der Freitag
06.02.2013 | 01:00

Blut, Gift, Gold

A–Z Gold Die Bundesbank holt ihr weltweit gelagertes Edelmetall zurück - für mehr Vertrauen im Inland. Eine gute Idee? Gold steht keineswegs nur für Glück. Das Lexikon der Woche

A

Alchemie „Es fehlt an Geld, nun gut, so schaff es denn“. Der Kaiser klagt, Mephisto teilt – als Sicherheit für einen spekulativen Goldfund – Papiernoten aus. Dass Faust ein durch und durch alchemistisches Drama sei, glaubte nicht nur der Psychologe C. G. Jung. Die Alchemie, also vorrangig die synthetische Herstellung von Gold, faszinierte die Gelehrten seit der Antike. Ab dem 16. Jahrhundert experimentierte man in Europa die ganze Frühe Neuzeit durch an der Transmutation etwa von Schwefel und Quecksilber in Gold. Begleitend sollte der Alchemist als Eingeweihter in okkulte Künste eine innere Wandlung zu höherem Bewusstsein erfahren. Dabei fußte die alchemistische Theoriebildung auf der Naturphilosophie ihrer Zeit, auch gefeierte Wissenschaftler wie Isaac Newton und Paracelsus waren mit ihr befasst. Ihr eigentliches Ziel haben die Alchemisten nie erreicht, aber quasi im Vorbeigehen Porzellan (Weißes Gold) und Schwarzpulver erfunden sowie die Basis der modernen Chemie gelegt. Tobias Prüwer

B

Bär Nach diesem Markenrechtsstreit wird wohl jeder den Schoko-Teddy von Lindt nur noch Goldbär nennen. Dumm nur, dass dieses bärige Pendant zum Lindt-Goldhasen, auch er hat ein rotes Halsband, nicht mehr verkauft werden darf. Denn Haribo hatte ein Verfahren gegen den Schweizer Schokohersteller angestrengt. Das Unternehmen befürchtete eine Verwechslung mit ihrem Fruchtgummi-Goldbärchen, das seit 1922 existiert. Im Dezember bekam die Gelatine-Schmiede aus Bonn Recht. Ende Dezember 2012 urteilte das Landgericht Köln, dass in der Tat eine Verwechslungsgefahr zwischen beiden Süßigkeiten besteht. Eine Berufung ist wahrscheinlich – beide Seiten wollen bis zur höchsten Instanz gehen.

In puncto Markenrechten ist Lindt selbst aber auch nicht zimperlich: Seit Jahren prozessiert die Firma gegen einen anderen Hersteller, weil sie ihren Goldhasen schützen will. TP

E

Esel Märchen vermitteln uraltes Wissen. Besonders prägend für Märchen sind symbolische Zahlen, wie beispielsweise die 7 (sieben Zwerge) oder die 3 (drei Wünsche). Oder besondere Farben wie Gold. „Bricklebrit!“, und augenblicklich sprangen die Goldstücke auf das Tuch herab, als käme ein Platzregen, und der Esel hörte nicht eher auf, bis alle so viel hatten, dass sie es nicht mehr tragen konnten. Der Begriff Goldesel stammt ursprünglich aus dem Märchen der Gebrüder Grimm, der Goldesel war ein Esel, der auf Geheiß immer Gold von sich geben konnte. In manchen Märchen wurden auch gute Eigenschaften, womöglich auch aus erzieherischen Gründen, mit Gold belohnt (Frau Holle). Den Begriff Goldesel verwendet man auch heute noch. Zu Menschen, die viel Geld in der Tasche haben, sagt man: „Die haben scheinbar einen Goldesel zu Hause stehen“, es sind solche, die nie pleitegehen. Davon gibt es heute wohl nur noch wenige. Und selbst die gehen manchmal an ihrem Reichtum kaputt. Liza Jacobs

K

Karpaten Goldgräber kennt man in Roşia Montană gut, einem kleinen rumänischen Dorf in Siebenbürgen, das sich malerisch in die Hänge der Karpaten schmiegt. Schon die Römer schürften hier Edelmetalle. Unter Roşia Montană lagern die größten Goldvorkommen Europas. Rund 350 Millionen Tonnen will ein Bergbaukonzern mit mächtigen kanadischen Anteilseignern aus der Erde holen. Geplant sind eine gigantische Tagebaumine und – wie üblich bei der Goldgewinnung – der Einsatz hochgiftigen Zyanids. Der bitterarmen Gegend könnte das zu wirtschaftlichem Aufschwung verhelfen, sie würde sich aber großenteils in eine kontaminierte Mondlandschaft verwandeln. Seit Jahren wird erbittert über das Projekt gestritten, der Konflikt läuft quer durch die Familien. Filmemacher Fabian Daub hat das dokumentiert – es scheint so, als würde das Gold gewinnen. Mark Stöhr

