Columbus
14.01.2013 | 17:04 44

Schreibregeln für den Israeljournalismus?

Zu Israel schreiben Shimon Samuels, der Leiter des Pariser Simon-Wiesenthal-Zentrums, formulierte zehn Gebote für den Israeljournalismus. Sind seine Regeln hilfreich?

Schreibleitlinien für den Israeljournalismus?

 Die Journalisten, unsere Schamanen und Voodoopriesterinnen der öffentlichen Meinung, verfassen sich gerne selbst Leitlinien und Verhaltenscodices für ihre Arbeit, an die sie sich dann weltweit häufig nicht halten. Zudem gibt es in jedem Land mit einer entfalteten Presse und Medienlandschaft Medienschaffende, die, aus ganz unterschiedlichen Gründen, ein unausgesprochene Recht in Anspruch nehmen dürfen, sich an Standesregeln nicht wirklich halten zu müssen.

 Shimon Samuels vom Pariser Simon-Wiesenthal-Zentrum will den ernsthaften Publizisten und Journalisten nun helfen, insbesondere wenn es um Israel als Schreibanlass geht. Er hat ihnen einen ethischen Dekalog aufgesetzt, wie über Israel zukünftig geschrieben werden sollte, damit garantiert kein Antisemitismus oder Israelhass dabei heraus kommt.

 

Alle diese Definitionen für manifesten Antisemitismus soll Augstein erfüllt haben

 Der Tagespiegel veröffentlichte vor dem Wochenende (11.01.2013) einen Beitrag Shimon Samuels, „Auch Worte können töten“ (http://www.tagesspiegel.de/meinung/antisemitismus-debatte-um-augstein-was-medien-beruecksichtigen-sollten-wenn-sie-ueber-israel-berichten/7617228-2.html ). Samuels, der Direktor des Pariser Simon-Wiesenthal-Zentrums, verteidigte die Entscheidung der Zentrale in Los Angeles, Jakob Augstein auf die ominöse Antisemitismus-Jahresliste zu setzen. Die Begründungen dafür bleiben allerdings auch bei ihm eher dürftig.

 Im Wesentlichen geht es um den Vorwurf, Augsteins Spiegel Beiträge hätten die bekannten „3-D-Test“- Regeln des sowjetischen Dissidenten Natan Scharansky nicht eingehalten, also „Dämonisierung“ befördert, die Interessen Israels und der Juden delegitimiert und „doppelte Standards“ in der Beurteilung Israels angelegt.

Zudem seien auch die Kritierien der „Berliner Erklärung zum Antisemitismus“ der OSZE und die Antisemitismusdefinition der Europäischen Menschenrechtsagentur erfüllt, um dieses harsche Urteil fällen zu können. Samuels führt seine Begründung, so wie vorher schon seine Kollegen aus Los Angeles, nicht detailliert aus. Er verweist über Links auf die allgemein gehaltenen Deklarationen und erwähnt die Zitate aus Augsteins Texten, deren sich das SWC in den USA bediente.

 Eine ausführliche Erklärung entlang dieser Zitate, was denn an ihnen nun antisemitisch sei, steht weiterhin aus. - Ich denke, sie kann auch gar nicht geliefert werden, weil die Textpassagen das nicht hergeben, beziehungsweise, so aus dem Kontext gerissen, höchstens zu Spekulationen anregen, um dann Urteile zu fällen. Der Eindruck verdichtet sich, man dämonisiere da Jakob Augstein und lege an seine Texte einen doppelten Standard an. Die Erklärungsversuche wirken wie vorentschiedene Wertungen.

 

Die 10 neuen Gebote. Ethische Leitlinien für Journalisten

Viel wichtiger ist jedoch jener Teil der Stellungnahme Samuels, in der er eine 10-Punkte-Liste vorstellt, was Journalisten bei der Kritik an Israel zukünftig zu berücksichtigen hätten, um gar nicht erst in Verdacht zu geraten. Wer niemals auf einer Liste der Wiesenthal-Center landen möchte, der sollte sich, Samuels folgend, diese Leitlinien zu eigen machen:

 Israel habe das Recht, in den Medien wie alle anderen Staaten behandelt zu werden (1). Die Kritik an Israels Innen- und Außenpolitik sei legitim, wenn sie in der Form so aussehe, wie die an allen anderen Staaten der Welt (2). Rechte und Pflichten der Bürger Israels und der jüdischen Minderheiten in anderen Staaten seien gleich denen anderer Staatsbürger (3). Kritik an den Israeli und an jüdischen Mitbürgern dürfe nicht in „ in bösartiger Absicht Parallelen zum Holocaust“ ziehen oder „antisemitische Stereotype“ verwenden. Genannt werden: „Gottesmord, Blutanklage, die Protokolle der Weisen von Zion, Weltherrschaft, Verschwörungstheorien, das Bild des jüdischen Wucherers.“ (4). Medien die Antisemitismus befördern, unterstützen auch andere Formen der Diskriminierung, wegen der Rasse, der Nationalität, des Glaubens oder des Geschlechts (6). Juden sind oftmals nur das erste „taktische Ziel“ von Antidemokraten : >> Simon Wiesenthal sagte dazu: „Was mit den Juden beginnt, hört niemals mit ihnen auf.“ << (7). Journalisten sind dafür verantwortlich zu machen, wenn sie „zu Hass und Gewalt aufstacheln“ (8).

Gegen diese Punkte lässt sich kaum Kritik anführen. Sie dürften breite Zustimmung erfahren und so, ungefragt und unausgesprochen, in fast allen wichtigen journalistischen Medien längst praktiziert werden. - Nun kommen die drei Gebote, die problematisch erscheinen:

I

Wenn Medien Boykottdrohungen gegen Israel unterstützen, entspricht das dem Tatbestand der Diskriminierung und verletzt den Grundsatz der Wirtschaftsfreiheit (5).“

 Das ist entweder unglücklich formuliert oder aber sehr selbstgerecht hingeschrieben.

 Historisch sind die unterschiedlichsten Formen des Boykotts, sowohl als einzelstaatliche Maßnahmen, als auch im Rahmen von Bündnisverpflichtungen ganzer Staatensysteme oder der UN, von Seiten der internationalen Handels- und Finanzorganisationen, als Aufrufe bestimmter privater Initiativen und NGOs, in der ganzen Welt üblich. Presse- und Rundfunkmedien verbreiten die Appelle und schreiben für oder gegen sie.

 Solche Boykottmaßnahmen richten sich gegen Einzelpersonen, Bevölkerungsgruppen, Firmen, Institutionen und Staaten jeglicher Verfassung und Ordnung. Man erinnere sich an den Dauerboykott Kubas, an die Restriktionen gegen den Iran, an die Maßnahmen Israels gegen die palästinensische Bevölkerung und ihre Verwaltungen in den besetzen Gebieten und im Gaza-Streifen. Man denke an Handels- und Wirtschaftsbeschränkungen gegen Nordkorea. Private und NGO- Boykotte wurden gegen Ölfirmen, gegen Rüstungskonzerne, gegen Firmen die Kinderarbeit dulden, gegen die Apartheidspolitik, gegen Walfang-Staaten und Fischereiflotten oder auch gegen Israels Siedlungs- und Grenzpolitik, sowie die Art und Weise seiner Kriegsführung ausgerufen und von einer Vielzahl von Menschen befolgt.

 Warum sollte Israel in dieser Frage eine Bevorzugung erhalten, wenn es doch, nach allen anderen Punkten der Erklärung Samuels, ein ganz normaler Staat, mit ganz normalen Bürgern ist und auch so wahrgenommen werden möchte?

 

II

Wer willentlich und absichtlich den Staat Israel delegitimiert, muss damit rechnen, öffentlich zur Rechenschaft gezogen oder gar verklagt zu werden.(9)

 Diese Formulierung ist zunächst einmal durchaus plausibel, wenn damit gemeint ist, Israels Staatlichkeit oder Existenzrecht seien nicht ohne konkrete Folgen in der Öffentlichkeit anzuzweifeln. Wer das tut, der muss heute, zumindest in Europa oder Amerika, mit massiver Kritik rechnen.

Der Staat Israel ist ein ganz normaler Staat, auch wenn wir alle wissen, dass sowohl seine historische Entstehung, als auch die reale Innen-und Außenpolitik dieses Staates seit seiner Gründung Besonderheiten aufweist. Es musste zu seiner Gründung einen Teilungsbeschluss der UN geben, der ungerecht für die Palästinenser war.

Die Israeli haben sich ihren Staat in Palästina halb selbst und durchaus auch mit Gewalt erkämpfen müssen, halb ist ihnen die Legitimität und Sicherheit durch die UN unverbrüchlich garantiert worden. Ihre Doktrin, sich bei der Verteidigung nur auf die eigene Stärke zu verlassen, war nicht nur notwendig und berechtigt, sondern auch sehr erfolgreich. Es kann keinen Zweifel an der rechtmäßigen Existenz des Staates Israel geben!

Aber Israel verstößt nun selbst kontinuierlich gegen Rechte anderer und hält sich nicht, weder materiell, noch ideell, an die Vorgaben und Beschlüsse der Völkergemeinschaft. Als Großmacht im Nahen Osten, verbündet mit der einzigen Weltmacht, kann es seinen Willen trotzdem durchsetzen, ohne bisher ernsthafte Sanktionen fürchten zu müssen. Niemand, der das zur Sprache bringt, delegitimiert Israel.

 Vielmehr hat Israel eine moralische und politische Verpflichtung, sich für die Rechte derjenigen Bevölkerung in Palästina einzusetzen und diese Zug um Zug mit zu verwirklichen, die aufgrund des Teilungsbeschlusses bis heute nicht befriedigt werden konnten. Die Palästinenser harren der Erfüllung ihrer Rechte und Ansprüche. Eine Politik, die dem konkret entgegen wirkt, ist und bleibt Unrecht. - Es ist legitim und gerecht, deutlich und so lange der Zustand anhält, dazu zu schreiben oder zu reden. Dafür kann niemand, weder ein Journalist, noch ein Bürger, zur Rechenschaft gezogen oder gar verklagt werden. Dafür kann niemand an einen öffentlichen Pranger gestellt und als Antisemit gescholten werden.

