Corinna Koch
03.02.2012 | 12:20

Der Tod und sein Begleiter

Fotografie Der Band „Series“ von Enrique Metinides dokumentiert mehr als 30 Jahre harschen Großstadtlebens in Mexico City. Seine Fotos sind nun in einer Berliner Ausstellung zu sehen

Acht Uhr abends in Mexiko-Stadt. Die Nacht legt sich in einer tiefschwarzen Wolke auf dem Hochplateau nieder. Um Punkt Acht bildet sich ein unsichtbares Kollektiv innerhalb dieser zweitgrößten Ansiedlung von Menschen auf der Erde, das sich über den Äther vereint, um einer Radiosendung zu lauschen, deren Anziehungskraft sich weder Jung noch Alt, Arm oder Reich entziehen können. Die Stimme, die diese Sendung allabendlich bestreitet, verkündet die Tode des Tages: Verkehrsunfälle, Messerstechereien, Raubüberfälle, Suizid und Mord.

Der Tod ist in Mexiko-Stadt ein anderer als der, den wir in Europa kennen. Hier ist er ein Tänzer, der jedes Jahr am Tag der Toten als Gerippe verkleidet durch die Straßen zieht, ein obskurer Begleiter, der in einem der vielen VW-Käfer-Taxis plötzlich neben einem sitzt, kurz bevor man vom Fahrer ausgeraubt, zu Tode gestochen in einem düsteren Winkel der Stadt abgeworfen wird. Oder wie er heute zu sehen ist, als narkotisches Gift, das in den vergangenen vier Jahren 34.000 Mexikaner heimsuchte und dessen Machwerk in abstoßenden Schnappschüssen dokumentiert über die Bildschirme der Nachrichtensender gejagt wird.

Der Tod war der Gründungsvater der Stadt, die treibende Kraft, als der Adler über die Lagune flog, auf eine Schlange niederstürzte und diese leblos im Schnabel haltend auf der Mitte des Sees zur Landung ansetzte. Das aztekische Publikum, das der Szene beiwohnte, sah in diesem Akt Anlass für die Grundsteinlegung seiner Stadt. Es legte den See trocken und begann mit dem Aufbau seines Imperiums.

Horror und Schönheit

Mehr als 600 Jahre später setzte auf eben dieser Lagune ein Flugzeug zur Notlandung an. Es hatte sich im Anflug zu dicht über dem Boden gehalten und war in eine Bahntrasse gestürzt, was es in drei Teile brechen ließ. Beobachter dieser Szene war der junge Fotograf Enrique Metinides, der wie immer als erstes auf den Plan getreten war, noch vor den Feuerwehrleuten, den Sanitätern oder der Polizei.

Er war gekommen, um das Bild des Todes festzuhalten, er arbeitete für Nota Roja, die „Blutige Nachricht“. Die Überlebenden, denen es gelungen war, aus dem Wrack herauszukriechen, sanken knietief unter die spiegelnde Wasseroberfläche des Sumpfes ein. Einige konnten sich bereits zu den in der Landschaft verstreuten Flugzeugteilen retten, wo sie erschöpft zusammenbrachen. Ihre steifen Kleider der sechziger Jahre hatten sich auf kubistische Art am Körper verzogen, was im harten Kontrast zu der nun eintretenden Entspannung ihrer Körper stand. Im Hintergrund versank der strahlend weiße Stahlvogel in der Sumpflandschaft, unter den Blicken der herbeilaufenden Feuerwehrmänner.

Dieses Bild ist nicht das einzige Bild, das Metinides von der Szenerie aufnahm. In seinem Verlag Kominek-Books erschienenen Buch Series wird es flankiert von sieben weiteren Bildern, die im Zeitraum weniger Minuten von dem durch den Sumpf eilenden Fotografen geschossen wurden. Aneinandergereiht ergeben die Fotografien einen kurzen, in zuckenden Bildern ablaufenden Film, der die Tragödie aus mehreren Blickwinkeln beleuchtet und es so fertigbringt, sowohl ihren Horror als auch ihre unvermittelt auftretende Schönheit einzufangen. Die Nüchternheit, mit der das Leiden der Opfer, die verzweifelte Anstrengung der Helfer sowie das unverhohlene Starren der Schaulustigen hier festgehalten sind, erinnern an den klaren Blick eines Träumenden, der durch die Kaskaden seiner eigenen Phantasmen tappt.

Aus der Zeitung

Metinides Kindheitstraum, in einer Welt voller Gangster und Ganoven zu leben, ganz so, wie sie in den Lichtspielhäusern Mexiko-Stadts in den vierziger Jahren abgebildet wurde, erfüllte sich für ihn in eben diesem Alter – in seiner Kindheit. Sein Vater, der ein Restaurant im Zentrum der Stadt betrieb, gab ihm aus dem übrig gebliebenen Bestand seines zuvor betriebenen Souvenirladens eine Fotokamera und eine Plastiktüte voller Filme.

