Katharina Finke
14.08.2013 | 06:00

Aus der Seele?

Mayer Hawthorne erfindet gerade den Motown-Sound neu – und kommt als weißer Mittelstandsjunge auch bei der Black Community gut an. Wie erlebt er das Post Racial America?

Aus der Seele?

Foto: Tobias Everke für der Freitag

Im unteren Teil von Manhattan, zwischen Chinatown mit seinen Geschäften, die mit bunten Lampions oder ganzen, gerösteten Schweinen locken, und dem Soho der Designerboutiquen, befindet sich der Bowery Ballroom. Seinen Namen hat er von diesem Viertel und dem Ballsaal, der sich hier seit Mitte des 20. Jahrhunderts befindet. Es ist nicht nur ein nostalgischer Ort, sondern auch eine der wichtigsten Bühnen in New York. An diesem Abend wird Mayer Hawthorne hier auftreten.

Die „Retro-Soul-Sensation“, so wird er in der Musikszene gefeiert. Seine Konzerte sind meist ausverkauft, auch das in New York. Dabei passt er gar nicht ins Bild des klassischen Soul-Afro-Amerikaners, der sich die Verzweiflung aus dem Leib singt. Also was reizt die Leute an diesem weißen Mittelstandsjungen? Es ist nicht leicht, ihn zu treffen. Um ein Interview mit dem 34-Jährigen muss man sein Management nahezu anbetteln und um jede Minute kämpfen. Mit etwas Glück bekommt man statt eines Telefontermins knapp 20 Minuten. Ein paar Stunden vor seinem Auftritt empfängt Mayer Hawthorne in der Künstlerkabine des Bowery Ballroom. Es ist ein kleiner, beengter Ort, es riecht ein wenig modrig, auf dem Tisch stehen zwei volle Whiskeyflaschen. Mayer Hawthorne liegt erschöpft auf dem Sofa. Er trägt eine riesige dunkelbraune Sonnenbrille. Sein rosa-weiß gestreiftes Lacoste-Hemd ist leicht zerknittert und verrutscht: Man kann den Gummizug seiner Ralph-Lauren-Unterhose sehen. Zwischen seiner Dreivierteljeans und den hochgezogenen bunten Socken mit Palmenmuster blitzt eine sehr helle Haut hervor. Ständig ist ein Manager um ihn herum, so als könnte man ihn nicht allein lassen.

Von niemand angefeindet

So lethargisch wirkt er wie ein verwöhntes Muttersöhnchen. Mayer Hawthorne scheint das nicht zu irritieren. „Es passiert oft, dass Leute meine Musik hören und dann überrascht sind, wie ich aussehe“, sagt er.

Für das Interview richtet er sich immerhin auf und setzt seine Brille ab. So wirkt sein Gesicht noch bleicher. „Aber ich finde das gut“, sagt Mayer Hawthorne weiter, „ich liebe es, Erwartungen zu brechen“. Soul galt jahrelang als Synonym für die Musik der Schwarzen. Auch wenn sich das in den vergangenen Jahren geändert hat, ist Mayer Hawthorne überrascht, dass er als Weißer noch nicht angefeindet wurde für das, was er macht. „Ich nehme meine Musik sehr ernst“, so erklärt er es sich. Aber nicht nur die Hautfarbe, auch seine Texte unterscheiden ihn von den Legenden.

Soulmusik ist seit ihren Anfängen in den fünfziger Jahren eng mit dem Kampf der US-amerikanischen Bürgerrechtsbewegung verknüpft, sie war immer auch ein Medium für soziale und politische Botschaften. James Brown brachte in den siebziger Jahren mit dem Song „Say It Loud – I’m Black and I’m Proud“ seine schwarze Emanzipation zum Ausdruck. Und Aretha Franklin forderte „Respect“. Ein großes Erbe. Mayer will es gar nicht erst antreten.

Das mag manche – 50 Jahre nach der Rede von Martin Luther King – ein wenig vor den Kopf stoßen. Als ob er nur auf seinen Einsatz gewartet hätte, sagt er wieder: „Ich liebe es, Erwartungen zu brechen.“ Wie erlebt einer wie er, der mit Stereotypen bricht, das Post Racial America? „Es hat sich – auch wenn Obama nun Präsident ist – nicht so viel verändert“, sagt er nur. Und wie kommt das? „Weil die Menschen alles zu schnell wieder vergessen“, antwortet Mayer Hawthorne brav und will nicht weiter darauf eingehen. „Natürlich werden wir von allem, was auf der Welt passiert, beeinflusst, aber ich muss deswegen nicht gleich über alles einen Song schreiben.“ Ziemlich banal, was er da so aneinanderreiht. Dann wird ihm eine Pizza gebracht, die den unangenehmen Geruch in der Künstlergarderobe noch verstärkt. Seltsam ernüchtert bleibt man nach dem Interview zurück.

