Christine Käppeler
26.11.2012 | 12:00

Trip zwischen den Welten

Ausstellung Die Hamburger Deichtorhallen zeigen die erste große Einzelschau von Anselm Reyle. Das Ergebnis ist spektakulär, und verrät viel über die Arbeitsweise des Künstlers

Man kann Anselm Reyle einiges vorhalten: Der 42-Jährige macht Stroh zu Geld, indem er es silbern lackiert. Er nimmt die Abfallprodukte der Achtziger – neonfarbenes Plexiglas, Acrylfarbe in Flieder, metallisch glitzernden Autolack – und bastelt daraus Streifenbilder, die er von seinen Mitarbeitern in Serie produzieren lässt. Die glänzenden Oberflächen seiner neusten Skulpturen wirken, als kopiere er Jeff Koons. Eines aber kann man Anselm Reyle sicher nicht vorwerfen: dass er mit alldem nicht offen umginge.

Die Hamburger Deichtorhallen zeigen aktuell die erste große Einzelausstellung des gebürtigen Tübingers. Für die Eingangshalle hat Reyle eine Rauminstallation geschaffen, die aus den Abfällen seines Berliner Ateliers besteht: Neonröhren, Spiegel, Metallgitter, Plexiglassplitter. Der Besucher weiß also, was ihn erwartet, bevor er im ausrangierten Kassenhäuschen eines Ostberliner Vergnügungsparks sein Ticket löst. Ziemlich unfein erscheint es da, wenn dann in der Halle ein Ehepaar vorm Streifenbild beanstandet, die Enkelin hätte das genauso hinbekommen.

Die große Nordhalle wurde zuletzt von Antony Gormleys Horizon Field auf siebeneinhalb Metern Höhe waagerecht durchschnitten. 120.000 Besucher stiegen auf die schwarze, freischwebende Plattform hinauf. Klar, das hätte die Enkelin so nicht hinbekommen. Reyle hat die Halle nun nicht weniger spektakulär in der Mitte mit einem Vorhang aus Silberfolie geteilt.

Tag und Nacht

Im ersten Raum, der so entsteht, ist es heller als der hellste Tag, weil die silberne Wand das Licht der Fenster und mehrerer Dutzend Leuchtstoffröhren reflektiert. Hier stehen unter anderem die metallisch glänzenden Skulpturen, die Strohballen und die Streifenbilder. Auf der anderen Seite des Vorhangs umfängt den Besucher Nacht, in der nur die Exponate aus sich selbst heraus glühen oder mittels Schwarzlicht erleuchtet sind, wie etwa der alte Heuwagen, den Reyle neongelb eingefärbt hat. Der Künstler schickt den Besucher auf einen gut durchkomponierten Trip zwischen diesen beiden Welten.

Im Tag-Raum spiegelt sich in den Skulpturen die Geschenkfolie, die Reyle in bunten Plexiglaskästen zu Bildern drapiert hat, in den Folien spiegeln sich umgekehrt die Skulpturen, und in der goldenen Ecke eines Farbfeldbildes spiegelt sich der ganze Raum. Im Nacht-Raum wird der Besucher von einem gespenstisch leuchtenden Sonnenuntergang empfangen. Im Tag-Raum wiederum springen zwei Delfine – „Best Friends“ – in einem Malen-nach-Zahlen-Bild vor einem halb versunkenen Sonnenball ins Meer.

Anselm Reyle wird in der Ausstellung mit den Worten zitiert, eine Neonfarbe sei wie eine aufgedrehte E-Gitarre. Das Glühen der Farben im Nacht-Raum wäre dann die Rückkopplung dieser E-Gitarre, die nicht weniger direkt in die Magengrube zielt. Alles also nur Effekt und Illusion?

Blick ins Atelier

Eine Überraschung dieser ersten umfassenden Reyle-Schau ist, dass jedes Werk erläutert und kommentiert wird. Wo künstlicher Rost aufgetragen wurde, steht auch künstlicher Rost drauf. Man erfährt, dass die Struktur des Wandreliefs im Nacht-Raum ebensowenig willkürlich ist wie die Form der türkis-glänzenden Skulptur Eternity im Tag-Raum: Das Relief basiert auf der Wandverkleidung eines DDR-Hochhauses, in Kunststoff nachgegossen und mit Rost überzogen, die Vorlage der Skulptur ist eine afrikanische Speckstein-Figur, die Reyle zufolge von Henri Moore inspiriert sein muss. Wie in diesem kitschigen Reise-Souvenir sucht und findet Reyle in so ziemlich allem Spuren der klassischen Moderne – und er hat eben keine Scheu, dann mit der Airbrush-Pistole oder der Autolackdose ranzugehen.

Am Ende kann der Besucher dem Künstler noch einmal ins Atelier schauen: Ein Film zeigt die bewusst inszenierte Entstehung eines Reyle-Bilds, mit Band, Bier und viel Publikum. Das ist ebenso dick aufgetragen, wie der Lack auf seinen Bildern. Und eben nur deshalb gut anzuschauen.