Kulturredaktion
25.06.2009 | 16:20 133

140 Zeichen geballte Belletristik

Twitteratur (I) Was früher der „abgeschlossene Roman“ war, heißt heute Twitteratur. 140 Zeichen geballte Belletristik. Eine Revolution im Literaturbetrieb

Bekanntlich liegt die Kunst des Romaneschreibens darin, nicht alles aufzuschreiben, was einem gerade durch die Birne rauscht. Kürzen, Streichen, Auslassen: das macht einen Roman  erst zu einem Kunstwerk. Das gute alte Buch als Medium der Literatur ließ hier viele Sünden zu: Marcel Prousts A la recherche du temps perdu umfasst in der deutschen Ausgabe über 5.000 Seiten. Schon Monthy Python riefen deshalb zu einem Proust-Kürzungswettbewerb auf.

Andere Romane wie Jan Graf Potockis Die Handschrift von Saragossa (959 Seiten) oder Franz Werfels Die vierzig Tage des Musa Dag (838 Seiten) wurden von der Kritik zwar hochgelobt, blieben aber aufgrund ihres Umfangs von der Welt unbeachtet. Das kann nicht im Interesse von Kunst und Künstler sein.

Twitteratur,  getwitterte Literatur also, sorgt hier für eine radikale künstlerische Disziplinierung. Ein "tweet" pro Werk. Maximal 140 Zeichen. Minus Autornamen. Zu wenig finden sie? Höchstens für eine Novelle gut? Ja, auch für eine Novelle. Hier ein Beispiel:

Als die Erde anfing zu beben, fassten sich Karl und Gudrun bei den Händen. Diese Schweißhände, dachte sie (105 Zeichen)

Aber natürlich lässt sich auch ein Reiseroman twittern:

Wie jeden Freitag griff er nach der grünen Umhängetasche und stürmte die Treppe herunter. War er zu spät? Wo blieben die anderen? (130 Zeichen)

Zugegeben, der Schluss spielt leicht ins Kriminalistische rein. Hier nun  ein lupenreiner Krimi:

Atem, Schritte, Geraschel im Gebüsch, wieder Atem. Ein Schrei, Stille, endlose Stille. Der Berg, immer. Dort, im ewigen Eis (104 Zeichen)

Sie bevorzugen den symbolistischen Roman, der auf kommende gesellschaftliche Katastrophen hinweist? Kein Problem:

Die wichtigsten Sätze werden im Spaß gesagt, dachte Ernst und beschloss zu schweigen. Als er aufhörte, hatte keiner mehr etwas zu lachen (136 Zeichen)

Gut, das ist schwere Kost, die man nicht immer erträgt. Dagegen hilft dann ein Schundroman:

Yves trat an die Marmorbrüstung und wies auf die Palmenhaine zu seinen Füßen. „Alles meins“, sagte er. Angélique erbebte. Jean Clé (137 Zeichen)

Sie sehen: Twitteratur liest sich fast so leicht, wie sie sich schreibt. Im Grunde genommen existiert kein Genre, das sich nicht twittern lässt: Fortsetzungsroman, Bildungsroman, Nouveau Roman, das poème en prose... Jeder nach seinem Geschmack. Halt, ein Vorteil wurde ja noch gar nicht genannt. Hieß es früher ars longa vita brevis, also: die Kunst braucht Zeit, das Leben ist kurz, so darf man ab sofort sagen: ars brevis vita longa. Wer seine Romane twittert, hat mehr vom Leben. Und er hat mehr Leser. Machen Sie ruhig die Probe aufs Exempel. Am besten gleich hier in der Kommentarspalte oder twittern Sie einfach @derFreitag.

Kommentare (133)

Magda 26.06.2009 | 23:19

Herrlich herrlich, ich werde interpretiert. Twitterhermeneutik oder wie das heißt.
Und dann noch als Text mit walseroidem Einschlag und oder Frankophon (ach nee, das ist was anderes).

Ja, sowas macht Spaß. Erstens weil es schön kurz sein darf und zweitens, weil man beim verdichten nicht die Regeln der Dichtkunst beachten muss.

