Corinna Koch
06.02.2013 | 00:30

On the road again

USA Die Fotografien von Alec Soth erinnern an die großartigen Reportagen von Truman Capote, Jack Kerouac oder Joan Didion

Es scheint das Los der Menschen dieses Landes zu sein, sich zu finden, wieder zu verlieren und wieder zu finden. Denn der amerikanische Schlaf ist luzide, schleicht immer wieder an den Grenzen des Bewusstseins entlang. In diesen Zeiten schaffen es äußere Mächte, in das Traumland einzudringen und mit den Ängsten der Schlafenden zu spielen, sodass sie falsche Sachen tun und das große Glück ins Unglück kippt. Amerika kennt zwei Strategien, dieser misslichen Lage zu entfliehen. Die eine liegt in der Schöpfung eines Superhelden, der mit der Kraft eines Giganten und dem Herzen des Erniedrigten die Tür wieder schließt, durch die die Mächte eingedrungen sind.

Die zweite in den letzten Jahren zusehends in Vergessenheit geratene Strategie beginnt mit dem schrillen Klingeln eines Weckers, der den Träumenden hart ins Licht der Wirklichkeit stößt. Er lässt ihn in die Blue Jeans steigen und einen Kaffee kochen, seinen Blick durch das Küchenfenster in den weitläufigen Garten schweifen, über den Zaun und zum Horizont, ihn dann ein paar Sachen greifen und hinter das Steuer seines Straßenkreuzers setzen, um den Schlüssel im Zündschloss zu drehen und eine lange, stille Reise durch sein eigenes Land zu beginnen.

Zu den Kultstätten

Nun scheint die Zeit wieder gekommen, sich mit dieser Form der Krisenbewältigung auseinanderzusetzen. Es ist populär geworden, wie die Autoren Lucien Carr, Jack Kerouac, Truman Capote oder Joan Didion zu arbeiten, die in den sechziger Jahren mit ihren Milieustudien und Sozialreportagen für Aufsehen sorgten – und deren investigativer Journalismus sich in John Jeremiah Sullivans kürzlich erschienenem Pulphead wiederfinden lässt (vgl. der Freitag 48/2012). Dieser Trend hat auch die Fotografie erfasst; eine Reihe jüngst erschienener Fotobücher läuten zwar leise, aber doch vernehmbar die Rückkehr einer Spezies von Fotografen ein, die im Zuge der Digitalisierung das Feld des Fotojournalismus Stück für Stück an das Heer der Amateurfotografen abgetreten hatte und sich selbst in den Schoß des Kunstmarktes flüchtete. Zu nennen wären die Arbeiten eines Gary Briechle oder eines Richard Rothman.

Es liegt eine Weile zurück, dass Fotografen sich mit Randgruppen wie Transsexuellen, Nudisten und Behinderten verbündeten. So wie Diane Arbus Anfang der sechziger Jahre, die mit der ehrlichen Wissbegier eines Walker Evans durch das Land zog, um die im Zuge der großen Depression verarmten Bauern zu fotografieren. Oder wie Jacob August Riis, der schon am Ende des 19. Jahrhunderts mit einer Plattenkamera und dem ersten auf dem Markt erschienenen Blitz durch New Yorks düstere Tenement Homes gezogen war.

Investigativer Journalismus braucht Zeit und Raum für Unwägbarkeiten wie Wolkenbrüche und Reifenpannen, mitgehörte Unterhaltungen am Tresen eines Diners oder die wegen eines entflohenen Sträflings abgesperrte Straße. Vor allem aber braucht es den selbstvergessenen Blick eines um Objektivität bemühten Geschichtenerzählers. Was im Internet Amateurfotografen zur Schau stellen, erinnert eher an die Bilder einsamer Selbstdarsteller und Zyniker, Beautyqueens und Starverschnitte, die sich auf der großen Karaokebühne einer gottvergessenen Bar am Ende des Highways das Mikrophon in die Hand geben. Trotz seiner oft brachialen Wahrheit hat das Internet keinen Schimmer von dem Fixstern am Himmel des amerikanischen Traums – dem Road Trip.

Einer der Träumer, bei denen der Wecker geklingelt hat, ist Alec Soth. Soth ist Mitglied der legendären Agentur Magnum, deren Fotografen bereits den spanischen Bürgerkrieg, den Zweiten Weltkrieg, die ersten Schritte der Volksrepublik China und den Vietnamkrieg nach allen Regeln der Kunst dokumentierten. Der 43-Jährige teilt ihren Wissensdrang, und auch er ist getrieben von einer unersättlichen Neugierde, die den Spätgeborenen für seine ersten Fotoprojekte zu den Kultstätten des amerikanischen Traums führte. Er folgte dem Flusslauf des Mississippi und porträtierte mit einer massiven 8x10-Kamera die Menschen, die sich an seinem Ufer niedergelassen hatten und ihre exzentrische Existenz pflegten.

