DagmarSchatz
18.02.2012 | 21:40 13

Christian Wulff, die Pawlow'schen Hunde und der Islam

 

Die Diskussion um Christian Wulff hat Alternativen aufgezeigt, die mindestens so indiskutabel sind, wie er es war. Es kommt nichts Besseres nach – im Gegenteil.

Auch ich habe lange gebraucht, um mich in dieser Frage zu einem Standpunkt durchzuringen und halte es zunächst, was die Berichterstattung in den Medien betrifft, mit Jakob Augstein, der da schrieb:

„...eigentlich dachte ich, die Sache sei klar. Wenn Wulff ein Schuft ist, muss die Presse ihn jagen und das Publikum wird es ihr danken...Warum stellt sich die linke Öffentlichkeit nicht eindeutiger gegen diesen Präsidenten? Ist der Abscheu gegen die Bild-Zeitung so groß, dass man sich lieber von Bild distanziert, als ihr Recht zu geben, wenn sie Recht hat? Warum glaubt man überhaupt, nicht gegen Wulff sein zu können und gleichzeitig die eigene Kritik an der Bild Zeitung aufrecht erhalten zu können?

bin ich einig. Sofort griff der Reflex: wir, für die „Enteignet Springer!“ immer zu den nicht mehr hinterfragbaren Axiomen gehört hatte, konnten die Vorstellung nicht an uns heranlassen, dass sie möglicherweise dieses (eine?) Mal Recht haben könnte. Augstein fragt weiter:

Woher kommt dieser Glaubwürdigkeitsverlust der Medien? Warum genügt es dem Leser nicht, dass die Fakten stimmen, die er liest? Warum ist die Quelle der Fakten wichtiger als die Fakten selber?

Weil sich die „Mainstream-Medien“ samt und sonders über lange Jahre vollkommen unglaubwürdig gemacht haben, so sehr, dass das dieser Ausdruck als Chiffre für eben diese Unglaubwürdigkeit dient, und zwar so sehr, dass die „kritische“ linke Öffentlichkeit ihnen die obskursten Quellen aus der deutschen und internationalen Querfront- und Verschwörungtheoretikerszene vorzieht. Dieses Phänomen verdient allerdings eine eigene Betrachtung.

Was ist das für eine Haltung, dass man die Kritik am Bundespräsidenten schon darum verdammt, weil nach ihm nur ein anderer Präsident im gleichen System käme - aber kein Wechsel des Systems?“

Kölsches Sprichwort: „Watt de häss datt häss de, watt de kriss, dat wees de nit.“ (Was Du hast, das hast Du, was Du bekommst, das weißt Du nicht). Wer dies – schmerzlich genug - so sah, waren die, an denen sich letztlich so alles abgearbeitet hat: die Migrant_Innen, was in der Wahrnehmung nicht nur der „Islamkritiker“ sondern auch der mittlerweile radikalisierten Mitte synonym ist mit Muslim_Innen, Türk_Innen, auch nach 10 Morden noch immer als „Döner“ verhöhnt.

Doch „hatten“ die Migranten ihn wirklich, ihren Wulff? Ich behaupte: nein! Damit befinde ich mich sehr in der Nähe des Vorsitzenden des Zentralrats der Muslime, Ayman Mazyek, der in seiner gestrigen Stellungnahme erklärt hatte: „Ich teile die Verschwörungstheorie einiger in unserer Commnunity ausdrücklich nicht, wonach Herr Wulff wegen seinen Aussagen zum Islam den Hut nehmen musste.“

Was hat er denn ausgesagt? Der Satz wird zitiert als: „Der Islam gehört zu Deutschland.“ Sorry, aber das hat er nicht gesagt. Und dennoch wurde er von Islamophoben wie von Muslim_Innen genau so wiedergegeben. Was letzteren Anlass war, ihn auch als „Ihren“ Präsidenten zu betrachten, lange zu verteidigen und sich jetzt, nach seinem Rücktritt, als Verlierer der Debatte zu betrachten – und dies umso mehr, als er um dieses vermeintlichen Satzes angegriffen wurde. Gesagt hat er folgendes:

„...Wir haben auch erkannt, dass multikulturelle Illusionen die Probleme regelmässig unterschätzt haben.“ Das könnte in jeder rechtspopulistischen Publikation stehen, genauso, wie dies: „Es ist Konsens, dass in Deutschland deutsches Recht zu gelten hat – für alle.“ Da klingt doch förmlich der Merkel'sche Satz mit, dass in Deutschland das Grundgesetz gelte – und „nicht die Scharia“. Als ob das jemals angezweifelt worden wäre...