Ich kenne einen Typen, der schreibt schon seit Jahren - leider schwer anonym und versteckt - verrückte Textanfänge, meist auf Twitterlänge. Immer hochlustig.

Einer von ihm könnte auch das Ende eines historischen Romans sein:

Der lautet kurz und bündig: "Wo ist Wenck".
Eine kürzere Fassung des "Zusammenbruchs" kann man nicht liefern.

oder er schreibt: "Ich ging nach draußen, um meinen neuen Mantel einzutragen". Wie gesagt, ich zitiere den nur, vielleicht bringe ich ihn her. Im Moment heißt er "Die Sau von Bottropp" und dichtet in einem obskuren Privatforum.
Sehr klandestin. Allerdings, wenn der erstmal da ist, twittert der hier alles kurz und klein. Den kann man dann nicht mehr künstlerisch einhegen, der ist wie ein Virus, der Knabe.

Na gut, genug geplaudert.

Magda 26.06.2009 | 23:20

Herrlich herrlich, ich werde interpretiert. Twitterhermeneutik oder wie das heißt.
Und dann noch als Text mit walseroidem Einschlag und oder Frankophon (ach nee, das ist was anderes)

Ja, sowas macht Spaß. Erstens weil es schön kurz sein darf und zweitens, weil man beim verdichten nicht die Regeln der Dichtkunst beachten muss.

Ich kenne einen Typen, der schreibt schon seit Jahren - leider schwer anonym und versteckt - verrückte Textanfänge, meist auf Twitterlänge. Immer hochlustig.

Einer von ihm könnte auch das Ende eines historischen Romans sein:

Der lautet kurz und bündig: "Wo ist Wenck" Eine kürzere Fassung des "Zusammenbruchs" kann man nicht liefern.

oder er schreibt: "Ich ging nach draußen, um meinen neuen Mantel einzutragen". Wie gesagt, ich zitiere den nun, vielleicht bringe ich ihn her. Im Moment heißt er "Die Sau von Bottropp" und dichtet in einem sehr obskuren Privatforum.
Sehr klandestin. Allerdings, wenn der erstmal da ist, twittert der hier alles kurz und klein. Den kann man dann nicht mehr künstlerisch einhegen, der ist wie ein Virus, der Knabe.

Na gut, genug geplaudert.

Magda 27.06.2009 | 00:11

Ja, wenn der Fritz Dietz den AH gespielt hat, dann hätte er diesen Satz gesagt haben können.
Vielleicht war es ja auch der neue AH - wie heißt er doch - Bruno Ganz im Bunker. Jedenfalls hammse gehofft auf den Wenck, dabei gabs den gar nicht mehr.

Aber ich habe hier noch aus meiner Notizentabelle - wo ich immer meine sprudelnden Einfälle niederlege - einen:

"Sie war ein ziemlich melancholischer Mensch - schon immer so gewesen, gewissermaßen naturtrüb"

Magda 28.06.2009 | 13:10

Ich glaube, mir ist der Dentist nur untergekommen, weil ich Zeichen sparen musste. Außerdem klingt es so schön altdeutsch-betulich und das passte zu sorgenvoll

(Magda - Selbstdeuterin)

Davon mal abgesehen, kann es bestimmt sein, dass sich da Kabarettisten dran versuchen. Ich verwende hier ja nur so olle Sprücheklopfereien. Oder versuche Bonmots unterzuschmuggeln. Aber der wahre Twitter müsste was Romanhaftes kriegen. Was Endgültiges "The Party is over"mässiges. oder so.
Gefällt mir jedenfalls, weil es die Illusion nährt, man könnte schnell mal was kreatives machen. Ist aber am Ende aufwändig. So - jetzt habe ich mich wieder viel zu lang entäußert.

Eigentlich müsste ja Müntefering der "Twitter aus dem Sauerlande" heißen. Mit seinem "Opposition ist Mist".