 

III

Das Internet verstärkt den Einfluss von Schmähungen. Es schafft Anknüpfungspunkte dafür, dass immer wieder neuer Hass entsteht. Das muss Journalisten besonders bewusst sein. (10)“

 Diese Codex-Regel klingt zunächst einmal plausibel und gut. Dann aber meldet sich doch der Zweifel.

 Ist es wirklich so, dass ausgegrechnet das Internet mehr Einfluss für Schmähungen bietet? - Es stimmt, dass diese Art der öffentlichen Meinungsäußerung zugenommen hat und über das Netz mehr davon wahrgenommen wird, was vorher nur lokal und in begrenzter Auflage in die Gesellschaft gelangte.

Graue Literatur, die Propaganda übelster Art, die in Filmen und über das Fernsehen, auf Video und DVD, in Zeitungen und bei Veranstaltungen legaler und illegaler Art verbreitet wurde, steht nun auch im Web bereit und ist weltweit zu lesen.

 Antisemitische Schmähungen und die Ablehnung des Existenzrechtes Israels tönen seit Jahrzehnten gleichförmig. Die  Sprache und Rhetorik war schon immer sterbenslangweilig, ohne Moral und glaubwürdige Argumente. Sie hat durch das Web allerdings nicht an Durchschlagskraft und Glaubwürdigkeit gewonnen. Eher ist das Gegenteil eingetreten!

Antisemiten in den westlichen Gesellschaften müssen zunehmend als bürgerliche Biedermänner auftreten und ihr einstiges Lieblingsthema durch mehr allgemeine Xenophobie und fremdenfeindlichen Populismus ersetzen. - Das entspricht durchaus dem Gebot Nr. 7 aus der Feder Shimon Samuels, der sich damit auf Simon Wiesenthal bezieht.

In der professionellen medialen Öffentlichkeit hat ihr Einfluss aber stark abgenommen, und das ist auch gut so!

Zugenommen haben hingegen reale Übergriffe gegen jüdische Einrichtungen und Friedhöfe und gegen Personen die als Juden erkennbar in der Öffentlichkeit auftreten. Dieser ganz alte und konkrete Antisemitismus muss weiterhin aktiv bekämpft und öffentlich angegangen werden, denn er hat seine Basis in einer recht konstanten, kleinen Minderheit, die autoritäre Denkmuster und Vorurteile als Handlungsanleitung bevorzugt. - Eine solche Minderheit existiert in jedem Land dieser Erde, mögen auch die Themen und Sachverhalte, an denen sich diese Leute bevorzugt abarbeiten, sehr unterschiedlich sein.

Es ist klar: Die Hirne bekennender Antisemiten bringen nichts Neues und nichts Ernsthaftes zuwege. Fast überall in der westlichen Welt sind sie an den Rand gedrängt. Wir kennen schon alles von ihnen, wenn sie sich dem Wiederholungszwang hingeben! Antisemiten und Israelhasser denken in aller Regel eng, und diese Beschränktheit wird allenthalben auch sichtbar.

 Journalisten nutzen jedoch das Internet als professionellen Kanal, wie alle anderen Medienformate die ihnen zur Verfügung stehen. Sie kennen Regeln die für alle gelten und nicht diskriminieren. Wer sich an diese guten Grundsätze seines Berufsstandes hält, der wird niemals antisemitisch schreiben. Die Zeiten der mächtigen und wirkungsvollen Anti-Dreyfusards, eines Édouard Drumont oder Charles Maurras, sind lange vergangen, und kein journalistisches Medium des Westens öffnet sich heute noch Antisemiten.

 Eine Selbstzensur-Schere im Kopf („immer daran denken“) bewirkte allerdings das glatte Gegenteil der erwünschten Entwicklung.  Auch der größte, vorurteilsbeladene Blödsinn findet leichter seinen Weg zum Publikum, wenn nun alle öffentlichen Statements solcher überzeugter Schreiber verstellt daher kommen müssen. In der Kunst der eindeutigen Uneindeutigkeit ist niemand so geschickt, wie jene, die polemisch, gegenaufkläererisch und antiargumentativ schreiben möchten, unabhängig davon, ob sie zu den guten oder zu den bösen Achsenmächten gehören.

 Christoph Leusch

Kommentare (44)

Achtermann 14.01.2013 | 17:51

"Die Hirne bekennender Antisemiten bringen nichts Neues und nichts Ernsthaftes zuwege."

Das mag stimmen. Der eigentliche und auch schwer fassbare Punkt ist doch der, dass sich hinter der Israel-Kritik auch Antisemitismus verstecken kann. Jeder, der sich als Israel-Kritiker versteht, wie auch Jakob Augstein, forscht nicht zwangläufig bei sich selbst nach, ob er nicht doch Antisemitismus produziert bzw. Antisemitismus befördert. Ich unterstelle, Augstein wollte keinen Antisemitismus verbreiten. Aber ganz schnell wurde er von Vertretern des bekennenden antisemitischen Lagers vereinnahmt. Es würde ihm gut anstehen, wenn er zu den ernsthaft gemeinten Erklärungen von jüdischer Seite, die dessen Platz auf der Liste verteidigen, ernsthaft antworten würde.

Heron 14.01.2013 | 18:19
Soweit so gut, aber unvollständig. Der sog. Antisemitismus kommt heute vielfach unter dem Deckmantel des Anti-Zionismus daher, der von bestimmten Kreisen als legitim, ja geradezu als zwingend, angesehen wird. Auch das darf bedacht werden, den modernen Antisemitismus komplett zu umreißen. Beispielhaft dafür seien die ebenfalls bekannten Verdächtigen und ihre Claqueure genannt, die Israel als "zionistisches Regime" bezeichnen und dessen Vernichtung anstreben, diese verbal fordern.
ebertus 14.01.2013 | 19:04

Viel (vergebliche) Mühe hier im Blog, Danke dennoch.

Gebote, Verbote, Sprachregelungen etc. soweit nicht vom Rechtssystem des Sprechenden oder vom Rechtssystem in dem gesprochen wird mit Sanktionen (welcher Art auch immer) belegt sind, dieseGebote, Verbote, Sprachregelungen etc. sind eh' obsolet, in letzter Konsequenz lächerlich oder Ausdruck des Einforderns von selektivem Korpsgeist anstelle von globaler Verantwortung.

Das (für mich) beste Beispiel sind die doppelten Standards der Antisemitenjäger selbst. Kritische Juden in Israel und Nordamerika verwenden oft eine drastische Sprache, verwenden Begriffe, die hierzulande gar auf der Tabuliste stehen; und handeln in ihren globalen Aktivitäten ebenso.

Wenn das berücksichtigt würde, dann wären die ersten zehn Plätze wohl mit eben diesen Juden, gar Zionisten belegt. Peter Beinart schreibt:

"American Jewish organisations have stretched anti-Semitism's definition to the point of absurdity."

und spricht von Boycott, Apartheid und drohendem Bürgerkrieg in den besetzten Gebieten. Judith Butler fragt in ihrem aktuellen Buch:

"Is Judaism Zionism?" und konstatiert dann "Israeli occupation is un-Jewish"

Da wären die ersten Plätze im Ranking doch schon mal belegt, würde das ganze aber dann wohl noch schneller ad absurdum führen als es jetzt und bei diesem inflationären und in der Regel provinzialen  Keulenschwingen gen Wanne-Eickel etc. - was  auch hierzulande zunehmend und durchaus kontraproduktiv funktioniert.

Mein klammheimlicher, absurder Wunsch also wäre, das sowohl Haaretz als auch partiell die NYTimes endlich als antisemitische Drecksblätter "gebrodert" würden.  Weil genau dort und anderswo drüben kann man lesen, was hierzulande sprachgeregelt werden soll, dennoch nicht mehr so oft funktioniert.

Columbus 14.01.2013 | 19:27

Ja Achtermann, "hinter der Israelkritik" kann sich "auch Antisemitismus verstecken" und zudem können Antisemiten Israelkritik in ihre Äußerungen einbauen. Keine Frage, das war schon immer so.

Bestimmen diese "Einbauten" aus der öffentlichen Debatte, hier nun aus der berechtigten Israelkritik, in den Texten und multimedialen Auftritten der Antisemiten die öffentliche Meinung? - Ich denke nicht. Wer Antisemitismus vertritt und predigt, oder Israel als Staat nicht akzeptiert, der ist bei uns am Rand der Gesellschaft und vielleicht schon über diesen Horizont hinweg gekippt.

Diese Suche nach dem Anknüpfpunkt geschieht eigentlich zu jedem streitigen Thema, wenn sich Radikale  und Überzeugungstäter ans Werk machen. Sie suchen sich die Kritikpunkte, die auch ohne ihren Hintergrund, ihre Einfärbung, diskutiert werden. Bsp.: Die Korruption, um die seit einiger Zeit auch in Israel heiß gestritten wird, sei ebenso, wie ein paar jüdische Zocker an der Wallstreet und in großen Banken, Ausweis einer irgendwie jüdischen, verurteilenswerten und typischen Geschäftsmoral.

Worauf sollte sich aber eine mediale Öffentlichkeit und worauf sollten sich gut informierte und wissende Blogger konzentrieren? Auf den tatsächlich immer noch vorhandenen und auch greifbaren Antisemitismus, oder auf so eine Art "Entlarvungs-Forschung" des schwer fassbaren, möglichen oder wahrscheinlichen Antisemitismus, oder gar, auf die Erstellung von Listen an möglicherweise von Antisemiten benutzbaren israelkritischen Formulierungen, die daher besser vermieden werden sollten und auf Inventare von Persönlichkeiten, die möglicherweise Antisemiten sein könnten, es aber von sich selbst nicht glauben wollen?

