Christine Quindeau
13.08.2013 | 09:30 50

Markt und Straßen stehn verlassen

Semesterferien Während des Semesters ist Erlangens Innenstadt überfüllt von Studierenden, Prüfungsangst, Reden, Schreien und Rädern. In den Semesterferien ist sie plötzlich leer.

Bis Ende Juli sind die engen Straßen in der Innenstadt so etwas wie ein sonniger, von Geplauder erfüllter, irrer Vorkreis der Hölle. Man sollte zum Beispiel  vermeiden vormittags um zehn auf die Straße zu treten. Um 9.45 Uhr endet die eine Vorlesung und 10.15 Uhr beginnt die nächste. Da die Vorlesungsgebäude der Universität durch die ganze Stadt gestreut sind, ist zehn Uhr generell eine Zeit, in der man sich unterstellen sollte, wie wenn es regnet. Jeweils zu geraden Uhrzeiten (neun ist ungefährlicher, da hocken sie alle gut untergebracht im Vorlesungssaal, checken Facebook auf dem I-Phone und mampfen dabei eine Breze) benutzt die kundige Erlangerin studentisch unerschlossene Insider Routen.

Erlangen ist eine Großstadt. Sagt man so. Wer am Bahnhof ankommt, glaubt es nicht. Auch widerspricht es der Vorstellung von einer Großstadt, wenn man die gesamte Innenstadt in einer Viertelstunde in jeder Richtung zu Fuß durchqueren kann.  Aber sie haben ihre 106.0000 Einwohner und sind stolz drauf. Menschen, die das Wort Provinz benutzen, finden keine Freunde. Nur selbst in einer  - gerade eben so, aber immerhin - Großstadt drohen angesichts von 26.000 Studierenden (alle gleichzeitig um zehn Uhr auf dem Rad) die engen, von alten Häusern gesäumten Straßen überzulaufen.

Erlangen hat sich der studentischen Fahrradflut längst ergeben, Fahrrädern ist alles erlaubt, Autofahrern ist erlaubt, zu bremsen. Es geht auch wirklich nicht anders. Auch Radler nervt es, dass man kaum je schneller als 15 km/h in der Innenstadt fahren kann. Irgendwer einen Kilometer weiter vorne muss in Viererreihe nebeneinanderfahrend die Klausur besprechen.  Und dass die gesetzlichen Verkehrsregeln aufgehoben sind. Man geht und radelt vorwiegend nach Gehör. Da Radler kaum Geräusch machen, ist die Sache tricky. Die Autofahrer, die es nicht mehr wagen, die StVO einzuhalten, so oft flitzt ein Radler aus dem nichts kommend dicht vor ihrer Kühlerhaube vorbei,  machen das Ganze noch unvorhersehbarer.

Anfang  Juli steigt der Stresslevel. Das Geplauder und Gelächter wird hitziger, die Beinah-Zusammenstöße werden gefährlicher, die Studierenden, die im Juni im Schlossgarten noch auf Seilen balancierten oder Volleyball spielten, lernen mit plötzlich blassen Gesichtern oder reden düster über ihre Zukunftsaussichten (falls sie jetzt ihren Schnitt verhauen sollten). Man denkt sich, wie schon letztes Jahr im Juli, aber nächstes Jahr zieh ich in eine andere Gegend.

Und von einer Woche auf die andere ist die Stadt leer. Man sieht grünen Rasen im Schlossgarten und bunte Rabattenbepflanzung statt bunter T-Shirts. Und die Straßen, wie klein! Wie hutzelig die Häuser, wie schwarz dieser Asphalt aussieht. Und ach du liebes bisschen, ich bin ja hier zur Schule gegangen. Dort. Und da hat meine erste große Liebe gewohnt. Seh mich 16-jährig mit ihm Arm in Arm gehend, ich hab sein Hemd an. Dort geht’s zur Schwabach. Und da ist die Stadtbibliothek, da komm ich elf-jährig raus, die Tüte prallvoll, sie reißt ein an der Ecke. Das ist ja meine Stadt. Meine Stadt, in die ich zurückgekommen bin. Sonnig, still, enthüllt.

