bis zu den diversen ausgelagerten Instituten, den Verlagen und der Kultusbürokratie, Füller können wir hier als dessen Propagandisten nehmen) wird dieser unbefriedigenden Situation begegnet, indem alle 5 - 10 Jahre neu eine scheinbar endgültige neue Lösung aller Probleme den Schulen aufgedrängt wird, die sich ein paar Jahre später als genauso unzulänglich zeigt wie alle Scheinlösungen der Jahre zuvor. Gegenwärtig sind Lernpsychologie und Organisationsreform die Domänen dieser Scheinlösungen. Der Unterricht selbst, wie er alltäglich stattfindet, kommt darin kaum vor. Woran jeder Lehrer dann merkt, dass wieder einmal für Millionen Euros Kräfte in Scheinlösungen vergeudet werden, er sich also auf sich selbst zurückzieht und seine Handlungsmuster ganz defensiv pflegt. Bis eine andere Sau durchs Dorf gejagt wird.

(Dazu mehr bei bildung-wissen.eu/)

Der Zusammenbruch der "Kompetenzorientierung" ist genauso einfach vorher zu sagen wie der der selbstverantworteten Schulleiterschule. War bei der "Lernzielorientierung" auch schon so.

Und das frustiert Lehrer: Der Unsinn, der ihnen da immer wieder zugemutet wird. Und die Verweigerung ernsthafter Änderungen. Dazu noch einen Satz Beschimpfung.

Und anschließend wundern sich alle...

Schöne Grüße,

Chryselers

mklingma 23.03.2012 | 17:21

Chryselers schrieb am 23.03.2012 um 15:23
"das mit den Lehrern würde ich etwas anders sehen: Die werden, was den Unterricht angeht, schon recht ordentlich ausgebildet, ich bin von jungen Kolleginnen und Kollegen da immer wieder beeindruckt."

Ich bin auch beeindruckt von den jungen Kolleginnen und Kollegen, aber ich sehe auch nur gaanz gaaanz vereinzelt kritisches Bewusstsein bei diesen jungen Kolleginnen und Kollegen. Ich stelle fest, dass sie die Maßnahmen im Rahmen der Schulentwicklung unkritisch vorantreiben, offensichtlich ohne sich des Zusammenhangs, in dem diese Maßnahmen zu sehen sind, bewusst zu sein.

Ich weiß so gut wie Sie, wozu das bei den meisten dieser Kolleginnen und Kollegen peu à peu führt.

Denken Sie wirklich, viele diese Kolleginnen und Kollegen verstehen, in welchen - auch pädagogischen - Zusammenhängen solche Schlagworte wie Öffnung der Schule - in der Weise, wie das dann praktiziert wird gesehen werden können.

Eine kleine Anekdote, die ich erlebt habe: Man reißt ein Zitat von Wilhelm von Humboldt aus dem Zusammenhang, schreibt Alexaner von Humboldt darunter (weil man nur den kennt), und meint, den Zusammenhang des Denkens nicht kennend, Humboldt spreche davon, den Schülern Kompetenzen beizubringen, um sich im vielfältigen Wirtschaftsleben zu bewähren. Das geht durch in einem größeren Gremium, besetzt mit jungen engagierten und alten erfahrenen Kollegen und Kolleginnen aller Fachrichtungen. Das ganze ziert dann eine programmatische Schrift der Schule.