Sie sehen, schnell entsteht ein Feld, in dem sprichwörtlich alles möglich ist. Die Entlarvung von Antisemiten, die uns bisher nicht aufgefallen waren und häufiger, auch gefährlicher, etwas ganz anderes, nämlich der Verdacht oder die Bezichtigung als Polemik.

Zweiter Einwand, wenn es um Presse und Journalismus, aber auch um ernsthaft argumentierende Blogger geht: Wer muss, weitet man so das "Wachhunddasein" als Antisemitismus-Entlarver aus, mehr Aufwand für eine Begründung treiben? Die entlarvenden Kläger oder die so  Beklagten und  Angeschuldigten? - Im Falle solcher Anwürfe, jemand sei Antisemit, Salonantisemit, erfülle gar die Bedingungen bestimmter Konsensuskommissionen oder von NGOs, die ihre Richtlinien festlegten, - in den Links Shimon Samuels finden sich keine Definition, die auf die Augstein-Zitate passte-, geht es zumindest in Europa und Amerika nicht nur um die Berechtigung der Vorwürfe, sondern gerade die unberechtigte, weil falsche Etikettierung hat in der Öffentlichkeit Folgen, während es den wirklichen Antisemiten völlig Wurst ist, was eine kritische Öffentlichkeit denkt. - Da muss schon, um das zu rechtfertigen, so denke ich jedenfalls, einiges mehr an sachlicher Begründung und an haltbaren Fakten her.

Ich will keine wahrscheinlichen, möglichen oder gar falsch so definierten Antisemiten oder Unterstützer von Antisemitismus präsentiert bekommen!

In der dFC wird ja auch gerne einmal etikettiert und Augsteins knappe und zweideutige Reaktion zu Broders Anwurf, sie betraf z.B. Herrn von Grote, ließ Spekulationen allzu weiten Raum. - Ich sage, dies ist auf Dauer und wiederholt, schädlich für die Diskussion und gefährlich für das Klima der öffentlichen Meinung. 

Es geht hier um begründete Meinungen und vor allem auch um wirklich belegbare Fakten, bei Berufsjournalisten und Publizisten. Da kann man nicht einfach Antisemiten und deren Unterstützer  nahc Gusto erschaffen, sondern muss sich mehr Mühe geben und weniger mit Polemik arbeiten.

Was mir gerade noch einfällt. Der weitverbreitete Antisemitismus im Europa des 19. und 20. Jahrhunderts war ja keineswegs versteckt. Er wurde gepredigt und publiziert, war Alltagsmünze. Die Leute die das taten, waren Antisemiten. Ihre Kritiker, meist aus der Opposition (Linke, Liberale, wenige aus den Kirchen, Literaten) erfassten die richtigen Personen und die übelsten Pamphlete und stellten sich dagegen, exemplarisch die Dreyfusards. - Das waren nachvollziehbare und berechtigte Aktionen.

Nun aber eine Art Kryptologie des Antisemitismus aufzubauen, um im Geschäft zu bleiben, um nun schon den möglichen Antisemiten auf die Schliche zu kommen, um schon einen erdachten, sekundären und tertiären Antisemitismus vorgeblich sichtbar zu machen, kommt mir reichlich verblendet und auch  gefährlich nahe zur Denunziation liegend vor.

Beste Grüße

Christoph Leusch

janto ban 14.01.2013 | 19:41

Ich glaube, bevor ich mich hinstellte und anderen auflistete, was sie über mich zu schreiben haben (und was nicht), damit kein eventueller Antijantoismus aufzutreten vermag, würde ich im Boden versinken wollen, bitte. Falls jemand noch 'ne Definition für "Israel-Lobby" braucht...

Ich sach ma: Wer sich solche Listen ausdenkt, der is Israel-Lobby. (Habe ich mir gerade ausgedacht. Orientiert habe ich mich dabei an meinem vergammelten Wertegerüst.)

Achtermann 14.01.2013 | 20:05

Zitat Columbus: „…in den Links Shimon Samuels finden sich keine Definition, die auf die Augstein-Zitate passte-, geht es zumindest in Europa und Amerika nicht nur um die Berechtigung der Vorwürfe, sondern gerade die unberechtigte, weil falsche Etikettierung hat in der Öffentlichkeit Folgen, während es den wirklichen Antisemiten völlig Wurst ist, was eine kritische Öffentlichkeit denkt.“

Unten befindet sich ein Auszug aus dem Interview mit Rabbi Cooper, der m.E. polemikfrei Stellung bezogen hat. Würde Augstein auf dieses Interview auf gleicher Ebene eingehen, könnte eine Versachlichung stattfinden.

Und wenn er [Augstein] Sachen sagt wie: die Haredim seien aus dem gleichen Holz geschnitzt wie die Islamisten und folgten dem Gesetz der Rache, dann ist das wirklich völlig inakzeptabel. Was er sagt, ist nicht wahr und kann nicht belegt werden. […]

Das Wichtigste im Hinblick auf die deutschen Medien ist Folgendes: Meines Wissens hat sich kein deutscher Journalist an Herrn Augstein gewandt und zu ihm gesagt: »Hier sind die Worte, die Sie benutzt haben, können Sie verteidigen, was Sie über die Haredim sagen?« – von denen übrigens viele ihre Großeltern, Eltern, Ehepartner, Brüder oder Schwestern im Holocaust verloren haben. Ein großer Anteil der sechs Millionen, die von den Nazis ermordet wurden, fiele unter die Kategorie der Haredim. Niemand hat Augstein gefragt: »Wie können Sie solche Äußerungen rechtfertigen?«

Unsere wichtigste Antwort an die deutschen Medien ist: Warum lassen Sie nicht einfach – und endlich – Herrn Augstein direkt zu seinen eigenen Worten Stellung nehmen? Er schuldet den deutschen Lesern und dem jüdischen Volk – nicht uns, nicht dem Simon Wiesenthal Center – eine Entschuldigung.“

seriousguy47 14.01.2013 | 20:16

Eine hoffentlich nicht unwillkommene, ergänzende Sicht:

Ich finde den Anspruch von Shimon Samuel , der Top-Ten-Liste der Antisemitismus Hitparade nunmehr auch noch einen „ethischen Code zum Umgang mit Antisemitismus“ folgen zu lassen, der in Wahrheit in der Tat 10 Gebote für die Israel-Berichterstattung aufstellt, ziemlich dreist.

Mal abgesehen davon, dass an diesen Guidelines im großen und ganzen nichts auszusetzen ist: Wer gibt dem Mann eigentlich das Mandat hierfür? Was qualifiziert ihn dafür? Was für eine Auffassung von Meinungsfreiheit hat dieser Mensch? Und wie verträgt sich all dies mit seinem Ersten Gebot: Du sollst Israel behandeln wie jeden anderen Staat auch? [Boshafte Formulierung von mir!]

Wollen wir uns nun von jedem einzelnen Staat nahelegen lassen, was in Bezug auf dessen ganz spezielle Befindlichkeiten in der hiesigen Berichterstattung doch bittesehr zu berücksichtigen sei? Also dass es im Iran nun einmal halt Tradition sei, Schwule zu hängen und das deshalb nicht mit den Gebräuchen in unserer eigenen dekadenten Gesellschaft zu vergleichen sei? Dass man nun einmal halt schon bedenken müsse, dass gewisse indische Männer es halt gewohnt seien, Frauen für minderwertig zu halten, so dass Mann halt gelegentlich auch mal im Rudel über eine solche herfällt, was mit Einzel-Vergewaltigungen hierzulande selbstverständlich nichts zu tun habe, weil die ja bekanntlich von Kriminellen begangen würden?

Die Wahrheit ist doch die, dass einige Lobbyisten ganz selbstverständlich eine Behandlung Israels durch Deutsche erwarten, für die man den Wortteil „Sonder“ nicht benutzen darf, ohne zum Antisemiten zu werden. Wahr ist doch, dass wir Israel in punkto Waffenlieferungen gerade nicht wie alle anderen Staaten behandeln sollen. Und wahr ist doch, dass das 5. Gebot - Du sollst Israel nicht boykottieren – ganz selbstverständlich einen Sonderstatus beansprucht.

Ich bin dafür, dass Israel Waffen von uns bekommt und nicht boykottiert wird. Wir haben für ersteres eine Pflicht und zu letzterem kein Recht, weil wir mit verantwortlich sind für eine Situation, in der sich ein Land von der Größe Hessens von Feinden umgeben sieht, die teilweise explizit seine Vernichtung anstreben und dies in der Vergangenheit auch mehrfach erfolglos versucht haben. Und weil da auch noch der eine oder andere Nazi seine Drecksfinger im Spiel hat(te). Und es sind nicht irgendwelche Politiker und Regierungen, sondern die Menschen in Israel, denen wir verpflichtet sind. Man mag sich über Waffen streiten und Prioritäten bzw. Grenzen setzen, innerhalb derer wir uns bewegen wollen, aber wir haben die Israelis auch in dieser Sache nicht zu bevormunden.

Das gilt aber auch umgekehrt. Genau das aber wird in Sachen Augstein/ deutscher Journalismus aktuell versucht. Der SWC-Pranger tut es und Samuels Code tut es. Dankenswerterweise gibt Samuels Text im Tagesspiegel da ein paar interessante weitergehende Einblicke:

Die deutsch-jüdische Aussöhnung nach dem Krieg war historisch einmalig. Nur drei Jahre, nachdem die eine Seite ein Drittel der Menschen der anderen Seite ermordet hatte, kam es 1948 zu einer Art Zwangsverständigung. Sie war unterschiedlich motiviert: Der gerade gegründete jüdische Staat befand sich in einer schwierigen Lage und erhielt dringend benötigte Reparationszahlungen. Als Gegenleistung erhielt Deutschland die Bestätigung dafür, dass es zum Wiederaufbau einer besseren Welt beitragen darf.[Hervorhebung von mir.]