An der Schwabach spielen noch kleine Kinder zu Wasser und im Sand. Ein Anblick wie in einem Bilderbuch. Natürlich, es gibt hier auch Kinder, muss es ja geben.  Hat man gar nicht gesehen, zu viele rennende Studentinnen, Wunschgewicht im Blick. Nach und nach sieht man einen neuen Vorhang an einem Studentenappartement. Ein glücklicher, der ein Zimmer hat. In dem Appartementkomplex werden Mietverträge nur mit solventen Eltern geschlossen. Klar niemand sonst könnte schon im August Miete zahlen, wenn das Semester im Oktober beginnt. Aber der Bub hat eine Bleibe.  Nur 50 Meter von der Uni. Hoffentlich nutzt ers wenigstens, denke ich.  Ein Stück weiter ein neuer Blumentopf auf einem Balkontisch. Ein dunkelroter Topf mit einer etwas helleren Blume im gleichen Ton, teuer und geschmackvoll.  Sieht mitten in dem studentischen Ambiente aus als hätte ihn eine besorgte Mutter dahin gestellt. Als könne der Wohlstand und Stil verbreitende Blumentopf das Kind schützen, wenn es das erste Mal weg von daheim ist.  Ich sehe sie richtig vor mir, fürsorglich, aber sich pragmatisch gebend, sich immer wieder sagend, dass man Kinder loslassen muss. Und dann der Blumentopf. 

Die Verbindungsjungs haben ihre Anlange aufgedreht. Sie beschallt die Stille mehrerer Straßenzüge.  Halbnackt und stockbetrunken tanzen sie auf der Treppe zu dem altehrwürdigen Verbindungshaus mit erheblichen Sonnenbränden an den freien Stellen. Um zwei Uhr mittags, das nenn ich mal Kondition im Durchfeiern. Da hat wohl jemand sein Examen bestanden.  Etwas weiter spielen Kinder Federball auf der Straße. Das eine Kind hält den Schläger so, dass es den Ball nie trifft. Die Mutter merkt es nicht. Sie sitzt auf der Doppelstufe zum Haus im Schatten und lacht mit zurückgelegtem Kopf in die Sonne, eine Kaffeetasse neben sich. Wie in einem Vorort.

Vor meinem Haus ist das Wunder offenbar geworden: Es sind noch drei Rillen im Fahrradständer frei. Semesterferien - o du gnadenreiche Zeit!

 

Der Titel und der letzte Satz sind erste und letzte Zeile des Gedichts "Weihnachten" von Joseph von Eichendorff

 

Kommentare (50)

Wolfram Heinrich 13.08.2013 | 11:15

Für meine Diplomarbeit mußte ich ziemlich viele Doktorarbeiten (1) lesen. Noch bei jeder Dissertation, die ich aufgeschlagen habe, dachte ich im ersten Moment, sie sei an der Universität Erlangen angefertigt worden.

"Dissertation zur Erlangung des Doktorgrades" stand da jeweils. außer in Kreuzworträtseln und Dissertationen benutzt sonst niemand mehr das Wort "Erlangung".

 

Ciao

Wolfram

(1) Also nicht die ganzen Arbeiten, sondern jeweils nur den Theoretischen Teil. Es ging dabei um Linguistik und die Texte waren immer dieselben, also nahezu. Immer dieselben Zitate aus immer denselben Aufsätzen und Büchern von immer denselben Referenz-Linguisten.

Christine Quindeau 13.08.2013 | 17:20

Echt? Das freut! Man weiß ja immer nicht, wie etwas geworden ist gleich nach dem Schreiben. Also ich kann mein eigenes Geschriebenes immer erst viel später beurteilen. Ich habs jetzt noch etwas gekürzt, weils mir zu langatmig vorkam. 

Zu meiner Schande muss ich gestehen, dass ich noch nie in Holland war, aber dass es gefährlicher sein soll als die Mediziner-Rennstrecke zwischen Hörsaal und Klinik... ich glaub ich muss auch nicht nach Holland *g*

Meyko 13.08.2013 | 18:44

Köln, Ferienmitte: Ein Rennradler überholt verdeckt und somit ungesehen auf der Innenseite (beinah hätt ich Innenspur geschrieben) im einspurigen Kreisverkehr, um dann rechts herauszuschießen  und ca. 0,356 mm vor meinem Scheinwerfer die nächste Ausfahrt zu nehmen. Direkt vor einem Polizeigebäude !

Puh! Ferien - o du gnadenreiche Zeit!

