Christine Käppeler
22.01.2013 | 21:02 2

Heiter serviert

Christine Nöstlinger Früher wollte die Autorin mit ihren Büchern Kinder auf eine bessere, sozialistische Welt vorbereiten. Wie sieht sie das heute?

Gibt man im Katalog der Deutschen Nationalbibliothek Christine Nöstlinger ein, erhält man 1.758 Treffer. Ihr Kinderbuch-Klassiker Wir pfeifen auf den Gurkenkönig ist seit der Erstausgabe 1972 in 44 Auflagen erschienen. Nöstlinger wurde unter anderem mit dem Hans-Christian-Andersen-Preis ausgezeichnet, der höchsten internationalen Auszeichnung für Kinderbuchautoren. In ihrer Heimatstadt Wien gibt es ein bekanntes Kaffeehaus, das sie heute meidet, weil dort immer wieder Menschen vor ihr stehen blieben und einfach fragten: „Saaands’s?“ („Sind Sie es?“).

Nach dem Tod ihres Mannes vor gut zwei Jahren ist sie aus dem bürgerlichen Bezirk Hietzing nach Brigittenau gezogen. Weil ihre Tochter in diesem Viertel wohnt, und weil sie überhaupt gerne umziehe, wie sie sagt. Den Weg von der Tramhaltestelle zur Wohnung säumen Sonnenstudios, Elektro-Gebrauchtläden, Internet-Cafés. Die Lage, sagt Nöstlinger, habe einen guten Nebeneffekt: Wenn sie sich heute in Diskussionen für Menschen mit Migrationshintergrund ausspreche, könne keiner mehr sagen, sie habe leicht reden als eine, die in Hietzing wohnt. Während des Gesprächs raucht sie beharrlich gegen eine Wintergrippe an.

Der Freitag: In einem Schaufenster in der Wiener Innenstadt liegt ein neues Buch von Ihnen: Liebe macht blind – manche bleiben es. Auf dem Cover ist eine Frau mit Gurkenmaske zu sehen. Schreiben Sie jetzt Ratgeberliteratur?

Christine Nöstlinger: Ich habe 25 Jahre lang täglich für eine Zeitung geschrieben. Das sind alte Kolumnen. Dass sie heute wieder veröffentlicht werden, zeigt aber, wie wenig sich zwischen Männern und Frauen verändert hat.

Sind Sie denn Feministin?

In einem gewissen Sinn natürlich. Aber keine kämpferische Feministin. Ich war immer eher Zuschauerin als Akteurin. Ich hatte meine Schwierigkeiten mit den Feministinnen der Sechziger und Siebziger, die unendlich männerfeindlich waren. Ich selbst war ein Papakind. Daher fiel es mir auch leicht, in meinen Büchern grandiose Väter und fürchterliche Mütter zu beschreiben. Ich habe mir mühevoll erarbeiten müssen, dass meine Mütter besser und meine Väter realistischer werden.

Trotzdem haben Sie auch einmal gesagt, die Frauen müssten sich in den nächsten zwei, drei Generationen noch ohne die Männer emanzipieren.

Männer haben ihre Seilschaften. Die kann man nicht freundlich bitten, dass sie aufhören und den Frauen 50 Prozent der Aufsichtsräte und der besseren Jobs geben. Deshalb bin ich auch für Quoten.

Wie war das in Ihrer Branche? Hatten Sie Ihre eigenen Seilschaften in den Buchverlagen?

Ich hatte nie eine Seilschaft. Autorsein ist eine Nische im Männer-Frauen-Kampf. Noch extremer ist das natürlich bei der Kinderliteratur. Ich war 30, als ich angefangen habe zu schreiben. Ich hatte nach dem Abitur Gebrauchsgrafik gelernt, also habe ich ein Bilderbuch gezeichnet und die Geschichte dazu erfunden. Hätte Die feuerrote Friederike nicht einen Preis bekommen, hätte ich wahrscheinlich nie wieder versucht, zu schreiben. In meiner damaligen Gemütsverfassung als Hausfrau mit zwei Kindern hätte ich gedacht, das kannst du eben auch nicht, Schluss. Aber ich hatte nie Probleme, meine Sachen an den Mann zu bringen.

War der Einstieg früher leichter?

Wenn man in den Sechzigern und Siebzigern anders geschrieben hat, war es leicht, Aufsehen zu erregen. Eltern und Lehrer waren damals viel besorgter, was Kinderliteratur betraf. Die Debatte um die heile Welt, die man Kindern erhalten soll, ist ja Schnee von vorgestern. Wer schert sich heute noch um Kinderbücher?

Reihen wie Rotfuchs standen damals für engagierte Literatur.

Zu den Lehrreichen von links wollte ich nie gehören. Engagiert und links war ich immer, aber nicht mit dem erhobenen Zeigefinger. Wenn man Kindern etwas erklären will, muss man es heiter servieren.