Was damals vollkommen nachvollziehbar war, wirft heute bei mir doch ein paar kritische Fragen auf. Was soll das im Zusammenhang mit Augstein oder mit deutscher Berichterstattung über Israel? Gibt es zum Verhältnis zwischen Israel und Deutschland nichts weiter zu sagen als einen Verweis auf eine Situation, in der Deutschland zu Recht auf die Gnade anderer angewiesen war, zu denen Samuel in vorderster Front scheinbar Israel zählt? (Der eine Satz, den Samuel zur deutschen Aufarbeitung der Nazi-Vergangenheit fallen lässt, wird gleich wieder durch einen von ihm diagnostizierten neuen europäischen Antisemitismus entwertet. s.u.)

Aufschluss über Samuels Verständnis des israelischen (Gottes?)Staates geben die anschließenden Zeilen:

Das Jahr 1948 ist nicht nur das Jahr, in dem die Juden auf die Landkarte und in die Geschichte zurückgekehrt sind. Es stellte auch die Dreieinigkeit des Volkes, der Schrift und des Landes wieder her.“

Erschreckt hat mich das Beispiel, in dem Samuel berichtet, wie ein portugiesischer Karikaturist eine deutsch-jüdische Nazi-Szenerie aus dem Warschauer Ghetto in eine israelisch-palästinensische Szenerie umzeichnet. Nur sollte man dabei vielleicht doch berücksichtigen, dass in Portugal die Vergangenheit weniger lange zurücklag und vielleicht auch noch weniger intensiv aufgearbeitet wurde als hierzulande, und dass dieses Beispiel deshalb nicht unbedingt zu einer Charakterisierung des deutsch-israelischen Verhältnisses passt....

Und ebenfalls erschreckt hat mich dies:

Auschwitz wurde nicht mit Steinen und Ziegeln gebaut, sondern mit Worten“, sagte der Rabbiner Abraham Joshua Heschel. Als Kinder lernten wir den Spruch: „Schläge und Steine mögen unsere Knochen brechen, aber Worte können uns nie verletzen.“ Heute aber wissen wir, dass auch Worte töten können und selbst eine Cocktailplauderei dazu führen kann, dass Molotowcocktails geworfen werden. ...“

Das ist nun genau die schamlose Unschärfe/ Infamie, die dem Missbrauch und der Inflationierung des Holocaust zugrunde liegt. Nein, lieber Rebbe, Worte töten nicht. Und mit ihnen baut man auch keine KZs. Sie können allenfalls dazu veranlassen, dass jemand tötet oder KZs baut. Das aber ist keine sprachliche Erbsenzählerei, sondern macht den Unterschied zwischen Leben und Tod aus.Und, wie die Geschichte zu wenig, aber immerhin zeigt: Worte müssen nicht befolgt werden. Das nicht hervorzuheben, sondern quasi einen Automatismus zu postulieren, ist eine weitere gefährliche Unschärfe.

Nicht das instrumentelle Herumreiten auf der Vergangenheit oder ihr Missbrauch zur Schmähung der Gegenwart sind heute das wichtigste, sondern genau jener Unterschied zwischen Wort und Tat. Bereits manches Wort darf nicht sein. Aber da, wo es trotzdem da ist, muss klar sein, dass man ihm nicht folgt. Das gilt es zu verstehen und zu beherzigen.

Klar, da hört nun mancher den Kapo, der dem jüdischen „Untermenschen“ die Leviten liest. Damit muss ich dann wohl leben. Es kam allerdings auch schon mal vor, dass dem anderen danach die Augen aufgingen und er etwas ganz anderes sah.....

freedom of speech? 14.01.2013 | 20:26

Auch das SWC Paris ist nicht legitimiert, die Pressefreiheit in Deutschland einzuschränken.  Die Herrschaften können aber gerne das in Deutschland demokratisch legitimierte Rechtssystem in Anspruch nehmen, das aufgrund der historischen Erfahrung eng gefasst wurde.

Dann können unabhängige Richter entscheiden und nicht die Opfer oder deren Nachfahren in "Selbstjustiz."

Sollte das nicht zufriedenstellen, könnten auch noch Gerichte in Israel damit befasst werden.

 

§ 130 StGB
Volksverhetzung

(1) Wer in einer Weise, die geeignet ist, den öffentlichen Frieden zu stören,


1. gegen eine nationale, rassische, religiöse oder durch ihre ethnische Herkunft bestimmte Gruppe, gegen Teile der Bevölkerung oder gegen einen Einzelnen wegen seiner Zugehörigkeit zu einer vorbezeichneten Gruppe oder zu einem Teil der Bevölkerung zum Hass aufstachelt, zu Gewalt- oder Willkürmaßnahmen auffordert oder
2.die Menschenwürde anderer dadurch angreift, dass er eine vorbezeichnete Gruppe, Teile der Bevölkerung oder einen Einzelnen wegen seiner Zugehörigkeit zu einer vorbezeichneten Gruppe oder zu einem Teil der Bevölkerung beschimpft, böswillig verächtlich macht oder verleumdet,

wird mit Freiheitsstrafe von drei Monaten bis zu fünf Jahren bestraft.

(2) Mit Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren oder mit Geldstrafe wird bestraft, wer


1. Schriften (§ 11 Absatz 3), die zum Hass gegen eine vorbezeichnete Gruppe, Teile der Bevölkerung oder gegen einen Einzelnen wegen seiner Zugehörigkeit zu einer vorbezeichneten Gruppe oder zu einem Teil der Bevölkerung aufstacheln, zu Gewalt- oder Willkürmaßnahmen gegen sie auffordern oder ihre Menschenwürde dadurch angreifen, dass sie beschimpft, böswillig verächtlich gemacht oder verleumdet werden,

a) verbreitet,

b) öffentlich ausstellt, anschlägt, vorführt oder sonst zugänglich macht,

c) einer Person unter achtzehn Jahren anbietet, überlässt oder zugänglich macht oder

d) herstellt, bezieht, liefert, vorrätig hält, anbietet, ankündigt, anpreist, einzuführen oder auszuführen unternimmt, um sie oder aus ihnen gewonnene Stücke im Sinne der Buchstaben a bis c zu verwenden oder einem anderen eine solche Verwendung zu ermöglichen, oder
2.eine Darbietung des in Nummer 1 bezeichneten Inhalts durch Rundfunk, Medien- oder Teledienste verbreitet.

(3) Mit Freiheitsstrafe bis zu fünf Jahren oder mit Geldstrafe wird bestraft, wer eine unter der Herrschaft des Nationalsozialismus begangene Handlung der in § 6 Abs. 1 des Völkerstrafgesetzbuches bezeichneten Art in einer Weise, die geeignet ist, den öffentlichen Frieden zu stören, öffentlich oder in einer Versammlung billigt, leugnet oder verharmlost.

(4) Mit Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren oder mit Geldstrafe wird bestraft, wer öffentlich oder in einer Versammlung den öffentlichen Frieden in einer die Würde der Opfer verletzenden Weise dadurch stört, dass er die nationalsozialistische Gewalt- und Willkürherrschaft billigt, verherrlicht oder rechtfertigt.

(5) Absatz 2 gilt auch für Schriften (§ 11 Abs. 3) des in den Absätzen 3 und 4 bezeichneten Inhalts.

(6) In den Fällen des Absatzes 2, auch in Verbindung mit Absatz 5, und in den Fällen der Absätze 3 und 4 gilt § 86 Abs. 3 entsprechend.

Columbus 14.01.2013 | 21:01

Wo aber, ziehen sie sie Grenzen, Heron?

Ist das schon Anti-Zionismus als erweiterte Form des Antisemitismus, wenn man die Grenzen Israels auf dem Stand von 1967 sieht?  Ist der Tatbestand erfüllt, wenn man die mittlerweile gewohnheitsmäßige Praxis in Israel, von Judäa und Samaria zu sprechen, auch als illegale Einverleibung fremden Territoriums erfasst.  Ist das Anti-Zionismus, wenn man die Siedlungen für illegal hält und ebenso den Anspruch Israels, von Premier Netanjahu gebetsmühlenartige vorgetragen, auf einen Cordon sanitaire auf dem Golan und in der Westbank für völkerrechtswidrig?

Israel hat sich 1980 sogar zu der völkerrechtswidrigen Praxis bekannt und im Jerusalemgesetz nicht nur Ostjerusalem, sondern auch große Teile des angrenzenden Westbank-Gebietes offiziell annektiert. Alle diese Akte sind völkerrechtswidrig.

So lange mit Anti-Zionimus gemeint ist, Israel habe als Staat keine Berechtigung, dürften nur ganz wenige Europäer dieser absurden These noch zustimmen und in der medialen Öffentlichkeit gibt es dafür unisono Ablehnung.

Wer soll also mit den Taburegeln für Journalisten  ausgeschlossen und zu Recht als Antisemit oder geistiger  Unterstützer von Antisemiten bezeichnet werden? Worauf zielen die Benimmregeln für die Profi-Journalisten?

Ich gehe davon aus, dass der öffentliche Einfluss auf erklärte Antisemiten immer gering war. Diese Menschen ändern ihre Haltung selten oder nur sehr langsam. Unter europäischen oder amerikanischen Journalisten dürften Antisemiten und Antizionisten im strengen Sinne, also diejenigen, die das Existenzrecht bestreiten, eine verschwindende Minderheit darstellen, und zudem keinen maßgeblichen Platz in den Publikationen und Sendungen der Medien einnehmen.