 

P.S.: Ich mag auch an diesem Beitrag wieder die menschennahe und blickscharfe Beschreibungskompetenz :-)

Diander 13.08.2013 | 19:52

Ich habe das auch sehr gern gelesen. Schöne Beobachtungen, ein sehr schöner Blog.

Lustigerweise habe ich vor ein paar Tagen einen kurzen Bericht über Erlangen im Fernsehen gesehen (BR-Radltour, aus Versehen, ich schwör! :-)) Und dachte mir noch, Erlangen, das ist aber eine hübsche Stadt, schöne alte, ehrwürdige Gebäude. Großstadt hätte ich es nicht genannt, aber bei über 100.000 Einwohnern kann man sich des Begriffs vermutlich nicht erwehren. Auch in dem Bericht waren die vielen Studenten zu sehen und zu hören, mit Radl unterwegs, eh klar.

Grüßle, Diander

Christine Quindeau 14.08.2013 | 08:25

Na da haben Sie Glück gehabt!! Erlangen hat, was Kreisverkehre angeht noch eine Besonderheit zu bieten und zwar den weltweit einzigen Kreisverkehr (vermute ich^^) , der Kreisverkehr am Lorlebergplatz, bei dem die Zufahrtsstraßen Vorfahrt haben, nicht der Kreis.

Jeder nicht-gebürtige Erlanger, wundert sich sehr (wenn er überlebt ;-) Ne, richtig gefährlich ist es nicht, weil alle unheimlich defensiv fahren, aber man sieht manchmal Autos mit anderen Kennzeichen völlig von der Rolle mitten im Kreis stehenbleiben vor Verwirrung.  ^^

Dankeschön :-) Und falls es Sie mal überkommt: ich bin auch für kritisches dankbar!

Christine Quindeau 14.08.2013 | 08:32

Es ist sehr seltsam, aber genau das hör ich von allen Besuchern, so sauber, schöne Häuser, alles so hübsch, es gibt ja gar keinen Schmutz... der Erlangerin kommt das nicht so vor. Die findet die Stadt in erster Linie klein, heimelig und gänzlich attraktionsbefreit ;-) Eben wie ein Zuhause, nix Tolles aber alles in Reichweite :-)

Dann schließ ich mal messerscharf, dass du auch aus Bayern bist^^. Schad, dass es keine PN-Funktion gibt, über die man neugierige Fragen stellen könnte^^ Naja irgendwann dann... :-)

Christine Quindeau 14.08.2013 | 09:12

Merci! "Beruhigt Autofahren" ^^ Das geht natürlich nicht in Erlangen, da ist jede Millionenstadt noch beruhigender in dem Sinn, dass man wenigstens weiß, was von einem erwartet wird (mit 80 durch die Stadt brettern zum Beispiel, ob man will oder nicht ;-)

Aber ich bin ja von der Fahrradfraktion, ich muss hier mehr Klassenkampf betreiben und sollte nicht soviel Verständnis für die Autofahrer aufbringen... Autofahrer, bäh!! :-)

Wolfram Heinrich 14.08.2013 | 10:32

@Christine Quindeau

Bestimmt :-D

Ob "an der Knatter" weiß man natürlich nicht ^^

 

Ich mußte mich beim Nachschlagen gerade belehren lassen, daß die weithin bekannte (1) Hansestadt Kyritz ihren Beinamen "an der Knatter" nicht vom Flusse Knatter herleitet (den Fluß gibt es gar nicht), sondern von den einstens zahlreichen Wassermühlen, die ordentlich geknattert haben.

 

Ciao

Wolfram

(1) Kyritz an der Knatter ist in die Literaturgeschichte eingegangen, der letzte Akt von "Pension Schöller" spielt dort. "Pension Schöller" ist immer noch das deutschsprachige Referenzwerk zum Problem der Diagnostik von psychischen Störungen im allgemeinen und dem dabei wirksamen Einfluß von Vorurteilen im besonderen.

 

tlacuache 14.08.2013 | 10:54

..."In dem Appartementkomplex werden Mietverträge nur mit solventen Eltern geschlossen"...

***** - Text

Nebenbein, da wo ich mich rumtreib', gibt es 2013 Grundstücksbesitzerstudenten und Nichtgrundstücksbesitzerstudenten, ersteren gehört die Welt. letzderen die Arschkarte. Wieviele Jahre fehlt Erlangen noch, um dahin zu kommen?