Der wesentliche Teil ist allerdings der über die Religion(en): „Das Christentum gehört zweifelsfrei zu Deutschland, das Judentum gehört zweifelsfrei zu Deutschland, das ist unsere christlich-jüdische Geschichte.“ Hat das denn niemand so richtig gehört???

Aus meiner Sicht ist diese Bindestrich-Chimäre ungeheuerlich: Paul Spiegel, seinrzeit Vorsitzende des Zentralrats der Juden, sagte z.B. in Bezug auf das „jüdisch-christliche Abendland“: „Als fragwürdig empfinde ich es, dass mit dieser neuerlichen Betonung des jüdisch-christlichen Erbes offenbar eine Koalition gegen den Islam beschworen werden soll, die es so nicht gibt.“ (Paul Spiegel in einem Interview mit der „Jüdischen Allgemeine“.

Der Begriff „jüdisch-christlich“ stammt übrigens aus den vierziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts und kennzeichnete damals den US-Amerikanischen „Triple Mainstream“ bzw. „Triple Melting Pot“: die Auffassung, dass die drei „historischen“ Religionen zwar theologische Unterschiede hätten, aber eines gemeinsam: "Amerikanische Werte".

Diese ur-amerikanische Wortschöpfung, im Grunde genommen die religiös-ideologische Rechtfertigung des US-Imperialismus bis heute, wurde nach Europa verpflanzt und hier zum Kampfbegriff: die Juden geschichtsrevisionistisch umarmt, die Muslime ausgegrenzt – und so macht es, trotz allem vorgeblichen Anspruch, auch Christian Wulff: „Der Islam gehört inzwischen auch zu Deutschland“. - Also nicht „zweifelsfrei“? Und „inzwischen“? Als Mitglied einer so ausgesprochen europafreundlichen Partei hätte sich Christian Wulff mal mit dem Beschäftigen können, was die EU zu dem Thema sagt und schon 1991 veröffentlicht hat. Unautorisierte deutsche Übersetzung hier.

Nein, Christian Wulff war nicht mutig. Er hat es nicht verdient: nicht das Verdikt der Islamophoben und nicht die Treue der Migrant_Innen.

Die Namen, die jetzt gehandelt werden, können nicht nur die Migranten das Grauen lehren: Sarrazin-Fan Joachim Gauck, wahrlich ein Theologe der Herzlosigkeit. In diesem hervorragenden Artikel wurde bereits alles zusammengefasst. Und Altbischof Huber? Unter dessen Ägide wurde die „Handreichung Klarheit und gute Nachbarschaft“ veröffentlicht, die von vielen Muslimen zu Recht scharf kritisiert wurde. Nein, für uns Muslime kommt dann nichts Besseres nach! Aber einen Grund, Christian Wulff hinterherzutrauern, sehe ich immer noch nicht.

Kommentare (13)

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Ehemaliger Nutzer 19.02.2012 | 03:02

Sie vernünfteln herum, glauben, dass man das da oben auch so macht, vernünftig reden, disputieren, sich entscheiden, mutig sein usw, usw. Ab einer bestimmten "gehobenen Lebenslage" ist das angenehme (die nächste Vergnügung) wichtiger als alles andere, es ist ein großer Igel-Clan und wenn´s denn Spass macht man aus einem der Igel einen Hasen und beist ihn tot. Der guckt sich dann erstaunt um und fragt sich, warum gerade ich?