Chryselers 24.03.2012 | 13:42

Hallo MKlingma,

ich nehme das nicht als Widerspruch, sondern als Ergänzung: Solch routinierte Lehrer sind noch nicht professionell, ihr Bestreben ist, reibungslos und zugleich mit manchen Erfolgen durchzukommen, aber zu einer reflektierten eigenen Gestaltung, die sich auf Didaktik, Fachwissenschaft und umfassende Kenntnisse stützt, sind sie allein damit nicht in der Lage. Sie können deshalb dem, was mit ihnen gemacht wird und was von ihnen verlangt wird, keinen begründeten Widerstand entgegen setzen, viele werden dann mürrisch, in wohl jedem Lehrerzimmer gibt es eine Ecke, in der jene sitzen, die permanent rummaulen, Recht habend, aber nutzlos.
Da fragt man sich dann, ob da nicht eine geheime Logik des Systems wirkt: Der nur routinierte, aber nich so recht professionelle Lehrer, der letztlich nur entweder mitmachen oder aber maulen kann, ist das nicht der Lehrer, der von der Obrigkeit erzeugt wird, weil er gebraucht wird? Denn dieser Lehrer rechtfertigt die Existenz all dieser Obrigkeiten und ihrer Propagandisten, schließlich muss er immer wieder neu zu den nun aber wirklich definitiven Lösungen aller Probleme in der Schule, vor allem aller Disziplinprobleme, geführt werden, die die Obrigkeit in ihren Konzepten schon längst überwunden hat: Die Behörden und die Schreiber als die Ursache der Krise, für deren Lösung sie sich halten?

Chryselers

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fraus 26.03.2012 | 01:37

Strukturelle Veränderungen geschehen im Schneckentempo, hier sind die RektorInnen gefordert, die bei überregionalen Gesprächen verständlicherweise aber doch leider versuchen, ihre jeweilige Schule im guten Licht darzustellen. Es müßten viel mehr Rektoren auch auf Ministerialebene deutlich machen, wie mangelhaft bestimmte Strukturen und Voraussetzungen sind- und das mit Entschiedenheit.
Währenddessen bleibt LehrerInnen die Möglichkeit, das Beste aus der Situation zu machen. Klingt jetzt überheblich und vereinfachend, ist trotzdem die Realität.
Ein wichtiger Aspekt ist dabei schon von Chryseler genannt worden: Routine vs. Professionalität, wobei Professionalität insbes. die selbstkritische reflexion beinhaltet. (Adorno läßt dabei mit seiner Kritik an der halbbildung und vermarktung von Bildung als Konsum- bzw. Kulturgüter grüßen.) Bei der Didaktik als Exportschlager stimme ich nur bedingt zu, letztendlich sind dabei 'neue' Ansätze mittlerweile bereits 30 oder 40 Jahre alt. Und so einen wichtigen Ansatz wie das 'Normalisierungsprinzip' musste Deutschland erst mal aus Skandinavien importieren. Letztendlich fällt es dem deutschen Schulsystem immer noch schwer, dass die Schwachen sich auf dem gleichen Weg stärken, auf dem sich die Starken vervollkommnen (Montessori).

Meckern hilft da nicht, sondern: Jeder Tag kann zum besten Tag der Woche werden. Nicht mit der rosaroten Brille, sondern mit dem Wissen um das Gestalten dieses einen Unterrichtstages bzw. dieser einen Unterrichtsstunde.

Christian Füller 26.03.2012 | 13:45

köstlich @chryseler und @lingma (oder wie sie heißen) sind wie sprechautomaten, die anspringen und ihren text herausdrehorgeln, wenn man zum Beispiel sagt: schwan! Joghurt! Knochen! - und es nur mit ihrem Namen und dem wort schule verbindet. das muss man sich vor Augen halten: zwei ältere Herren knallen hier ihre prinz-heinrich-mützen-thesen raus. sie hören KEINE SEKUNDE hin, sie wiederkäuen immerfort Erfahrungen aus ihren 70er jahren. als hätte es pisa nie gegeben, als stünden wir nicht vor einem pädagogischen Zeitenwechsel, als gingen nicht hunderttausende Lehrer in pension.aber das wissen die gar niht, ist ja eh egal! mobiltelefone, internet, neues lernen das kommt bei diesen Herren oben auf der sesamstraßen-brüstung einfach nicht an und auch nicht vor. ja, im Zweifel sagen sie: man kann doch eh nichts ändern! is ja unjerecht, wa! uff.
der Freitag, die modernste Zeitung, Layout-technisch, kalibriert mit dem wunderbaren guardian, wird auf seiner blogseite von Ü70-jungs zugespamt.
please, sir augstein, debt ihnen ein kissen, damit die Ellenbogen weicher werden. aber nehmt ihnen die computer weg!
bitte moderieren!