Gruss

 

Diander 14.08.2013 | 12:00

Dann schließ ich mal messerscharf, dass du auch aus Bayern bist^^

Das ist kein großes Geheimnis, ja. Aber ursprünglich eher aus der altbayrischen Ecke mit etlichen Stationen. Und jetzt in Kempten /Allgäu mit dem stolzen Zusatz „Hochschulstadt“ (65.000 Einwohner) gelandet. Für Radlfahrer sind hier allerdings Schikanen eingebaut, Kempten liegt zwischen 646 m und 915 m über NN. Da ist das Radeln für gelernte Waagrechtfahrer bisweilen anstrengend, und mit popeligen 3 Gängen kommt man nicht weit. So fährt der „gemeine“ Allgäuer auch innerorts fast jeden Meter mit dem Auto (sehr gerne auch mal zulasten von Radlern und Fußgängern), hier ist das Kräfteverhältnis umgekehrt. Geradelt wird mehr außerhalb, mit Mountainbike und sportlichem Spezial-Outfit in den Bergen, dafür aber dann volle Lotte.

Die Hoffnung auf baldige PN können wir ja trotzdem weiter hegen :-)

Christine Quindeau 14.08.2013 | 19:58

Ich war zuerst beim Lesen geschockt, aber tatsächlich ist es hier nicht viel anders. Der Aufstieg ist so stark vom Geld abhängig, dass man an eine Durchlässigkeit, obwohl sie formal möglich ist, nicht mehr wirklich glauben kann. Durch die Bologna-Reform haben sich die Nachteile für die Studierenden, die arbeiten müssen, nochmal so verschärft, dass Chancengleichheit zur Worthülse verkommen ist, fürchte ich.

Wolfram Heinrich 15.08.2013 | 03:13

@Christine Quindeau

Der Aufstieg ist so stark vom Geld abhängig, dass man an eine Durchlässigkeit, obwohl sie formal möglich ist, nicht mehr wirklich glauben kann. Durch die Bologna-Reform haben sich die Nachteile für die Studierenden, die arbeiten müssen, nochmal so verschärft, dass Chancengleichheit zur Worthülse verkommen ist, fürchte ich.

 

So was wie Chancengleichheit gab's mal in sechziger, siebziger Jahren. Meine relativ gute Ausbildung etwa verdanke ich dem Genossen Walter Ulbricht. Nein, ich bin nicht in der DDR aufgewachsen.

In der alten Bundesrepublik begann im Laufe der sechziger Jahre eine ganz erstaunliche Bildungsoffensive, neue Universitäten wurden gebaut, bestehende Unis ausgebaut, vergleichsweise großzügige Stipendien (BAföG) wurden eingerichtet. Hatte man begriffen, daß für eine funktionierende Demokratie gebildete Staatsbürger notwendig sind?

In den fünfziger Jahren hat Konrad Adenauer einmal gesagt, er sehe nicht ein, warum die Bundesrepublik Deutschland viel Geld in Universitäten investieren solle, solange es die Technische Hochschule Dresden gebe. Verdammt gut ausgebildete Chemiker, Ingenieure, Facharbeiter etc. pp. aus der DDR machten rüber und wurden mit offenen Armen aufgenommen. Und dann war auf einmal die Grenze dicht. Die einst überreichlich sprudelnde Quelle wurde zum Rinnsal, auf das man keine Ökonomie mehr bauen konnte. Nun mußte man auf einmal selbst für gut ausgebildeten Nachwuchs sorgen...

Danke, Walter.

 

Ciao

Wolfram

Wolfram Heinrich 15.08.2013 | 03:15

@Christine Quindeau

Für Radlfahrer sind hier allerdings Schikanen eingebaut, Kempten liegt zwischen 646 m und 915 m über NN.

*lach* klingt nach bayrisch-San Francisco ;-)

 

Wie viele Städte im südlichen Bayern ist Kempten eine sehr alte Stadt. Wie in Augsburg, Regensburg oder Passau waren in Kempten die Menschen bereits dekadent, als sich am Zusammenfluß von Spree und Havel noch die Wildschweine an den Bäumen rieben. Schon Strabon erwähnt die Stadt in einem Buch aus dem Jahre 18 nach Christus.

