Christine Käppeler
02.12.2012 | 09:00

Dieter nennt’s beim Namen

Alles für die Kunst Masterclass oder Casting-Show? Sieben junge Künstler stellen sich auf Arte den Arbeitsanweisungen einer deutsch-französischen Jury. Ein Halbzeitbericht

Die Frage „Was ist Kunst?“ wird so direkt im öffentlich-rechtlichen Fernsehen sonst nur im Bayerischen Rundfunk gestellt, wenn wechselnde Experten in der Sendung Kunst und Krempel den Wert von Erbstückenund Dachbodenfunden schätzen. „Was ist Kunst? Wie entsteht Kunst? Wer sind die Künstler von morgen?“ will Arte nun in der sechsteiligen Sendereihe Alles für die Kunst erforschen.

Es ist eine Castingshow, aber es vergehen eineinhalb Folgen, bis einer wagt, das „C“-Wort ins Spiel zu bringen. „Die ultimative Fortsetzung des Kunstrennens in der Postmoderne ist ja auch eine Art Castinghow“, sagt der Schweizer Performance-Künstler Dieter Meier, Frontmann außerdem der Band Yello, die mit ihren surrealistischen Video-Clips in der Frühphase von MTV Deutschland – lange ist’s her – auch einmal Kunst ins Fernsehen brachten.

Arte hat eine „Masterclass“ ausgeschrieben, und in diese Masterclass wurden in der ersten Folge von 2.000 Bewerbern sieben junge Künstler aus Belgien, Frankreich und Deutschland aufgenommen. Die deutsch-französische Jury hat mit der Trainerbank anderer Castingshows eigentlich nur gemein, dass auch sie irgendwie vom Fach ist.

Christiane zu Salm und Peter Raue, die in ihrer Eigenschaft als Kunstsammler dabei sind, sowie die Kuratorin und Beraterin Caroline Smulders und Pablo-Enkelin Sydney Picasso spielen dankenswerterweise nicht die Super-Pädagogen, die den jungen Menschen aus ihrem unendlichen Erfahrungsschatz heraus die Lektion fürs Leben mitgeben wollen. Sie stellen Aufgaben und fällen anschließend Urteile wie „Mir ist das zu narrativ“ oder „unerhört poetisch“, und anders als in anderen Castingshows trompeten sie diese Ansichten den Teilnehmern nicht ins Gesicht, sondern tauschen sich im Hinterzimmer aus, was durchaus interessante Einblicke in die Kriterien auf der ökonomischen Seite des Betriebs gibt. Und gehen muss am Ende der Folgen auch keiner.

Die Künstler von morgen ihrerseits werkeln sich in einem lichtdurchfluteten Atelier (typisch Berlin!) auf dem Gelände der ehemaligen Bötzow-Brauerei an den Jury-Aufträgen entlang. Selbstporträt, Aktstudie und die Neuinterpretation eines Klassikers aus dem Bestand des Auktionshauses Villa Grisebach – kein Klischee wird ausgelassen, wie die Französin Alice Mulliez, die am liebsten mit Lebensmitteln arbeitet, bemäkelt. Wie wenig das mit dem normalen Schaffensprozess zu tun hat, bringt der in Kolumbien geborene Sebastian Mejia auf den Punkt: „Ich finde es gut, Befehle zu kriegen, dann muss ich nicht denken“.

Arte hat schon mehrfach bewiesen, dass man Menschen und ihre Tätigkeiten filmen kann, ohne dass es auf eine inszenierte Nabelschau hinauslaufen muss. Für die Doku Im Hause Chanel begleitete der Sender 2005 die Fertigungsprozesse einer Lagerfeld-Kollektion von den ersten Entwürfen bis zum Laufsteg und fand in den unprätentiösen Näherinnen schnell die eigentlichen Stars. Wer einen Saum zum zehnten Mal von Hand auftrennt, dem ist egal, wie das vor der Kamera aussieht. Authentisch ist Alles für die Kunst auch. Wenn Ismael Duá, der nur im A4-Format arbeitet, sich als Philosoph in Szene setzt, glaubt man, dass er sich so auch abseits der Kameras inszeniert. Verglichen mit Im Hause Chanel wirkt das insgesamt nur etwas bieder: Nichts entsteht, was nicht erst durch die Sendung geschaffen worden wäre. Urteil zur Halbzeit: Mir wird da zu wenig erzählt.