Tina Bucek
06.02.2013 | 01:00 1

Aus einer anderen Welt

Begegnung Edith Raai lebt in einer Township von Kapstadt. Bei unser Autorin und ihrer Familie arbeitet sie als Nanny. Die Geschichte einer ungleichen Beziehung

Edith passt auf unsere Kinder auf, wenn ich schreibe. Sie hilft uns fünf Tage in der Woche, und wir zahlen ihr dafür umgerechnet 500 Euro im Monat. Das ist so viel, wie in Südafrika kaum jemand für eine Nanny bezahlt. Und es ist so wenig, dass in Deutschland niemand dafür Vollzeit arbeiten würde. Edith ist alleinerziehend. Sie hat drei Mädchen, sechs, neun und 17. Sie wohnt in einem Viertel, in dem die Straßen kaputt sind. Müll türmt sich an den Rändern, die Luft stinkt nach Urin. Es gibt keine Laternen, keine Cafés, keine Kindergärten. Der Spielplatz hat eine Rutsche, aus der verrostete Schrauben herausragen. Jeden Tag, wenn Edith sich auf den Weg zu uns macht, reist sie in eine andere Welt.

Wenige, die viel haben, und eine große Masse, die nichts hat: In Südafrika sieht die Gesellschaft so aus. Die Hauptlast der sozialen Ungleichheit tragen dabei Frauen, oder genauer: Mütter. 28 Prozent von ihnen sind alleinerziehend. Rund die Hälfte von ihnen war nie verheiratet oder hat mit einem Partner gelebt, besagt eine aktuelle Erhebung. Zudem sind 50 Prozent der alleinerziehenden Mütter arbeitslos. Wie überlebt eine Alleinerziehende am unteren Ende einer extrem ungleichen Gesellschaft?

Zu wenig Plätze in der Schule

Das frage ich Edith oft. Sie erzählt, dass ihre Kinder morgens gegen fünf Uhr aufstehen, obwohl die Schule erst um acht beginnt. Sie wollen früh genug da sein, um einen Sitzplatz zu ergattern. In den Klassenzimmern gibt es nicht genügend Stühle. Und die Lehrer erscheinen oft nicht. Geld für sie sei eigentlich vorhanden. Aber das verschwinde oft. Edith sagt, die Schulleiterin behalte es für sich und schmiere ihre Vorgesetzten, damit sie es nicht verraten. „Ich will mich nicht aufspielen“, sagt Edith. Aber wenn etwas umsonst sei wie die Schule, dann sei es oft nicht gut.

Vor ein paar Tagen kam Edith morgens zu spät. Ihre Tochter sei mit Zahnschmerzen in die städtische Klinik gegangen, entschuldigte sie sich. Es ist der einzige Ort, wo sie ohne zu zahlen behandelt werden. Erst haben sie Stunden gewartet. Dann habe die Ärztin der Tochter den Zahn ohne Betäubung gezogen, sagt Edith. Jetzt hat die Wunde sich entzündet. Aber das Kind will nicht mehr zu der Ärztin.

Edith sitzt auf einem Stuhl mir gegenüber. Sie fragt mich: „Tina, Sie sagen, bei euch geht Kinderkriegen anders: dass ihr keine Schmerzen habt. Stimmt das?“ Wenn in meinem Land Frauen gebären, dann können sie eine Infusion bekommen, die den Schmerz lindert, sage ich. „Wirklich?“ Edith schaut mich ungläubig an. Ich nicke. Das ist kein Märchen, das ist die Welt, aus der ich komme.

„Was kochst du so für deine Kinder?“, fragte ich Edith, als wir einmal in unserer Küche die Karotten für meinen Kleinen vorbereiteten. „Es kommt drauf an“, sagte sie: Mais mit Bohnen. Maisbrei ohne alles. Sie sagt, ich solle nichts wegschmeißen. „Es gibt Menschen, die sind sehr, sehr arm.“ Sich selbst zählt Edith nicht dazu. Sehr, sehr arm sind für sie Menschen ohne Schuhe, ohne Jacken. Die Menschen in den Wellblechhütten. Wo es unendlich heiß sei im Sommer und bitterkalt im Winter. Eigentlich könne man das nicht aushalten. „Ich bin nicht arm“, sagt Edith. „Ich habe ein Haus. Ich habe einen Job. Meine Kinder lernen fleißig. Sie werden es mal besser haben.“

Edith und ihre Kinder wohnen in einem Haus mit zwei Zimmern. Mit dem Haus habe sie Glück gehabt, sagt sie. Hunderte in ihrer Gemeinde warteten schon seit Jahren auf eine Sozialwohnung. Es gibt Listen. Und Beamte, die darüber entscheiden, wer die Förderung für ein Sozialhaus am nötigsten hat. Sie kenne Familien, die warteten seit 25 Jahren. Als sie schwanger war mit ihrer zweiten Tochter und sie ihren Mann verließ, weil er in die Kneipe statt zur Arbeit ging, habe sie entschieden, sie müsse etwas tun, erzählt Edith. Sie habe sich 2.000 Euro geliehen und sie dem Mann gegeben, der über ihr Haus zu bestimmen hatte. Seitdem wohnt sie in Nyanga, einem der Armenviertel rund um Kapstadt. Das Haus hat keine Fenster und kein Badezimmer. Die Toilette ist ein Verschlag auf dem Hof.

