Berthold Paetz
12.02.2013 | 11:30 8

Brennend heißer Wüstensand

Saudi-Arabien Der Arabische Frühling zwingt zur Reform des nationalen Arbeitsmarktes. Kaum irgendwo sonst in der Region ist der Erfolgsdruck so hoch wie in der Golfmonarchie

Brennend heißer Wüstensand

Foto: Fayez Nureldine / AFP / Getty

Der Arabische Frühling hat auch die saudi-arabische Hauptstadt Riad erreicht, allerdings nur als laues Lüftchen. Vor zwei Jahren gingen einige tausend Demonstranten auf die Straße, die politische und wirtschaftliche Reformen forderten. Gestützt durch Einnahmen aus dem Öl- und Gas-Geschäft wurden die ohnehin eher moderaten Proteste umgehend finanziell befriedet. Durch einen flächendeckenden Schuldenerlass für saudische Familien, einen Lohnschub für Staatsbedienstete und zinsfreie Kredite für Geschäftsgründer prasselten ab Mai 2011 umgerechnet 37 Milliarden Euro auf die Untertanen herab. Kurze Zeit später legte die Regierung 93 Milliarden Euro für 500.000 neue Wohnungen nach. Mit derartigen Wohltaten hat sich das Königshaus die Gefolgschaft seiner Untertanen bis heute ohne größere soziale Unruhen sichern können. Allerdings wurde damit nur wenig für die Interessen und Bedürfnisse vieler junger Saudis im Alter zwischen 20 und 30 Jahren getan. Denn sie haben trotz guter Ausbildung kaum eine Chance auf einen Job.

Hinderliches Status-Denken

Also widmet sich die Regierung derzeit einer zuweilen hektisch vorangetriebenen Reform des Arbeitsmarkts. Nur ist der kein Markt wie jeder andere. Denn rund die Hälfte der Erwerbstätigen in Saudi-Arabien sind Ausländer – sie kommen aus Ägypten, Tunesien und dem Jemen ebenso wie aus Bangladesch, Indien oder Pakistan. Aber während in der teils hoch entwickelten Privatökonomie, die seit Jahren ansehnliche Wachstumsraten vorweist, der Ausländeranteil bei knapp 90 Prozent liegt (in einzelnen Branchen darüber), dominieren die Einheimischen den finanziell üppig ausgestatteten Staatssektor mit einem Anteil von ebenfalls 90 Prozent. Damit trägt der saudische Arbeitsmarkt ähnlich bizarre Züge wie der anderer Golfstaaten. Wegen der schieren Größe der saudischen Volkswirtschaft ist aber mit einem schnellen Erfolg der begonnenen Reformen nicht zu rechnen.

Was jahrzehntelang mit den märchenhaften finanziellen Ressourcen des Königshauses ausbalanciert werden konnte, sorgt angesichts einer absehbar schrumpfenden Ölproduktion und des demografischen Trends zunehmend für Nervosität. Mehr als die Hälfte der 28,5 Millionen Saudis ist jünger als 16. In diesem Jahr werden etwa 430.000 Absolventen von Schulen und Universitäten auf den Arbeitsmarkt drängen. Dass sie der öffentliche Sektor wie bisher auffängt, ist ausgeschlossen. Das heißt, viele werden von der Ausbildung in die Arbeitslosigkeit driften.

Zwar wird die augenblickliche Erwerbslosigkeit offiziell mit elf Prozent ausgewiesen, doch sind in der Gruppe der unter 30-Jährigen – immerhin 70 Prozent der Bevölkerung – knapp 27 Prozent als beschäftigungslos registriert, bei den unter 24-Jährigen sogar 40 Prozent. Dass diese Zahlen die Realität nicht annähernd widerspiegeln, hat die erstmalige Einführung eines landesweiten Arbeitslosengeldes Ende 2011 gezeigt, als statt der amtlich registrierten 450.000 Arbeitslosen etwa 3,5 Millionen Menschen diese Leistung beantragten. Nur durch großen administrativen Druck und das Beharren auf einer Altersgrenze von 35 Jahren blieben gut eine Million Bedürftige übrig, die alimentiert werden mussten. Diese Episode ist nur ein Indiz dafür, wie brisant die soziale Lage auf dem Arbeitsmarkt bereits ist.

Bei einer geschätzten realen Arbeitslosigkeit von 50 Prozent versucht der saudische Staat momentan, möglichst vielen seiner Staatsbürger eine Beschäftigung zu geben, indem ausländische Arbeitskräfte verdrängt werden. Nur stößt das auf mentale Barrieren. Saudische Arbeitnehmer, die sich durch ein anerzogenes Status-Denken Gastarbeitern gegenüber sozial überlegen fühlen, werden einer Vermittlungsoffensive ausgesetzt, die auf bisherige Privilegien wenig Rücksicht nimmt. Wer dazu aufgefordert wird, muss seine Arbeitskraft größtenteils Unternehmen anbieten, die an billige Löhne und demütige Angestellte gewöhnt sind.