Detroit? Platten statt Pleite

Wenig später steht Mayer Hawthorne auf der Bühne, völlig verwandelt: ohne Brille, klassisch mit weißer Hose, schwarzem Jackett, weißem Seidentuch. Der Bowery Ballroom, der sich über zwei Ebenen erstreckt und wie ein klassisches Theater wirkt, ist bis zum Anschlag gefüllt.

Selbst auf den Treppen drängeln sich die Leute. Er fängt mit dem ersten Lied an, ohne Begrüßung: „The Stars Are Ours“. Das Publikum singt euphorisch mit. Fast jeder hier kennt offenbar die Texte. „Er zollt dem klassischen Motown-Sound Anerkennung und erweckt ihn wieder zum Leben“, sagt ein Afroamerikaner, Mitte 30. Jeder Dritte hier im Ballsaal ist dunkelhäutig. Auch Fans mit jüdischen Wurzeln sind gekommen: „Wir lieben seine Musik und fanden es super, als wir erfuhren, dass wir die gleiche Herkunft haben“, sagen zwei Frauen. „Er mixt die besten Sounds von früher mit neuen. Das mögen auch unsere Kinder“, erklärt ein Paar Ende 50, das eigens aus Hawthornes Heimatstadt Ann Arbor angereist ist.

In dem Ort bei Detroit wurde der junge Künstler als Andrew Mayer Cohen geboren und wuchs mit Soulmusik auf. Aufgrund seiner jüdischen Wurzeln klingt das etwas ungewöhnlich. Doch sein Vater, der in den sechziger Jahren eine Black-Highschool besucht hatte, entwickelte dort seine Begeisterung für den Motown-Sound – und gab sie an seinen Sohn weiter. Dieser hörte als Kind dauernd die Temptations und Smokey Robinson. Mit der harten Realität, die in der Musik transportiert wird, wurde er jedoch nie konfrontiert. Mayer Hawthorne wuchs wohlbehütet auf. „Ich habe eigentlich nie wirklich schlimme Erfahrungen gemacht“, sagt er. Für diese unbeschwerte Jugend mit viel Soul muss er seinen Eltern dankbar sein. Während der Show erwähnt er, dass sie an diesem Abend auch im Bowery Ballroom sind, und spielt dann den seinem Vater gewidmeten SongReach Out Richard“. Bis heute hat sich an den unbekümmerten Erinnerungen an seine Heimatstadt wenig geändert. Wenn Mayer Hawthorne an Detroit denkt, dann an Platten, nicht an Pleite. Oder er ist etwas sarkastisch: „Vielleicht kommen mir die besten Ideen für meine Songs immer beim Autofahren, weil ich aus Motorcity bin.“

Aufgenommen hat er die ersten eigenen Lieder erst mit Ende 20 – nachdem er zuvor als Hip-Hop-Produzent gearbeitet hatte. So war er auch erst vollkommen überrascht, als Chris Manak alias Peanut Butter Wolf seine Musik recht schnell zum „next dope shit“ erklärte.

Herz, Liebe, Emotionen

Als der kalifornische Musikproduzent mit Mayer Hawthorne ein Album aufnehmen wollte, zögerte der nicht lang, zog nach Los Angeles und legte sich den Künstlernamen Mayer Hawthorne zu – eine Zusammensetzung aus seinem bürgerlichen Namen und der Straße, in der er aufgewachsen war. Er nahm sein erstes Album A Strange Arrangement auf. Die Scheibe dazu ließ er in Form eines roten Herzens herstellen. Ein rotes Herz – bis heute ist es sein Markenzeichen. Es taucht als Sticker auf seiner Gitarre auf und ist auf das Schlagzeug gemalt. Etwas kitschig: Herz, Liebe und Emotionen – aber für Mayer Hawthorne gehöre das zur Soulmusik, für ihn gehe es darum, „etwas zu fühlen“.

