Jörg Magenau
02.01.2013 | 11:41 7

Abschied von gestern

Suhrkamp Die Auseinandersetzung um den Verlag wird zum mittelalterlichen Ritterspektakel um Ehre und holde Dame: Worüber reden wir eigentlich, wenn wir über Suhrkamp reden?

Abschied von gestern

Klingelschild der Berkéwicz-Villa am Nikolassee

Foto: Michael Kappeler/ dpa

Worüber reden wir eigentlich, wenn wir über Suhrkamp reden? Zuletzt ging es nur noch um eine pompöse Villa am Nikolassee, um eine in rechtlichen Dingen zu sorglose Verlegerin, um eine Heuschrecke namens Hans Barlach, um Eigentumsverhältnisse, Führungsansprüche und Renditeerwartungen. Das sind Dinge, die wenig zu dem passen, was den Suhrkamp-Verlag ausmacht: Suhrkamp als „Institution“, als „Leuchtturm“, ja, mehr noch, als „Suhrkamp-Kultur“. Diese eigentümliche Selbstverkulturung, die auf eine Sentenz des Philosophen George Steiner aus dem Jahr 1973 zurückgeht, hat ansonsten kein deutscher Verlag geschafft.

Damals war Suhrkamp tatsächlich das intellektuelle Zentrum der Bundesrepublik. Heute scheint Suhrkamp-Kultur etwas zu sein, das in endlosen Prozessen vor Gericht hergestellt wird. Arno Widmann hat das in der Berliner Zeitung mit einer Barock-Oper verglichen; Rainald Goetz sprach in der Süddeutschen von einer daily soap. „Die Soap“, so Goetz in diesem bemerkenswerten Gespräch, „ist das sehr wenig schöne Narrativ für die Beobachtung sich lang hinziehender Konflikte.“ Für einen Autor wie Goetz, der sich für die Bruchlinien zwischen den Subsystemen Recht und Wirtschaft interessiert und das Recht als die „Niederlage der Vernunft“ bezeichnet, ist da Material für einen neuen Gesellschaftsroman zu finden. Der könnte dann, statt Johann Holtrop, Hans Barlach heißen.

Worüber im Feuilleton geredet wird, wenn über Suhrkamp geredet wird, ist fast ausschließlich die Vergangenheit, als ob sich schon aus der gloriosen Geschichte eine tragfähige Zukunft ableiten ließe. „Wer darüber bestimmt, was war, bestimmt auch darüber, was ist“, hat Frank Schirrmacher in der FAZ einmal in anderem Zusammenhang geschrieben und beherzigt diese Maxime nun auch in Sachen Suhrkamp. Mit harten Bandagen wies er die von Richard Kämmerlings in der Welt geführten Angriffe gegen die Verlegerin Ulla Berkéwicz zurück und verteidigte zugleich die eigene Deutungshoheit gegenüber dem jüngeren Kollegen, dem er vorwarf, sich bloß profilieren zu wollen.

Das war weder Soap noch Barock-Oper, sondern mittelalterliches Ritterspektakel um Ehre und holde Dame. Die Frage, welche wirtschaftliche Perspektive Suhrkamp haben könnte, blieb auch dabei unterbelichtet. Kann das von Siegfried Unseld so überzeugend ausgefüllte Rollen-Modell des Verleger-Eigentümers heute noch funktionieren? Ist Ulla Berkéwicz dafür die richtige Besetzung? Und: Ist Hans Barlach vielleicht nicht nur der „Unhold“, als den ihn Peter Handke sieht, sondern auch der Mann, der die roten Zahlen kennt?

Suhrkamp lebt vor allem von akkumuliertem geistigen Kapital: von der Backlist, die aber tendenziell immer weniger abwerfen wird, weil das gedruckte Buch an Wert verliert, wie in den Netzantiquariaten gut zu sehen ist. Zuletzt wurden die Bilanzen durch die Verkäufe des Archivs nach Marbach und des Frankfurter Verlagssitzes ausgebessert. Wer in Ulla Berkéwicz die Hüterin des Erbes sieht, liegt schon deshalb falsch. Absurd wird es allerdings, wenn Hans Barlach das eigene Sich-Einkaufen ins Unternehmen im Gegensatz zum Status des Erbens als originärere kulturelle Leistung ansieht. Damit ist er dann doch bloß die komische Figur einer Barock-Oper.

Kommentare (7)

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Ehemaliger Nutzer 02.01.2013 | 12:56

Fein gesehen.

Wenn ein Haus beginnt sich selbst zum Inhalt zu machen, wars früher meist aus damit.

Nun, da Welt und FAZ die journalistische Deutungsgewähr samt Schützenhilfe übernommen zu haben scheinen für dieses herzergreifende Stück Verlagsgeschichte soll ja alles besser werden.

Barlach hat bislang alles unternommen, um als Heuschreck des Suhrkamp Soziotops besetzt zu werden.

Und die Autoren?

Suhrkamp Autoren eben - lol.

hokan 03.01.2013 | 13:23

Warum es nicht aussprechen? Ja, der gesamte Vorgang ist zeitgemäß. Wandel allenthalben. Ein Text, heran- und fortgewischt, ist nicht der Text, der er auf weißem Papier ist. Text und Material sind nicht mehr eins. Hand und Herz leben agieren und fühlen abstrakter. Und ebenso abstakter gestaltet sich unser Wirtschaften.  Erfolg wird immer weniger am Gegenstand unseres Handelns fest gemacht. Die Bilanz nährt Bewustsein und Glücksgefühle. Wie soll eine Institution wie Suhrkamp diesen Kulturwandel überleben, zumal Charakter und Persönlichkeit seines/r Gründer(s) fehlen, die schon damals sich gegen den "Zeitgeist" stemmten? Institutionen sterben ähnlich wie ihre Gründer und Träger manchmal langsam und unter Schmerzen. Oder es überlebt ihr Name als leere Hülle.

Vaustein 03.01.2013 | 18:12

Herr Barlach ist ein Unternehmer wie es viele gibt. Er betreibt Unternehmen um damit Geld zu verdienen. Je mehr, je lieber. In einer Marktwirtschaft ist das legitim.

Herr Unseld war Verleger, einer der seine Autoren pflegte. Weil er gute Literatur und die, die sie schufen, zu schätzen wußte. 

Frau Berkéwicz will den Verlag in seinem Geiste weiterführen. Das Geldverdienen steht bei ihr nicht an ertser Stelle.

Das ist die Ursache des Konflikts.

Den Autoren und Frau Berkéwicz wäre zu wünschen, dass der Verlag obsiegt.

Diese Sicht der Dinge ist vor Gericht aber unwichtig. Da zählen Paragraphen. 

Vermutlich hat Herr Barlach den längeren Atem (sprich mehr Kapital). Für Suhrkamps Autoren stehen dann Veränderungen an.

 

anne mohnen 03.01.2013 | 18:24

"Für Suhrkamps Autoren stehen dann Veränderungen an."

 

Für Herrn Barlach allerdings dann auch. Sollte sich die Angelegenheit zu lange hinauszögern oder gar zu seinen Gunsten ausgehen, machen die Autoren "die Fliege".

Ansonsten ist mir der Artikel zu inhaltsleer - nichts Neues wird hinzufügend, was schon gesagt wurde.  Und dann geht mir der pauschale Abgesang auch auf Print-Bücher auf den Geist.

Schönes neues Jahr, lieber Vaustein

Ihre am