Sabine Kebir
25.01.2013 | 08:00 23

Ausschreiten der Kampfzone

Mali/Algerien Die Djihadisten betrachten die gesamte Sahara als Kriegsschauplatz und folgen einer Strategie der vernetzten Aktionen, bei denen sie keine Ländergrenzen kennen

Ausschreiten der Kampfzone

Foto: Issouf Sanogo / AFP

Was in den vergangenen Tagen geschah, war zu erwarten. Da die nordmalische Krisenregion von algerischen Djihadisten beherrscht wird, musste damit gerechnet werden, dass eine französische Intervention in Mali auch im benachbarten Algerien zu Anschlägen führen könnte. Um so mehr verblüffte der Entschluss der dortigen Regierung, erstmals seit der Unabhängigkeit 1962 französischen Kampfjets Überflugrechte einzuräumen und sie nach Mali fliegen zu lassen. Doch war dieses Verhalten eben auch ein Indiz dafür, dass sich Militäraktionen derzeit keineswegs auf Nordmali beschränken.

Für die Islamisten ist die Kampfzone buchstäblich grenzenlos. Dabei gibt es – vom französischen Einsatzkorps abgesehen – nur einen ernstzunehmenden regionalen Gegner – die Armee Algeriens. Der Überfall auf die von BP, Statoil und dem algerischen Staatskonzern Sonatrach betriebene Gasförderanlage bei Ain Amenas unweit der algerisch-malischen Grenze war für die Islamisten der Kriegsfall an sich und deshalb akribisch vorbereitet. Bei der Geiselnahme von fast 700 Menschen war insofern nur das Ausmaß überraschend. Nicht die Aktion an sich.

Noch tieferes Elend

Offenbar rechneten die Terroristen damit, dass sich die algerische Regierung durch internationalen Druck auf Verhandlungen einlassen müsse. Sie hatten sich mit diesem Kalkül nicht von vornherein getäuscht. Als algerische Spezialeinheiten die besetzte Anlage aus der Luft beschossen, erregte das in Paris und London zunächst herbe Kritik. Als sich aber abzeichnete, dass französische und britische Sicherheitsleute zu den ersten Opfer der Islamisten zählten, wurde aus dem Tadel rasch ein Lob. Was nichts daran ändert, dass die Opferbilanz – fast 40 tote Ausländer – erschreckend hoch ist.

Als 2003 Djihadisten in der Sahara 32 europäische Touristen als Geiseln nahmen, und die algerische Armee 16 von ihnen befreit hatte, baten die deutsche und österreichische Regierung darum, den Terroristen zu gestatten, mit den restlichen Geiseln nach Mali zu fliehen. Dort wurden fünf Millionen Euro Lösegeld gezahlt, wofür sich die Geiselnehmer modernste Fahrzeuge und Waffen beschafften. Diesmal ließ sich Algerien auf keinen derartigen Handel ein. Warum auch? Der Krieg wird von allen Seiten viel zu kompromisslos geführt, als dass solche Arrangements noch möglich wären. Die über Nordmali donnernden französischen Kampfjets erreichen ihre EiFeuerzonen auch über Marokko.

Mit ausländischer Hilfe kann es gelingen, eine gewisse staatliche Ordnung in Südmali wiederherzustellen. Für den Norden ist das fraglich. Geoff D. Porter, Direktor der auf Nordafrika spezialisierten Beratungsfirma Risk Consulting, meint, Frankreich würde sich mit einer Schwächung der Islamisten und Sezessionisten im Norden abfinden. Es sei ausgeschlossen, das Gebiet militärisch zu kontrollieren. zudem gäbe es keinen politischen Plan, um Nordmali sozial zu befrieden, wenn die Islamisten ausgeschaltet oder verjagt sein sollten.

Im Augenblick wird die leidgeprüfte nordmalische Zivilbevölkerung durch Luftangriffe und Gefechte am Boden in noch tieferes Elend gestürzt. Als Dauergeisel der Islamisten und Tuareg-Rebellen kann sie gar nicht anders, als sich zu unterwerfen.

So unvermeidlich die jetzigen Kriegshandlungen auch erscheinen, so werden sie doch dazu führen, den Graben zwischen der im Süden Malis lebenden mehrheitlich schwarzen Bevölkerung und den hellhäutigen Tuareg zu vergrößern. Explosiv wurde dieser Konflikt der Ethnien erst durch die noch vor anderthalb Jahren undenkbare Verbindung zwischen der Turaeg-Revolte und dem islamistischem Djihad. Dass es dazu kam, war eine Folge des Sturzes von Muammar al-Gaddafi in Libyen.