Chryselers 26.03.2012 | 14:31

Master Füller, es gibt viele kindische Argumente, zu den kindischsten gehören die Hinweise auf die Person, kann man schön bei Schopenhauer in seiner eristischen Dialektik nachlesen. Das kommt immer dann, wenn man sonst nichts mehr drauf hat.

Argumente sich schon wegen des Alters derer falsch, die sie verwenden, Begründungen sind nicht erforderlich, Taten statt Worte, Antiintellektualismus pur, der Hinweis reicht, vollständig kenntnisfrei, da hat sich schlicht nichts geändert.

Und so einer kann dann natürlich auch einen Elbsegler nicht von einem Prinz-Heinrich unterscheiden.

Wie denn auch. Da bräuchte man ja Kenntnisse.

Der Freitag verkommt in Sachen Bildung zur neolibben Propagandabühne.

chryselers

Chryselers 26.03.2012 | 17:50

"ich glaube nur nicht, dass die von Ihnen vorgetragenen Strategien dazu viel beitragen können."

Wie sollte man auch.

Mehr als erfahrungs- und belegfreie Behauptungen hat Füller nicht anzubieten. Nur das alte Versprechen jeder "neuen" Kur, die der Schule die Didaktiker, die Behörden und neuerdings auch Journalisten angedeihen lassen wollen: "Wenn Ihr es so macht, wie wir es Euch sagen, wird alles gut!!!" Als ob dieses Versprechen nicht mindestens alle 10 Jahre einmal abgegeben wird. Und alle 10 Jahre wieder nicht eingehalten wird.

In HH ist jedenfalls seit PISA in den Klassenzimmern alles schlechter geworden.

Aber man muss halt den Versprechen glauben...

Dann wird es schon besser.

Chryselers

Christian Füller 26.03.2012 | 18:08

neolibbe - was ist das eigentlich genau? und was hat das mit schule zu tun? und wieso ist die deutsch-preussische elbsegler-schule schon seit prinz heinrich so ungerecht? hat das was mit entfesselt kapitalismus zu tun - oder ist das eine statistisch gewollte tranchierung der gesellschaft in obere und untere schichten?

(ich hatte ja nicht über ihr ehrwürdig weisshaariges alter mich echauffiert, sondern über die langen weißen bärte, die ihre argumentationen tragen. und doch auch wieder auf eine kindlich-trotzige art "neolibb" sind; aber wie gesagt, was das ist, weiss ich ja gar nicht.)

Christian Füller 26.03.2012 | 18:34

ich hatte ihnen ja paar fragen gestellt, die so etwas wie Argumentation enthalten; aber zum mitschreiben:

- sie sehen eine neolibbe Verschwörung (haben sie das wort eigentlich selber erfunden oder steht das irgendwo? ich kenne es nämlich nicht) im Schulwesen
- ich sage, yes, das ist ungerecht, aber nicht wg dem, was sie sehen, sondern weil es zu den Zeiten ungerecht gemacht wurde, als der Namensgeber ihrer seltsamen kappe noch lebte.

das ist ein argument.

denn, wenn mein Punkt 2 (zweiter spiegelstrich) stimmt und nicht ihr unverständliches Balkongebrabbel, dann müssten sie mal sagen, entweder, dass ihr neolibb was zu bedeuten hat außer ner Sprachverwirrung; oder sie müssten mir sagen, wieso ihr heissgeliebter Staat ein Schulsystem, das er ungerecht haben will, plötzlich auf gerecht(er) drehen könnte.

mein argument aus dem text, den sie nicht kapieren wollen: der Staat kann es nicht alleine, wir brauchen die Gesellschaft, jawohl, und die Privaten dazu.

you got it? fine, then try again

best cif

Chryselers 26.03.2012 | 18:58

Master Füller,

dass Schule in Deutschland sozial ungerecht ist, ist seit Schleiermachers Pädagogik-Vorlesung von 1826 bekannt. Und dass es Aufgabe von Politik und Gesellschaft ist, das zu ändern, ebenfalls. Und zwischendurch ist immer wieder daran erinnert worden, jüngst durch die grüne Senatorin in HH.) Also nichts Neues unter der Sonne.