Es gibt keinen antisemitischen Einfluss auf die Presse, es sei denn, man konstruiert sich einen. Das wäre dann die Gegenspiegelung des antisemitischen Geschwätzes von der jüdischen Weltverschwörung, die auch das Wort und das Faktum  Lobby verschwörungstheoretisch auslegt.

So viele Fragezeichen, für eine so heikle Sache, die doch Eindeutigkeit und Klarheit erforderte, das kann nicht gut sein!

Beste Grüße

Christoph Leusch

 

Columbus 14.01.2013 | 21:52

OT:Mein Text muss natürlich lauten, "...findet sich keine Definition..." Zu schnell hatte ich geantwortet.

"Mainstream-Antisemitismus", lieber Achtermann, was soll das sein? Wir leben weder in einer antisemitischen Mehrheitsgesellschaft, noch ist irgendwo in der Mainstream-Presse, nicht einmal in ihrem Boulevard-Teil davon, ein manifester und dominanter Antisemitismus am Werk.

Ohne Zweifel lässt sich über die Verwendung von Begriffen streiten. Ob nun die Schwarzkluft-Träger genau so radikal religiös sind, wie Islamisten, Salafisten,  ob nun der Begriff "Lager" im Zusammenhang mit dem Gaza-Streifen passt oder nicht. - Aber auch Rabbi Coopers Einschätzungen sind eben nur solche., dazu kritikwürdig, weil etwas verkürzt und sehr selbstgerecht. 

Z.B. am Punkt mit der "nuklearen Gefahr" lässt sich das gut zeigen. Das interpretiert Cooper so, als wolle  Augstein sagen, Israel lege es auf den Einsatz dieser Waffen an. Aber völlig ausgeblendet bleibt, dass eine nukleare Mittelmacht in einem spannungsgeladenen Raum den Wunsch anderer Mächte nach sich zieht, ebenfalls Nuklearwaffen zu besitzen. Genau darin liegt auch die Gefahr. Denn mit diesen Waffen wird kein Krieg geführt, sondern  Politik gemacht.

Im Falle eines Nuklearkrieges, bei dem Israel angegriffen wäre, gäbe es auch kein Palästinensisches Brudervolk mehr. So eng ist der Raum.

Aber was ist daran, an Augsteins Texten, antisemitisch, gar mainstreamantisemitisch oder eben die Existenz und das Existenzrecht Israels in Frage stellend? Nichts.

Die Frage ist schon, ob hier nicht verdienstvolle Mahner und Warner über ihr Ziel weit hinaus schießen, vielleicht auch, um sich neue Betätigungsfelder für die Zeit nach dem Aussterben der Tätergenerationen zu schaffen. Ihr Urteil stützt sich zudem auf einen, weniger als Experten, dafür aber als Polemiker (Persönlich bin ich der Meinung, er gefährdet derzeit den letzten Rest an guter Wirkung und Notwendigkeit dieser Schreibstilgattung)  weithin bekannten Publizisten.

Um es schärfer zu sagen. Es wurde nicht geforscht und erklärt, sondern behauptet. Nun soll sich Augstein entschuldigen und öffentlich erklären, zu Spielregeln des SWC-Direktors und Mitgründers. Das stellt schon ein wenig die Verhältnisse auf den Kopf.

Beste Grüße

Christoph Leusch

 

 

 

 

 

 

 

Columbus 14.01.2013 | 22:01

Janto Ban,

Hinter vorgehaltener Hand sagt jeder, es gibt die Lobby und sie arbeitet genau wie alle anderen Lobbyisten in den Staaten und in Europa. Demokratien, das ist auch die Überzeugung der meisten Abgeordneten, der Wirtschaft und der Kulturschaffenden, brauchen Lobbyisten. - Schade nur, dass die mit dem dicksten Geldbeutel und der größten Vor-Ort-Juristendichte, die mächtigste Wirkung erzielen.

Seien sie also nicht traurig, wenn sich ihre Lobby in Grenzen hält.

Allerdings hat das alles nichts mit Antisemitismus, Presseleitlinien und Antizionismus zu tun, sondern ist eher ein allgemeines Phänomen, wie in entfalteten Demokratien und Wirtschaften Politik zur Zeit gemacht wird. - Nicht unbedingt gut, aber eben zu einem Großteil in der Lobby und durch Lobbyisten.

Beste Grüße

Christoph Leusch

miauxx 14.01.2013 | 22:20

"„Das Internet verstärkt den Einfluss von Schmähungen. Es schafft Anknüpfungspunkte dafür, dass immer wieder neuer Hass entsteht. Das muss Journalisten besonders bewusst sein. (10)“

Ja, was soll man zu dazu sagen? Freilich kann "das" Internet aus der Fliege den Elefanten machen. Was soll aber der geneigte Schreiber, Journalist mit diesem Hinweis? Es ist doch unmöglich, allen Verzerrungen, Fehlinterpretationen oder Fledderungen der eigenen Meinung aus dem Weg zu gehen. In der Konsequenz bedeutet dieser Punkt Samuels: Schreibe so freundlich, brav und nichtssagend, wie es nur geht, dann gibts auch keine Schwierigkeiten.

Kleine Anm. noch: "Graue Literatur"? Also für mich ist dieser Begriff bereits besetzt - man bezeichnet so außerhalb des Verlagsbuchhandels erscheinende Literatur. Etwa die in Uni-Bibliotheken lagernden Dissertationen

Columbus 14.01.2013 | 22:29

Ich sehe das in weiten Teilen so, wie sie es schildern Seriousguy. Nur an dieser Stelle: "Das Jahr 1948 ist nicht nur das Jahr, in dem die Juden auf die Landkarte und in die Geschichte zurückgekehrt sind. Es stellte auch die Dreieinigkeit des Volkes, der Schrift und des Landes wieder her.“, kann ich Samuels  Ansicht sehr gut verstehen. Das Jahr 1948/1949 war voller berechtigter Hoffnungen und Aussichten für Israel, trotz eines Krieges. Kehrte diese Perspektive zurück, wären die bitteren Jahre 1956/1957, 1967, 1973,1982,2006 nicht dauerhaft wie gegossenes Blei wirkende Ereignisse und es gäbe heute schon einen 194ten Staat und Nachbarn Israels mit Namen Palästina.

Was Samuels nicht ansprechen muss, aber doch das Bild vom Judentum vervollständigte, das ist die Tatsache, dass es viele Juden gibt, die ohne Leben in einem jüdischen Staatsvolk, ohne allzu viel Schriftkenntnisse und ohne Land, glücklich als Juden leben können.

Abstufungen und Differenzierungen, sowie Kombinationen, sind in jeder Hinsicht denkbar, bezüglich Volk, Schrift und Land, und trotzdem ist immer ein gutes Leben möglich. Die Diaspora, die heute eine der Freiwilligkeit ist, wird von dem Pariser SWC-Direktor nur ungenügend einbezogen, bedenkt man ihre kulurelle und zahlenmäßige Bedeutung.

In diesem Zusammenhang ist vielleicht auch interessant, sich einmal die Ausfälle H.M. Broders gegen Rafael Seligmann anzuschauen.

Beste Grüße

Christoph Leusch

 

seriousguy47 14.01.2013 | 22:41

Man muss wohl unterscheiden zwischen der außenpolitischen Israel-Lobby , über die es seit ein paar Jahren „Antisemitismus“-Kontroversen gibt, und dem starken jüdischen Gewicht in bestimmten Wahlbezirken. Im Züricher Tagesanzeiger fand ich dazu folgendes:

Der neunte Kongressdistrikt in New York ist eine klassische Hochburg der Demokraten. Seit 1923 entsandten sie den Abgeordneten …. nach Washington. Nun sind aber die Republikaner am Zug. Der überraschende Wechsel hat zunächst persönliche Gründe. ….

Doch vielleicht steckt auch mehr dahinter: Präsident Barack Obama ist bei den Juden nur mässig beliebt. Seine persönliche Abneigung gegen Israels Premierminister Benjamin Netanyahu hat sich herumgesprochen.

....

Bis zum Zweiten Weltkrieg hatten die Juden in Nordamerika einen schweren Stand. Die damalige Oberschicht, die sogenannten White Anglo-Saxon Protestants (Wasp), war teilweise offen antisemitisch. An Elite-Universitäten waren Juden wie Schwarze nicht zugelassen – Harvard beispielsweise öffnete seine Türen erst nach dem Zweiten Weltkrieg. Bekannte Grössen der Wirtschaft wie Henry Ford machten aus ihrer Abneigung gegen Juden keinen Hehl. J. P. Morgan, der mächtigste Bankier der Welt, und später sein Sohn James stellten lange keine Juden in ihrer Bank an und äusser[..]ten sich äusserst verächtlich über sie.

...

In der realen Welt wurde Franklin D. Roosevelt Präsident der Vereinigten Staaten. Bei den Juden geniesst er bis heute den Status eines Halbgottes und ist zu einem guten Teil dafür verantwortlich, dass sie ihre Stimme mehrheitlich den Demokraten geben. Mit dem Zerfall der klassisch-steifen Wasp-Kultur nahm der jüdische Einfluss generell zu. Hollywood wurde von Juden gegründet und ist eine linksliberale, jüdische Hochburg. Die wichtigsten Zeitungen des Landes, die «New York Times» und die «Washington Post», gehören jüdischen Familien.

..

An den Elite-Universitäten, an denen sie lange nicht einmal studieren durften, sind heute jüdische Professoren sehr präsent. Ebenso an der Wallstreet: Goldman Sachs, Citigroup, aber auch die beiden Opfer der Finanzkrise, Lehman Brothers und Bear Stearns, waren ursprünglich jüdische Banken.

Nicht nur im linksliberalen, sondern auch im konservativen Lager habe die Juden heute ihren festen Platz....“

Ich hoffe mal, dass ich nicht zu extensiv zitiert habe, aber mit genau dieser Sicht bin ich sozusagen politisch sozialisiert worden. Für einen amerikanischen Dozenten, mit dem ich einige Zeit zugange war, war das ganz selbstverständliche Rede. Und zwar genau in dem im Text angesprochenen Bürgerrechtszusammenhang – der dann später leider teilweise in schwarzen Antisemitismus kippte.