Das ist der Kern, der Rest ist Fassade, Charaktermaske. Nicht die Verhandlung zählt, sondern das Abendessen (die Küche im Ministerrat (nicht die Normale) ist wirklich ausgezeichnet).

apatit 19.02.2012 | 10:43

“Die Namen, die jetzt gehandelt werden, können nicht nur die Migranten das Grauen lehren: Sarrazin-Fan Joachim Gauck, wahrlich ein Theologe der Herzlosigkeit.“ Das nehme ich auf und gebe ihnen 100% Recht. Ich nun als 100% “Biodeutscher“ habe mich damals und das mache ich heute auch, mit den von Sarrazin verächtlich gemachtem Menschen solidarisiert. In konservativen Kreisen hat man die Islam Sache von Wulff doch übel genommen und auch die SPD sollte sich Schämen, aber erst kommt das Fressen dann die Moral! Es ist bedauerlich wie wenig über den Gauck in Wirklichkeit bekannt ist – aber das hat bei unserer Presse auch System und Manipulationscharakter. Aber das waren doch nicht die einzigen Entlarvungen von Herrn Pastor der derzeitiger Vorsitzender ist der markradikale und neoliberale Friedrich Merz, der mitten in der größten Weltwirtschaftskrise ein Buch herausgegeben hat, mit dem bezeichnenden Titel - Mehr Kapitalismus wagen. Da waren seine überheblichen Darlegungen des Bürgerrechtler und Ex-Präsidentschaftskandidat Joachim Gauck als er die kapitalismuskritischen Proteste als "albern" ab. Falsch, kontern namhafte Sozial- und Politikwissenschaftler. Einzelne Demonstranten mögen skurril sein, einige Forderungen naiv, aber die Probleme sind real - und die Politik reagiere bereits auf den Druck der Straße. So eine Zeitung. Da bleiben die Armen auf der Strecke! Wenn sogar CDU Leute wie Diestel sagen: “Der Stasi-Begünstigte Joachim Gauck (Zitat des ehemaligen CDU Innenministers Peter-Michael Diestel) wäre eine schlechte Wahl fürs Land.“ Da sollten Denkprozesse einsetzten. Übrigens der Blog von Jacob Jung behandelt das Thema auch sowie " scharf links ", mal google bemühen. Ein Präsident sollte versöhnen und nicht Spalten! Schauspieler gibt es genug in Deutschland.

Alien59 19.02.2012 | 11:43

Dagmar: ja, aber auch nein. Mazyek macht sich wohl mal wieder Liebkind, aber die Sache geht über das Objektive hinaus.
Ja, Wulff hat den Satz nicht ganz so gesagt - aber für "so" wurde er an den Pranger gestellt, vor allem von der Zeitung, die dann federführend bei der Kampagne für seinen Rücktritt war. Und da liegt m.E. der Fehler in Augsteins Aussage: es bleibt zu fragen, warum diesmal die BILD so genau hinschaut und so konsequent verfolgt. Weinsztein zählte gerade an anderer Stelle eine ganze Reihe von Skandalen auf, die einfach wieder aus der Presse verschwanden. Aber hier?
Gutjahr kommentiert:
"Journalisten, von sich selbst besoffen („hab ich’s nicht gesagt!“), predigen im gutturalen Tonfall, Wulff sei nicht über die Medienhetze gestürzt, sondern über sich selbst. Erstaunlich, wie wichtig es den Berichterstattern zu sein scheint, das bei jeder Gelegenheit zu betonen. Wulff mag in den Ferienwohnungen seiner Gönner vielleicht besser aufgehoben gewesen sein, als in Bellevue. Aber machen wir uns nichts vor: Die Personalie passte den Herren und Damen Hauptstadtkorrespondenten nicht. Die Tatsache, dass sich Merkel mit dieser Personalfrage über diesen offen erklärten Willen der Journaille hinweggesetzt hatte, der Anfang vom Ende der Ära Wulff.

Datum 18. Februar 2012
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Springers Welt feiert (sich) und schreibt heute in einer Titelgeschichte, die Medien hätten „konsequent alle auffindbaren Steinchen im vorpräsidialen Leben Wulffs umgedreht und auf Zwielichtiges abgeklopft“. Anders ausgedrückt: Wer lange genug im Dreck wühlt, findet auch was. Und offensichtlich hatten Springer und Spiegel seit der Vereidigung Wulffs ausgiebig Ressourcen bereitgestellt, um besonders gründlich zu wühlen, vielleicht sogar gründlicher als bei manch anderen Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens?"
gutjahr.biz/2012/02/bunga-bunga-in-bellevue/

Und ein Grund für diese Gründlichkeit lag auch in genau dem, was er am Tag der deutschen Einheit sagte. Nicht der einzige Grund, nein. Aber durch die damalige Kampagne verlor er ein wenig an Stallgeruch, der ihm sonst vielleicht den ein oder anderen Biss erspart hätte.