Mittags gingen die Polizisten der benachbarten Wache im Lokal des Vaters ein und aus. Der Knabe folgt ihnen nach dem Essen zurück zum Polizeigebäude, wo er Autos fotografierte, die in Unfälle verwickelt gewesen und dorthin abgeschleppt worden waren. Er klebte die Bilder in ein Album, ein weiteres Album füllte er mit aus der Zeitung ausgeschnittenen Bildern von Morden und Unfällen, die sich in der Stadt ereigneten. Eines Tages passierte dann auf der Straße, direkt vor dem Restaurant des Vaters, ein Unfall. Metinides rannte heraus – und stieß auf eine Leiche, die der Zwölfjährige mit dem an Brutalität grenzenden Eifer eines Kindes zu fotografieren begann, das angesichts der Greifbarkeit seines innersten Wunsches sein noch schwach ausgebildetes Gefühl für Relation und Mitgefühl verliert.

Bald darauf tauchte neben ihm ein weiterer Fotograf auf und begann ebenfalls, die Szene zu fotografieren. Es war ein Reporter der La Prensa, der Metinides, beeindruckt von dessen Courage, unter seine Fittiche nahm. Der kleine Junge wurde bald zum Star der Szene, seine Kollegen nannten ihn „el Nino“, und er machte seinem Namen alle Ehre, wenn er sich spielerisch und gelenkig auf den Boden fallen ließ, um die knallroten Blutlachen in der Horizontale darzustellen, weil sie sich sich aus dieser Per­spektive, so seine Worte, „wie eine schön geschwungene Linie aus einer mäandernden Flüssigkeit in tiefroter Farbe“ darstellen.

Die Unschuld des Blickes

Der Tod machte ihm keine Angst, doch er begriff ihn ebenso wenig wie die Erwachsenen, die auf seinen Bildern oftmals am Rande eines Tatortes stehend abgebildet sind. Dieser Ring der Schaulustigen rahmt die Szenerie ein und multipliziert durch seine gaffende Anteilnahme die Rezeptionsfähigkeit der Tragödie, die sich dort in der Bildmitte abspielt – ein die Dramatik steigernder Bildaufbau, dessen sich neben Orson Welles und Alfred Hitchcock auch alte Meister wie Caravaggio bedienten. Doch das Kind Metinides war lediglich bemüht, die Bedeutung des Geschehenen an den Gesichtern der Erwachsenen abzulesen. Die Unschuld seines neugierigen Blickes verlor er in den dreißig Jahren seiner Karriere kein einziges Mal, sie wurde zu seinem Markenzeichen.

Doch neben dem Todeskampf, der in jedem Bild des Fotografen wie ein mal größer, mal kleiner aufgezogenes Fadenkreuz hervortritt, transportieren Metinides Bilder auch immer einen Strang von parallel ablaufenden Geschichten, die sich an Nebenschauplätzen, jenseits der Bildmitte abspielen. Viele von ihnen beschreiben das Humane, das in Momenten des größten Unglücks deutlich sichtbar wird, das pulsierende Leben, das im Moment des Todes steckt, und das Gefühl von Freiheit, das dem Untergang vorangeht. In einer weiteren Serie hält Metinides die Ohnmacht einer Mutter fest, die mit schmerzverzerrtem Gesicht die Treppe hinaufeilt, um noch rechtzeitig zu ihrem 17-jährigen Sohn zu gelangen, der dort auf dem Betonboden des Hausdaches gerade seinen Schussverletzungen erliegt. Metinides, der wieder einmal als erstes am Ort des Geschehens eintraf, war zu diesem Zeitpunkt ebenfalls ein Teenager.

Polizeifunk

Seine Bilder erzählen, wie sich die Mutter ekstatisch in den Armen der Nachbarn windet, die erfolglos versuchen, sie zurückzuhalten, und noch während sich das Drama am Fuße der Treppe abspielte, eilte Metinides hinauf und fotografierte den Toten dicht am Boden kauernd, in einem Winkel, der den Leblosen später wie eine schlafende Schönheit erscheinen lässt.

So bestritt Metinides Tag um Tag, Nacht um Nacht seiner Karriere. Er ließ den Polizeifunk laufen, wenn er schlief, verließ selten die Stadt und niemals das Land. Er bewunderte die Feuerwehrleute und die Sanitäter, ihn verband eine tiefe Freundschaft mit vielen von ihnen, und sie arbeiten Hand in Hand in ihrem Wettlauf mit der Zeit – sei es, um Leben zu retten, oder aber um das Leben durch die Bilder vom Tod den Bewohnern von Mexico City näherzubringen.