Die Regierung in Algier muss Ähnliches fürchten. Auch südalgerische Tuareg sind gegen die islamistische Versuchung kaum gefeit. Sicher wurden sie besser in die soziale Infrastruktur des Landes integriert als in Mali, doch bleibt ein Armutsgefälle. Nicht allein das Führungspersonal in den staatlichen Öl- und Gas-Gesellschaften, auch die meisten der dort beschäftigten Arbeitskräfte stammen aus dem Norden. Die Bevölkerung des Südens fühlte sich immer weniger als Herr im eigenen Haus.

Wie Mali zeigt, schließen der tolerante Islam der Tuareg und der animistisch inspirierte Islam der schwarzen Stämme Südalgeriens ein Bündnis mit militanten Djihadisten nicht mehr aus. Der Angriff auf den Gas-Komplex von Ain Amenas wäre unmöglich gewesen ohne die Hilfe örtlicher „Schläfer“. Dass damit auch sezessionistische Gefahren verbunden sind, zeigt die Anklage, die das Kriminalgericht von Algier am 21. Januar gegen den als geistlichen Führer des Anschlags von Ain Amenas angesehenen algerischen Djihadisten Mokhtar Belmokhtar erhoben hat. Ihm wird vorgeworfen, dass seine Bewegung weitere Attentate plane, um den algerischen Staat zu Verhandlungen über „die Abtrennung des Südens und die Gründung eines neuen Staates“ zu zwingen.

Ein Drahtseilakt

Mit den Frankreich gewährten Überflugrechten hat sich Algier entschieden, politischer Isolation entgegenzuwirken und sich als verlässlicher Verbündeter im „Kampf gegen den Terrorismus“ zu empfehlen. Als die Armee während des Bürgerkrieges zwischen 1991 und 2000 äußerst hart gegen islamistische Widersacher vorging, war Algerien wegen schwerer Menschenrechtsverletzungen international geächtet. Das änderte sich erst nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001. Nun standen die Anti-Terrorkämpfer des Maghreb plötzlich mit denen in Nordamerika und Europa in einer Reihe und Front.

Dennoch bleiben der Kampf gegen den Islamismus unf der Zwang zu Kompromissen mit diesem Gegner für Algerien ein Drahtseilakt. Das zeigt nicht zuletzt der Anschlag von Ain Amenas. Premier Abdelmalek Sallal hat versichert, das Operationsfeld seiner Armee bleibe strikt auf das nationale Territorium beschränkt. Kein algerischer Soldat werde Mali betreten.

Kommentare (23)

apatit 25.01.2013 | 09:32

“Kampf gegen den Islamismus“ Ist das wirklich so, mein Eindruck verstärkt sich, nach dem Zusammenbruch des sozialistischem Weltsystems musste ein neues Feindbild her. Und wenn es ähnlich ist wie in Afghanistan, erst lieferte die USA den Taliban die Stingerraketen gegen russische Hubschrauber, die sie dann gegen die Lieferanten und deren Verbündete eingsetzt wurden?! Es sind doch immer die Ärmsten der Armen, die unter Krieg und Folgen leiden. Auch muss die Frage erlaubt sein, fördern wir in “ unser “ westlichen Arroganz nicht Terrorismus gibt es denn keine anderen friedlichen Lösungen für Konflikte. Neuerdings überlegt man in Deutschland, den Kauf von Drohnen zu fördern um die eigene Truppe zu schützen. Warum sind wir eigentlich in Mali, Afghanistan, in der Türkei? Wo soll’s denn noch hin gehen? "Vom deutschem Boden darf nie wieder Krieg ausgehen." Hatte das nicht Wilhelm Pieck, Willy Brandt und Helmut Schmidt gesagt, jedenfalls Sinngemäß? Alles nur Worthülsen? Sind wir so kurzsichtig und haben schon vergessen wie der Irakkrieg mit USA Lügen gezimmert wurde, nicht nur der Grüne Außenminister Fischer hatte damals Zweifel und hatte das auch Donald Rumsfeld deutlich gemacht. Warum bekommen wir so ganz unauffällig und rhetorischer geschickt vermittelt von Herrn BP Joachim Gauck - zu mehr Offenheit für Auslandseinsätze der Bundeswehr? Was ist da Offenheit, nur ein schönes Wort.

bye the way 25.01.2013 | 13:35

SPON deskribiert im Großen und ganzen das "Ausbreitungsgebiet der Tuareg", wenngleich recht schemenhaft.