Sie haben oft gesagt, dass Sie von Michael Endes Büchern wenig halten. Aktuelle Bestseller wie Die Tribute von Panem oder die Bücher von Cornelia Funke müssen Ihnen dann auch ein Graus sein.

Ich kann mit Fantasy nichts anfangen. Ich habe sehr gerne fantastische Elemente in meinen Büchern, aber die Fantasie, die ich entwickle, hat immer etwas mit der realexistieren-den Welt zu tun. Aber ich habe auch Verständnis dafür, wenn Kinder diese Welt übel finden und sich in eine mit anderen Regeln und Gesetzen wegträumen wollen. Was die aktuellen Sachen betrifft: Ich verbringe meine Freizeit gerne mit Lesen, aber nicht mit Kinderbüchern.

Sie haben schon als Kind Literatur für Erwachsene gelesen, haben Sie einmal erzählt.

Ja, weil ich ein Snob war. Und es gab ja keine Kinderliteratur in der Kriegszeit. Als der Krieg aus war, war ich neun. Bis dahin hatte ich nur ein Buch: Lore und der Feuermann. Die Geschichte, an die ich mich erinnere, kann es so nicht gegeben haben: Ein dicker Mensch, der sich betrinkt und eine rote heiße Nase hat, geht durch den Wald. Es fängt an zu schneien, er schläft ein und ist dann ein großer, verschneiter Berg. Aber weil seine Schnapsnase so heiß ist, taut der Schnee weg.

Das klingt wirklich wie etwas, das sich ein Kind ausgedacht hat.

Lesen konnte ich das Buch in Frakturschrift nicht richtig. Und Nazibücher hat meine Mutter nicht geduldet. Ich kann mich erinnern, dass wir in der Schule zu Hitlers Geburtstag ein Buch bekamen. Es war in knallrotes Leinen eingebunden und in Goldschrift stand darauf: Mutter erzählt von Adolf Hitler. Meine Mutter hat es mir aus der Hand gerissen und im Ofen verbrannt.

Haben Sie verstanden, warum sie das gemacht hat?

Na freilich. Ich war ja ein sehr politisches Kind.

Wie alt waren Sie da?

Acht Jahre. In meiner Familie ist immer sehr offen geredet worden. Anscheinend hatten sie keine Angst, dass wir Kinder weitererzählen, was daheim gesprochen wird. Und die Menschen um mich, allen voran meine Großmutter, waren auch einfach disziplinlos.

Das beschreiben Sie in Ihrem Buch Maikäfer, flieg!. Das Kind will mit der Großmutter beim Bombenalarm nicht in den Keller, weil es Angst hat, dass

die Großmutter dort auf Hitler schimpft und angezeigt wird.

Wenn meine Großmutter den Völkischen Beobachter gelesen hat, hat sie auf die Hitlerbagage geschimpft. Dabei hatte ich einen Onkel, der ein Obernazi in Berlin war. Er und meine Mutter haben dauernd gestritten, wenn er nach Hause kam. Ich weiß noch genau, wie er zu ihr sagte: „Ella, die Juden gehen alle durch den Rauchfang.“ Ich habe mir das wie in einem Chagall-Bild vorgestellt, ein Engel, der über den Häusern schwebt.

Nach dem Krieg wollte von den Erwachsenen kaum einer etwas davon gewusst haben. Wie ging es mit den Büchern und Ihrer Lektüre nach 45 weiter?

In der Volksschule hat mir nach dem Krieg jemand Emil und die Detektive geschenkt. Davon war ich so begeistert, dass ich in die Leihbücherei bin und gefragt habe, ob sie noch mehr von diesem Kästner haben. Der Bibliothekar war so berührt, dass er mir aus seinem privaten Bestand den Fabian. Die Geschichte eines Moralisten mitgebracht hat.

Ohne Zweifel kein Kinderbuch ...

Das habe ich mit neun Jahren gelesen. Und ich war so verzweifelt. Fast hätte es ein Happy-End gegeben, und dann kommt dieser kurze Absatz zum Schluss. Ein Kind fällt ins Wasser, Fabian springt hinterher und lapidar steht da: „Der Knabe schwamm ans Ufer, Fabian ertrank, er konnte nicht schwimmen.“ Ich war richtig böse auf den Kästner.

Wie ist das bei Ihnen – bekommen Sie Post von Kindern, die böse auf Sie sind?

Kinder sind ja viel höflicher, als man glaubt. Die würden sich nie mit einer Kritik an mich wenden. Kinder fangen ein Buch an, klappen es zu und legen es weg. Da schreibt keiner: „Schade um die 9,90 Euro.“ Deshalb kenne ich die Leser, die meine Bücher nicht mögen, überhaupt nicht.

Und die zufriedenen Leser?