Also greift die Regierung auf „Aktivierungsmaßnahmen“ zurück, um das Arbeiten in ungeliebten Branchen und Tätigkeiten zu erzwingen. Da eine nationale Arbeitsagentur fehlt, nimmt man die Dienste regionaler Dependancen multinationaler, vor allem US-amerikanischer Beratungsfirmen in Anspruch. Auch westliche Bildungsdienstleister bieten sich an, um die Qualifikationsdefizite der verwöhnten, jahrzehntelang allein auf akademische Bildung getrimmten Landeskinder zu beheben.

Der Dessous-Krieg

Flankiert werden diese Leistungsimporte von der 2006 begonnenen „Saudisierungskampagne“, die nun endlich den erwünschten Erfolg haben soll. Dümpelte diese Kampagne zunächst vor sich hin, weht dank des ehrgeizigen Arbeitsministers Adel Fakeih für die etablierten Unternehmen seit 2011 tatsächlich ein schärferer Wind. Das Saudisierungs-Programm NITAQAT schreibt für alle Branchen eine nach der jeweiligen Beschäftigtenzahl gestaffelte Saudisierungsquote vor. Davon ausgenommen bleiben Betriebe mit weniger als zehn Beschäftigten. Folglich gilt: Je größer eine Firma, desto höher der vorgegebene Anteil saudischer Arbeitnehmer. Da bei Weitem nicht alle die Vorgaben erfüllen, werden die Unternehmen jährlich eingestuft. Zu vergeben sind die Kategorien „rot“, „gelb“, „grün“ – und „ausgezeichnet“. Letzteres steht für einen saudischen Belegschaftsanteil von derzeit weitgehend illusorischen 40 Prozent. Das Raten-System kann mit Strafgeldern verbunden sein oder zu Vergünstigungen wie Investitionshilfen führen.

Was an diesem Regelsystem in der Theorie schlüssig wirkt, hakt in der Praxis. Kontrollen werden nicht überall anberaumt. Es gibt keinerlei Transparenz über ermittelte Ergebnisse. Auch kreative Ausweichmanöver von Unternehmen, die einheimische Arbeitskräfte gar nicht einstellen wollen, gibt es zuhauf. Legendär wurde die bis Mitte 2012 verzweifelte Suche großer Betriebe nach behinderten Saudis, die häufig mit dem Versprechen geködert wurden, bei der Unterschrift unter einen Anstellungsvertrag nie zur Arbeit erscheinen zu müssen. Nachdem dieses Schlupfloch geschlossen wurde, versuchen sich viele Firmen an der gezielten Zergliederung, um mit scheinselbstständigen Betriebsteilen unter die magische Grenze von zehn Beschäftigten zu kommen und fortfahren zu können wie bisher. Auch ein Angebot der Wirtschaftsverbände an den Staat, dass sich Unternehmen durch einen mäßig teuren Ablasshandel ganz offiziell von den Auflagen freikaufen dürfen, liegt auf dem Tisch und scheint bei der Regierung nicht auf totale Ablehnung zu stoßen.

Inwieweit die ambitionierte Nationalisierung des Arbeitsmarktes den gewünschten Effekt hat, scheint deshalb eher fraglich. Wenngleich bei Bedarf natürlich jederzeit statistisch nicht nachprüfbare Erfolge präsentiert werden. Eine Gewinner-Gruppe gibt es auf jeden Fall: die saudischen Frauen. Wegen des Autofahrverbots in ihrer Mobilität eingeschränkt und bis vor Kurzem ohne Erlaubnis, einer Arbeit im „öffentlichen Raum“ nachzugehen, stellen sie mit 85 Prozent die Mehrheit der Arbeitslosen, die man unbedingt beschäftigen will. Dass dies nicht allein durch ein weiter aufgeblähtes Bildungs- und Krankenhauswesen gelingen kann, ist offenkundig. Das seit 2012 von saudischen Frauen-Verbänden in einem engagiert geführten „Dessous-Krieg“ erkämpfte Recht, allein als Verkäuferinnen für Konfektion und Wäsche in einem Geschäft tätig zu sein, dürfte über kurz oder lang auch andere Biotope des Einzelhandels erfassen. Dass heute selbst in Riad viele der dunkelverglasten Limousinen von Frauen gesteuert werden, ist mittlerweile ein offenes Geheimnis.

Kommentare (8)

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Ehemaliger Nutzer 12.02.2013 | 14:49
Das klingt ja alles, als ob die Saudis alles mehr oder weniger im Griff hätten. Ist aber nicht so! Wofür braucht man immer mehr deutsche Waffen (die unsere Regierung gerne liefert), als zur Unterdrückung von Bürgerbewegungen? Reich und reicher wird immer nur das Königshaus!
Hans Springstein 12.02.2013 | 15:07

Na hoffentlich bekommen die deutschen Leopard-Panzer im heißen Wüstensand keine weichen Ketten. Und vielleicht dürfen die wüstenfarbenen Ungetüme bald auch von jungen saudischen Frauen gesteuert werden.

Mehr Soldaten wäre auch eine Lösung, wenn die jungen arbeitslosen Saudis nicht so gern arbeiten wollen. Die deutsche Rüstungsindustrie würde gern helfen.

alalue 12.02.2013 | 19:00

Wenn die Deutschen nicht liefern, machen es die Amis oder die Russen, und bald die Chinesen.