Was die Nachfolger angeht, kann ich deinen Absatz nur unterstreichen. Gauck wäre schlimm - aber für mich wäre Huber der GAU.

DagmarSchatz 19.02.2012 | 11:52

"Sie vernünfteln herum..." Oh,oh, sehr übel... Sie scheinen mir sehr, wie es so schön heißt, politikverdrossen. Ich kenne Länder, in denen die Korruption Alltag ist, und da sagt man sich: besser diese Schweine am Trog lassen, die sind schon satt, als neue, die noch hungrig sind. Ihr Kommentar legt nahe, daß es satte Schweine nicht gibt, sondern die immer weiter fressen/wollen. Das will ich nicht hoffen...

DagmarSchatz 19.02.2012 | 13:26

Danke für die Empfehlungen. Den "Jung", jacobjung.wordpress.com/2012/02/17/hier-riechts-nach-gauck/#more-4428 hab ich schon auf meinem fb-Profil verlinkt, mit dem Meyer auf scharf-links tu' ich mich schwer; so, wie ich weiss, ist das "Stasi-Begünstigter" vom Tisch... "In konservativen Kreisen hat man die Islam Sache von Wulff doch übel genommen...". Weil man nicht richtig hingehört hatte. So positiv war, wie ich das oben schon geschrieben hatte, der Satz garnicht.

keiner 21.02.2012 | 00:34

So einverstanden ich mit ungefähr jeder der von Ihnen hier dargelegten Überlegungen bin, stimme ich Ihnen in der politischen Bewertung Wulffs nicht zu.

Sie ist zwar in vieler Hinsicht plausibel, lässt aber sein Umfeld, seine politische Heimat, zu sehr ausser Acht.

Es macht doch einen Unterschied, ob sich zum Beispiel jemand auf einem NPD-Parteitag oder bei einer Zusammenkunft etwa von Amnesty gegen Rassismus oder Antisemitismus ausspricht - bei der NPD kommt man damit nur durch, wenn alle glauben, der Redner wolle einem Verbot der Partei zuvorkommen.

Und in dieser Hinsicht scheint sich Wulff von vielen in seiner Partei unterschieden zu haben, die zum Islam zum Teil ganz ähnliches gesagt haben: ihm fehlte dieses widerliche Augenzwinkern, mit dem bei solchen Äusserungen stets nach rechts geschielt und signalisiert wird: ich muss das jetzt sagen.

In seiner Rede zum Jahrestag der Wannseekonferenz hat Wulff, Anfang des Jahres - als er schon schwer unter Beschuss war - ausdrücklich und bewusst die NSU-Morde in Zusammenhang mit den Verbrechen der Nationalsozialisten gerückt und so genau auf die strukturellen Parallelen hingewiesen, die etwa ein Broder in seinen Blogs um keinen Preis wahrhaben will, um weiter gegen den Islam und Muslime hetzen zu können.

Spiegels Warnung ist wichtig- der Zentralrat der Juden scheint sie zu kennen und ernst zu nehmen -, es lässt sich aus ihr aber nicht notwendig schliessen, dass christlich-jüdisch automatisch antiislamisch bedeuten muss, und gerade für Wulff halte ich das nicht belegbar.

Gegen welche Widerstände sich Wulff in seiner Partei und ihrem Umfeld schon vor Beginn der Kreditaffäre behauptet hat, habe ich in mehreren Blogbeiträgen hier (vor allem: 'Schafft Wulff Deutschland ab?' ), die Sie bei meinem Profil finden können, nachzuzeichnen versucht.

Auf den NPD-Vergleich oben bin ich nicht zufällig gekommen, und, so sehr ich Ihnen darin zustimme, wie wenig auch Wulff in Hinblick auf echten Pluralismus hierzulande erreicht hat, sehe ich eine politische Chance deshalb als vergeben - bzw. als in einer beispiellosen konzertierten Aktion aller Medien unter Führung der Bildzeitung zielstrebig ruiniert - an, weil er, als CDU-Bundespräsident die Möglichkeit zu sehen geglaubt und zu nutzen versucht hat, seine Partei ein Stück weit auf einen nicht-chauvinistischen bzw. xenophoben Weg zu bringen.