M

Midas Der Mythosschatz ist voll von goldigen Themen wie der Geschichte von König Midas. Als Mann, der mit seinen Berührungen ein jedes Ding ins Edelmetall verwandeln konnte und fast daran erstickte, ist er ein berühmtes Opfer des Goldrausches geworden. Goldenes Vlies, güldenes Kalb, Schatz der Nibelungen: Aurum-Legenden sind Legion. Aber auch allerlei Metaphorik ist mit dem Metall verbunden. So gibt es viele Farben des Goldes: schwarzes Gold (Kohle, Kaviar), weißes Gold (Salpeter, Salz, Porzellan), rotes (Thunfisch, Wein) und blaues (Wasser). Messing gilt als Trompetergold. Man spricht von Hüftgold (der „Schwimmring“), Betongold (Immobilien), Ackergold (Kartoffel). Honig, Whiskey oder Bier schätzt man als flüssiges Gold. Wahlweise Kokain oder Popel gelten als Nasengold, man kann sich aber auch eine goldene Nase verdienen. Und ein Handwerker hat im Gegensatz zum gierigen König Midas wirklich goldene Hände. TP

Mine Auf der Suche nach Eldorado, dem goldenen Paradies, das sich irgendwo auf dem Gebiet des heutigen Kolumbien befinden sollte, zogen die spanischen Kolonialherren einst eine blutige Spur durch Südamerika. 500 Jahre später herrscht in Kolumbien ein neuer Goldrausch. Heute sind es internationale Großkonzerne und bewaffnete Gruppen, die legale und illegale Minen betreiben – und noch immer gibt es dort, wo das begehrte Metall aus der Erde geschürft wird, nichts Paradiesisches: Menschen werden vertrieben, Wälder in quecksilberverseuchte Kraterlandschaften verwandelt, Sicherheitsregeln und Arbeitsrechte missachtet. Gold ist das neue Kokain, heißt es hier. Denn der Goldhandel soll inzwischen sogar lukrativer sein als das Drogengeschäft. Nana Heidhues

Ö

Öko-Gold Die Goldgewinnung ist mit erheblichen Risiken für Mensch und Natur verbunden. Vor allem das gängige Verfahren der Auslaugung ist unter Umweltschützern höchst umstritten. Dabei werden die Goldpartikel mit Cyanwasserstoff – das ist der Fachbegriff für Blausäure – aus dem Erz gelöst. Auch hochgiftiges Quecksilber kommt in manchen Minen zum Einsatz. Daher wird der Ruf nach umweltverträglichen Methoden gerade auch unter Kunden immer lauter. Das Zauberwort heißt Ökogold. Bei seiner Gewinnung wird auf Chemie verzichtet, der Ertrag ist dafür geringer, der Preis dafür höher – wie bei Bio-Obst. Die Fairtrade Foundation in London, die die Produktion von Waren anhand bestimmter Umwelt- und Sozialstandards bewertet, vergab 2011 erstmals ein Umwelt-Label für Goldbarren. Sie stammten aus dem kolumbianischen Bergbauprojekt Oro Verde – Grünes Gold. Gutes Gold ist also grün. MS

R

Reserve Die Hälfte der deutschen Goldreserven soll ab diesem Jahr nach Hause gebracht werden und künftig nicht mehr in New York oder Paris, sondern in Frankfurt am Main lagern, fast 700 Tonnen Gold. Wert: 27 Milliarden Euro. Worum geht es? Für Bundesbank-Vorstandsmitglied Carl-Ludwig Thiele sind „die beiden wichtigsten Funktionen der Goldreserven [1.] die Vertrauensbildung im Inland und [2.] die Möglichkeit, binnen kürzester Zeit Gold an Goldhandelsplätzen im Ausland in Fremdwährungen umtauschen zu können.“ Letzteres bedeutet: Gold kann in Dollar oder Euro umgetauscht werden, die man vielleicht braucht, weil eine Bürgschaft ausgefallen ist (etwa in der europäischen Schuldenkrise). Die Zentralbank signalisiert, dass sie stark sei, denn sie habe ja Gold. Es scheint, als sei Vertrauen die eigentliche Währung. Maxi Leinkauf