Kempten lag damals in einer ungemein flachen Gegend, so flach, daß die Tränen zu laufen begannen, wenn man länger als drei Minuten in eine Richtung schaute. Und so erließ der Landpfleger Quintus Maximus ein Gesetz, demzufolge in Kempten und um Kempten und um Kempten herum eine Gebirgslandschaft zu schaffen sei, auf daß die Augen ein Gefallen daran hätten.

Er ließ den (später so genannten) Domberg von Freising, der damals zweeneinhalbtausend Meter hoch war, abtragen und ließ das Material nach Kempten schaffen, wo nach und nach eine liebliche Berglandschaft entstand. Freising hieß damals übrigens noch Friesing, weil es die Freisinger (eigentlich ja Friesinger) immer frieselte, der enormen Höhenlage wegen.

Wie das so ist bei Bauarbeiten, verschwand ein Gutteil des Baumaterials unter der Hand, so daß das hügelige Voralpenland entstand.

Dies habt zur Belehrung.

 

Ciao

Wolfram

Wolfram Heinrich 15.08.2013 | 03:17

@Christine Quindeau

Ist das ein neuer Trend selbst Kommentare mit Fußnoten zu versehen?^^

 

Nur bei sehr vornehmen Kommentatoren wie mir, die auch unter widrigen Umständen nur im Sitzen pinkeln.

http://im-sitzen-pinkeln.de/files/2010/10/cartoon-im-sitzen-auf-dem-urinal.jpg 

 

Ouh, ich muss meine Bildungslücken bezüglich Pension Schöller wann anders schließen.

 

Ich empfehle Ihnen, sich das Video (es gibt vier davon) anzuschauen. Eine hervorragende Aufführung mit opulenter Besetzung: Harald Juhnke, Wolfgang Kieling, Elisabeth Wiedemann Günter Pfitzmann, Wolfgang Völz. Selbst für die Nebenrolle des Kellners hat man Ralf Wolter engagiert.

 

Ciao

Wolfram

Christine Quindeau 15.08.2013 | 10:47

Dies habt zur Belehrung.

merci, merci ^^

Zum Thema Bildungsentwicklung: ja der Zugang zur Bildung für Jedermann aus den 70er Jahren wird sukzessive immer mehr vom Geld abhängig. Sicher studieren mehr Menschen als früher, so dass die Regierung behaupten kann, es haben mehr Zugang.

Aber für die große Masse sind, ohne dass die Eltern viel Geld haben, einschneidende Benachteiligungen enthalten. In Studienfächern mit hohem NC sind schon fast nur Kinder aus gutsituierten Familien. Ist der Studienort noch teuer, sind es fast nur noch reicher Leute Kinder (mein Eindruck, ich hab keine Statistik dazu). Zum Beispiel ein Jahrgang an der LMU (Exzellenzuni, Studienfach mit Einser-NC) kamen auf 150 Studierende, einer, der es aus einer armen Familie geschafft hatte. Da haben sich schon Arztkinder benachteiligt gefühlt, weil sie nicht so viel Geld wie die Unternehmerkinder hatten. Gearbeitet hat man, wenn überhaupt, ein paar Stunden am Lehrstuhl, weil es sich gut im Lebenslauf macht. Es war auch definitiv nicht möglich 400 Euro oder ähnliches nebenbei zu verdienen und gleichzeitig das Studienprogramm einzuhalten, was aber für viele Studierende ein Muss ist.

In den letzten Jahren wurden durch Bologna, Exzellenzinitiativen usw. die Errungenschaften der Bildungspolitik der 70er Jahre faktisch verbrannt. Und mit ihnen Gerechtigkeit, was abgesehen von den einzelnen Menschen, die die Benachteiligung trifft, auch der Gesellschaft insgesamt schadet.