Dann fuhr er nach Niagara, um mit dem vermeintlich unbeteiligten Blick eines Forschers diejenigen zu fotografieren, die es an diesen von den Medien vorgegebenen Ort des Glücks und des Dramas gezogen hatte, um sich zu lieben, zu verletzen und zu verlassen. Auch wenn man es den offenen und zugleich nüchternen Bildern nicht ansieht, musste Soth für jedes Porträt seine tiefe Menschenscheu überwinden. Unter einem dunklen Tuch fummelte er so lange stumm an den Einstellungen herum, bis seine Objekte ihn vollkommen vergessen hatten: Die große Kamera, die er wie eine Vogelscheuche vor seinen Motiven aufbaute, ermöglichte ihm stille, oft in sich gekehrte Bilder, die einen neuralgischen Punkt in der amerikanischen Seele berührten und Soth über Nacht berühmt machten.

2006 begab sich Soth auf eine innere Reise. Er hatte begonnen, sich für die Counterculture-Bewegung zu interessieren und Dokumente wie den 1968 erstmals erschienenen Whole Earth Catalouge zu sammeln, einem Katalog, der wertvolle Informationen zum Leben außerhalb der Gesellschaft gab und zur Bibel der Hippies wurde. Soth kreierte seine eigene bildliche Version dieser Aussteigerkonzepte, indem er Menschen aufsuchte, die abseits der Gesellschaft ein autarkes Leben führen wollten (der Freitag 10/2011).

Sechs Jahre verbrachte er im Niemandsland, in das ihn sein Broken Manual Project geführt hatte, und er konnte sich gerade noch vor dem Verlieren in der Weite retten, indem er sich mit älteren Hasen der Magnum-Agentur auf eine Reise von Kalifornien nach Texas begab. Nach langer Zeit der Stille wurde endlich wieder über die Fotografie gesprochen.

Die Reise warf aber auch Alec Soths eigenen, nach innen gerichteten Blick zurück in die Welt und machte ihn hungrig auf Menschen und Begegnungen. Gemeinsam mit dem Autor Brad Zellar bildete er ein mit jedem zurückgelegten Kilometer härter gesottenes Journalistenduo, das den alten Geist der investigativen Reportage noch einmal aufleben ließ. Dass sie ein Bild wie Don Quichotte und Sancho Pansa abgaben, war den im eigenen Auftrag agierenden Journalisten schmerzlich bewusst. Da stand keine Zeitung hinter, die das Projekt finanzierte oder deren Namen den Reportern Schutz und Legitimation hätte geben können.

Höflicher Paparazzi

Stattdessen mündeten ihre Investigationen in eine Reihe von selbstverlegten Magazinen, von denen jede Ausgabe den Namen des Bundesstaates trägt, den Soth und Zellar auf der Suche nach alten und neuen Wahrheiten durchkämmt haben. Im Frühjahr 2012 erschien Ohio, darauf folgte im Sommer Upstate, und Ende November brachte Soths kleiner Verlag Little Brown Mushroom den Band Michigan heraus.

Soths Fotografien, die großformatig abgebildet die Hefte dominieren, gleichen den Nachtaufnahmen eines Wildjägers, dessen erhellender Blitz die Kreaturen wie blasse Nachtschattengewächse erscheinen lässt. Ähnlich wie Riis 1887 hatte Soth für dieses Projekt seine Kameraausrüstung auf Jagd getrimmt, hatte die schwergewichtige Großformatkamera gegen eine handliche Digitale vertauscht und diese mit einem mächtigen Blitz versehen. So entstandene Serien von Schwarz-Weiß-Fotografien, die durch die fast aberwitzige Geschwindigkeit, mit der sie geschossen wurden, die realste aller abbildbaren Welten einzufangen vermochten.

Aber noch etwas zeichnet die Bilder aus: eine alte Form bildlicher Ironie, wie sie in den „Candid Camera“-Aufnahmen von Erich Salomon und dessen amerikanischem Konterpart, Weegee, wiederzufinden ist, eine Ironie, mit der diese frühen Paparazzi zugleich liebevoll und sarkastisch die Menschen und ihr Tun ablichteten. Soths Aufnahmen, die das Schöne verschachtelt im Hässlichen sichtbar machen, stehen für eine Ironie, in der, nach Friedrich Schlegel, „alles Scherz und alles ernst“ sein soll, „alles treuherzig offen und alles tief verstellt. (...) Sie enthält und erregt ein Gefühl von dem unauflöslichen Widerstreit des Unbedingten und des Bedingten, der Unmöglichkeit und der Notwendigkeit einer vollständigen Mitteilung.“ Diese Ironie liegt fernab von dem abgeklärten Zynismus US-amerikanischer Intellektueller und Komödianten, die angesichts der allzu oft Hohn und Spott provozierenden Bush-Administration zu Hochformen aufgelaufen waren. Heute sorgen ihre Späße dafür, dass den meisten krisengebeutelten Amerikanern das Lachen im Hals stecken bleibt.