Rheingold Wo mag bloß der Nibelungenhort abgeblieben sein? Sein Umfang und Wert müssen unermesslich sein. Im Nibelungenlied heißt es: „Dieser Schatz aus Edelsteinen und rotem Gold war so groß, dass 100 Lastwägen ihn nicht tragen könnten.“ Er gehörte ursprünglich König Nibelung. Nach dessen Tod konnten sich die beiden Söhne nicht über die Aufteilung des Erbes einigen, Siegfried half ihnen dabei, indem er sie erschlug und den Schatz einsackte. Später kam er bekanntlich selbst zu Tode, Hagen, sein Mörder, versenkte den Nibelungenhort im Rhein – nur wo genau? Diese Frage beschäftigt die Schatzsucher nun schon seit 1.500 Jahren. Das Nibelungenlied bietet sogar einen konkreten Ort: Lôche. Ist damit Lochheim gemeint, ein Örtchen 20 Kilometer rheinabwärts von Worms? Auf die Idee kamen viele, gefunden hat das Rheingold bislang aber noch keiner. MS

T

Tausch Wenn alles Papiergeld und die virtuellen Konten durch Krise oder Kollaps vernichtet wurden, dann wäre auf eines immer noch Verlass: Gold würde seinen Tauschwert nicht verlieren. Mag man dies mit historischen Verweisen auf die lange Verwendung von Gold als Tauschmittel, auf seine Seltenheit und physische Beständigkeit auch als gesichert ansehen, der Glaube an das Edelmetall als ewig währende Wertanlage bleibt ein Glaube. Einerseits ist Gold eine recht tote Anlage, die nur durch einen Preisanstieg Ertrag erwirtschaftet. Andererseits ist es genau diese Abhängigkeit von der Nachfrage, die Gold zum Risiko und beliebten Objekt einer Spekulationsblase macht. Und wenn in der Postapokalypse der Bock auf Klunker und Bling-Bling gegen null geht, hilft die Goldreserve auch nicht mehr. TP

W

Wikinger Schon bevor Münzen in Gebrauch kamen, war Gold ein beliebtes Zahlungsmittel. Die Wikinger zum Beispiel verwendeten sogenanntes Hackgold. Das waren zerkleinerte, eben zerhackte Goldgegenstände wie Schmuck und Drähte, Barren oder Bleche. Auf den künstlerischen oder gar kulturhistorischen Wert pfiffen die Wikinger einfach und ersparten sich durchs Zerhauen die Mühen des Einschmelzens und Gießens. Auch fremde Münzen, die im Handel untereinander nicht taugten, fanden sich darunter. Als raubende Seefahrer brachten die Nordmänner ja allerlei wertvolle Edelmetallteile von Kirchen- und Siedlungsplünderungen in die Heimat zurück. Entsprechend dem Metallwert wurde der Handelswert zerkleinert, abgewogen und getauscht. Hackgold war – analog zum Hacksilber – praktisch und sehr handlich. Wer will schon ganze Reliquienschreine, Kruzifixe oder Kelche zum Gemüsekaufen mit sich herumschleppen? TP

Z

Zähne Wer Goldkronen im Mund trägt, gilt hierzulande nicht gerade als König. Eine glitzernde Kauleiste ist gewissermaßen das Gegenteil von edler Ästehtik. Eine zahntechnische Lösung von gestern für Leute, die sich nichts Zeitgemäßes leisten können. Doch das ist nicht überall so. In Ländern wie Mexiko oder Guatemala, auch zum Beispiel in der Mongolei, ist der Goldzahn ein Statussymbol. In der ehemaligen Sowjetunion war vielen der Mund das bessere Konto. Man brachte Gold oft selbst mit und ließ sich daraus lustig blinkende Kronen stanzen. Der Vorteil dieses Verfahrens: Man braucht dazu nur eine vergleichsweise bescheidene technische Ausrüstung. Zudem ist Gold eines der wenigen Materialien, gegen das der menschliche Organismus keinerlei Antikörper mobilisiert. Mensch und Gold bilden also auch in chemischer Hinsicht eine Allianz. MS