Seinen weichen Kern versteckt er in der Show, nicht nur hinter der Kostümierung, sondern auch hinter einer aufgesetzten Coolness. Hawthorne lässt sich ein Bier auf die Bühne bringen und sagt: „Wir haben Grund zum Feiern, denn heute kommt mein neues Album raus!“ Er prostet dann zum Publikum, nimmt einen Schluck aus dem Plastikbecher und spielt seine erste Single-Auskopplung „Her Favorite Song“, in dem es ebenfalls ums Feiern geht.

Spaß haben, das gehört für den Musiker zum Leben und auch zur Kunst. „Das ist einer der Gründe, warum ich Musik mache“, sagt er, „ich will eine positive Grundstimmung schaffen.“ Und dabei nimmt er sich selbst nicht so ganz ernst. Wenn er gemeinsam mit seiner Band einstudierte Choreografien performt, erinnert das an die Boy-groups der neunziger Jahre. Sie hüpfen dann wie wild mit Gitarre und Tamburin auf der Bühne herum. Mayer Hawthorne – wie ein Clown auf Speed.

Zwischendurch versucht er immer wieder das Publikum zu involvieren, sei es durch Mitsingen oder Aktionen. In einem speziellen Moment dürfen etwa alle Fotos machen und sollen danach die Kameras und Handys wegstecken und das Konzert verfolgen. „Er macht einfach eine super Show“, sagen zwei Freundinnen Ende 20, die nicht aufhören zu tanzen. Es sei Feel-Good-Musik, und auch die mache sie „glücklich“.

Mayer Hawthorne weiß, dass er eine wunderbare Projektionsfläche bietet für alle, die sich nach Verwirklichung sehnen und nach Glück. „Man muss den Leuten geben, was sie wollen“, erklärt er, „so kann man sie am besten erreichen.“ Zumindest glaubt er, dass Musik so funktioniert.

Man könnte es für eine Ausrede halten, dass er mit seiner Musik eben keine politische Botschaft vermitteln möchte. Aber muss er das überhaupt? Er hat ja eine andere: „Seid positiv! Liebt euch! Denn nur so gibt es positive Veränderung!“ Natürlich klingt auch das nicht sonderlich originell, mehr nach der 68er-Bewegung. Oder nach „Yes, you can!“, dem Obama-Slogan. Friedlich soll es also auf der Welt zugehen. Er will niemandem weh tun, „we just wanna party, don’t wanna hurt nobody.“

Seine Songs handeln alle von eigenen Erfahrungen. „Es sind Geschichten aus meinem Leben“, sagt Hawthorne.

Da er aber noch nie etwas Schlimmes erlebt hat, nie richtig verzweifelt war wie so viele große Soulsänger vor ihm, singt er von Jugenddummheiten, Flirts und „Wine Glass Women“ oder von sexuellen, auf dem Hintersitz eines Autos erlebten Affären in „Back Seat Lover“. Wenn da überhaupt mal irgendwas gescheitert sein sollte, dann eine kurze Liebe.

„Um sich noch besser in die Situationen hineinversetzen zu können”, sagt Mayer Hawthorne im Interview, „war es mir bei meinem dritten Album wichtig, auf die Details und das Storytelling zu achten“. Er habe es nicht, wie die vorherigen, bei sich zu Hause, sondern im Studio aufgenommen. Er möchte ständig andere und neue Erfahrungen machen, das spiegele sich auch im Titel seines neuen Albums Where Does This Door Go? wider. „Es geht darum, durch die Tür zu gehen, von der du nicht weißt, was sich dahinter verbirgt, quasi eine Reise ins Unbekannte“, sagt Mayer Hawthorne. So wie er sollten sich alle ihrer Selbstfindung widmen. „Jeder Mensch hat etwas Besonderes, er sollte nur keine Angst davor haben herauszufinden, was das ist, und es, nachdem er es gefunden hat, auch zeigen“, erklärt er. Jetzt klingt er fast wie ein Hare-Krishna-Mönch.

Sein Individualismus scheint ihm über alles zu gehen, und damit passt er in eine Zeit, in der auch ein gesellschaftliches Engagement eher privat ausgelebt wird. Auf die Frage, was er sich für die Zukunft wünscht, erwidert Mayer Hawthorne erst „einen Eiskuchen“ und besinnt sich dann auf „Weltfrieden“. Er denkt einen Moment nach und sagt: „Dass ich mein ganzes Leben lang Musik machen und damit mein Geld verdienen kann.“

Es hört sich so an wie sein persönlicher American Dream. Für ihn könnte er wahr werden.