Hier werden keine Rebellen unterstützt, sondern die augenblickliche Regierung an der Macht gehalten, und Sie ergreifen die Partei der Unzufriedenen.

In Syrien werden die Unzufriedenen unterstützt, und Sie ergreifen die Partei der Regierung.

Hauptsache, immer schön objektiv gegen den westlichen Mainstream, denn was alle anderen machen, ist immer besser.

Hans Springstein 12.02.2013 | 19:24

Jawoll, immer feste auf den bösen Westen ... der macht aber auch genügend Mist zuhause und in anderen Ländern, so dass sich das immer prima kritisieren lässt.

Nein, so einfach und billig ist das gar nicht. Und Saudi-Arabien ist nicht gleich Syrien. Schon die Regierungen und politischen Systeme samt ideologischer Begründungen unterscheiden sich deutlich, auch wenn sie sicher niemals "Musterdemokratien" nach westlichen Vorgaben waren und sind, schon aufgrund anderer klultureller Koordinaten.

Eines haben sie eben gemeinsam: Die vom Autor beschriebenen sozialen Probleme, die zu den Hauptursachen des "arabischen Frühlings" und der darunter zusammengefassten Unruhen und Konflikte in den einzelnen Ländern gehören. Das rechtfertigt aber nicht den von außen geförderten Krieg gegen und in Syrien, gegen den ich eingestandenermaßen erfolglos anschreibe (und übrigens nicht für Assad, da haben Sie was missverstanden), und wird mich nicht dazu bringen, dem saudischen Königshaus Sympathie entgegen zu bringen.

Und von wegen "wenn die Deutschen nicht liefern ...", das ist ja nun eine ganz billige Rechtfertigung, für etwas, was zu kritisieren ist und bleibt.

Und weil "der Westen", sprich die führenden westlichen Staaten und die dortigen Mächtigen, samt seiner arabischen Verbündeten an all dem fleißig fett verdient und auch deshalb nichts für die tatsächliche Lösung der sozialen Probleme in Nordafrika und Arabien und der Folgen tut, stattdessen auch noch Islamisten für seine Interessen benutzt und kämpfen lässt oder sie unterstützt, wenn sie wie in Tunesien und Ägypten an die Macht kommen, deshalb werde ich gewissermaßen zuerst immer genau eben "den Westen" genau dafür kritisieren. Aber vielleicht bringen Sie mir ja bald Belege, dass ich mich irre oder falsch liege, die  die Belege, die ich für meine Kritik anführe und zitiere, widerlegen.

Hans Springstein 13.02.2013 | 09:37

Und was soll mir das sagen? Habe ich jemals behauptet, Russland liefere keine Waffen an Länder, mit denen es befreundet ist oder einfach gute Geschäftskontakte hat? Hat Syrien jemals diese Waffen eingesetzt in diesem Krieg, der gegen das Land geführt wird? Hat Assad mit solchen Waffen auf die "Rebellen" schießen lassen? Haben Hamas und Hisbollah, wie hysterisch von westlicher Seite behauptet, diese Waffen bekommen und gar gegen Israel eingesetzt? Ist mir nicht bekannt, aber ich bekomme tatsächlich nicht alles mit, muss ich zugeben ...

Das Interessante ist ja, um welche Panzer es sich da handelt, die Saudi-Arabien aus der Bundesrepublik bekommen soll und will. Die gewünschte Version Leopard 2 A7+ ist laut Hersteller Krauss-Maffai Wegmann "für den Einsatz in dicht besiedelten Gebieten konzipiert und empfiehlt ihn Kunden in aller Welt für den Einsatz in 'urbanen Kampfzonen'." (Quelle) "Mit ihm hätten Streitkräfte 'das bestmögliche Mittel, asymmetrische Bedrohungen durch Terroristen und Sprengsätze auf den Straßen zu bekämpfen', steht jedenfalls in der Werbung." (Quelle) Das sind so Unterschiede und Fakten, auf die ich gern hinweise. Und noch einen Unterschied gibt es: Russland und China z.B. tönen bei dem was sie tun nicht, es gehe nur um Freiheit, Demokratie und Menschenrechte.

aber 24.02.2013 | 21:47

ja mei....hat denn keiner den artikel richtig gelesen?

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die einfuhr deutscher waffen ist ne petitesse....gemessen an den probs der saudis.

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in diesem land arbeiten "die-herren-in-weiß" maximal 2 stunden täglich, haben von moderner technik nullkommanull ahnung, achten drauf, dass die mädelz keinen führerschein machen dürfen.....und werden nervös, weil die nachdrängende jugend ebenso einen elitären "saudi-status" haben möchte.

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in diesem land würde noch nicht einmal eine glühbirne funzen.....wenn die ach-so-pösen-ausländer das land verlassen müßten.

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keine autoreperaturwerkstatt, kein e-werk, keine pumpstation.....nichts....würde dort funktionieren, wenn die ausländischen fachkräfte nicht wären.

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faul...ABER....elitär. die saudis sind in der gesamten arabischen welt verhaßt.