Und dass der Staat es nicht mehr richten kann, nachdem er sich steuersenkend selbst verarmt hat, ist auch bekannt. Nur warum jene, die von dieser Verarmung profitiert haben, es nun aus Gnade hilfsweise richten sollen, dazu ein paar Hundert Aushilfskräfte, das wird, ich vermute, Ihr Geheimnis bleiben.

(Und die Mütze: Ein Elbsegler war und ist eine Binnenschiffer-Arbeitsmütze, hervorragend auch auf dem Fahrrad zu gebrauchen, ein Prinz Heinrich dagegen ein Adelskonstrukt aus Tirpitz Zeiten. you got it? fine, then try again.)

Chryselers

wwalkie 26.03.2012 | 19:08

Erst jetzt lese ich ohne Vergnügen, dass Sie aufgrund meiner Bertelsmannkritik von mir als "wwalkie oder wie der Typ sich nennt, weil er zu feig ist unter seinem Namen zu schreiben," sprechen. Das hat was. Sie tun mir leid, wenn Sie zu solchen Invektiven greifen müssen. Übrigens: a) ist wwalkie relativ leicht zu clearnamen, b) möchte ich nicht meine Schüler positiv oder negativ beeinflussen. Also: keine Feigheit, sondern eher Umsicht, stellen Sie sich vor: pädagogische sogar. Und stellen Sie sich vor: seit meinem Studium kämpfe ich für EINE SCHULE FÜR ALLE!

Da Sie schon einmal so um sich geschlagen haben, würde ich bei Ihnen auf eine Regression tippen. Wie war Ihre Schulzeit denn so?

Zu Bertelsmann, also jenem "seriösen" Institut, das heute der Presse diktiert hat, mit Zahlen versteht sich, dass Leiharbeit keine Normalarbeit verdrängt, haben Liessmann, Pongratz und Krautz schon alles Wesentliche gesagt. Vielleicht haben Sie ja noch Lektürebedarf.

Langsam begreife ich Ihren unsäglichen Diskussionsstil. Sie scheinen es nicht mehr gewohnt zu werden, kritisiert zu werden. Wer so viele offene Tore einrennt, wer Pisa als tatsächlich ernst zu nehmende Studie ansieht, und nicht als die "Auftragsstudie" (Heinz Bude), die sie ist, wer sich vornehmlich in der künstlichen Brave New World der Reformschulen aufhält, muss tatsächlich irgendwann einen Verlust an Realitätssinn erleiden. Ich fasse es nicht: Kann es wirklich sein, dass Sie die kritische Erziehungstheorie eines Heydorn zum Beispiel oder (sehr früh) eines Bernfeld gar nicht kennen. Dass für Sie die so genannte Reformen mit dem Zweck der Arbeitskraftformierung (Employability) gar etwas Humanistisches haben?

Ach, Herr Füller, als Argumentationstyp sehen Sie ganz schön alt aus.

mklingma 26.03.2012 | 22:55

Und jetzt noch einmal zum Mitschreiben Herr Füller:

Der Staat kann es nicht (nicht "nicht alleine") und zwar aus zwei Gründen, davon einem uneigentlichen, nämlich, dass er sich, wie Chryselers sagt, selbst verarmt hat. Hier liegt die Aufgabe des Staates darin, die Wirtschaft mittels Gesetzen so zu lenken, dass die Schulen ausreichend mit Geld versorgt sind. Das ist nicht etwa ein Frage von Almosen. Zum zweiten hat der Staat keine Kompetenz im Schulwesen. Irgendwelche mehr oder weniger berufenen KultusministerInnen haben keine Kompetenz in diesem Bereich, auch nicht mit ihren irgendwann den Schulen entlaufenen Beamtenapparaten. Diese Kompetenz liegt auch nicht bei den Journalisten. Sie liegt vor Ort, in den Schulen, bei Eltern, Lehrern und Schülern. Die Universitäten können aus ihrer Freiheit und bei entsprechender Nachfrage durch eine anständige Ausbildung dazu beitragen, dass die Kompetenzen der Lehrer wachsen.

Darum gilt es sich zu kümmern:

1. Eine angemessene Finanzierung.
2. Echte Autonomie.

Got it?

Chryselers 26.03.2012 | 23:50

Hallo MKlingma,

das würde ich dann doch nicht so sehen, die Bildungspolitik hat bei der Frage, wie Schule Chancengleichheit schafft - um es mal mit einer Formulierung der 60er und der 70er Jahre zu sagen, damit Füller sieht, dass das ein Thema ist, dass in den 68er Apo-Zeiten und den 69er sozialliberalen Zeiten mit ganz anderer Virulenz nicht nur diskutiert wurde - schon eine strategische Bedeutung.

Dazu gehören natürlich auch Auflagen an die Schulen, wie sie in Lehrplänen etc. zum Ausdruck kommen. Ich würde sogar sagen, dass diese Auflagen zufassender sein müssten, allerdings nicht in "Kompetenzen". sondern in Inhalten, damit die Leistungsunterschiede am Kanon gemessen werden können und sich nicht unter Bourdieus feinen Unterschieden verbergen können. Gleichheit setzt den Kanon voraus, seine Abschaffung, die gegenwärtige, stärkt das Getrickse der Ungleichheit. "Kompetenzen" müssen in der konkreten Situation durch Interpretation hergestellt werden, damit unterliegen sie in hohem Maß der Beliebigkeit.

Deshalb würde ich keine zentrale Kompetenzen - nun im alten Sprachsinne als Entscheidungsmöglichkeiten - in die Schulen geben, da entscheidet man dann schnell nach eigenem Vorteil, warum auch nicht.

Chryselers

mklingma 27.03.2012 | 13:30

Hallo auch,

ja, da kann man sich natürlich Gedanken machen, welche Bereiche verbindlich geregelt werden sollten. In welchen Bereichen das dann allerdings sinnvoll politisch entschieden werden kann, ist noch einmal eine ganz andere Frage. Trotzdem - ich will da gar nicht widersprechen: Die Schule braucht auch verbindliche Rahmenbedingungen, woher sie auch immer kommen, insbesondere ist das aus meiner Sicht sinnvoll auf der Ebene der Inhalte (Kompetenzen gehören da mit dazu).

Ein gutes Beispiel für einen süddeutschen Exportschlager ist das Zentralabitur. Das Zentralabitur ist die einzige Klausur, bei der ich als Lehrer in Versuchung komme, in meinen vorausgehenden Klausuren und in meinem Unterricht möglichst viel von der Aufgabenstellung vorweg zu nehmen. Egal ob ich das will oder nicht, es ist sozusagen Glückssache, dass ein Prozentsatz der Schüler die Abituraufgaben zuvor schon einmal in einer Klausur bearbeitet hat. Das nennt man Gerechtigkeit zum höheren Zwecke: Damit die Lehrer nicht betrügen können, wird der Betrug durch ungleiche Bedingungen in das Verfahren fest integriert.

Abgesehen von sinnvollen Vorgaben auf der Ebene der Inhalte (Standards oder wie man das immer nennen will) brauchen die Schulen heute vor allem:

1. Eine angemessene Finanzierung
2. Echte Autonomie.

Dann kann es losgehen mit der Schulentwicklung.