Davon zu reden ist aus US-Sicht auch schon deswegen unvermeidlich, weil sich der Wahlkampf eben auch um die Stimmen unterschiedlicher ethnischer Gruppen dreht. Dass andererseits die Behauptung des Einflusses jüdischer Lobbyisten auf die Israel-Politik scheinbar auch bereits „Antisemitismus“ sein soll, verblüfft mich deshalb, weil Lobbyismus in den USA noch viel normaler ist als bei uns. Wieso sollte also ausgerechnet ein behaupteter Lobbyismus pro Israel verwerflich sein? Es wäre doch viel eher erstaunlich, wenn es ausgerechnet auf diesem zentralen außenpolitischen Feld keinen Lobbyismus gäbe.

Mir scheint, hier wird in vielen Bereichen schlicht und einfach nicht mehr sachlich, sondern missionarisch argumentiert.

elisRea 14.01.2013 | 23:08

"Auch das SWC Paris ist nicht legitimiert, die Pressefreiheit in Deutschland einzuschränken.  Die Herrschaften können aber gerne das in Deutschland demokratisch legitimierte Rechtssystem in Anspruch nehmen, das aufgrund der historischen Erfahrung eng gefasst wurde.

Dann können unabhängige Richter entscheiden und nicht die Opfer oder deren Nachfahren in "Selbstjustiz."

Sollte das nicht zufriedenstellen, könnten auch noch Gerichte in Israel damit befasst werden."

*****

Erol_Bulut 15.01.2013 | 00:26

Es kann keinen Zweifel an der rechtmäßigen Existenz des Staates Israel geben!

 

Sicher kann es Zweifel an der rechtmäßigen Existenz Israels geben, zumal Israel gegen wesent liche rechtliche Aspekte bei seiner Anerkennung vor der UN verstoßen hat und immer noch verstößt.

www.representativepress.org/IsraelViolatesResolution.html

 

An der Existenz Israels selber kann es keinen Zweifel geben. Und auch keine Zweifel daran, dass eine Atommacht wie Israel in seiner Existenz nahezu unmöglich von Fremdnationen bedroht werden kann. Insbesondere wenn es so ein überlegenenes Waffenarsenal und Militär besitzt und auch noch die Schutzmächte USA  & EU im Ernstfall im Rücken hätte.

Das ist auch gut so, weil Israel sich ein moralisches Existenzrecht mithilfe der der arabischen Nationen verdient hat, indem auch es den Juden dieser Länder eine Heimat gegeben hat.


Was nicht so gut ist, dass Israel das Existenzrecht Palästinas bekämpft und somit gegen seine Aufnahmebedingungen in die UN verstößt und weiterhin Völkerrechtsverbrechen begeht und auch keine Absichten zeigt, mit dem verbrecherischen Ausradieren von Palästina aufzuhören.

www.peacenow.org/map.php

 

Und jeder der sich nun über meinen Beitrag empören tut, warum auch immer, sollte sich erst die Frage beantworten, ob er eine rechtmäßige Existenz Israels mit oder ohne Ostjerusalem als Teil Israels verteidigt.

balsamico 15.01.2013 | 14:06

Z.B.

Israel habe das Recht, in den Medien wie alle anderen Staaten behandelt zu werden.

Selbstverständlich hat Israel dieses Recht. Der hier in Anspruch genommene Gleichheitssatz besagt freilich nur, dass Gleiches gleich zu behandeln ist. Ergo: Israel hat das Recht, in den Medien wie alle anderen Staaten behandelt zu werden, welche ihnen nicht gehörendes Land beanspruchen, zulasten und auf Kosten der darin lebenden Bevölkerung,

Und damit geht es doch schon los....

seriousguy47 15.01.2013 | 14:09

Mal abgesehen davon, dass es gute und weniger gute Gründe dafür geben kann, so etwas nicht ausgerechnet der deutschen Nazi-Nachfolge-Justiz zu übergeben, besteht der "Witz" bei Broder, WELT, SWC usw. natürlich gerade darin, die Vorwürfe gegen Andersdenkende nicht sorgfälig überprüfen zu lassen. Es soll ja wohl durch Verbal-Lynche auf Linie gebracht und nicht ernsthaft debattiert werden. Es geht also weniger um Argumente, Belege, Vorwürfe als um (Verbal-)Waffen zum Zwecke psychologischer Kriegsführung.

Und natürlich geht es darum, genau das zu lynchen, was man selbst als von der Meinungsfreiheit gedeckt ansieht, was einem aber dennoch gegen den Strich geht. Wir haben in öffentlichen Diskursen ja wohl mindestens drei Ebenen:

- alles, was innerhalb der Grenzen der Meinungsfreiheit und des Mainstream in einem relativ moderaten Ton abläuft;

- alles, was mehr oder weniger eindeutig von der Meinungsfreiheit nicht mehr gedeckt ist;

- eine Zwischenebene, wo Radikales, Quergedachtes, Abweichendes, scharf Kritisierendes u.Ä. im Zweifelsfall durch Vorwürfe von Antisemitismus, Rechtsradikalismus (Linksradikalismus?), Frauenfeindlichkeit, Fremdenfeindlichkeit und das ganze moralinisierte Arsenal der Political Correctness stigmatisert werden soll.

Columbus 15.01.2013 | 14:35

Erol Bulut,

Auf diplomatischer Ebene, zwischen Staaten, gibt es diesen Zweifel nicht mehr. Israel ist Vollmitglied der UN, wie Tunesien, Marokko, Ägypten, die Bundesrepublik und der Iran.

Es kann natürlich niemand daran gehindert werden, weder privat, noch als Organisation, weiter Zweifel an der Rechtmäßigkeit zu hegen. Aber in der internationalen Öffentlichkeit und vor der UN, erntet er damit höchstens noch Spott und Verachtung. Dem Status und den Zielen der  Palästinenser schaden solche Ansichten.

Aber, so frage ich, wem nützt das? a) Den Organisationen oder den Privatleuten, die das so denken wollen, weil es sie in dieser Form am Leben hält, sie immer noch politisch legitimiert? b) Den Palästinensern, die heute selbst von ihren angeblich besten Freunden, außer ein wenig Geld und warmen Worten, kaum Beiträge zu einer Verbesserung ihres Status und zur Rückgewinnung ihrer besetzten Territorien erhalten werden.

Das Spiel mit der Anerkennung oder Nicht-Anerkennung, das den Bürgern oder Betroffenen der jeweils harschen Standpunkte nichts bringt, ist aus der jüngeren deutschen Geschichte ja bekannt. Wirklich etwas bewegt, hat da erst die Anerkennung der Zweistaatlichkeit im Rahmen der Entspannungspolitik und des KSZE-Prozesses.

Was den Widerstand Israels gegen einen anerkannten Staat Palästina angeht, so ist da die Position Israels so formuliert, dass der Zeitpunkt auf Sankt Nimmerlein verschoben erscheint und völlig vom Willen Israels abhängig ist. Das ist klar.

Selbst der beste Freund und Schutzgarant Israels, die USA, sprechen das regelmäßig an. Auch klar ist, dass völkerrechtswidrig Grenzanlagen auf nichtstaatlichem Territorium gebaut wurden und werden (die Mauer wird weiter ausgebaut) und Israel sein Staatsgebiet sukzessive, auf Kosten der Palästinenser und ihres zukünftigen Staates, vergrößert.

Hier ging es nun aber um diesen Pressecodex Shimon Samuels, der so eben nicht haltbar ist und eine Differenz in der Berichterstattung und Kommentierung über Israel, im Vergleich zu anderen Staaten,  einfordert, die das Simon-Wiesnethal-Zentrum andererseits geradezu vehement ablehnt.

Israel soll als normaler Staat betrachtet werden, was sinnvoll und richtig ist, andererseits sollen Sonderregeln für die Journalisten gelten. Die Begründung Samuels läuft über die Beschreibung einer potentiellen Gefahr des vermehrten Antisemitismus oder Antizionismus (gemeint ist wohl eher die Verneinung des Existenzrechtes Israels).

Beste Grüße

Christoph Leusch

 

balsamico 15.01.2013 | 14:36

Es kann keinen Zweifel an der rechtmäßigen Existenz des Staates Israel geben!

cum grano salis. Israel ist ein Staat. Punkt. Es hat ein Staatsvolk, eine Staatsgewalt und ein Staatsgebiet, letzteres allerdings mit einem Schönheitsfehler: Israel hat seine Ostgrenze bis heute nicht definiert, geschweige denn unter Anerkennung der Staatengemeinschaft. Es kann nicht unzulässig sein, sich Gedanken darüber zu machen, weshalb Israel seine Ostgrenze nicht definiert und ob und ggf. welche mglw. unlauteren Absichten es damit verfolgt.

 

balsamico 15.01.2013 | 14:54

- alles, was innerhalb der Grenzen der Meinungsfreiheit und des Mainstream in einem relativ moderaten Ton abläuft;

Na ja, mit den Grenzen der Meinungsfreiheit ist das ja schon so ein Problem, da sie zwar weit gezogen sind aber an den Rändern schon mal vom Bundesverfassungericht definiert werden müssen.  Und sicher haben Sie recht, wenn Sie darauf verweisen, dass der Ton die Musik macht. Es gibt aber durchaus Themen, bei denen man laut werden darf: Wieder ein paar tausend neue israelische Wohnungen in und um Ostjerusalem ist so ein Thema. Oder was Israel im Jordantal so treibt...