Unter der Vorraussetzung, dass es, wie ich annehme, diese Politik war, die die Bildzeitung dazu veranlasst hat, die Anullierung seiner Wahl zum Bundespräsidenten zu erzwingen, so dass heute seinem damals unterlegenen Gegenkanditaten Gauck der Sieg nicht mehr zu nehmen ist, beeindruckt mich sein Beharren an dieser Stelle schon, bzw., wenn man denn solche Kategorien heranziehen will, halte ich ihn durchaus für mutig.

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DagmarSchatz 21.02.2012 | 01:34

Lieber Herr keiner, ganz herzlichen Dank! Das wird etwas dauern, denn Ihr hervorragender Kommentar verdient eine sorgfältige Antwort. Ich werde mir dazu noch mal all ihre Blogbeiträge durchlesen. Für heute abend kurz: nein, ich glaube nicht, daß er antiislamisch ist, Was allerdings die Chimäre "christlich-jüdisch" betrifft: die ist nicht nur antiislamisch, sondern auch revisionistisch. Wie ich oben bereits angedeutet habe, stammt der Begriff aus den USA, aus den 40er Jahren. Ich hatte das oben nur angedeutet, weil ich bisher noch nicht ergründet habe, bei wieviel Zeichen/Blogbeeitrag es "SNIP" macht. Deswegen hier noch mal kurz: der Begriff ist seiner Natur nach ein Kampfbegriff. Zuerst aufgebracht im Amerika der 40er Jahre als "Triple Melting Pot" (wir mögen uns zwar als Katholiken-Protestanten-Juden in gewissen Dingen noch unterscheiden, aber wir haben eine gemeinsame Schnittmenge, die "amerikanischen Werte") inauguriert, wurde er in den 50ern als Kampfbegriff im Kalten Krieg geschärft. Es ging um amerikanische Werte. Und genauso wurde er nach Europa verpflanzt. Und hier war er von vornherein exklusiv gedacht, Und wer das nicht aufhebt, dessen „der Islam gehört zu Deutschland“ schwebt im luftleeren Raum. Vom Wörtchen „inzwischen“ will ich garnicht mal reden. Christlich-jüdisch bzw. jüdisch-christlich wird in 99% der Fälle in der Konnotation „und nicht islamisch“ gebraucht. ,*Wie* zentral der Begriff ist, mag Ihnen auch folgendes Ereignis verdeutlichen: 2007 ( www.nu.nl/algemeen/1225349/wilders-noemt-minister-vogelaar-knettergek.html) hat die damalige grüne Integrationsministerin der Niederlande, Ella Vogelaar, in einem Interview wörtlich folgendes gesagt: „Eeuwen geleden kwam de joodse gemeenschap naar Nederland en nu zeggen we: Nederland is een land dat is gevormd door joods-christelijke tradities. Ik kan me voorstellen dat we een vergelijkbaar proces krijgen met de islam.“ - Übersetzt: Vor Jahrhunderten kamen die Juden in die Niederland, und heute sagen wir, dass die Niederlande durch jüdisch-christliche Traditionen geformt wurden. Ich kann mir vorstellen, dass wir mit dem Islam einen vergleichbaren Prozess durchlaufen.“ Das rauschte im Blätterwald. Vogelaar bezog sich darauf, dass zur Zeit der Inquisition viele Juden aus Spanien in die Niederlande geflohen waren und dort, da sie nicht nur Vermögen, sondern auch Innovationen mitbrachten, für einen gewaltigen Modernisierungsschub und Vogelaar wollte zum Ausdruck bringen, dass sie sich die gleiche positive Wirkung von den Muslimen erwartet. Der wesentliche Unterschied zu Deutschland war: In den Niederlanden durften die Juden Juden bleiben, in Deutschland nicht – googeln Sie mal Heine und „Eintrittsbillett“. Wenn Wulff in der Rede von „unserer jüdisch-christlichen Geschichte“ spricht, impliziert das eine Gleichberechtigung, die einfach nicht da war. Vogelaars Äusserung zeitigte einen Riesenskandal, zumal sie auch gefordert hatte, Moscheen genau wie Kirchengemeinden zu subventionieren. Wilders stellte einen Mißtrauensantrag, der allerdings nicht durchging. Später kippte sie aus anderen Gründen. Christdemokraten und rechtsliberale distanzierten sich von ihr. Daß Wilders sie öffentlich „knettergek“=total bescheuert nannte, blieb als Markenzeichen im öffentlichen Diskurs an ihr kleben.