Allein wie die Auslese bei den Psychologiestudierenden getroffen wird. Zum Beispiel via NC und Studienort systematisch reicher Leute Kinder den Zugang zu dem Beruf zu gewähren, die meist noch nichts von bedrückenden Lebensbedingungen gesehen haben. Zumal viele psychische Erkrankungen wie Depressionen, Schizophrenie usw.  ja mit bedrängten Lebensverhältnisse korrelieren. Das ist ein ganz toller Filter ^^

Das Nächste ist, dass man natürlich immer die Werte hochhält, aus denen man kommt. Das heißt die psychologische Forschung und Praxis wird sich zwangsläufig weiter in Richtung einer herrschenden Klasse Wissenschaft verzerren. Es wäre also nur im Sinne der Psychologie, dass man eine schichtsspezifsiche Quotenregelung einführt (das ist mein Ernst). Selbst wenn man von allgemein gesellschaftlichen und individuellen Gerechtigkeitsanforderungen absieht.

Wolfram Heinrich 15.08.2013 | 12:08

@Christine Quindeau

>>Dies habt zur Belehrung.<<

merci, merci ^^

 

Bitte, bitte. Ich bin immer gerne bereit, das Niveau der Allgemeinbildung zu heben.

Ohne Niewoh

Geht’s halt nicht seau.

 

Sicher studieren mehr Menschen als früher, so dass die Regierung behaupten kann, es haben mehr Zugang.

 

Die enorm gestiegene Zahl von Studenten liegt zu einem guten Teil daran, daß Ausbildungsgänge, die früher im Betrieb und in der Berufsschule absolviert wurden, heute als Studiengang an Universitäten und Fachhochschulen gelehrt werden. Schau mal hier rein, was heute alles als Studiengang gilt. Da findest du etwa Accessoire Design oder Advanced Nursing Practice (Erweiterte Pflegepraxis), einst solide Ausbildungsberufe, die heute einfach unter Wissenschaft laufen. In Wiesbaden kannst du heute Kriminalkommissar studieren. In fünf Jahren kannst du keine Dönerbude mehr aufmachen, wenn du nicht zuvor Orientalische Ernährungswissenschaft studiert hast.

 

In den letzten Jahren wurden durch Bologna, Exzellenzinitiativen usw. die Errungenschaften der Bildungspolitik der 70er Jahre faktisch verbrannt. Und mit ihnen Gerechtigkeit...

 

Die (relative) Gerechtigkeit und Chancengleichheit der sechziger und siebziger Jahre hatte wenig mit Menschenfreundlichkeit zu tun. Hier einige Gedanken von Georg Schramm zur Bildungspolitik der sechziger Jahre.

 

Ciao

Wolfram

Diander 15.08.2013 | 22:28

Lieber Wolfram, danke für den Geschichtsexkurs. Eine kleine Ergänzung: Die Stadtgeschichte von Kempten beginnt angeblich noch früher, laut Kemptens Zeittafel schon Jahrzehnte v. Chr. 

Andere Städte wehren sich dagegen, dass Kempten die Bezeichnung als älteste Stadt Deutschlands zu überlassen. 

Ist aber auch wurscht (außer, man ist Stadtarchivar), im Laufe der Zeit nivelliert sich das, steinalt ist steinalt. 

Und ich bin fest, fest überzeugt, dass Teile des Freisinger Dombergs auch später noch einmal abgetragen wurden, alleine zu Zweck, mein altes Dreigang-Rad (und mich) in Kempten zu demütigen.

Grüßle, Diander

Wolfram Heinrich 15.08.2013 | 23:13

@Diander

Lieber Wolfram, danke für den Geschichtsexkurs.

 

Bitte, bitte, ich bin immer gerne bereit, die Fackel der Aufklärung bis in die nebelverhangenen Wälder des Nordens zu tragen.

 

Eine kleine Ergänzung: Die Stadtgeschichte von Kempten beginnt angeblich noch früher, laut Kemptens Zeittafel schon Jahrzehnte v. Chr. 

 

Ich denk mir, wenn Strabon Cambodunum 18 nach Christus erwähnt, dann muß die Stadt wohl erhebliche Zeit zuvor gegründet worden sein.

 

Andere Städte wehren sich dagegen, Kempten die Bezeichnung als älteste Stadt Deutschlands zu überlassen.

 

Die älteste Stadt Deutschlands ist natürlich Berlin, denn: "Der Häuptling singt immer am schönsten". (Afrikanisches Sprichwort)

 

Und ich bin fest, fest überzeugt, dass Teile des Freisinger Dombergs auch später noch einmal abgetragen wurden, alleine zu Zweck, mein altes Dreigang-Rad (und mich) in Kempten zu demütigen.