Chryselers 27.03.2012 | 18:30

Hallo Klingma,

ist ein anderes Thema, das Zentralabitur, ein ganz spezielles, voll der Unredlichkeit, der schon genannten, in Verbindung mit dem BaWü-Export der Profilüberstufe in Hamburg, nichts kommt nach meiner Erfahrung diesen beiden Maßnahmen und insbesondere ihrer Verbindung gleich: damit kriegen wir problemlos 50% und mehr eines Jahrgangs über die Hürde. Was vielleicht auch gar nicht falsch ist, wäre eine politische Frage, die man so oder so entscheiden kann. Sollte man mal einen extra Faden drüber aufmachen.

Chryselers

mklingma 27.03.2012 | 18:46

Noch einmal Chryselers,

natürlich hat die Bildungspolitik bei der Frage, wie Schule Chancengleichheit schafft, eine große Bedeutung. Wir können seit langem bewundern, wozu die Bildungspolitik in Deutschland die Schulen in dieser Hinsicht befähigt hat. Gerade aus diesem Grund rate ich zur Vorsicht bei der Verkündung von Glaubenssätzen. Sie schreiben, man würde, wenn man an den Schulen über zentrale Entscheidungsmöglichkeiten verfügte, schnell nach dem eigenen Vorteil entscheiden.

Es ist wohl klar, dass Sie hier von der Zertifikatschule reden, in der es letztendlich darum geht, Zertifikate als Eintrittskarten zu erteilen, und die Inhalte und Kompetenzen sind nur das Mittel zum Zweck, etwa so wie Sie das schildern: die objektive Messlatte. Wenn es darum ginge, Schüler zu stärken, indem man ihnen ermöglicht, Wissen und Kompetenzen zu erwerben zu erproben, worin läge dann der Vorteil der Schulen und woran ließe sich die Qualität einer Schule dann bemessen?

Wenn wir also den Schulen Eigennutz vor Professionalität unterstellen, dann müssen wir auch darüber reden, was wir uns unter Schule und ihren Aufgaben eigentlich vorstellen und wie wir die Aufgaben der Schule, als Dienstleister der Gesellschaft zukünftig verstehen wollen.

Christian Füller 27.03.2012 | 19:25

@daimlers
und neolibbe? was ist das? kömmt das von schleiermacher? oder ist modesprech eines ewig jungbleibwollenden?

ich meine die frage durchaus ernst; denn sie streuen das wort ja in ihre texte ein wie türkische kids in berlin und hh das ubiquitäre "alta, ey".

hat der begriff also eine echte systematische bedeutung, insbesondere für das durch und durch staatliche schulwesen? oder ist es eine art bedeutungsfreie nonsens-chiffre, die man halt immer wieder so dahinsagt.

hochachtungsvoll
cp füller

SiebzehnterJuni 27.03.2012 | 20:48

Ein stil, Herr Füller, den ich hier bei allem Streit über Ost-West, Rechtsstaat-Unrechtsstaat noch nie erlebt habe.

Und sie haben über die Odenwaldschule geschrieben! Haben Sie jemals eine Stunde unterrichtet?

Ich hoffe, dass dieser Umgang mit Kommentatoren hier nicht Einzug hält!

Und diese Herren schreiben über Pädagogik!

Ich empfehle: 1 Jahr Odenwaldschule als Familienoberhaupt mit 12 Kindern und vollem Deputat als Seiteneinsteiger!

Danach würde ich gerne mehr von Ihnen lesen!

Chryselers 27.03.2012 | 20:55

Schauen Sie, Herr Füller, da gibt es ein Problem: Wir nehmen uns gegenseitig nicht für voll. Das ist keine gute Grundlage für ein Gespräch.

Ich habe mein Problem mit Ihnen, weil ich bislang nicht gesehen habe, dass Sie kennen und verstehen, worüber Sie schreiben. Erkennbar daran, dass Sie nicht nur jedem Diskurs ausweichen, sondern stattdessen adpersonam gehen, weil Sie, ich vermute, fürchten, dass Sie sonst keinen Blumentopf gewinnen können.