 

balsamico 15.01.2013 | 15:40

Hier ging es nun aber um diesen Pressecodex Shimon Samuels, der so eben nicht haltbar ist und eine Differenz in der Berichterstattung und Kommentierung über Israel, im Vergleich zu anderen Staaten,  einfordert, die das Simon-Wiesnethal-Zentrum andererseits geradezu vehement ablehnt.

Ich halte diesen "Pressecodex" für eine ziemliche Anmaßung. Wer oder was berechtigt jemanden - außer, in Deutschland, dem Bundesverfassunggericht vielleicht - Journalisten und/oder Bürgern vorzuschreiben, in welchem Ton sie etwas zu und/oder über Israel schreiben wollen, solange sie die einschlägigen Gesetze nicht verletzen, als da wären: Beleidigung, Verleumdung, Üble Nachrede und/oder Volksverhetzung? Nicht dass ich wüsste - außer dem common sense natürlich, der aus bekannten Gründen in Deutschland allerdings anderen Regeln folgen muss als anderswo auf der Welt. Aber das sind Regeln des Anstands und der Rücksichtnahme auf erlittenes Unrecht, die m.E. nicht so weit gehen können, dass man Sachthemen lieber nicht anspricht, aus Furcht, sich den Mund zu verbrennen oder seine Gedanken, die man mitteilen möcht, so abzuschwächen, dass z.B. der Zentralrat der Juden in Deutschland daran keinen Anstoß nimmt.  Das geht nicht. Dazu sind die Deutschen in ihrem Verständnis von Meinungsfreiheit zu weit fortgeschritten. 

Heron 15.01.2013 | 18:46
"Wo aber, ziehen sie sie Grenzen, Heron?" Mir persönlich steht es nicht zu, Grenzen zu definieren,zu bewerten. Ich wies nur auf den Antizionismus hin und sehe ein Spannungsfeld, was von Menschen betreten wird, deren Antrieb dazu ich nicht verstehe. Ich stelle eine Frage: Wenn Sie über die "die Grenzen Israels" schreiben, auf" Judäa und Samaria" verweisen und Herrn Netanyahu erwähnen, muss es dafür gewichtige Gründe geben. Gründe, die mir bei Allen, die sich an Israel abarbeiten, bisher verborgen geblieben sind. Ich habe darauf bis jetzt nie eine erschöpfende Antwort erhalten. Von niemandem der sog. "Israelkritiker! Aber diese Frage treibt mich um: Was bringt Menschen dazu, "Israelkritiker" zu werden. Also den Schritt von Interesse an... zur stellenweise exzessiven Kritik zu/an... zu gehen. Diese Welt ist voll von kleinen und großen Ungerechtigkeiten, Missständen und Gemeinheiten. Diese Welt wird geschunden, ausgeplündert und viele seiner Menschen ebenso. Das ist furchtbar, darüber kann man schreiben, streiten und agieren - es ist ein großes Feld für Betätigung. Warum aber muss man sich das kleinen Land Israel aussuchen? Ich frage noch präziser: Warum ist das Thema Israel ein Garant für unzählige, stellenweise sehr hässliche Kommentare zu Artikeln in den Medien? Warum bekommen Lapsuus wie Grass "Gedicht, auch Augsteins Texte dazu, so viel Aufmerksamkeit und Zuspruch? Oder ganz anders: Haben Sie und die Anderen einfach nichts besseres zu tun?
Achtermann 15.01.2013 | 18:48

"Mainstream-Antisemitismus", lieber Achtermann, was soll das sein?

Das ist nicht mein Begriff. Diesen hat Cooper benutzt. Ich habe diesen Begriff nicht mal zitiert. Cooper wird es besser wissen als ich. Wenn er sagt: „Die Top-Ten-Liste ist unser Versuch, eine Momentaufnahme von Beispielen des Mainstream-Antisemitismus zu liefern. Der wichtige Punkt dabei ist, dass es nicht um die Ränder der Gesellschaft geht.“, dann meint er eben nicht die deutsche Neonazi-Szene, sondern den Antisemitismus, der in der Mitte unserer Gesellschaft gepflegt wird, der in Anzug und Krawatte vorgetragen und in den dt. Feuilletons seinen Niederschlag findet. Es scheint Cooper et al. nicht darum zu gehen, Augstein als einen schlimmeren Antisemiten darzustellen als sie in der Neonazi-Szene zu finden sind. Sein Anliegen ist, auf die massenmediale Form des Antisemitismus aufmerksam zu machen. Wer ihn nur an den Gesellschaftsrändern meint verorten zu müssen, liegt falsch.

Columbus 15.01.2013 | 21:16

Anlass der neuerlichen Diskussion war ja, dass das SWC und vorher ein bekennender Polemiker, den Journalisten Augstein zum Antisemiten erklärte und der Mitbegründer des SWC, Rabbi Cooper begründete, warum der Herausgeber des dF und SPON-Autor auf eine Watchlist der einflussreichsten Antisemiten geriet.

Anlass meines Blogs war nun das Statement Shimon Samuels, der seine Schreibregeln für die Presse erläuterte, wenn zu Israel geschrieben werden muss.

Sie drehen das um und fragen nach dem Interesse der Kritiker des letzten deutschen Polemikers, der gewillt ist, die Polemik nun als Stilform zu Tode zu reiten, und den Motiven jener, die das  SWC kritisieren:

Ganz einfach. Wenn der Polemiker und das SWC sich mit ihrer Haltungen durchsetzten, wäre in der Berichterstattung nur noch Einseitigkeit bezüglich der israelischen Politik denkbar, ohne sich den Vorwurf Antisemit zu sein oder den Antisemitismus in unserer Mitte zu fördern, gefallen lassen zu müssen.

Dann könnte man gleich die Presseerklärungen der israelischen Regierung und die Bulletins der IDF abdrucken und hätte eine neue  Pressefreiheit, die nicht als antisemitisch denunziert werden kann. 

Wie schon häufiger in Kommentaren und Artikeln zum aktuellen Thema bemerkt, könnten dann aber auch angesehene israelische Presseorgane, Schriftsteller und Publizisten eigentlich nichts Kristisches mehr sagen und schreiben, es sei denn,  sie passierten eine Art Prüfinstanz ohne Beanstandung. - Schließlich ist es weder schön noch ehrenvoll, als Antisemit bezeichnet zu werden oder auch nur in die Nähe einer solchen Haltung gerückt zu werden.

Die Interessen und Motive der Menschen, die so leichtfertig Etiketten kleben, dürften heute und aktuell interessanter sein.

Darüber hinaus hat die Diskussion um Schreibregeln bezüglich Israels auch Auswirkungen auf andere Debatten, die mit ebensolcher Leidenschaft geführt werden und leider ebenfalls zu einem Großteil bei Fragen um die politische Korrektheit hängen bleiben.

Beste Grüße

Christoph Leusch

 

Columbus 15.01.2013 | 21:50

Lieber Achtermann,

Mainstream- Antisemitismus: Ich wollte damit nicht ihre Meinung kritisieren, aber besonders auf  die Schwammigkeit der Argumentation Rabbi Coopers in diesem Interview hinweisen. Sie hatten empfohlen es zur Kenntnis zu nehmen (polemikfrei).

Mainstream-Antisemitismus nach dieser Definition, auch wenn er in ihren Augen nicht so schlimm, so brutal, so offen und so unverschämt daher kommt, wie der Glatzen- und Bürstenhaarschnitt Typus, wie der Friedhofsschmierer und Synagogenschänder-Typ, ist das dann nicht fast schon so, als sage man, die Deutschen waren, sind, bleiben, werden, wieder mehrheitlich antisemitisch?

Gibt es den massenhaften Antisemitismus der in der Mitte, also bei uns vielen, den gut gekleideten Deutschen, den Nadelsteif- und "Salonantisemiten"  angekommen ist oder der immer schon da war?

Am Zusammenfluss von Rhein und Main wehren sich Bürger, Städte und Gemeinden, wenn sich Antisemitismus in seiner realen Form zeigt und ich glaube, es ist bundesweit in den meisten Regionen ebenso.

Ein Antisemitismus oder Antizionismus (besser wohl, Leugner des Existenzrechts Israels) in der Mitte der Gesellschaft, wo bitteschön, findet der seinen gedruckten und gesprochenen Ausdruck, ohne sofortige Ächtung?

Etwa in der notwendigen Israelkritik, die nach allen diesen deklamatorischen Auftritten Broders und nach der entlarvend zur Schau getragenen Unkenntnis Rabbi Coopers, letztlich nur noch eingiermaßen vorwurfslos von den reinen Seelen auf "AchGut.com" und vom SWC selbst, wäre es auch dafür noch zuständig, erfolgen könnte?

Nein, ich bin nicht überzeugt von einen Antisemitismus in der Mitte der Gesellschaft, obwohl es tatsächlich Nadelstreif-Antisemiten und Neonazis gibt, die verzweifelt auf populistische Themen (allgemeine Fremdenfeindlichkeit, Islamophobie) umsatteln. Aber weder in den Medien, noch in der Politik, noch unter Kulturschaffenden, noch in der allgemeinen Bevölkerung hat Antisemitismus heute eine breite Basis oder viel  Zustimmung. - Das ist ja auch gut so.

Beste Grüße

Christoph Leusch

 

 

schlesinger 15.01.2013 | 22:48

Stimme vielem in Ihren Ausführungen zu.

Was den Bezug auf die Entstehungs- und weitere Konfliktgeschichte Israels anbelangt, verwenden Sie leider die angegilbten, romatisierenden, aber weitgehend unhaltbaren Darstellung à la Leon Uris (unbedarfter David gegen niederträchtigen arabischen Goliath)

"... in der sich ein Land ... von Feinden umgeben sieht, die teilweise explizit seine Vernichtung anstreben und dies in der Vergangenheit auch mehrfach erfolglos versucht haben."