 

Ich weiß nicht, ob du Hamburg kennst, aber die Direttissima von St.-Pauli-Landungsbrücken bis zur Kastanienallee ist fast so steil wie die Eiger-Nordwand der Weg bei mir vom Haus zur Straße rauf. Was ich gekeucht habe...

 

Ciao

Wolfram

Diander 16.08.2013 | 00:06

Bitte, bitte, ich bin immer gerne bereit, die Fackel der Aufklärung bis in die nebelverhangenen Wälder des Nordens zu tragen.

Süden, bitte, Süden. Kempten liegt auf dem Weg von Aldersbach nach Genua ca. in der Mitte.

Die älteste Stadt Deutschlands ist natürlich Berlin, denn: "Der Häuptling singt immer am schönsten". (Afrikanisches Sprichwort)

yep

 

 

Wie hoch ist eigentlich der Prenzlauer Berg?

 

Ich weiß nicht, ob du Hamburg kennst, aber die Direttissima von St.-Pauli-Landungsbrücken bis zur Kastanienallee ist fast so steil wie die Eiger-Nordwand der Weg bei mir vom Haus zur Straße rauf. Was ich gekeucht habe...

Oja, das kenne ich, beim letzten Besuch in Hamburg logierte ich genau in dem Hotel am Gipfel zwischen Landungsbrücken und Kastanienallee. Man glaubt es kaum, wie hoch der Domberg in Freising mal gewesen sein muss, und wohin das Zeug überall gekarrt wurde.

Grüßle, Diander

Wolfram Heinrich 16.08.2013 | 00:37

@Diander

Süden, bitte, Süden. Kempten liegt auf dem Weg von Aldersbach nach Genua ca. in der Mitte.

 

Meine kleine historische Vorlesung richtete sich natürlich an die nördlichen Landeskinder, die eventuell hier mitlesen. Bei dir habe ich vorausgesetzt, daß du mit der Heimatgeschichte von Kempten und Freising vertraut bist.

 

Wie hoch ist eigentlich der Prenzlauer Berg?

 

91 m hoch, lese ich. Es ist, wie Kempten, eine künstliche Gebirgslandschaft, nach 1945 aus den Überresten Berlins errichtet.

 

Oja, das kenne ich, beim letzten Besuch in Hamburg logierte ich genau in dem Hotel am Gipfel zwischen Landungsbrücken und Kastanienallee.

 

In Neapel ist man gastfreundlicher, dort kann man mit den Funiculari die Höhenunterschiede überwinden.

http://www.portanapoli.de/sites/default/files/styles/large/public/field/image/funicolare_mergellina.jpg 

Aber der Hanseat ist halt ein Stiesel.

 

Ciao

Wolfram

Magda 17.08.2013 | 09:24

Ja, er ist 91 Meter hoch und es gibt eine Straße, die genau so heißt und ein bisschen schräg ist. Die besungene Pappelallee war früher eine richtige schöne verkramte Altbauritze. Fürchterlich. 

Mensch, vor vielen Jahren habe ich auch schon mal eine Straße im Prenzlauer Berg "beschrieben". Das war noch für den ehemaligen "Freitag".

Das Internet vergisst nichts. Ich habs im Archiv gefunden. https://www.freitag.de/autoren/der-freitag/denkmal-fur-eine-no-name-anarchistin

Aus dem Prenzlauer Berg sind wir schon vor vielen  Jahren weggezogen. Aber nicht so weit. Ich bin da immer gern, aber als Besucherin. 

 

tlacuache 17.08.2013 | 10:54

Wo hast du das ausgegraben?

Joaquín López-Dóriga  hat mir letztendlich Spanisch beigebracht, auch wenn er nicht der hellste ist, übrigens gehören Ausländer eher dazu, Popocatépetl komplett auszusprechen, Einheimische sagen dazu nur "PoPo", was so viel wie Kinderkacke heisst, aber eigentlich heisst er in Nahuatl "der dampfende Hügel". Der ist mit 16 Satelliten der bestüberwachteste Vulkan auf dem Planeten, wenn der rotzt, ist die Sau raus. Hast du mal 30 Millionen rennen sehen? Nebendran ist die  Iztaccíhuatl, "schlafende Frau"...

Du alter Vielflieger (Miles and More)...

Gruss ;-)))))))

 

Wolfram Heinrich 17.08.2013 | 11:27

@tlacuache

Wo hast du das ausgegraben?