Ich erinnere mich, wie Edith an einem Montagmorgen anders als sonst war. „In unserer Straße haben sie gegenüber einen Mann erschossen.“ Warum? „Geld.” Sie kenne die Täter, sagt Edith. Vor zwei Wochen hätten sie ein Geschäft in der Nachbarschaft überfallen und den Eigentümer erstochen. Jeder kenne die Täter, auch die Polizei. „Aber unsere Polizei ist schwach. Die Männer werden nicht eingesperrt.“ Wie schützt du euch, Edith? „Ich bete.“

Wir leben in einer Wohnung in Kapstadts Innenstadt. Von Edith zu uns ist es eine halbe Stunde mit dem Bus. In unserem Viertel gibt es Mülltonnen und Männer, die sie leeren. Es gibt eine Bücherei, einen Minigolfplatz und Restaurants mit italienischem Espresso. Neulich, als wir ein paar Tage verreist waren, haben wir Edith und ihre Kinder eingeladen, bei uns zu wohnen. Anschließend habe ich Edith gefragt, wie es war. Sie hat mir die Schlüssel in die Hand gedrückt. „Wie im Himmel.“ Und sie hat gesagt, dass wir sie auch einmal besuchen müssten.

Eines Samstagnachmittags haben wir die Kinder eingepackt und sind nach Nyanga gefahren. Edith war nicht auf uns vorbereitet, einen großen Topf Maisbrei gab es trotzdem. Wir haben ein Feuer gemacht und uns auf Orangenkisten vor das unverputzte Haus gesetzt. „Woher nimmst du deine Energie, Edith?“ „Ich esse gerne. Essen macht mich stark und frisch.“ „Ist es jetzt besser für dich als während der Apartheid?“ „Besser ja. Wir sind frei. Aber es ist nicht gut. Wir sind immer noch arm.“ „Was macht dich glücklich?“ Edith machte eine Pause. „Was meinst du?“ „Was tust du für dich? Was macht dich zufrieden?“ Edith schüttelte den Kopf. „Ich verstehe deine Frage nicht. Ich bin glücklich. Dafür brauche ich nichts Besonderes zu tun.“

Später fiel Edith doch noch etwas ein. „Manchmal treffe ich eine Freundin. Sie ist in einer ähnlichen Situation wie ich. Sie hat ihren Mann verlassen. Ihre Kinder sind bei ihr. Wir trinken dann Kaffee. Wir unterhalten uns. Und wir versuchen, uns gegenseitig Ratschläge zu geben.“ Erst als die Sonne untergegangen war, haben wir uns in Nyanga verabschiedet.

„Was macht dich glücklich?“ Ich war überrascht, als Edith mich das eines Tages zurückfragte. Ich komme aus einem Land, das Mütter bezahlt, wenn sie Kinder bekommen. In meinem Land gibt es eine Krankenversicherung für alle. Über die Hälfte aller Frauen macht Abitur, die meisten von ihnen studieren und ergreifen einen Beruf, in dem sie anständig bezahlt werden. Trotzdem sinkt die Geburtenrate, trotzdem sind Menschen in Deutschland oft unzufrieden.

Das Meer vor dem Fenster

Was mich glücklich macht, Edith? Wir sehen das Meer von unserem Küchenfenster. Morgens beim Frühstück zähle ich mit den Kindern die Schiffe. Der schönste Park der Stadt liegt zwei Straßen weiter: Unsere Große kann dort zu Fuß hinlaufen. Wir haben die Berge um die Ecke. Am Wochenende picknicken wir dort. Wir haben den Strand vor der Tür. An sonnigen Tagen gehen wir dort schwimmen.

Weil unsere Eltern uns ein Studium finanzieren konnten, haben wir Mittel, um zu reisen. Um Menschen aus anderen Erdteilen zu treffen und zu sehen, wie sie leben. Menschen wie dich, Edith. Wir können dich anstellen, und wir können Zweifel hegen, ob das richtig ist: jemanden für so wenig Geld zu beschäftigen. Wir können diese Zweifel lindern, indem wir deine Kinder mit unseren Kindern mit ins Theater nehmen. Oder ins Aquarium. Wir können ihnen den Zahnarzt bezahlen. Den Kühlschrank reparieren. Schultaschen kaufen.

Wir können unseren Kindern zeigen, was es heißt, arm zu sein. Und versuchen, deinen Kindern ein kleines bisschen von den Privilegien abzugeben, die uns in den Schoß gefallen sind. Vielleicht bauen die Kinder ja ein gerechteres Südafrika. Wir können es uns zumindest leisten, diesen Traum zu träumen.

Das alles habe ich Edith aber nicht gesagt. Nur, dass ich erst darüber nachdenken müsste. „Ihr habt so wenig Platz. Geht es euch gut?“, haben uns vor Kurzem Freunde aus Deutschland gefragt, die uns in unserer 60-Quadratmeter-Wohnung in Kapstadt besuchten. Ich musste an Edith denken und sagte: „Sehr gut.“

Kommentare (1)

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Ehemaliger Nutzer 04.03.2013 | 09:55

Wir können dich anstellen, und wir können Zweifel hegen, ob das richtig ist: jemanden für so wenig Geld zu beschäftigen.

 

Ja, diese Zweifel erscheinen mir mehr als berechtigt.

Wäre es denn nicht wirklich besser, kein Dienst/Kindermädchen zu beschäftigen, damit sich endlich etwas in diesem Land bewegen könnte? Denn das was Hausangestellte dort  verdienen ist doch gerade mal so viel, dass es für das nackte Überleben reicht.  Und so lange die Nachfrage nach billigem Hauspersonal hoch ist, pflanzen sich die bestehenden Verhältnisse von einer Generation zur nächsten immer weiter fort. Da hilft es auch herzlich wenig, wenn ein paar Europäer ihr Gewissen damit beruhigen wollen, in dem sie etwas mehr bezahlen als die meisten anderen. Wenn sie das Land verlassen, dann müssen all die Ediths sehr großes Glück haben, wieder bei so wohltätig-eingestellten Menschen unterzukommen.