Corinna Koch
21.03.2013 | 01:00

Daniel Heer, Rosshaarknüpfer

Werkstattbesuch Das Handwerk des Großvaters in einer globalisierten Welt fortleben lassen – wie gelingt das?

Daniel Heer, Rosshaarknüpfer

Der Tradition verpflichtet: der Schweizer Daniel Heer an seinem Arbeitsplatz

Foto: Corinna Koch für der Freitag

Er deutet auf ein Ölgemälde, das an der Wand seiner Ladenwerkstatt hängt. „Das ist mein Urgroßvater, Benedikt Heer. Er gründete 1907 die Sattlerei Heer im Schweizerischen Luzern, das damals noch ein Dorf war. Gegenüber des Geschäfts meines Urgroßvaters war der Schmied, zu dem die Bauern gingen, wenn sie für ihre Besorgungen ins Dorf kamen und ihre Pferde zum Beschlagen brachten“, erzählt Daniel Heer. „Danach gaben sie Zaumzeug und Sättel bei uns ab und verbrachten dann den Nachmittag im Gasthof, bis alles fertig war.“ Mehr als hundert Jahre später heißt die „Sattlerei B. Heer“ nur noch „Heer“ und liegt in der Rosa-Luxemburg-Straße in Berlin-Mitte.

Die handgearbeiteten Rosshaarmatratzen, die Großvater Heer damals zu fertigen begann, kann man dort heute immer noch erwerben. An ihrem Äußeren sowie ihrer Machart hat sich seit den Anfängen wenig geändert. „Ich sehe die größte Veränderung darin, wie man die Matratzen und das Handwerk, das dahinter steckt, heute in einen neuen Kontext rückt, sie neu definiert“, erklärt Daniel Heer ruhig. Der 35-Jährige trägt einen weißen Kittel. Es ist ein Martin-Margiela-Arbeitsmäntelchen, das ihm die Geschäftsführerin einer Designerboutique in Los Angeles feierlich überreichte, nachdem er dort einmal seine Kunstfertigkeit demonstriert hatte.

Sehnsucht nach Wurzeln

Heer kam 1999 nach Berlin, auch für ihn wie für so viele damals eine kreative Spielwiese – und die letzte Station seiner Wanderjahre. Nach der Ausbildung im väterlichen Betrieb verschlug es ihn als Sprachschüler nach Tschechien und als Dokumentarfilmer nach Rom. In Berlin stellte er fest, wie wenig Handwerk es gibt. Und vor allem kaum Handwerker mit den Erfahrungen eines generationsübergreifenden Betriebes. Und auch gute, nachhaltige Produkte – seien es Lebensmittel oder Gebrauchsgegenstände – vermisste er.

„Inzwischen sind es Leute wie ich, die ein paar Jahre zuvor als Fremde in die Stadt kamen und die irgendwann eine gewisse Sehnsucht packt, die sie zurück zu den Wurzeln ihrer eigenen Kultur führt“, sagt Heer. Die Verbindung zu seinem familiären Erbe kappte er nie. Er half im elterlichen Betrieb – Sattler der dritten Generation – aus, wenn Zeit dafür war: Das war selbstverständlich für ihn, der mit der Arbeit und den Produkten, die daraus entstanden sind, groß geworden ist. Doch er musste erst von zu Hause weggehen, um die Tradition richtig zu verstehen.

Durch die Fenster seiner Berliner Ladenwerkstatt kann man ihm bei der Arbeit zuschauen. Der große Schneidertisch ist übersät mit Werkzeugen und Arbeitsmaterialien, die durch ihre Formen ein edles Stillleben bilden. Auf dem Boden liegen Matratzen gestapelt, daneben steht ein aus edlen Hölzern gefertigtes Daybed sowie Hocker, die aus simplen Rahmen bestehen und deren Sitzflächen mit Lederriemen zusammengehalten werden. Heer nennt diese in Berlin entwickelte Serie „Keil“ – die Lederriemen werden mit einem beweglichen Keil in der Innenseite des Hockers befestigt. So kann man das alt gewordene Leder nachspannen.

Weißes Haar aus der Mongolei

Beim Material fange für ihn die Arbeit an, erzählt er. „Ich brauche auch einen persönlichen Bezug zu den Herstellern.“ Das Leder etwa, das er für seine Arbeit verwendet, hat er aus den bayrischen Alpen, von Simmenthaler und Allgäuer Kühen. Deren Häute werden in einer kleinen Gerberei in Norddeutschland traditionell in der Grube gegerbt und von Hand bearbeitet. Das Rosshaar, das Heer verarbeitet, ist für Kunden sichtbar in einem schlichten Regal in Holzschubern gelagert: graues, schwarzes und weißes Haar, das von der Mähne oder dem Schweif eines Pferdes stammt. Das feine Mähnenhaar nimmt Heer für weichere Matratzen, aus dem Schweifhaar werden die harten Rosshaarmatratzen gefertigt. „Das schwarze Haar kommt aus Südamerika, das weiße aus der Mongolei“. Auch Heer mit seinem Sinn für Tradition ist in der globalisierten Welt angekommen.

Inzwischen existieren nur noch wenige Rosshaarspinnereien in Europa. Eine aus der Schweiz beliefert das englische und das schwedische Königshaus. „Mein Urgroßvater kaufte bei ihnen das Haar für unsere Matratzen ein. Diese Spinnerei erzeugt eine Spitzenqualität, die sich auf den Preis niederschlägt. Unsere Rosshaarmatratzen sind heute Luxusartikel“, sagt Heer. Für eine klassische, nach Maß gefertigte Heer’sche Rosshaarmatratze muss man um die 2.000 Euro bezahlen, der Preis steigt mit den Ansprüchen.

Es gebe ein neues Verständnis für Luxus und für Produkte, die „praktisch zeitlos und schlicht sind“, sagt Heer – hochwertige Gebrauchsgegenstände wie handgefertigte Rosshaarmatratzen. Seine Kunden würden sich vor allem für Machart und Material interessieren. Doch nicht nur wohlhabende Ältere, auch 20-Jährige kaufen bei ihm. „Sie finden meine Arbeit nachhaltig. Sie sind in einer verlangsamten Ökonomie aufgewachsen, in einer Zeit, in der das ökologische Umdenken bereits begonnen hatte, den eigenen Konsum zu beeinflussen.“ Heer legt alle Hoffnung in sie. Kunden der Zukunft.