Was aber wird dann mit Regieren im Twitter-Stil? Das wird lustig.
Koalition ist Mist
Wir werden Kanzler
Kanzler ist Mist
Koalition macht weiter (Mist)

Oder so.

Magda 30.06.2009 | 23:58

"Der große abgeschlossene Roman"
Na, das hat doch weniger als 140. Gattungsbegriff passt rein.

Die Verkleinerung der Welt: Nicht nur das. Twitter - das ist ein schwarzes Loch, in das die gesamte Belletristik reinrast, wie im Kosmos und verschwindet. Naja, das sind wieder Hassfantasien, weil auch ich mein epochemachendes Werk noch nicht aufgeschrieben habe. Aber es ruht in mir. Vielleicht wird es jetzt mit dem Twittern Realität. Da liegen Chancen.

Anna Dorothea 03.07.2009 | 12:35

Danke, kapiert! Scheint doch noch nicht solange her zu sein, dass Du auf dem Fischmarkt warst... Der Sonnengebräunte, der die Gartenschläuche des Nachbarn zerschnitt, hat mir auch gut gefallen. Fällt mir doch gleich dieser Mord vor kurzem unter Kleingärtnern ein...

Wenn Dein erster Roman/ Erzählband fertig ist, lass es mich unbedingt wissen!

Schöne Grüße aus HH, im Sommer unschlagbar

Anna

Streifzug 03.07.2009 | 16:02

Hallo Jan Jasper,

hmmm, Wochenenden und künstlerische Besinnungslosigkeit ;) sind ein wahres Argument. Allerdings kann man 140 wunderbar in 7 Tage-Wochen einteilen. Würde sich auch gut im Vorwort machen.

Gibt es noch einen größeren Rahmen, an dem es zusätzlich aufgehängt werden kann?

1869:

In Eisenach wird auf Initiative von August Bebel und Wilhelm Liebknecht der Gründungskongress zur Sozialdemokratischen Arbeiterpartei (SDAP) eröffnet, aus der die deutsche SPD hervorgeht. Bebel wird zum Vorsitzenden gewählt.

Das Unternehmen Goldman Sachs Group Inc., oder auch kurz "Goldman Sachs (GS)" wird gegründet in Manhattan

Im schottischen Dumbarton läuft der bis heute erhalten gebliebene Klipper Cutty Sark vom Stapel

Uraufführung der Oper Das Rheingold von Richard Wagner in München

Beginn des ersten vatikanischen Konzils

Grigori Rasputin, russischer Mystiker († 1916)

Ich ahne Potenzial zum Bestseller :)

Pjotr 'Petka' Pustota 06.07.2009 | 20:34

Ich würde literarische Ergüsse in der Kürze als Lyrik bezeichnen und nicht zur Prosa erheben. und für Lyrik benötige ich Twitter nicht. Zum Üben ... gern. Aber dann bitte in einem Büchlein, welches man unter Freunden herumreicht, um sich Meinung einzuholen. 140 Zeichen, die in manchen Büchern die ersten zwei Sätze ausmachen, als Literatur zu bezeichnen empfinde ich als geschmacklos und als Gelächter über all diejenigen, die sich manchmal über Jahre Gedanken machen und an ihren Werken unermüdlich feilen. Da soll ich feiern über die ach so tolle Errungenschaft einer so genannten Twitter-Literatur=Twitteratur? Nein danke, verschont mich.

Anna Dorothea 21.07.2009 | 12:22

Lieber Mattias Dell;

wow, ich bin beeindruckt, was der Lektor alles sieht :)

Tatsächlich benutzen Frauen - jedenfalls ich und einige die ich kenne - umgangssprachlich auch in der Einzahl. "Mein linker Busen ist größer als der rechte", "ich lasse mir den rechten jetzt vergrößern ;)" etc. Sie müssen zugeben, dass "Brust" auch nicht besonders klingt. "Mir fiel die rechte Brust aus dem Kleid" - brrr.

Ist nicht beim Dichten und in der Liebe fast alles erlaubt? Mehr (sprachliche) Freiheit wagen!

Herzlich, Anna