Ausweitung der Parlandozone.

Da ostafrikanische Schifffahrtsrouten inzwischen als unsicher gelten, haben erste geostrategen bereits westafrikanische Schifffahrtsrouten im Blick.

Wie schrieb Oswald Spengler bereits: der Untergang des Abendlands.

 

Festhalten, während europäische Politik wenig mehr zu leisten vermag als überkommenen Auffassungen von "der Welt" auf den Leim geht.

 

Islamismus hier, Kolonialimperialismus dort.

Zuverlässig bleiben sie: die Gründerzeitfrontverläufe.

Nachdenken?

Warum?

Lethe 25.01.2013 | 14:03

und in dem ganzen Beitrag nicht einmal die Frage, warum eigentlich immer mehr Moslems zu "Islamisten" werden. Oder werden sie das gar nicht? Ist ein Islamist einfach nur ein Moslem, der nicht so tickt, wie wir es für die Durchsetzung unserer Interessen brauchen? Und auch nicht einmal die Frage, was in Mali eigentlich schief gegangen ist, dass der Norden sich zur Abspaltung veranlasst sieht. Und ob das überhaupt etwas mit Mali zu tun hat und nicht etwa dem Ausrottungskrieg gegen die Tuareg geschuldet ist.

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Ehemaliger Nutzer 25.01.2013 | 19:52
Vielleicht hätte man die Tuareg nicht immer als Menschen dritter Klasse behandeln sollen und sie von allen Gewinnen ausschliessen! Sie wurden doch durch die bisherige Politik in die Arme der Islamisten getrieben. Und gewinnen werden wieder nur die Konzerne - die dort lebende Bevölkerung ist ihnen doch scheissegal!
apatit 25.01.2013 | 20:06

Was sagt eigentlich die Bibel? Du Heuchler, ziehe am ersten den Balken aus deinem Auge! Darnach besiehe, wie du den Splitter aus deines Bruders Auge ziehest! Wenn du betest, sollst du nicht sein wie die Heuchler, die da gerne stehen und beten in den Schulen und an den Ecken auf den Gassen, auf daß sie von den Leuten gesehen werden. Wahrlich, ich sage euch: Sie haben ihren Lohn dahin.

bye the way 25.01.2013 | 22:09

Ohne hier sexistisch auftreten zu wollen:

Es ist wie häkeln: daraus kann mitunter auch ein Kettenhemd werden.

Derzeit beschäftige ich mich mal wieder mit dem Niedergang des Ritterstandes im ausgehenden MA.

Was mich an Facebook interessiert?

Genaugenommen rein garnichts.

Als aufgenommene Masche beim Häkeln, beim geschichtsversonnen Häkeln von so etwas wie einer Geschichte der Menschen, könnte so etwas ggf von Interesse sein.

Hans Springstein 26.01.2013 | 11:56

Zu den französischen Elitetruppen und ihren Aufgaben sei noch die Agentur Reuters vom 24.1.13 zitiert: "Frankreich schickte unterdessen nach Angaben aus Militärkreisen Elitetruppen in Malis Nachbarland Niger, um dort die Uran-Abbaustätten des Staatskonzern Areva zu sichern. Areva baut in Niger seit über 50 Jahren Uran für die französischen Atomkraftwerke ab, die drei Viertel des Stroms in Frankreich liefern."

apatit 27.01.2013 | 16:46

... siehe Afghanistan, dass Land verfüge über riesige Vorkommen an hochwertigem Eisenerz und Kupfer. Zudem gebe es Öl, Gas, Gold und Halbedelsteine. Die Rohstoffvorkommen in Afghanistan wurden bislang auf drei Billionen Dollar (2,22 Billionen Euro) geschätzt. Und dann kommen erst die Menschen mit ein paar gebuddelte Brunnen für die Öffentlichkeit um alles in rechte Licht zu rücken, so ist es und so war´s!

Aussie42 28.01.2013 | 12:45

Naja, wenn man sich auf die UN-Definition von Souveraenitaet, legitimer Gewalt, illegitimer Militanz und Terrorismus etc. einlaesst, dann ist die Analyse der Situation in Mali  von Frau Kebir durchaus korrekt, beinah nachdenklich.

Da kann ich Frau Mohnen nur zustimmen.

Wenn man andere Praemissenfuer richtiger haelt, Kapitalismus-Kritik, Anti-Kolonialismus etc. kommt man natuerlich auch zu anderen Einschaetzungen. 

Wir ereifern  uns gern , "wenn fern in der Tuerkei die Waffenaufeinanderschlagen.".