Meine Mitstreiter und ich haben einen Haufen Argumente gegen Ihren Artikel hier so manches Argument, gar Argumentationsketten gesetzt, von Ihnen ist dazu bislang schlicht Null gekommen, gar nichts.

Das ist jenes, was ich meinte, als ich auf den alten Brauch des Argumentierens hinwies, die Griechen haben ihn erfunden, ein uralter Brauch auch guter Pädagogik, aber auch sonst des Umgangs unter Erwachsenen und ich sehe nicht, dass Sie da mitmachen.

Und nun schreiben Sie noch nicht mal mein kleines Alias hier richtig, warum sollte ich mir mit Ihnen Mühe geben?

Zeigen Sie mal, dass Sie da ein reziprokes Verhältnis hinkriegen können, unsereins hat argumentativ mindestens ein halbes Pfund geliefert, Sie liegen immer noch bei 10 Gramm.

(Und was jenes schöne Wörtchen angeht, in der gym. Oberstufe kann man üben, den Sinn eines Wortes aus dem Kontext zu erschließen...)

Sie sind am Zuge.

Chryselers

SiebzehnterJuni 27.03.2012 | 21:00

Füller:

"...Und es müssen die Bildungsengel von „Teach First“ mitmachen. Das sind exzellente Uni-Absolventen, die erst in Gettoschulen helfen wollen, ehe sie ihren Berufsplan verwirklichen...."

Müssen? Absolutes Nein!

Haben diese Damen und Herren irgendeine Ausbildung pädagogischer Art? Haben die irgendeine Ahnung von SchülerInnen?

Gibt es irgendeine wissenschaftlich fundierte Evaluation dieser Truppe von neutraler Seite ?

Wer bildet diese Typen aus? Wie lange, nach welchem Ausbildungsplan?

wwalkie 27.03.2012 | 21:56

Na, wer bildet wohl aus? Die Kompetenz-Boys-and- Girls von - Tusch! - Bertelsmann. In NRW ist es mittlerweile so, dass die flächendeckende "Fortbildung" in der die "kooperative Methode" (Norm Green) ablösenden "Methode des individuellen Lernens" inklusive "Feedbackkultur", wobei die "kooperative Methode" vor langer Zeit, also vor ungefähr einem Jahr, die "Klippertz-Methode" abgelöst hat, von dem besagten RTL-Konzern durchgeführt wird (in Kooperation mit der glücklichen erziehungswissenschaftlichen Abteilung der Uni. Münster).

Ich erinnere mich an eine rezente Personalversammlung, auf der sich ein Kollege beklagte, dass keine inhaltlichen Fortbildungen mehr stattfänden, sondern nur noch öde und sinnlose Einführungen in Methoden. Antwort eines sehr wichtigen und sehr beflissenen Dezernten (grauhaarig und mit weißem Bart, so wie Füller sich groteskerweise seine Kritiker vorstellt): "Wir sind dabei, von einer angebotsorientierten auf eine nachfrageorientierte Fortbildungspolitik umzusteigen. Wenden Sie sich an Ihr KT." - "KT?" - "Katheder?" (Heiterkeit im Saal) - "Ach so, KT heißt Kompetenzteam", schmunzelte Seine derznente Majestät. "Informieren Sie sich!"

Manchmal ist es schwer, kein Verschwörungsideologe zu werden.

Chryselers 27.03.2012 | 22:24

Na, da ist es in HH doch besser geworden: Der neue Schulsenator, der selbst als einfacher Lehrer all diesen Kram hat mitmachen sollen, fragt bei diesen Dingen immer nach dem praktischen Nutzen und wie man das denn machen soll. Und wenn es ihm nicht einleuchtet, dann streicht er einfach... Und er würde gerne schneller streichen, als er vom noch schwarz-grünen Schulgesetz her kann...

Chryselers