Ich bekomme wahnsinnig viele Briefe von Kindern. Die werden oft in der Schule geschrieben, dann erhalte ich ein Kuvert mit 35 Briefen. Nur: Denen kann ich eigentlich überhaupt nichts entnehmen. Das sind so Standard-Fragen: „Wie kommen Sie auf Ihre Einfälle?“ Wie soll ich einem Zehnjährigen erklären, wie ich auf meine Einfälle komme? Ich gebe zu: Meistens lasse ich diese Briefe unbeantwortet, mit schlechtem Gewissen. Kinderrat ist ein sehr merkwürdiger Rat. Eine Zeit lang habe ich Schulen besucht. Einmal habe ich aus Man nennt mich Ameisenbär gelesen, das ist der Spitzname eines Mädchens, das eine große Nase hat. Ich habe die Klasse gefragt, wie wir ihr Problem lösen können. Da habe ich zur Antwort bekommen: Sie soll einen blinden Freund treffen. Also bitte, solche Ratschläge nützen mir wirklich nichts.

Ihre Jugendbücher waren immer sehr aktuell. Wie schreibt man als Erwachsene glaubwürdig über Teenager?

Ich hatte ja Kinder.

Die haben Sie als Vorbild benutzt?

Zumindest ausstattungsmäßig. Heute schreibe ich nur noch für jüngere Kinder. Ich habe zwar eine Enkeltocher, aber … ich gehöre sicher nicht zu den Leuten, die sagen, dass früher alles besser war. Aber irgendwie behagt mir das nicht: Wenn jemand zwei Stunden ins I-Phone tippt, dann zwei Stunden in den Computer und trotz überdurchschnittlichem IQ Germany’s Next Topmodel als Lieblingssendung angibt, komme ich nicht mehr ganz mit. Irgendwie haben die Jungen heute für mich zu wenig politisches Bewusstsein.

Sie haben schon in Ihrer Andersen-Preis-Rede 1984 gesagt, dass die elektronischen Medien „schreiblahm“ machen.

Schreiblahm? Echt? Da halte ich es mit eurem alten Bundeskanzler Adenauer und sage: Was interessiert mich mein Geschwätz von gestern? Das ist wirklich Geschwätz, man wird nicht schreiblahm. Aber als ich zu schreiben begann, hatte ich die politische Vorstellung, dass sich bald alles zum Besseren und zum Schöneren hin verändert. Ich habe gedacht, der Sozialismus wird siegen. Und die Kinder, für die ich schreibe, werden als Erwachsene ein viel besseres Leben haben. Wenn man das glaubt, meint man, dass man Kindern die Konflikte auf dieser Welt nahebringen und ihnen viel mehr zumuten kann.

In ihrem Roman Wir pfeifen auf den Gurkenkönig entdeckt eine Familie ein autoritäres System in ihrem eigenen Keller.

Mir war es wichtig, Kindern den Unterschied zwischen Revolution und Putsch zu erklären. Und: Dass man sich auflehnen muss. Aber dann habe ich gemerkt: Das wird nichts. Die Welt verändert sich nicht zum Besseren, im Gegenteil. Und dann verliert man seine Ziele, was man Kindern sagen will.

Hat das zu einer Schreibblockade geführt?

Ich kann mich nicht erinnern, jemals eine Schreibkrise gehabt zu haben. Ich kann mich aber an ein Abendessen mit Astrid Lindgren in Stockholm erinnern. Sie hat zu mir gesagt, das Wichtigste sei für sie, Kinder zu trösten. Und ich habe relativ empört geantwortet: „Also Astrid, bitte, wenn das alles ist – trösten ist mir wirklich zu wenig.“ Aber heute bin ich so alt wie sie damals und sage: Ja, sie hat recht gehabt. Das ist ein Teil der Funktion von Kinderbüchern: Dass man Kinder über ihre Lebenssituation trösten kann. Vor 30 Jahren habe ich das anders gesehen.

Was bedeutet links sein für Sie heute?

Das kann ich nicht definieren.

Würden Sie denn von sich sagen, dass Sie links sind?

Ja. In meiner Familie waren alle Sozialdemokraten. Ich bekam als Kind nie Strafen. Das Ärgste, was meine Mutter sagte, war: „Madel, jetzt scham di.“ („Mädchen, schäme dich.“) Bei uns zu Hause ist immer SPÖ gewählt worden. Dann kamen die Grünen. Mein Mann hat grün gewählt, und weil ich unzufrieden mit den Sozialdemokraten war, habe ich beschlossen, auch grün zu wählen. Ich gehe also mit meinem Wahlzettel in die Kabine und will bei den Grünen mein Kreuzel machen. Ich glaube wirklich nicht an den Himmel, aber plötzlich höre ich von oben meine Mutter zu mir sagen: „Madel, jetzt scham di.“ Und gehorsam habe ich wieder bei der SPÖ mein Kreuzel gesetzt. Egal, was diese Partei macht, von da an habe ich immer mein Kreuzel bei ihr gemacht.

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