 

Ja mei, wer ko, der ko. Aber was heißt ausgegraben? Die Aufnahmen sind vom 12. Oktober 2012, also noch kein Jahr alt. Gesucht hatte ich nach einem schönen Film von einem ejakulierenden Berg, da fand ich so was.

 

Aber die Penetration des Popocatépetl war dann noch schöner.

 

übrigens gehören Ausländer eher dazu, Popocatépetl komplett auszusprechen

 

Ich will halt damit protzen, daß ich den Namen richtig schreiben kann, ohne nachzuschlagen. Für einen Europäer sind die altamerikanischen Wörter schon eine Herausforderung. Ich mein jetzt nicht die wohlvertrauten Fremdwörter xocolatl und tomatl, sondern Huitzilipochtli (Vitzliputzli) und Chalchiuhtlatonal (ich will nicht lügen, den habe ich nachgeschlagen).

 

Der ist mit 16 Satelliten der bestüberwachteste Vulkan auf dem Planeten, wenn der rotzt, ist die Sau raus.

 

Dasselbe Problem in etwas kleiner hat Neapel. Wenn der Vesuv mal losdonnert, wird es eng in Neapel, ich sage nur Pompeji, Herculaneum...

Der Neapolitaner aber sagt sich: Freilich, dann bin ich tot. Aber zuvor habe ich in Neapel gelebt.

 

Du alter Vielflieger (Miles and More)...

 

Wer seine Zeit nicht damit verplempert, überall in der Welt rumzujetten, hat ausreichend Zeit, sich über die Welt zu informieren.

 

Ciao

Wolfram

Christine Quindeau 17.08.2013 | 11:31

Ouh Magda, das ist aber sehr gut geworden!

Hier meine Leseempfehlung:  https://www.freitag.de/autoren/der-freitag/denkmal-fur-eine-no-name-anarchistin

So ein schönes Denkmal für den kleinen uncoolen unmännlichen unpolitischen Widerstand, der verändert.

"Mach auch mal so was, setz´ dich mitten auf die Straße oder leg´ dich irgendwo quer."

oder "Enterbt sind sie nicht."

Große Klasse in kleiner Kunst!

tlacuache 17.08.2013 | 11:42

Um deine Bildungsluecken zu schliessen, hier noch ein Endgericht:

Schokolade = xokoatl (Nahua)

Wobei die Spanier immer ein "X" eingesetzt haben, wenn sie was nicht aussprechen konnten, da haben die deutschen eine grossen Vorteil

("Schorsch")

Auch der "Kakaw" kommt nicht, wie irrtümlicherweise angenommen, aus Bayern sondern von den Mayas, Nestlé hat sich nur die Namensrechte gesichert, auch wenn Nestlé keine Bayern sind und Preussen schon gar nicht, aber sie haben so ein hübsches "é" darüber... ;-)))) und Gruss

Wolfram Heinrich 17.08.2013 | 11:53

@Christine Quindeau

Wahrhaft ritterlich ist, dass Sie das fehlende "n" in meinem Kommentar "Ich hab bei euren Hügelexkurse sehr gerne mitgelesen :-)"  ausbessern, wenn Sie einen zitieren...

 

Schön, daß Sie das so sehen. Ich habe mir schon mal ordentlich Dresche eingehandelt, weil ich einen offensichtlichen Tippfehler im Originaltext in meinem Zitat ausgebessert hatte. Das sei Zitatfälschung, grunzte mir der Autor empört entgegen. Kein Witz.

 

Ciao

Wolfram

Diander 17.08.2013 | 20:25

Ja, er ist 91 Meter hoch… Das Internet vergisst nichts. Ich habs im Archiv gefunden.

Mit unabhängiger, ortskundiger Bestätigung glaub ichs. Vor ungefähr 10 Jahren war ich mal in der Ecke (so ungefähr zu der Zeit der Geschichte); da war es schon richtig hipp, zumindest in manchen Ecken, genau die trash-Ecke, die da beschrieben ist. Etwas, was optisch mit der Hausbesetzerszene im Westen in den 70er, 80er Jahren vergleichbar ist.

Ja, liebe Magda, das ist ne richtig schöne Geschichte, stell die doch mal neu ein (oder geht das nicht?)

Grüßle, Diander