Der 48er Krieg war keinesfalls David gegen Goliath. Und die damit verbundene Vertreibung der Araber schwer zu rechtfertigen (Vgl. Morris: 1948)

Der Suez-Krieg von 56 war ein klassischer Angriffskrieg, geplant von Israel zusammen mit GB und Frankreich gegen Ägypten unter Verwendung eines Vorwandes.

Der Krieg von 67 war ein Präventivkrieg Israels aufgrund eines hysterischen Militärs (vgl. Tom Segev: 1967, auch bei der Bundeszentrale für 4 € zu haben). Der Held von 1967 war nicht Moshe Dayan, sondern MP Levi Eshkol. Der versuchte sich bis zuletzt seinen Generälen zu widersetzen, hatte aber letztlich alle gegen sich: Armee, Opposition (Begin), sogar die Bevölkerung erwartete einen Präventivschlag.

73 wurde Israel überfallen, aber - wie man inzwischen weiß - im Zuge eines Krieges à la Clausewitz: als Fortführung der Politik. Es ging Sadat nicht um Vernichtung, sondern um Behandlung als Gleicher.

82: Angriffskrieg Israels auf den Libanon, obwohl man sofort wußte, dass der Anschlag auf den isr. Botschafter in London nicht von der PLO ausging (was als Vorwand diente).  (Vgl. Amos Oz, Hügel des Libanon.) Es ging um die "grand strategy" des Ariel Sharon: PLO vernichten, Libanon als Satellit, Jordanien als Palästinenserstaat. (Vgl. Politizid, Baruch Kimmerling)

2006: Zerstörung des halben Libanon aufgrund der Entführung einer isr. Patrouille an der Nordgrenze. Verhältnismäßig? (Vgl. Harel, Issacharoff 34 days)

Und nein, Israel entstand nicht "aus der Asche von Auschwitz", sondern aufgrund der hartnäckigen und in vielfacher Sicht bewundernswerten, da diplomatisch-politisch klugen Arbeit der  Zionisten wie Weizman u.a. Jüngst wurde ein Buch vorgelegt, das zeigt, wie in Amerika bereits Präsident Adams (!) mit amerikanischen Juden korrespondierte und sie zur Wiederbesitznahme Israels ermunterte...

seriousguy47 15.01.2013 | 23:01

Nein, ich romantisiere nicht und beziehe mich auch nicht auf Leon Uris, sondern einfach auf das, was ich über die Medien jeweils aktuell mitbekam. Insofern ist das ein Missverständnis.

Richtig ist, dass ich die Medien nicht allzu sehr hinterfragte und mich mit Nahost und DDR möglichst wenig selbst beschäftigte - obwohl ich es hätte sollen -, weil mir beides zu sehr von Propaganda überlagert war. Und weil ich bei Nahost zu viel Aussichtslosigkeit sah.

Insofern betrachte ich den Einspruch als willkommen. Aber mir fehlt bei solchen Einsprüchen häufig die nötige Distanz zur palästinensischen Propaganda, insofern fühle ich mich als "Opfer" pro-israelischer Propaganda nicht allzu unwohl...;) Hauptsache, es pendelt sich am Ende einigermaßen ein.

schlesinger 16.01.2013 | 08:55

War auch keinesfalls als Vorwurf gedacht! Und dass die Darstellung, die Sie gegeben haben nach wie vor dem mainstream entspricht, weiß ich sehr wohl. Was die Propaganda anbelangt würde ich sagen, dass sich beide Seiten wenig schenken. Man kann es wie bei einer math. Gleichung 2x streichen. Daher sollte man umso mehr versuchen, anhand besserer Quellen ein Bild von den Geschehnissen zu bekommen. Seit den Achtzigern gibt es eine Fülle von Fachliteratur, gerade auch aus israelischer Feder. Oder nicht nur Fachliteratur. Auch aus den Romanen von Oz oder David Grossman (sleeping on a wire, the yellow wind) oder einem Erlebnisbericht der Ärztin Emma Williams (Its easier to reach heaven) etc.pp. lernt man viel und facettenreicher alses Zeitungsberichte leisten können.

Der Situation gerecht zu werden sollte sich nicht darauf beschränken die Verantwortung für den Konflikt irgendwie gleichmäßig zu verteilen, nur weil man sich dann vage "gerecht" oder "ausgewogen" sieht. Beste Grüße! S.

silvio spottiswoode 16.01.2013 | 12:20

Wer willentlich und absichtlich den Staat Israel delegitimiert, muss damit rechnen, öffentlich zur Rechenschaft gezogen oder gar verklagt zu werden.(9)

Diese Regeln sind einfach nicht ernst zu nehmen. Das SWC sollte aufgelöst werden.

Spannend ist doch die aushesprochen selektive Wahrnehmung: dass immer nur die Dinge thematisiert werden, die die eigene Position bestätigen. Hasserfüllte, selbsternannte Antisemitismus Experten wie Mr. B schaden der ganzen Sache unendlich viel mehr. Nur solche Erkenntnisse werden einfach locker weggebürstet. Die sind alle komplett meschugge.

Und was würde wohl das SWC zu Hannah Arendt und den Unterzeichnern dieses Briefes an die New York Times sagen? Alles Antisemiten?

Albert Einstein Letter to The New York Times. December 4, 1948 New Palestine Party. Visit of Menachen Begin and Aims of Political Movement Discussed http://archive.org/details/AlbertEinsteinLetterToTheNewYorkTimes.December41948

 

balsamico 16.01.2013 | 12:42

Aber diese Frage treibt mich um: Was bringt Menschen dazu, "Israelkritiker" zu werden. Also den Schritt von Interesse an... zur stellenweise exzessiven Kritik zu/an... zu gehen. Diese Welt ist voll von kleinen und großen Ungerechtigkeiten, Missständen und Gemeinheiten. Diese Welt wird geschunden, ausgeplündert und viele seiner Menschen ebenso. Das ist furchtbar, darüber kann man schreiben, streiten und agieren - es ist ein großes Feld für Betätigung. Warum aber muss man sich das kleinen Land Israel aussuchen? Ich frage noch präziser: Warum ist das Thema Israel ein Garant für unzählige, stellenweise sehr hässliche Kommentare zu Artikeln in den Medien?

Mich dagegen beschäftigt es ein wenig, weshalb diejenigen, die sich an Israel "abarbeiten," begründen oder gar rechtfertigen sollen, warum sie das tun. Denn die Regel ist, dass niemand erklären, begründen oder gar rechtfertigen muss, weshalb er sich für ein Thema interessiert und für ein anderes nicht. Ich vermute, dass diejenigen, die sich danach erkundigen, warum sich jemand kritisch mit Israel befasst, seinen Antisemitismus als Motiv argwöhnen. Denn wer sich lobend zu Israel äußert, sieht sich ja keinen Nachforschungen nach seinen Motiven ausgesetzt. Tatsächlich gibt es wohl viele Gründe dafür, weshalb sich jemand kritisch zu Israel äußert, wobei Antisemtismus als ein Antrieb unter anderen nicht auszuschließen sein mag. Ich z.B. kam zu dem Thema, als ich vor vielen Jahren im zeitlichen Zusammenhang mit dem sog. Sechstageskrieg im Geschichtsunterricht ein Referat über die Situation Israels im Nahen Osten zu halten hatte und dabei in Widersprüche zu den damals herrschenden Ansichten über Israel geriet.  Gewiss, ich hätte das wieder vergessen können, wie vieles andere, was auch widersprüchlich ist. Ich habe es aber nicht vergessen. Wahrscheinlich bin ich ein Antisemit weil mich mein Vergessensmechanismus im Stich gelassen hat. 

 

Columbus 17.01.2013 | 14:09

Wie immer, umfangreich und interessant, was sie da als Liste der kriegerischen Auseinandersetzungen präsentieren, Schlesinger.

Nur eine Regel, die sie ja auch für den Präventivkrieg ´67 indirekt anführen, gilt natürlich umgekehrt auch für den Überfall Ägypten und Syriens ´73.

Während Politiker unter Umständen taktisch denken, wird unter dem Druck der Öffentlichkeit und der Bevölkerung, etwas ganz anderes daraus. Erfolg oder Misserfolg konditionieren dann, wie es weiter geht.

Das Trauma von 1967, Gebietsverlsute Ägyptens und Jordaniens, bestimmte die weitere Haltung der arabischen Staaten ebenso, wie das Trauma der schweren Niederlagen zu Beginn und allzu vieler Verluste im Jom Kippur-Krieg, die israelische Mentalität.

Beste Grüße

Christoph Leusch

schlesinger 17.01.2013 | 17:15

Interessant und zunehmend wichtig, auf was sie da hinweisen

"Aufschluss über Samuels Verständnis des israelischen (Gottes?)Staates geben die anschließenden Zeilen:

Das Jahr 1948 ist nicht nur das Jahr, in dem die Juden auf die Landkarte und in die Geschichte zurückgekehrt sind. Es stellte auch die Dreieinigkeit des Volkes, der Schrift und des Landes wieder her.“

Man sollte sich daran erinnern, dass das junge Israel ausdrücklich als säkulares, sozialistisches Projekt gedacht war, in dem eine bessere, tüchtigere Generation von Juden eine Heimat finden sollen. Das "besser" und "tüchtiger" ist nicht meine Formulierung, sondern entspricht dem damaligen Jargon. Das ging sogar soweit, dass Ben-Gurion und seine Parteifreunde und -gegner vor 45 heftig darüber debattierten, wen genau sie ins Land holen wollten, um nicht das sozialistische Projekt zu gefährden. Erst als klar wurde was die deutschen trieben, ließ man von den utopischen Vorstellungen ab.

Erst seit 67 und von da ab in in stets zunehmendem Maß gewinnt die Interpretation à la Samuels an Bedeutung.

Daher auch die unlängst gefallende Bemerkung des Haaretz-Journalisten Pfeffer, die Israelis würden in den anstehenden Wahlen verlieren, die Juden gewinnen.